Café Critique, Jahr 2005
Februar
2005

„Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt“

Buchpräsentation, Berlin, im Februar 2005

Einführungstext

Spätestens der tausendfache Mord der Suicide Attacks vom 11. September hat unübersehbar gemacht, was sich bereits zuvor in den zahlreichen Selbstmordattentaten in Israel manifestiert hatte: eine Bewegung, die im Namen Allahs zum Djihad aufruft gegen Juden und alles was sie mit diesen identifiziert – die USA, Recht, Dekadenz, Sexualität –, diese Bewegung demonstrierte ihre Entschlossenheit, die Vernichtung als Selbstzweck um jeden Preis erneut ins Werk zu setzen und die von den Deutschen wahr gemachte Vernichtung der Juden in anderer Form fortzuführen. Doch das Unübersehbare wird bestritten. Selbst der manifeste Antisemitismus der Anschläge wurde mit Vehemenz geleugnet, und man mühte sich, die Mörder zu verstehen. Man freute sich – sei es offen, sei es klammheimlich – über die antiimperialistische Offensive, man sah Verzweiflung am Werk, oder man lehnte sich zurück, um die ersehnte „Zusammenbruchskrise“ zu genießen. Damit sind die Ziele der Attentäter in einem entscheidenden Punkt bereits weitgehend aufgegangen.

Mit dem Ausruf „Gegen die Rationalisierung“ überschrieb der linksliberale britisch-amerikanische Autor Christopher Hitchens einige Tage nach 9/11 in „The Nation“ seinen Artikel, in dem er sich gegen diese weltweiten Reaktionen wandte. Er schrieb damals: „die Bomber von Manhattan repräsentieren den Faschismus mit einem islamischen Gesicht, und es gibt keinen Grund, irgendeinen Euphemismus dafür zu benutzen“ (The Nation 20.9.2001). In der anglo-amerikanischen und israelischen Öffentlichkeit begannen sehr unterschiedliche Journalisten, Wissenschaftler und andere mit Begriffen wie „Islamfaschismus“ oder „Totalitarismus“ das Ausmaß der Bedrohung, den übergreifenden, ideologischen Charakter und die Einheit der so disparat erscheinenden Teile in den Blick zu nehmen.

Aber die damit aufgeworfene Frage nach den historischen und systematischen Zusammenhängen mit dem Nationalsozialismus wollte und will man in Deutschland gerne vermeiden. Diejenigen, die die Gemeinsamkeiten mit dem Nationalsozialismus benannten, ohne eine Identität zu behaupten, sind mit allen Formen der Abwehr konfrontiert.

Immer vehementer wird der Vorwurf der „Islamophobie“ ins Feld geführt, mit dem die Kritik am politischen Islam abgeschnitten werden soll. Der Kampfbegriff „Islamophobie“ stellt sich nicht schützend vor das Individuum, das in diesem Zusammenhang zu aller erst gegen das islamische Kollektiv zu verteidigen wäre, sondern er befördert dessen Zugriff auf den Einzelnen, sei es hierzulande in der multikulturellen Ethnifizierung und Selbstethnifizierung oder anderswo.

Nicht minder heftig wird der Vorwurf der „Instrumentalisierung“ und „Relativierung“ des Nationalsozialismus gegen den Versuch vorgebracht, über die gegenwärtige Bedrohung und ihr Verhältnis zu den präzendenzlosen Verbrechen der Deutschen nachzudenken. So unzulänglich die Begriffe „Islamfaschismus“, „Antisemitische Internationale“ und andere sein mögen, so sehr die Auseinandersetzung mit der heutigen vernichtungsantisemitischen Gefahr am Anfang steht: diese Auseinandersetzung, diese Debatte unterscheidet sich ums Ganze von den Pseudo-Diskussionen im Dienste der Abwehr, in denen der Vorwurf der „Verharmlosung“ des Nationalsozialismus erhoben wird. Denn diese Beschuldigung der „Instrumentalisierung“ wendet sich gegen jede Forderung nach politischen Konsequenzen, die den Ablauf des deutschen Gedenkens stören könnte. Solche Forderungen, so heißt es, würden die Opfer für politische Zwecke in Dienst nehmen und den Verbrechen einen Sinn verleihen. Letztlich richten sich die Vorwürfe über die angebliche Sinngebung des Sinnlosen immer gegen Israel. Wie Gerhard Scheit in seinem Buch schreibt: „Das Opfer, das sich wehrt, gebe dem, was ihmangetan wird, einen Sinn – so lautet im Kern die irre Logik, mit der man die Erkenntnis der Singularität von Auschwitz gegen die Einsicht in die Möglichkeit, daß es sich wiederhole, ausspielen möchte.“ (487).

