Risse, Risse 3
Dezember
2002

Täuschende Verwandtschaft

Über das Verhältnis zwischen Marx und Foucault

Der Philosoph Michel Foucault ist in der linken Theorie immer noch sehr präsent. Nicht zuletzt wegen seiner ebenso faszinierenden wie widersprüchlichen Machtanalyse, für die er sich immer wieder positiv auf Karl Marx bezogen hat. Eine genauere Untersuchung dieser Bezüge zeigt die Fragwürdigkeit einer Machtanalyse, die sich über den theoretischen Status der ökonomischen Verhältnisse im Unklaren bleibt.

Michel Foucault hat seine KritikerInnen genauso wie seine AnhängerInnen immer wieder in Verwirrung gestürzt. Der 1984 verstorbene französische Philosoph wird in der akademischen Welt immer noch rege diskutiert. Seine originellen Untersuchungen zur Geschichtlichkeit von Phänomenen wie dem Gefängnis oder der Sexualität inspirieren auch linke und feministische AutorInnen.

Foucaults Machtbegriff zeichnet sich durch eine eigentümliche Skizzenhaftigkeit und Widersprüchlichkeit aus. An einer häufig zitierten und prominent gewordenen Stelle in «Überwachen und Strafen» heisst es zum Beispiel, dass jene, die die Macht bekämpften, von dieser selbst eingesetzt worden seien und von dieser durchdrungen würden. Es mag etwas zur Klärung beitragen, wenn man einen Blick darauf wirft, wie Foucault zu einem Denker stand, den er zu seinem Vorgänger in Sachen Machtanalyse gemacht hat und auf den er sich vor allem zustimmend bezog: Karl Marx. Ebenso wie Marx hat Foucault versucht, den historischen Charakter von scheinbar zeitlosen Phänomenen aufzuzeigen. Beide hatten den Anspruch, eine Kritik der fundamentalen herrschaftlichen Prägung der Gesellschaft zu liefern. Und nicht zuletzt waren beide skeptisch eingestellt gegenüber der Reformierbarkeit der Verhältnisse.

Kein Thema: Foucault und Marx

In der Flut der Publikationen zu Foucault findet sich praktisch nichts über sein Verhältnis zu Marx. Die wenigen Texte, die dazu vorhanden sind, verlassen sich dabei meist auf Foucaults eigene Verlautbarungen zu seinem Verhältnis zu Marx und ebnen damit die Widersprüchlickeiten in Foucaults Umgang mit Marx ein. Anders sieht es aus mit dem Verhältnis Foucaults zum Marxismus, dazu gibt es einiges an Literatur. Häufig wird dabei aber nicht speziell zwischen Marx und dem Marxismus unterschieden. Dies mag auf den ersten Blick belanglos erscheinen, wird aber spätestens dann fragwürdig, wenn man Foucaults Äusserungen zu Marx mit seinen Äusserungen zum Marxismus vergleicht und den Kontrast bemerkt zwischen der negativen Haltung Foucaults zum Marxismus und seiner positiven Haltung zu Marx. 1975 erschien Foucaults machtanalytisches Hauptwerk «Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses», worin er der Geschichte des Strafens und des Gefängnisses nachgeht und dabei erstmals seinen Machtbegriff entwickelt. Er bezieht sich darin mehrmals und auschliesslich positiv auf Marx.

In Äusserungen aus dem selben Zeitraum kritisiert Foucault die MarxistInnen seiner Zeit dafür, Marx vor allem durch Scheuklappen zu rezipieren und nicht genau genug gelesen zu haben. Der Marxismus hätte einen «ökonomistischen» Machtbegriff meint Foucault, er wünsche sich dagegen «eine Befreiung von Marx» aus dem «Dogmatismus», in den er lange «eingeschlossen» gewesen sei. Marx habe um einiges raffinierter argumentiert als viele MarxistInnen, die sich auf ihn berufen würden. An anderer Stelle meint Foucault, man könne im «Kapital» «zwischen den Zeilen (...) leicht eine Analyse oder wenigstens den Abriss einer Analyse finden, die eine Geschichte der Machttechnologie wäre, wie sie in den Werkstätten und Fabriken ausgeübt wurde». Und weiter: «Marx leistet beispielsweise grossartige Analysen des Problems der Disziplin in der Armee und in den Werkstätten.»

