FORVM, No. 287
November
1977

Terror in Wien

Die Jakobinerverschwörung 1792/94
Jakobinerklub
(zeitgenössischer Stich)
Bild: Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Josefinische Beamte als Gewaltrevolutionäre

Wien bildete 1792 bis 1794, als die Französische Revolution ihrem Höhepunkt entgegenging, mit einer rund 40 Personen umfassenden demokratischen Verschwörergruppe einen der Schwerpunkte der deutschen Jakobiner. Eine ähnliche oder noch stärkere Konzentration revolutionärer Demokraten finden wir in diesen Jahren nur noch in Mainz, Nürnberg, Landau und Straßburg/Elsaß.

Um so schwerer wiegt die Schande, daß die wohlbestallte bürgerliche Geschichtswissenschaft bis heute keine Gesamtdarstellung der Wiener Jakobiner zustande gebracht hat. Die erste größere Arbeit erschien erst 1959. Und wo? In England. [1] Bis heute haben sich vorwiegend Nichtösterreicher mit diesen überaus interessanten und immer noch aktuellen Jakobinern beschäftigt. [2]

Das umfangreiche Material des einjährigen Geheimprozesses (1794/95) ist bisher erst in Bruchstücken veröffentlicht worden. Von den Ideen und Schriften kennen wir nur Teile. Bisher ist noch nicht einmal geklärt worden, ob in der Verfolgungszeit 26, 33 oder 36 Revolutionäre verhaftet wurden.

In ihrem Kern setzte sich die Wiener Jakobinerbewegung aus Staatsbeamten zusammen, die ihre Prägung von den Reformideen der Kaiser Joseph II. (1790) und Leopold II. (1790-1792) erhalten hatten. Die Reformen unter Leopold II. hatten auf einen konstitutionellen Staat hingearbeitet. Nach dem Tod Leopolds II. (1792) wurden die Reformer in die Opposition gedrängt und ausgeschaltet. In ihren Reihen fand das Vorbild der Französischen Revolution tatkräftige und zugleich politisch erfahrene Anhänger.

Der bedeutendste Wiener Jakobiner war Andreas Freiherr von Riedel (1748-1837), Mathematiker, Lehrer des späteren Kaisers Franz (1792-1835). Der militärische Experte war der Platzoberleutnant Franz Hebenstreit von Streitenfeld, der erste österreichische Kommunist. Neben ihnen sind zu nennen: Leopold Billeck von Billenberg, Rechnungsoffizier; Kajetan Gilowsky von Urazewa, Kriegsgerichtsaktuar; der Böhme Georg Ruzsitska, Diener der Ungarischen Hofkanzlei; Heinrich Jeline, Hofmeister; Martin Prandstätter, Magistratsrat. Die Reformergruppe sah sich 1792 weiter auf den Weg der Revolution gedrängt, als Frankreich dem deutschen Kaiser in seiner Eigenschaft als König von Ungarn den Krieg erklärte (20. April 1792). Der preußisch-österreichische „Spaziergang“ nach Frankreich scheiterte in der weltberühmten Kanonade von Valmy (20. September 1792). Im Gegenzug eroberten die französischen Revolutionssoldaten — unter ihnen Hunderte revolutionärer Freiwilliger aus den deutschsprachigen Orten des Elsaß (Landau, Straßburg, Weißenburg) — das linksrheinische Reichsgebiet von Speyer und Worms bis Mainz. Die dort herrschende Feudalklasse flüchtete Hals über Kopf nach Osten.

Im Zuge des revolutionären Siegesjubels rief Andreas Riedel von Wien aus alle Deutschen zur Gründung eines „Antiaristokratischen Gleichheitsbundes“ auf. Da in Österreich revolutionäre Ideen nicht veröffentlicht werden konnten, mußte er den mehrseitigen Aufruf handschriftlich vervielfältigen und versenden. Die mehr als 20 Abschriften gingen im Oktober 1792 einerseits an Personen, die nach Riedels Meinung Anhänger der Französischen Revolution waren, anderseits postlagernd an fingierte Adressen. Riedel schickte seine Abschriften nach Berlin, Dresden, Gotha, Nürnberg, Weimar und an andere Orte.

Hier ein Auszug aus diesem Aufruf: [3]

Aufruf zu einem antiaristokratischen Gleichheitsbund

Die Menschenfreunde deutscher Nation allen ihren Brüdern, welche die Wahrheit lieben und die Glückseligkeit ihrer Nebengeschöpfe wollen, den Kuß der Freundschaft und ihre brüderliche Liebe.