Solche Rede von der „Singularität“ aber verkehrt die Erkenntnis in das, was man mit dem Historiker Yehuda Bauer besser die „Präzedenzlosigkeit“ der deutschen Verbrechen nennt, ins Gegenteil. Versucht das Beharren auf der Präzedenzlosigkeit das Spezifische auch gerade darin festzuhalten, dass das Geschehene niemals zum Präzedenzfall werden darf, so will jene „Singularität“ gerade festklopfen, dass es sich gar nicht wiederholen kann, dass also auch vom schlimmsten Aufleben des Antisemitismus in Europa seit 1945 und vom globalen Djihad und seinen Unterstützern geschwiegen werden soll. Genau das meint die „Einzigartigkeit“, die der Linksradikale, der kritische Gedenkarbeiter, die staatsoffizielle Spracheregelung und nun selbst Kofi Annan vor der UNO-Vollversammlung im Munde führen.

Während jede Kontinuität, jedes Fortwirken bestritten, und die Verbrechen derart historisiert werden, legitimiert sich das gegenwärtige Gedenken, indem es die Verbrechen zugleich zu einem völlig enthistorisierten, abstrakten Symbol entwirklicht, das als „Lehre aus der Vergangenheit“ beliebig zur Verfügung steht. Und so macht sich, nachdem die Deutschen es nun ein ganzes Leben lang durchgesetzt haben, dass die Verbrechen ungesühnt bleiben, fast so etwas wie Stolz auf die eigene, „einzigartige“ Vergangenheit breit. Schröder sprach es anlässlich der jüngsten Gedenkfeier zur Befreiung von Auschwitz deutlich aus: „Erinnerung an Krieg und Völkermord im Nationalsozialismus“ gehört „zu unserer nationalen Identität.“ Fast wortgleich erläuterte auch Horst Köhler der israelischen Knesset die „nationale Identität“ der Deutschen.

Diese Identität, die die Schoah als Garant für Deutschlands moralische Führungsposition benutzt und die der Schoah wahrhaft Sinn geben will – als schmerzhafter Weg zum Weltfrieden der Völker –, diese Identität ist die wirkliche, gegenwärtige „Instrumentalisierung“ der Shoah. Auf ihrer Basis einigt sich das postfaschistische „Kerneuropa“, das das Verhältnis der Deutschen zu den nationalsozialistischen Verbrechen übernimmt. Demnach haben Deutschland bzw. das alte Europa die Lehren aus „Krieg und Vergangenheit“ gezogen, und diese Lehren entpuppen sich als blanke deutsche Ideologie. So vollzieht sich im Namen vom „Frieden der Völker und Kulturen“ die gespenstische Versöhnung mit der Peripherie. Die hasserfüllte Feindschaft, die diese Gemeinschaft real ermöglicht, gilt den USA und Israel, die dem „Weltfrieden“ durch ihren Partikularismus und die der Selbstbestimmung der „Völker und Kulturen“ durch ihren Universalismus im Wege stehen.

Wer Deutschland und Europa heute kritisieren, und nicht mit Parolen von vorgestern begleiten will, der muss diesen Zusammenhang benennen, wie er in der Beförderung des so genannten irakischen Widerstands durch die Europäer und umgekehrt in der Beförderung der europäischen Einigung durch die Bombenleger von Madrid offenbar wurde. Es gilt jene fortschreitende internationale Arbeitsteilung zu kritisieren und anzugreifen, auf die Gerhard Scheit so nachdrücklich aufmerksam macht: die Arbeitsteilung zwischen zensiertem Judenhass und deutsch-europäischen Friedensinitiativen im Rahmen regulärer Staatlichkeit einerseits sowie entfesseltem Antisemitismus und irregulärer Gewalt der islamistischen Rackets andererseits.

Insbesondere im Hinblick auf diesen Zusammenhang sei an den Hinweis von Leo Bauer erinnert, dass sich noch im Rückblick zeige, wie schwierig es einst gewesen ist, präventiv zu erkennen, wozu der Nationalsozialismus in der Lage sein würde. Wer von der zentralen Bedeutung und Gefahr des Antisemitismus nichts wusste oder wissen wollte, der sah entweder nur einen von vielen autoritären Staaten in Europa oder der konnte die so unterschiedlichen und konkurrierenden Kräfte und die scheinbar so weit auseinander liegenden Teile des nationalsozialistischen Deutschlands kaum als Einheit begreifen. Doch die Teile fanden in der Vernichtungsvorbereitung und -durchführung zusammen.