Pate der Machttheorie

Die These dieses Artikels lautet: Foucaults Versuch, in Abgrenzung zur vom ihm wahrgenommenen Dominanz der Ökonomie in marxistischen Herrschafts- und Machtanalysen, eine Machttheorie zu entwickeln, die Macht als eigenständige gesellschaftliche Sphäre begreift, ist von Widersprüchlichkeiten durchzogen. Dies widerspiegelt sich auch in der Art, wie Foucault Marx zum Paten seiner Machttheorie zu machen versucht.

Ein Jahr nach dem Erscheinen von «Überwachen und Strafen» äussert sich Foucault in einer Vorlesung zum «Ökonomismus in der Theorie der Macht». Es geht um das Verhältnis von Macht/Politik auf der einen und Ökonomie auf der anderen Seite. In der marxistischen Theorie werde von einer «ökonomische[n] Funktionalität der Macht [ausgegangen] insofern, als die Macht im wesentlichen die Aufgabe hätte, zugleich die Produktionsverhältnisse und die Klassenherrschaft aufrechtzuerhalten». Wir haben es gemäss Foucault zu tun «mit einer politischen Macht, die ihren historischen Daseinsgrund und das Prinzip ihrer konkreten Form und ihrer gegenwärtigen Funktionsweise in der Ökonomie hätte». Foucault redet zwar einer «Untrennbarkeit von Ökonomie und Politik» das Wort, geht aber im Widerspruch dazu in seiner Machttheorie selbst von der klaren Trennbarkeit von Ökonomie und Macht/Politik aus. Deshalb kreidet er dem Marxismus nicht in erster Linie eine unrealistische Trennung von Ökonomie und Macht an, sondern die «funktionale Unterordnung» der Macht unter die Ökonomie, allerdings ohne hinreichend zu erläutern, was er damit meint.

Die Frage «Wie verhält sich die ökonomische Sphäre zu den anderen gesellschaftlichen Bereichen?» wird nicht ersthaft behandelt. Die damit zusammenhängende Frage, ob die ökonomischen Verhältnisse selbst eine Machtform darstellen könnten, stellt Foucault nicht. Einer der wenigen Autoren, denen dies aufgefallen ist, ist Abdul Janmohamed: «Es ist bemerkenswert, (...) dass Foucault nicht einmal für einen Moment in Erwägung zieht, dass die «Produktionsverhältnisse», wie sie Marx versteht, ein spezifisches Machtverhältnis darstellen könnten.»

Zweigeteilter Marx

Dass bei Marx genau dies – «Wie verhält sich die ökonomische Sphäre zu den anderen gesellschaftlichen Bereichen?» – die zentrale und immer wieder neu zu beantwortende Frage darstellt, kümmert Foucault nicht. Diese Differenz bleibt, so scheint es, folgenlos für Foucaults Umgang mit Marx. Seine inhaltliche Kritik am «Ökonomismus» beschränkt Foucault strikte auf den Marxismus. Seine Vorbehalte gegenüber Marx formuliert er dann mittels einer Aufspaltung von Marx in einen «machttheoretischen» und einen «ökonomischen» Marx. Während er den «machttheoretischen» Marx als grossen und immer noch fruchtbaren Machtanalytiker und Historiker feiert, erachtet er die Analysen des «ökonomischen» Marx als historisch überholt.