Nachdem nichts gewisser ist, als daß ohne die gesetzliche Gleichheit, die Ursachen, welche die Menschen haben böse zu sein, niemals aus dem Grunde können weggeschaffet werden, daß folglich ohne die politische Gleichheit unter den Menschen keine Redlichkeit, keine Offenherzigkeit und Freundschaft, keine Vaterlandsliebe, keine Tugend, kurz keine von allen den sanften Gemütsstimmungen möglich ist, ohne welche die Glückseligkeit der Menschen nicht bestehen kann; in Erwägung, daß die Könige weiter nichts sind als der Vorwand, unter welchem die Aristokraten (das sind jene Menschen, die aus dem Grunde der Geburt und der Ahnen verschiedene Vorzüglichkeiten an sich gerissen haben) und diejenigen, die sich der Aristokraten bemächtigt haben, um von ihnen zu leben, mit der Menschheit ihr Spiel treiben, die Nationen unterdrücken, in der Dürftigkeit und in der Verwilderung halten und sich ihrer wie der Maschinen zu ihren Lüsten bedienen.

In Erwägung, daß es billig ist, die Last einmal von sich zu wälzen, welche die Aristokraten seit den Zeiten der Eroberungen und des Faustrechtes auf die unterjochten Nationen geladen haben, wodurch selbe alles Ungemach, Not, Elend, harte Arbeit und Verachtung, Abwürdigungen, Ungerechtigkeiten und Erpressungen unaufhörlich allein tragen müssen, damit einige Aristokraten in Schwelgerei und Wollust zum Überdruß leben, allen ersinnlichen Übermut auslassen und den Nationen, die ihnen die Mittel dazu hervorbringen, mit der äußersten Härte mitfahren mögen.

In Erwägung, daß die Greuel und Jammer der unbesonnensten Kriege nie ein End nehmen werden, solange Aristokraten sind, welche Menschen finden, die für sie, für ihre Sache, damit es ihnen allein wohlergehe und damit sie nach den Kriegen eben diese Menschen desto gewaltsamer unterdrücken mögen, zu Felde ziehen, auf der einen Seite Hitz und Kälte, Hunger und Durst, Krankheiten, Beschwerlichkeiten, Verstümmelungen und den Tod, auf der anderen Seite die grausamsten willkürlichen Behandlungen, die rauhesten Begegnungen, Undank, das elendeste Leben und unter dem Namen des Ehrenstandes die schmählichste Knechtschaft erdulden, ohne daß daraus jemals wem andern als den Aristokraten Gutes und Vergnügliches zuwachse.

In der Erwägung, daß es keine andere gute Sache gebe als die Erzielung der Gleichheit und der Freiheit, und daß dieser Gegenstand einzig und allein die Vergießung aller Ströme von Blut zusammen wert sei, die seit dem Ursprunge der Unterdrückung jemals in den unvernünftigen und heillosen Kriegen für nichts anderes als für die Aristokraten geflossen sind. In Erwägung, daß ohne alle Ausnahme kein Mittel ungebraucht bleiben soll, um diese Gleichheit und Freiheit herzustellen und dann durch weise Gesetze für ewige Zeiten zu befestigen.

In fernerer Erwägung, daß zur ersten Herstellung der wahren Ordnung, die in der Gleichheit und in der Freiheit bestehet, Anstrengung, Gewalt, Mut, Einigkeit, Entschlossenheit, Selbstverleugnung und Aufopferungen erfordert werden, und daß zur Gewalt und Macht die Menge und die Verbindungen nötig sind, wegen der Einigkeit im Wirken aber irgendeine allgemeine Vorschrift den Anfang machen muß.

In Erwägung endlich, daß eine aufgeklärte Nation, die ein Beispiel vor sich sieht, die Nachahmung des Guten eines einfältigen Nationalstolzes wegen nicht scheuen kann, weil mit einer solchen Denkart gar kein Vorschritt gegen die allgemeine Glückseligkeit kann gedacht werden beschließen die Menschenfreunde deutscher Nation und empfehlen allen, denen daran gelegen ist, die genaue Ausführung folgender Artikel:

I.

Den ersten November dieses 1792. Jahres, des Morgens früh um sieben Uhr, sollen in allen Städten Deutschlands, wer immer das Joch der aristokratischen Unterdrückung abschütteln und die Gleichheit und Freiheit unter dem Schutze weiser Gesetze eingeführt wissen will, mit einer Masche von den drei Farben Rot, Blau und Weiß auf dem Hute, sie sei von Papier, von Seide, von Leinwand, wenn [sie] nur groß und sichtbar ist, sich auf einem dazu bestimmten großen Platze inner oder außer dem Umfange seiner Stadt einfinden.

II.

Jeder Bündner, der die Masche aufsteckt, soll mit irgendeiner Gattung von Waffen versehen erscheinen, wenn es auch nur ein oder mehrere Messer wären, indem der Zenturionenrat oder ein anderer von selbem ernannter Befehlshaber immer an der Zeit sind, im nötigen Falle die ähnlich bewaffneten Bündner zusammenzuordnen. In seinem Herzen soll jeder Bündner den Vorsatz mitbringen, bis zum letzten Lebenshauch mit Würde und Standhaftigkeit denjenigen zu widerstehen, die sich beigehen ließen, dieser allerhöchsten Versammlung der Nation gewaltsame Hindernisse in den Weg zu legen.

III.