Um zu erkennen, dass das freiwillige Selbstmordattentat das genaue Gegenteil von Freiheit ist, so schreibt Gerhard Scheit in der Einleitung des Buches, „braucht es nicht viel, nur eine Ahnung von wirklicher Freiheit“ (9). – In diesem Sinne bedienen weder das Buch noch die heutige Veranstaltung das Bedürfnis nach voraussetzungslosem Theoretisieren, das sich der Parteinahme für Israel und den amerikanischen War on Terror enthoben fühlt. Es geht im Gegenteil gerade darum, in einer Kritik von Staat und Kapital nicht nur den Antiamerikanismus zu kritisieren, sondern auch die Gegenwehr, die heutige amerikanische Außenpolitik, zu verteidigen; es geht darum, die Ideologie, die Gewalt und das Vernichtungspotential des politischen Islams ohne Euphemismus zu benennen und zu kritisieren, genauso wie seine Allianzen mit dem alten Europa und der Anti-Globalisierungsbewegung. Für einen Antifaschismus der Gegenwart gilt es unbedingt, das internationale Zusammenwirken von Gegenaufklärung und Regression zu begreifen, ein Zusammenwirken, das sich heute bereits in einer Weise zeigt, wie es vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. – In einer Gegenwart, in der die Niederlage der Amerikaner im Irak und der Sieg der Europäer bezüglich des Iran kaum ausdenkbare, aber reale Möglichkeiten sind.

Die Reaktionen auf die zweite Intifada und die Anschläge von New York und Washington haben nochmals die Notwendigkeit gezeigt, immer wieder zu prüfen, ob die eigenen Begriffe die Wirklichkeit erfassen und kritisieren können oder ob sie diese entwirklichen und rationalisieren. „Es soll zu Bewußtsein kommen, ohne rationalisiert zu werden“, so beschrieb Gerhard Scheit einmal das Dilemma des Nachdenkens über den Antisemitismus. Dieser beständigen Reflexion auf die Voraussetzungen der Kritik, die auch deren Grenzen, die Grenzen des Begreifbaren benennt, ist Gerhard Scheit verpflichtet – sicherlich in besonderer Weise als Mitherausgeber der zurzeit erscheinenden Werkausgabe von Jean Améry. Von Gerhard Scheits eigenen, älteren Arbeiten seien hier zwei genannt: In „Verborgener Staat, lebendiges Geld“, das demnächst in neuer Auflage erscheint, untersucht Gerhard Scheit in einer „Kulturgeschichte der Barbarei“ den dem Antisemitismus essentiellen Wunsch, das Abstrakte und Unheimliche im Juden zu personifizieren. Der Versuch, Logik und Struktur des Antisemitismus mit den allgemeinen gesellschaftlichen Voraussetzungen und den spezifischen Traditionen Deutschlands und Österreichs in Beziehung zu setzen, bestimmt auch das Buch „Meister der Krise“, das dem Zusammenhang von Vernichtung und postfaschistischem Volkswohlstand nachgeht.

Im seinem neuen Buch „Suicide Attack“ setzt Gerhard Scheit den gegenwärtigen heiligen Krieg der Antisemiten ins Verhältnis mit Staat und Kapital, mit Nationalsozialismus und Auschwitz, mit postfaschistischer Ordnung und postmodernem Denken. Im beständigen Rekurs auf die Kritische Theorie, Marx, Freud und Hannah Arendt entwickelt er eine „Kritik der politischen Gewalt“. Sie ruft den in der falschen Gesellschaft bestehenden Zusammenhang zwischen dem anonymen ‚stummen Zwang’ und der persönlichen Abhängigkeit, zwischen gesellschaftlicher Vermittlung und unmittelbarer Gewalt in Erinnerung; und sie beharrt zugleich auf dem entscheidenden Unterschied, der das Parteiergreifen auch im falschen Ganzen unabdingbar macht: Partei zu ergreifen gegen die völlige Bejahung der politischen Gewalt als Selbstzweck, die sich im Judenmord zu verwirklichen droht oder schon verwirklicht.

Um etwas über die gegenwärtige Form des repressiven Kollektivs und der politischen Gewalt, über die individuelle Vollendung des kollektiven Wahns im Selbstmordattentat zu sagen, legt Gerhard Scheit mit großer Sorgfalt die eigene begriffliche Anstrengung dar, entfaltet ausführlich die Begriffe der Kritik der politischen Ökonomie und der Ideologiekritik, zeichnet die grundlegenden Diskussionen nach und sucht den Einspruch der Erfahrung gegen die Begriffe mit aufzunehmen. So ist die Argumentation nachvollziehbar, diskutierbar, auch kritisierbar, und in seiner Dichte und Klarheit ist es ein Genuss, das Buch zu lesen. Zugleich fordert es auch vom Leser ein, was es selbst angesichts der aufgeworfenen Fragen zum Ausgangspunkt hat: nämlich dass „in Wahrheit kein Ausweichen möglich ist“ (11).

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