Wie definiert Foucault Macht? Macht ist «Disziplinarmacht», Foucault nennt sie auch einfach «die Disziplin». Die knappste und anschaulichste Definition lautet: «Wie jemanden überwachen, sein Verhalten kontrollieren, sein Betragen, seine Anlagen, wie seine Leistung steigern, seine Fähigkeiten vervielfachen, ihn dorthin stellen, wo er nützlicher ist. Das ist, meiner Meinung nach, die Disziplin.» Die Disziplin ist ein «technisches» Verfahren durch das «die Kraft des Körpers zu den geringsten Kosten als «politische» Kraft reduziert, und als nutzbare Kraft gesteigert wird». Macht ist gemäss Foucault überall, sie kann sich verbinden mit militärischen, pädagogischen und industriellen Apparaten, das heisst mit der Armee, der Schule und der Fabrik.

In «Überwachen und Strafen» bezieht sich Foucault für jeden wichtigen Argumentationsschritt auf Marx. Nachdem er seinen Begriff der Disziplinarmacht formuliert hat, geht Foucault dazu über, Disziplinarmacht und Ökonomie zu verschränken. Es geht ihm um die Verknüpfung der Disziplinarmacht mit dem Produktionsbereich. Dafür begibt er sich ins europäische 18. Jahrhundert, wo er das Aufkommen der Werkstätten und Fabriken untersucht. Foucault fragt sich, wie die Disziplin wirken kann, ohne die zu disziplinierende Tätigkeit zu behindern. Denn mit dem Wachstum des Produktionsapparates wird auch die Notwendigkeit von Kontrolle und Überwachung grösser.

Der Begriff Überwachung dient Foucault schliesslich als Bindeglied zwischen Produktion und Disziplin: «Die Überwachung wird zu einem entscheidenden ökonomischen Faktor, da sie sowohl ein Element im Produktionsapparat wie auch ein Rädchen innerhalb der Disziplinargewalt ist.» Darauf folgt ohne weiteren Kommentar ein Zitat aus dem «Kapital», das lautet: «Diese Funktion der Leitung, Überwachung, Vermittlung, wird zur Funktion des Kapitals, sobald die ihm untergeordnete Arbeit kooperativ wird. Als spezifische Funktion des Kapitals erhält die Funktion der Leitung spezifische Charaktermerkmale.» Auf den ersten Blick steht in diesem Zitat genau das, was Foucault auch sagt. Das stimmt aber nicht ganz.

Ungreifbare Disziplin

Dass die Überwachung in den Produktionsprozess integriert wird und dass sie eine wichtige ökonomische Funktion hat, entspricht zwar dem, was Marx schreibt. Für Foucaults begründenden Nebensatz: «...da sie sowohl ein Element im Produktionsapparat wie auch ein Rädchen innerhalb der Disziplinargewalt ist», findet sich bei Marx aber kein Anhaltspunkt. Foucault etabliert hier – abgestützt durch ein Marx-Zitat – auf methodisch nur schwer nachvollziehbare Art und Weise einen eigenartig verdinglichten Begriff von Überwachung. Er tut dies, um der Disziplinarmacht eine gewisse Greifbarkeit zu verleihen. Foucaults bloss implizit geäusserte These lautet: Es gibt verschiedene gleichrangige Bereiche: Den Produktionsapparat, die Disziplin und die Überwachung. Die Disziplin wäre demnach nicht einfach ein Element der Fabrikordnung und ein Bestandteil des Produktionsprozesses, der wiederum dem kapitalistischen Profitsteigerungsimperativ unterworfen ist, sondern sie stellt eine eigenständige Sphäre dar: die Machtsphäre. Bei Marx hingegen sind Überwachung und Disziplin keine eigenständigen Kategorien, sondern sie werden integriert und erhalten einen spezifisch kapitalistischen Charakter.