Das Volk jeder Stadt soll den eigentlichen Ort seiner Versammlung durch mehrere und oft wiederholte Anschlagzettel an den Gassenecken vorhinein bestimmen. Auf diesen Anschlagzetteln soll man nichts anderes lesen als: „Auf dem Platze N., den 1. November 1792 um sieben Uhr früh, alle guten Menschen und Brüder Bündner.“

IV.

Nach Maß als die Bündner auf dem bestimmten Platze in ihrer Stadt ankommen, sollen sie sich untereinander den Kuß der Freundschaft geben, dann in lauter abgesonderte Haufen von Hunderten rotten; wo schon hundert stehen, sollen sie niemanden mehr zulassen, und wo nicht hundert beisammen sind, sollen sie andere herbeirufen. Diejenigen, so unter hundert an der Zahl übrigbleiben, sollen sich beisammenhalten, bis der nachmalige Präsident des provisorischen Zenturionenrats sie nach seinem Gutbefinden zu andern Rotten zuteilen wird.

XII.

Sobald der Zenturionenrat organisiert ist, bemächtigt er sich mittelst bewaffneter Rotten unter der Anführung der Zenturien oder der Zenturien-Gehilfen aller öffentlichen Zeughäuser, Waffenbehältnisse, Pulvermagazine und dergleichen, besetzt mit Bündnern alle Posten und Wachen der Stadt, wo vormals Soldaten waren, und stellt, wo es nötig ist, neue Wachen von Bündnern aus.

XIII.

Diejenigen Stadtsoldaten oder andere Truppen, die selbsten Bündner werden und die Masche aufstecken, sollen unter den obersten Befehlen des Zenturionenrats mit allen ihren Offizieren und Unteroffizieren fortfahren, ihre Dienste zur Aufrechterhaltung der guten Ordnung nach wie vor zu tun und dabei gelassen werden. Ein Gleiches versteht sich von allen den angestellten Leuten bei den Zeughäusern, Pulvermühlen, Magazinen von Lebensmitteln und dergleichen, welche alle als gute und nützliche Leute bei ihren Ämtern zu lassen sind, wenn sie dem Bündnisse beitreten.

XIV.

Mit gleicher Geschwindigkeit wird der Zenturionenrat sorgen, alle öffentlichen Gelder in Sicherheit zu bringen und sorgfältig verwahren zu lassen. Das auf was immer für eine Art bei öffentlichen Kassen angestellte Personal soll ebenfalls unter der Oberaufsicht des Zenturionenrats ruhig bei seiner Amtierung gelassen werden.

XX.

Nicht später als den vierten November soll sich der ganze Zenturionenrat in einem großen Saale, in einer Kirche oder in einem andern öffentlichen Gebäude versammeln, und nachdem er um 8 Uhr morgens seine Sitze in Ordnung eingenommen, soll das gesamte Volk zur Eidesleistung zugelassen werden. Der Präsident hält dieserwegen eine kurze Rede, nach deren Ende er mit bedecktem Haupte stehend ausruft: „Brüder, wir sind gleich und frei, laßt uns schwören, so zu leben und zu sterben!“ Dieser Ausruf des Präsidenten soll von Schüssen aus Kanonen oder Böllern etc., der Läutung aller Glocken oder von was immer für feierlichen Freudenzeichen begleitet sein, wodurch die Nachricht auf das geschwindeste an die umliegenden Ortschaften gelange. Hierauf ergreift der Präsident mit seiner Rechten die Rechte des rechts neben ihm sitzenden Rates, der bei dieser Gelegenheit aufstehet, und sagt mit lauter Stimme, indem er die linke Hand auf die Brust legt: „Ich, N. N., verpfände Euch Brüdern meine Ehre, mein Leben, mein Hab und Gut dafür, daß ich Gleichheit und Freiheit handhaben und den Gesetzen der Nation gehorchen will.“ Nach dem Präsidenten leisten alle Räte in der Ordnung ebendiesen Eid in die Hände des Präsidenten, das ist, jeder Rat tritt mit bedecktem Haupte zu ihm hin, der ihn stehend und ebenfalls mit bedecktem Haupte empfängt, faßt ihn bei der rechten Hand, hält die linke Hand auf die Brust und sagt: „Ich, N. N., verpfände Euch Brüdern“ etc. Die Sekretäre, die aus allen Räten am letzten schwören, tragen die Namen aller derjenigen, die den Eid geleistet haben, in ein Protokoll ein, welches das Bündnerbuch genannt wird. Nach den Räten kommt die Reihe zu schwören an die Bündner alle; ein jeglicher tritt mit bedecktem Haupte, die linke Hand auf der Brust haltend und mit seiner Rechten die Rechte des Präsidenten fassend, hinzu und spricht in dieser Stellung nur seinen Namen aus, damit er von den Sekretären geschrieben werde, welches anstatt des Schwörens gilt.

XXVI.

Nicht später als den 15. November muß der neugewählte Zenturionenrat die Deputierten zur Nationalversammlung oder den Volksrat wählen, nach der Mehrheit der Stimmen, wie man in den französischen Munizipalitäten den Maire wählet. Für eine Anzahl von einem bis auf 2.000 Bündner soll ein Deputierter gewählet werden. Enthielte z.B. ein Bündnerbuch 8.460 Namen, so müßte der Zenturionenrat fünf Deputierte wählen.