Etienne Balibar ist der Widersprüchlichkeit von Foucaults Verhältnis zu Marx nachgegangen. Er versteht die Foucaultsche Disziplin als das von Marx nicht behandelte Bindeglied zwischen Ökonomie und Politik. Die Disziplin würde sich demnach einfügen genau an dem Punkt, der von Marx in seiner Analyse des Produktionsprozesses zwischen der im Ökonomischen und dem Politischen, der Gesellschaft und dem Staat erzeugten «Kurzschliessung»» ausgeschlossen worden sei. Wie soeben gezeigt worden ist, trifft dies nicht zu. Was die Foucaultsche Disziplin tatsächlich ist: Ein Phänomen, das nicht nur in der ökonomischen Sphäre, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen vorkommt, zum Beispiel im Gefängnis.

Nach demselben kunstvollen Schema geht Foucault auch an anderen Stellen in «Überwachen und Strafen» vor, die Marx-Zitate sind dabei immer zustimmend. Kein Hinweis auf den Kontext, in dem die zitierten Aussagen bei Marx stehen, aber auch keine Spur einer Kritik an Marx. Dabei zitiert Foucault nicht irgendwelche abgelegenen, bloss deskriptiven Stellen im «Kapital». Die Abschnitte, aus denen er zitiert, enthalten häufig Aussagen, die auf den systematischen Charakter der Marxschen Ökonomiekritik verweisen. Diese werden von Foucault aber sorgfältig umschifft. Die Zitate sind zwar formal korrekt, aber durch den Kontext, den Foucault ihnen in seiner eigenen Argumentation gibt, funktionalisiert er sie für seinen Ansatz, der mit jenem von Marx nicht viel zu tun hat, sondern ihm zuwiderläuft. Foucault suggeriert, Marx sei ein Machtanalytiker Foucaultschen Zuschnitts.

Es scheint, dass Foucault diese Art des theoretischen Umgangs auch mit anderen Theorien pflegt. Clemens Kammler schreibt in seiner klarsichtigen Foucault-Monographie von einem «betont eklektizistische[n] Umgang [Foucaults] mit den theoretischen Ansätzen, auf die [er] sich positiv bezieht – sei es die Psychoanalyse, der Marxismus oder der Strukturalismus». Dieser Umgang lasse «die Identität (seiner) Objekte als ganzheitliche Theorien nicht intakt».

Foucault fragt: «Wer übt die Macht aus? Wo wird die Macht ausgeübt? Man weiss in etwa, wer ausbeutet, wohin der Profit geht, zwischen wem er hin und her wandert, wo er wieder investiert wird. Aber die Macht?» In Aussagen wie dieser wird ersichtlich, wie klar Foucault zwischen Fragen der Macht und Fragen der Ökonomie trennt, Profit scheint nichts mit Macht zu tun zu haben. So abwesend die Ökonomie als analytische Kategorie ist, so präsent ist sie auf andere Weise, etwa als Metapher. In «Überwachen und Strafen» wimmelt es nur so von Ausdrücken wie «Ökonomie der Gesetzwidrigkeiten», «Machtökonomie», «Mikro-Ökonomie» der Macht, «Ökonomie der Öffentlichkeit», «Ökonomie der Sichtbarkeit», «Ökonomie der Verausgabung», «Ökonomie der Kontinuität». Seinen eigenen Ansatz bezeichnet Foucault gar als «politische Ökonomie des Körpers».

Foucaults Sündenfall

Die Ökonomie kommt noch anders zum Vorschein, gleichsam so, wie etwas Verdrängtes in verwandelter Form wieder an der Oberfläche auftaucht. Foucaults Machtdefinitionen kommen auffallend häufig in ökonomischen Begriffen wie «Effizienz» daher, und die anschaulichsten Bilder für das Funktionieren von Macht kommen aus dem Fabrikproduktionssystem, obwohl es Foucault eigentlich darum geht, zu vermeiden, Macht in «ihrer konkreten Form und ihrer gegenwärtigen Funktionsweise in der Ökonomie» zu verorten.

Ein wesentliches Merkmal der Disziplinarmacht ist ihre Effizienz, aber Foucault erklärt nicht hinlänglich, wozu diese Effizienz gut sein soll. So beschreibt er eine Macht, die sich selbst genügt: Effizienz um der Effizienz willen, Disziplin um der Disziplin willen. Dass das Streben nach Effizienz etwas mit dem kapitalistischen Druck zur ständigen Profitsteigerung zu haben könnte, interessiert ihn nur am Rand.Der Grund für die Ökonomielosigkeit von Foucaults Machtbegriff liegt nur zum Teil darin, dass er ökonomiekritische Positionen marxscher und marxistischer Provenienz umschifft. Er liegt auch nicht einfach darin, dass Foucault Macht getrennt von Ökonomie zu analysieren versucht. Die Antwort liegt tiefer. Der theoretische «Sündenfall» Foucaults liegt genau genommen darin, dass er nicht ausreichend reflektiert, dass seine Fragestellung bereits einen ungesellschaftlichen Ökonomiebegriff impliziert, der die Wirtschaft auf Kosten ihrer gesellschaftlichen Formbestimmtheit auf ihre stofflich-materielle Seite reduziert. Die essentielle Erkenntnis von Marx, dass diese Formen nicht nur historisch wandelbar, sondern auch herrschaftlich geprägt sind, fällt damit aus dem Blickfeld. Die Geschichtlichkeit von Foucaults Machtbegriff konstrastiert damit auf eigentümliche Weise mit der Geschichtslosigkeit seines Ökonomieverständnisses. Die Versuche Foucaults, die Machtebene nachträglich mit der Ebene der Ökonomie zu verbinden, sind deshalb nicht überzeugend.

Theoriestrategische Erwägungen

Weshalb hat sich Foucault, obwohl er mit seinem Ansatz inhaltlich eigentlich gegen Marx Stellung bezieht, so prominent und vorwiegend positiv auf diesen bezogen? Es lassen sich zum Teil theoriestrategische Gründe dafür anführen. Das Motto «An der Seite von Marx den MarxistInnen eins auswischen» ist ein Joker in Foucaults Marxismus-Kritik. Foucault nimmt Marx von seiner Kritik aus, obwohl ein Teil jener Punkte, die er am Marxismus kritisiert, auch bei Marx zu kritisieren wäre. Seine Vorbehalte gegenüber dem Marxismus hätte er dann aber nicht mehr nach dem oben genannten Motto formulieren können. Es ist möglich, dass Foucault Marx als Paten seiner Machttheorie hätte aufgeben müssen, wenn er ihn offen kritisiert hätte.

Weshalb sich Foucault dafür entschieden hat, Marx eine prominente Rolle zu geben in seiner Machttheorie, lässt sich mit theoriestrategischen Erwägungen nicht befriedigend erklären, sondern hat auch inhaltliche Gründe. Einer davon mag darin liegen, dass Foucault Marxens Ansatz missversteht. Dies wird nicht auf Anhieb sichtbar, weil Foucault ähnlich wie Marx annimmt, dass die Sphäre des Rechts Machtverhältnisse zum Teil verdeckt. Während aber Marx dem Recht die herrschaftliche Prägung der Ökonomie entgegensetzt, übernimmt bei Foucault die Disziplinarmacht diese Funktion.

Darüber hinaus findet sich aber in «Überwachen und Strafen» zumindest ein inhaltlich begründeter Marxbezug. Foucault schreibt: «Insbesondere waren die technologischen Veränderungen des Produktionsapparats, die Arbeitsteilung und die Ausarbeitung von Disziplinarprozeduren sehr eng miteinander verflochten.» Die anschliessende Anmerkung verweist auf ein Kapitel im «Kapital». Foucault gibt zwar keine exakte Textstelle an, wahrscheinlich meint er aber jene Stelle, wo Marx von der Maschinerie in der Industrie und ihrer politischen Funktion spricht. Die Maschinerie wird laut Marx zum «machtvollste[n] Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals». Weiter schreibt Marx: «Man könnte eine ganze Geschichte der technischen Erfindungen seit 1830 schreiben, die bloss als Kriegsmittel des Kapitals wider die Arbeitermeuten ins Leben traten.» Dass soziale Kämpfe auch auf technologischer Ebene ausgetragen werden, ist ein für Foucault wichtiger Punkt.