XXVIII.

Die Deputierten sollen sich alle unverzüglich nach Nürnberg begeben, und diese Stadt soll zum Empfang derselben und wegen eines geschickten Versammlungsortes die nötigen Anstalten treffen. Sobald sie sich organisiert haben, welches in Aufstellung eines Präsidenten, zweier Vizepräsidenten und sechs Sekretären bestehet, sollen sie nicht mehr als tausend an der Zahl sein; die mehreren, welche nach und nach ankommen, nehmen zwar nach anerkannten Kreditiven oder Sendungsscheinen ihre Sitze in der alphabetischen Ordnung ein; allein drei Tage längstens nach der Ankunft eines überzähligen Deputierten muß für ihn ein anderer entweder freiwillig oder nach dem Lose austreten. Das ist jener, dessen Geschlechtsnamen der erste unter denjenigen ist, die mit A. anfangen. Ein solcher kehrt nach seinen Gegenden zurück und wird als Suppleant betrachtet.

XXIX.

Wenn 400 Deputierte beisammen sind, möge sich die Nationalversammlung oder der Volksrat organisieren und die Gesetzgebung vornehmen; auch alsogleich Kommissäre an die französische Nationalversammlung abschicken, um durch brüderliche Verbindung mit selbiger sich gegenseitig zu verstärken. Ihr ist es nunmehr überlassen, alle Gesetze und Einrichtungen zu machen, die sie für die Glückseligkeit der Menschen zuträglich glauben wird; und bis sie nichts Neues verordnet, sollen in Deutschland alle Dinge ihren bisherigen Gang gehen. Vom Tage der Organisierung des Volksrates sollen die Deputierten zwei Jahre unabgeändert bleiben.

XXX.

Wer immer den Menschen aus ihrem Elende und aus der Unterdrückung zu helfen wünschet, sich selbst und seinen Mitgeschöpfen die Glückseligkeit verschaffen will, soll sich angelegen sein lassen, durch alle möglichen Wege der Abschriften und des Abdruckes den gegenwärtigen Aufruf auf das schleunigste durch ganz Deutschland zu verbreiten.

Aufstand via Post?

Riedel erwartete, die Adressaten würden diesen Aufruf wiederum abschreiben oder neugierige Postbeamte würden die auf fiktive Namen lautenden, folglich von niemandem abgeholten Briefe öffnen und von sich aus verbreiten. Er hoffte, der revolutionäre Gedanke würde sich so von selbst durchsetzen. Folgende Nachschrift auf einem Exemplar zeigt freilich, daß er seiner eigenen Konstruktion nicht traute und deshalb mit dem revolutionären Schrecken drohte:

Sie wandeln unter Augen, denen Sie nicht entweichen können. Der Zeitpunkt naht heran, wo der Saumselige zu spät Reue empfinden wird, so wie der Tätige auf Dank rechnen kann. Verräterei, Falschheit oder auch nur Unbescheidenheit ziehen den gewissen Tod nach sich. Zu kopieren und beizulegen.

Dieser „Revolutionsversuch“ mißlang gründlich. Nirgends kam es zu dem brieflich angeregten Aufstand. Die Briefe Riedels wurden meistens von den Adressaten ihren Herrschern ausgeliefert oder von der Polizei beschlagnahmt. Riedel fehlte noch jegliche Verbindung zu den notwendigerweise konspirativ arbeitenden Jakobinern in anderen Städten und Gegenden des Reiches. Gerade auch in Nürnberg, das er als Hauptstadt der bewaffneten Revolution vorsah, fehlte ihm jeglicher Ansatzpunkt. Dabei war Nürnberg damals eine der revolutionsträchtigsten Städte Deutschlands. Einen der bedeutendsten deutschen Jakobiner, den Nürnberger Handwerker und Arzt Johann Benjamin Erhard (1766-1827), lernte Riedel durch Zufall 1794 in Stuttgart kennen. Darüber erfahren wir aus dem im Arrest niedergeschriebenen Geständnis des Leopold Grafen von Hohenwart, der Riedel auf dieser Reise nach Stuttgart begleitet hatte:

Eines Abends wurden wir in Stuttgart von dem Artilleriehauptmann Roesch in das „Hotel des römischen Kaisers“ zu Gaste gebeten. Es fanden sich dabei Fremde, inländische Offiziere, Franzosen, protestantische Geistliche usw. Da nun überhaupt im Württembergischen noch sehr frei gesprochen wird, so kam auch bald die Rede auf die größte Angelegenheit unseres Zeitalters — auf die Französische Revolution. Jeder äußerte ganz unverhohlen seine Opinion. Auch Ridele [= Andreas Riedel] sprach ungezwungen nach seiner Denkungsart, und er fand Beifall. Roesch machte freilich viele Einwendungen, aber seine Denkungsart wurde als altväterisch nicht in Betracht gezogen. Ein gewisser Erhard, ein Kaufmann aus Nürnberg, [4] der Ridele gegenübersaß, goutierte seinen Vortrag am meisten. Wie es aber insgemein bei Konversationsgeprächen geht, hüpfte man bald auf andere Materien über; endlich kam man wieder auf Philosophie zurück, und zwar auf die Grundsätze der Kantischen reinen Vernunftlehre. Erhard als ein tiefsinniger Kopf hatte hier Gelegenheit, alle seine reichhaltigen Kenntnisse auszubreiten, die er darüber in Kants Umgange selbst geschöpft hatte. Ridele, welchem durch dieses Geschwätze der Kopf wirbelte, konnte Erharden nicht genug bewundern. Das Souper wurde bei schäumendem Champagner und altem echtem Rheinweine bis in die späteste Nacht fortgesetzt. Beim Dessert standen beide, Ridele und Erhard, instinktmäßig auf, begaben sich in ein Fenster, wo sie sich eine starke Viertelstunde besprachen, indes daß ich ungekümmert das letzte Gläschen aus meiner Bouteille schlürfte. Ich urteile, daß sie diese kurze Unterredung nahe aneinander mag gebracht haben, denn ich sahe sie am Schlusse derselben sich brünstig küssen. Im Heimgehen erzählte mir Ridele, daß dies ein vortrefflicher Mensch seie, die Gesinnungen des lautersten Jakobinismus bekenne und Ridele manche wichtige Dinge gesagt habe, um die ich ihn aber, von Schlaf und Freude sanft betäubt, nicht weiter befragte.

Als Erhard den folgenden Morgen Ridele in unserem Gasthofe besuchte, war ich eben auf seinem Zimmer. Ridele ermangelte nicht, da allen seinen Unsinn herzudreschen, den „Homo hominibus“ [Lehrgedicht, s.u.] hervorzuziehen und ihn zu kommentieren, wobei Erhard mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. Da mir das Zeug schon bis zum Ekel bekannt war, entfernte ich mich unter einem Vorwande auf mein Zimmer und kleidete mich vollends an. Sie mögen noch eine gute halbe Stunde beisammen gewesen sein, als ich wieder kam. Da hörte ich, daß Erhard im Österreichischen gewesen und von einem sichern Baron Herbert [5] in Klagenfurt und Agenten Reiner in Wien sprach als von mit ihm gleichgesinnten Männern, wobei ihn Ridele ernstlich frug, ob er selbe auch wohl geprüft habe, und auf Bejahung schrieb er sich ihre Namen in sein Schreibbuch ein.

Ridele hatte wegen der nahen Abreise Geschäfte auf der Post zu verrichten. Erhard begleitete uns. Weil er auch Medizin verstand, wurde auf dem Wege weiter nichts als von Magnetismus gesprochen. Unter anderm sagte Erhard, er gedenke, in kurzem nach Wien zu kommen, wo sich beide engere Verbindung versprachen. Ridele freute sich ausnehmend auf diesen Zeitpunkt und sagte öfters seit seiner Zurückkunft: Oh! Wenn Erhard schon da wäre! Des Nachmittags kam Erhard wieder, um Ridele auf einen Spaziergang zu holen. Da aber eine kleine Unpäßlichkeit Rideles Ziehtochter das Zimmer zu hüten nötigte, so blieb ich auch zu Hause. Seitdem sah ich Erharden nicht wieder, hörte auch nicht mehr von ihm sprechen.

Zusammen mit den Arbeitern?

Aus diesem Treffen geht klar hervor, daß die deutschen Jakobiner untereinander noch nicht organisiert waren. Johann Benjamin Erhard — ein hervorragender autodidaktischer Schüler Immanuel Kants, bis heute in seiner Bedeutung beim Übergang von der kritischen Philosophie Kants zum nachkritischen Idealismus Fichtes noch nicht genügend erkannt — konnte diese Organisationsarbeit nicht in Angriff nehmen. Wenige Wochen nach dem Treffen in Stuttgart wurden seine Wiener Gesinnungsgenossen verhaftet. Erhard mußte befürchten, in Wien ebenfalls festgenommen zu werden, und unterließ die geplante Reise.

Die für eine erfolgreiche Revolution viel zu kleine Wiener Verschwörergruppe sah bald ein, daß sie sich nach Unterstützung im Volk umsehen mußte. Hebenstreit schlug ein Zusammengehen mit Studenten, Handwerksgesellen und Tagelöhnern vor. Ein großer Teil der handschriftlichen Agitationsschriften wandte sich an die unteren Volksschichten. Ruzsitska verfaßte einen Aufruf an die Bauern, eines der besten Stücke revolutionärer deutscher Literatur. Hier ein Auszug:

Als Gott den Menschen erschuf, befahl er ihm, sich sein Brot im Schweiße seines Angesichtes zu erwerben; folglich ist ein jeder Mensch schuldig, zu arbeiten. Gott hat niemand von diesem Gebot ausgenommen; und doch gibt es viele Tausende solcher Menschen, welche, solange sie leben, nicht die geringste Arbeit verrichtet haben, und doch leben diese Menschen in dem größten Überflusse, essen die allerbesten Sachen und trinken die trefflichsten Weine, die es nur in der Welt gibt.