Sympathische Maschinenstürmerei

Foucault entwickelt eine Sensibilität für jenen Teil der sozialen Kämpfe, der spontan und unorganisiert losbricht, die bei Marx so nicht zu finden ist. Man sieht dies in der Bewertung jener Revolten gegen das Fabrikregime, die als Maschinenstürmerei bezeichnet werden. Während Foucault diese Form von unorganisiertem Widerstand mit Sympathie bewertet, kritisiert Marx an der Maschinerie vor allem, dass sie «kapitalistisch» angewandt werde. Marx unterscheidet zwischen der Maschinerie einerseits und ihrer kapitalistischen Anwendung andererseits. Zwar kritisiert er die disziplinierenden, freiheitseinschränkenden und gesundheitsschädigenden Wirkungen der Arbeitsorganisation in der Fabrik, zu bekämpfen sei aber vor allem der Kapitalismus. Es sei eine «Dummheit» erklärt Marx, «nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst». Hier spielt bezüglich der Möglichkeit einer menschlicheren Form der Arbeitsorgansation ein Optimismus, den Foucault nicht teilen kann. Foucault verarbeitet damit, auch was die Organisation der Arbeit in modernen nicht-kapitalistischen Gesellschaften betrifft, eine historische Erfahrung, die zu Marxens Zeiten noch nicht gemacht worden war.
Wenn auch Foucault hier die Diffusität seines Machtbegriff zu gute kommt, sie hindert ihn doch daran, gewisse spezifisch kapitalistisch bestimmte Phänomene analytisch in den Griff zu kriegen. So etwa die Frage, weshalb die ArbeiterInnen überhaupt in die Fabrik kommen. Die Arbeitenden werden nicht einfach durch die Disziplinarmacht in die Fabrik hinein gezwungen, sondern durch den ökonomischen Zwang, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die physische Unterwerfung der Körper ist bloss ein Element innerhalb von Machtverhältnissen. Foucault vereinfacht unzulässig, wenn er Macht vorrangig als Macht über den Körper versteht. Die Frage, wie der «stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse» zu Stande kommt, gehört offenbar nicht in den Zuständigkeitsbereich eines solchen Machtverständnisses und eine konzeptionelle Verbindung zwischen ökonomischen Gesetzmässigkeiten und der physischen Unterwerfung der Körper kommt nicht in den Blick. Obwohl die Betonung der Ausrichtung der Macht auf den Körper und ihrer Effizienz deutlich auf den Taylorismus verweisen, wird dieser von Foucault nie erwähnt. Auch dies passt zu Foucaults Versuch, ohne Bezug auf Konzepte aus der Ökonomie auszukommen. Am Taylorismus als einem Versuch, körperliche Abläufe im Produktionsprozess zu vermessen, zu «optimieren» und zu kontrollieren, lässt sich die herrschaftliche Prägung der Produktionssphäre deutlich aufzeigen.

Mit Nietzsche ins Offside

Wer Marx als Machtanalytiker verstehen will, muss akzeptieren, dass für Marx die Ökonomie den Königsweg zur Machtanalyse darstellt. Oder anders gesagt: Machtanalyse ist immer auch ökonomische Analyse. Foucault versucht, die Ökonomie von diesem Thron zu stossen und setzt sich damit klar gegen Marx. Es ist anzunehmen, dass sich Foucault dessen bewusst war. Es stellt sich demnach die Frage, weshalb er diese Auseinandersetzung nicht offen geführt hat. Was Andrea Roedig zum Verhältnis Foucaults zu Sartre geschrieben hat, trifft auch hier zu: Foucaults Philosophie entwickelt sich in Form der Abgrenzung zu anderen Philosophien, aber er weicht einer offenen Auseinandersetzung aus und benennt auch die Abgrenzung nicht. Dies führt zum faszinierenden aber täuschenden Eindruck, dass Foucaults Denken in einer völligen Neuartigkeit quasi aus dem Nichts entsteht.

Er versucht bewusst, sich von grossen politischen Theorien fern zu halten und sieht darin Nietzsche als seinen Vorgänger an: «Nietzsche ist derjenige, der als Hauptzielscheibe für den philosophischen Diskurs das Machtverhältnis aufgestellt hat. Für Marx ist es das Produktionsverhältnis. Nietzsche ist der Philosoph der Macht, dem es gelungen ist, die Macht zu denken, ohne sich dabei in eine politische Theorie einzuschliessen.» Man könnte sagen, Foucault ist der Philosoph der Macht, dem es nicht gelungen ist, die Macht zu denken, weil er sich dabei nicht in eine ökonomische Theorie einschliessen wollte.


1 Die Macht richtet sich, so Foucault «nicht einfach als Verpflichtung oder Verbot an diejenigen, welche «sie nicht haben»; sie sind ja von der Macht eingesetzt, die Macht verläuft über sie und durch sie hindurch; sie stützt sich auf sie, ebenso wie diese sich in ihrem Kampf gegen sie darauf stützen, dass sie von der Macht durchdrungen sind.»

2 Da diese Unterscheidung für meine Foucault-Kritik zentral ist, sei zur Verdeutlichung dieses Punktes die knappe Zusammenfassung derdei Analyseebenen, die Conert bei Marx unterscheidet, zitiert: «1.Systematische und konsequente Unterscheidung der natürlich-stofflichen Seiten des Wirtschaftens, vorab der Prozesse der mateiellen Produktion und Reproduktion, von den gesellschaftlich-ökonomischen; 2. durchgängiges und konsequentes Verständnis der ökonomischen Sachverhalte als gesellschaftliche; 3. ausdrückliche und systematische Unterscheidung zwischen tatsächlich universellen gesellschaftlich-ökonomischen Sachverhalten und ihrer je historisch besonderen Ausformung (historisch-gesellschaftliche Formbestimmt-heit).»

3. Basierend auf einem eher willkürlichen Umgang mit Foucaults Texten postuliert Janmohamed weitgehende methodische und formale Analogien zwischen der Marxschen Arbeitswerttheorie und Foucaults Machttheorie. Er kommt zum Schluss, Foucault sei von Marx stark beeinflusst gewesen, ohne dies aber zu erkennen. Janmohamed versucht eine Synthese der beiden Ansätze, unterstellt dabei aber Foucaults Theorie einen systematischen Charakter, den sie nicht hat.


Dieser Artikel basiert auf der Lizenziatsarbeit des Autors, sie trägt den Titel: Ökonomielose Macht - machtlose Ökonomie. Zu Michel Foucaults Marxrezeption in «Überwachen und Strafen». Feedback bitte an: alex39 bluewin.ch

Literatur:

  • Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a. M. 1991. (Original: Surveiller et punir. Naissance de la prison. Ohne Erscheinungsort 1975.)
  • Foucault, Michel: Dits et Ecrits 1954-1988. Paris 1994.
  • Balibar, Etienne: «Foucault und Marx. Der Einsatz des Nominalismus». In: Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken. Hrsg.: François Ewald und Bernhard Waldenfels. Frankfurt a. M. 1991. S. 39-65.
  • Conert, Hansgeorg: Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie. Münster 1998.
  • Janmohamed, Abdul: «Refiguring Values, Power, Knowledge: Or Foucault’s Disavowal of Marx». In: Whiter Marxism? Global Crisis In International Perspective. Hrsg.: Bernd Magnus und Stephen Cullenberg. New York 1995. S. 31-64.
  • Kammler, Clemens: Michel Foucault. Eine kritische Analyse seines Werks. Bonn 1986.
  • Roedig, Andrea: Foucault und Sartre. Die Kritik des modernen Denkens. Freiburg (Breisgau) 1997.
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