Diese faulen Menschen heißen Herrschaften. Sie wohnen in prächtigen Palästen, und die arbeitsamen, guten Menschen, welche den Befehl Gottes getreulich befolgen, haben kaum was zu essen, müssen sich mit den schlechtesten Sachen begnügen und können sich kaum solche Häuschen aufrichten, wo sie für Regen und Frost zu bestehen vermögen. Machet doch, um Gottes willen! Machet doch einmal Eure Augen auf und betrachtet Euren Jammerstand! Helfet Euch, und Ihr werdet sehen, daß Euch Gott selbst wird behilflich sein!

Hätte Kaiser Joseph bis jetzt gelebt, so wären sie schon ohnedem mit den Edelleuten ausgerottet.

Kaiser Josef II.
(hier ein kalligrafisches Porträt von J. Franck, 1781), der Österreich von 1780 bis 1790 „aufgeklärt-absolut“ regierte, war die große Hoffnung österreichischer Jakobiner wie Andreas Riedel
Bild: Historisches Museum der Stadt Wien

Aus ganz Frankreich sind sie vertilgt, in ganz Amerika ist kein einziger, in Polen wird’s auch bald mit ihnen gar sein. Warum solltet Ihr nur die einzigen sein, die sich von ihnen so hundsföttisch drucken lassen? Fanget es je eher, je lieber an! So werden Euch Eure Kinder und Kindeskinder segnen und als rechtschaffene brave Leute loben, daß Ihr sie aus der abscheulichen Sklaverei erlöset habt. Und Gott selbst wird an Euch Freude haben, denn er sagt: Mensch, hilf dir selbst, so helfe ich dir auch. Dieses geschehe. Amen.

Als die Monarchie die Kirche aufforderte, für den Sieg Österreichs über das revolutionäre Frankreich offizielle Kriegsgebete abzuhalten, antworteten die Wiener Jakobiner mit einem anonymen Aufruf:

An die armen Gemeinbürger Österreichs und Österreichs Erbländer.

Geliebte Brüder!

Schon wieder werdet Ihr von dem unverbesserlichen Fratz-Franzenkopfe zu abermaligen, und zwar duplierten und triplierten Betstundsandachten auf das dringendste aufgefordert. Und warum? Damit der Alliierten Haß-Neid-Rach-Hochmut- und Raubsuchtkrieg zum Nachteil Ludwigs des 17. selbst gut vonstatten gehe. Damit der junge k.k. Monarchenfratz mit seiner hungrigen Lothringerfamilie bei Adam Auersperg [6] desto ruhiger schmarotzen, erwähnter Fürst aber noch mehrere Fasching- oder Ergötzlichkeitsgulden desto ungehinderter verschwenden kann. Damit der übermütige Groß- und Kleinadel, bei ausgeplünderten Tempeln, desto bälder auf neuerm Modesilber speisen und während der dreitägigen Pöbelandacht brav huren, schwelgen, wuchern und klubisieren kann. Damit die geinfelten [7] Großpfaffen und Großmönche desto prächtiger, wie es erst letzten Kriegsfasching geschehen, traktieren, die sämtlichen Großbürger aber das arme Gemeinvolk mit Wucher und Betrug desto leichter wieder drücken und unterdrücken können.

Betet dann, Bürger! Betet, aber nach unserem Rate aus ganz anderer Absicht! Betet um Vertilgung der Monarchien, Ausrottung des Adels, Demütigung der Großpfaffen, Großmönche und Großbürger. Seufzet ja nicht nach Vorteilen, sondern nach Ende des Krieges, nach Beruhigung, nicht Eroberung fremder Länder. Österreich ist nicht imstande, seine Niederländer zu bändigen. Was würde erst erfolgen, wenn besiegte Franken dazukommen? Was wäre zu erwarten von einem so untreuen Volke? Gewiß nichts anderes als lauter Sizilianische Vespern, [8] sobald Österreich mit andern Kriegen beschäftigt sein würde. Selbst die königlich Gesinnten würden Rache fordern und ihr altes Frankreich wiederherzustellen trachten. Oder habt Ihr nicht gehört, wie sie schon über die Beschädigung Toulons? [9] und anderer Festungen sehr heftig gemurret haben???

Betet demnach, Geliebte! Betet um Österreichs Strafe, nicht Siege, um Österreichs Züchtigung, nicht Verherrlichung, um Österreichs Verminderung, nicht Vergrößerung. Wird Österreich nicht gedemütigt, so bleibt es immer stolz und unruhig zum Nachteil seiner und fremder Länder!!!

Wien, den 14. März 1794.

Die wohlratenden Klosterpatrioten,
die grundehrlichen Apostelklubisten
Auf den gemäßigt aufgeklärten Leopold II. (1790-92) folgte der bigott-reaktionäre Franz (1792-1835),
der die Jakobiner verfolgen und einige von ihnen hinrichten ließ
Bild: Historisches Museum der Stadt Wien

Eid gegens Eigentum

Entsprechend dem geringen Bildungsstand der Bauern, Gesellen und Tagelöhner sahen es die Demokraten für eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, das Volk, das die Revolution durchführen und die neue Gesellschaft aufbauen sollte, erst einmal zu einem aufgeklärten Bewußtsein zu bringen. Diesem Zweck dienten populäre Lieder und politische Katechismen. Hier wurden die Gedanken von Aufklärung, Revolution und Volkssouveränität leicht faßlich eingeübt. Auch in Mundart. Die Revolutionäre übersetzten die französische Verfassung von 1791 und Artikel aus der offiziellen französischen Zeitung Moniteur, den die Gruppe abonniert hatte.

Die Verschwörergruppe konnte noch nirgends offen auftreten. Dafür fehlte in Österreich ein politisch bewußtes Bürgertum. Durch Erkennungszeichen und Eidesleistungen (ähnlich die Jakobiner der Steiermark und in Innsbruck) suchte sich die Gruppe nach außen abzusichern. Die Verschwörer des äußern Kreises — Bündner des 1. Grades genannt — erkannten sich daran, daß sie die beiden geballten Fäuste mit eingedrehtem Daumen vor sich hielten und nach einer bestimmten Zeit wieder öffneten. Wer dieses Zeichen zurückgab, galt als ein Mitglied der Verschwörergruppe, in der sich keineswegs alle kannten. Die Verschwörer des innern Kreises, die Bündner des 2. Grades, erkannten sich daran, daß sie mit der rechten Hand das linke Auge und dann mit der linken Hand das rechte Auge abwischten.

Ein Eid sollte die Gruppe festigen. Hier eine der Eidesformeln:

Im Angesichte der heiligen unveränderlichen Natur schwöre ich Haß gegen Despoten und den dreifach gekrönten Obermönch in Rom, Liebe zur Tugend und Abscheu gegen das Laster, Rache gegen schändende Menschenrechte, Beförderung der Aufklärung, Nächsten- und Menschenliebe, Unterstützung meiner Brüder mit Leben, Blut und Gut, Verschwiegenheit aller anvertrauten Geheimnisse, und ein schändlicher Strick sei mein Lohn, weil wegen Tugend, Freiheit und Gleichheit viele durch die Guillotine und das Schwert unschuldig gemordet worden sind, wenn ich je an ihm oder einem dieser Artikel durch irgendeine Handlung zum Verräter werden sollte. Zur Versieglung dieses unseres für die Menschheit heiligen Bundes vermische ich mein Blut mit dem Eurigen. Und so, wie sich dieses mit selbem vermischet und eigentlich Eures wird, so sollen wir nur eins und von nun an Brüder des großen Bundes sein. Zum Zeichen drücke ich jedem den warmen Bruderkuß auf und trinke von dessen Blute. Brüder, wir wollen leben und nie vergessen, was wir geschworen haben!

Angesichts ihrer zahlenmäßigen und organisatorischen Schwäche mußten die Wiener Jakobiner Verbindungen nach auswärts aufbauen. Von dem im Oktober 1792 fehlgeschlagenen Versuch, mittels Briefen eine deutsche Revolution herbeizuführen, haben wir schon gesprochen. Beziehungen zum revolutionären „Rheinisch-deutschen Freistaat“ mit der Hauptstadt Mainz (1793), der größten Staatengründung deutscher Jakobiner, sind bisher nicht bekannt geworden, aber nicht ausgeschlossen. Zwei Emissäre aus Wien brachten im Frühjahr 1794 Hebenstreits frühkommunistisches Gedicht „Homo hominibus“ und ein Modell seiner Kriegsmaschine nach Paris, um beides dem Wohlfahrtsausschuß vorzulegen. Ein Anhänger des polnischen Jakobiners Kosciuszko vermittelte den Revolutionären in Warschau ebenfalls ein Modell dieser Kriegsmaschine.

Anderseits lief in Wien die 1791 in Straßburg/Elsaß entstandene und in zahlreichen Auflagen verbreitete Flugschrift ein: „Allgemeiner Aufstand oder vertrauliches Sendschreiben an die benachbarten Völker, um sie zu einer heiligen und heilsamen Empörung aufzumuntern“. Carl Clauer, der lange unbekannt gebliebene Verfasser, war 1791 als überzeugter Revolutionär aus Deutschland nach Straßburg ausgewandert. Er hatte sich vermutlich in Wien mit einer unehelichen Tochter des ungarischen Grafen Fekete von Galantha verheiratet, eines führenden Mitglieds der aufgeklärten ungarischen Adelsopposition. Über Clauer könnte eine Verbindung Wien-Straßburg bestanden haben. Zuletzt standen die Wiener Jakobiner in Verbindung mit dem Zentrum der ungarischen Jakobiner um Abt Martinovics.

Politisch ging der Wiener Platzoberleutnant Hebenstreit innerhalb der Wiener Gruppe am weitesten. Seine kommunistischen Vorstellungen gehen aus einem Verhörprotokoll hervor:

In meinen öftern Betrachtungen fand ich, daß der Neid in seinem ausgedehnten Verstande die Hauptquelle aller Laster sei, auf der anderen Seite, daß von dem Krieg zum Prozesse, vom Prozesse zum Raub und zur Plünderei keinen andern Grund als das Mein und Dein haben. Wenn ich nun den Neid in seinem Wesen betrachtete, so fand ich, daß er wie jedes andere Gefühl eine Veranlassung vorhersetze, und diese Veranlassung war abermals das Mein und Dein oder mit einem Worte: das Eigentum.

Nun dachte ich weiter. Seit so vielen hundert Jahren werden Gesetze gegeben; sooft ein Gesetz gegeben wird, so wird es gegeben, weil man ein Übel vorher wahrgenommen hat. Und kaum ist es gegeben, so entstehet per fraudem legis ein neues Übel, folglich ein Kreisgang eines Übels hinter dem andern. Ich dachte ferner, der Mensch hat sein Entstehen vom Schöpfer, welcher also der ist, aus dessen Hand er kömmt. Nun da ein Mensch, welcher einem Künstler sein Werk verbessern wollte, wenn er nicht selbst mit kunstverständig wäre, dieses Werk sicher verderben würde, so zog ich den Schluß, daß das Verderbnis der Menschen daher rühre, daß einer den andern besser machen wolle. Ich dachte ferner: Solang wir uns von unserer unveränderlichen Natur entfernen wollen, versuchen wir das Unmögliche, und die Erfahrung zeigt, daß man bis dato dadurch immer das Unmögliche gesucht hat; denn obschon seit undenklichen Jahren Religionen, Gesetze, Richter, Strafen und Belohnungen sind, so ist dennoch noch nicht ein einziges Laster von der Welt verschwunden; also sind alle obangezeigten Mittel, die Menschen zu bessern, nicht die rechten, weil sie das Ziel nicht erreichen. Dagegen in einer Gesellschaft, worinnen alle Natur- und Kunstprodukte nach jedem Bedürfnis gemeinnützig sind, folglich der Erwerb sowie der Genuß gemeinschaftlich, in einer solchen Gesellschaft ist jedes Laster unmöglich.

Der Zustand der Paraguayer diente mir hierinfalls einigermaßen zur Grundlage. Was mich aber hauptsächlich zu dieser Meinung bestimmt hat, ist, daß zwischen dem eigentümlichen und dem gemeinschaftlichen Genuß kein dritter Genuß möglich ist, bei dem Eigentumsgenuß wirklich die Laster stehen, folglich, wenn eine Möglichkeit ist, daß der Mensch, so wie er aus des Schöpfers Hand unschuldig kommt, unschuldig bleibe, so muß es bei dem gemeinschaftlichen Genuß sein, da es bei dem Eigentumsgenuß nicht sein kann. Daraus schöpfte ich dann die Hoffnung, durch den gemeinschaftlichen Genuß alle Laster auf einmal in ihrer Wurzel zu ersticken.

Am leichtesten, dachte ich, würde es gehen, wenn alle Grundbesitzer bei ihren Gründen wohnten, wodurch dann notwendigerweise die ihretwegen nach den Städten ziehenden Künstler und Handwerker, dann Dienste suchende Leute auf dem Lande bleiben würden, anstatt daß sie itzo die Städte überschwemmen. Wenn man den Landleuten begreiflich machte, daß, solang sie ein Eigentum haben, sie tausend Zufällen unterworfen sind, wodurch sie in Elend geraten, und im Gegenteile, daß, wenn sie gemeinschaftlich arbeiten und genießen, sie diesem nicht ausgesetzt sind, zum Beispiel: Landmann A. leidet durch Schauer an seiner Saat, die anderen nicht. Lebten sie nun in Gemeinschaft, so hätte Landmann A. nichts gelitten. Dadurch aber, daß er ein Eigentum hat, ist er vielleicht auf mehrere Jahre zurückgesetzt.

So wie sich ein Nachbar zum andern, so hätte sich hernach eine Gemeinde zur andern und so fort ein Kreis zum andern, eine Provinz zur andern zu verhalten.

Verrat, Gefängnis, Tod

Im Juli 1794, als die herrschende Klasse schon in größter Furcht vor den Jakobinern lebte, gelang es dem Wiener Buchhändler Joseph Vinzenz Degen, sich in die Gruppe einzuschleichen. Im Jahr 1792 noch war Degen als Demokrat bei der Krönung Kaiser Franz II. in Frankfurt/Main gewesen und dann im Auftrag einer geheimen Gesellschaft mit einem falschen Paß nach Frankreich, Holland und England weitergereist, um gegen Österreich zu arbeiten. Der Exdemokrat wurde zum Verräter.

Am 24. Juli 1794 wurden die Wiener Jakobiner verhaftet. Der Kaiser Franz, eine durch und durch beschränkte und rückschrittliche Figur, wollte die Revolutionäre den ordentlichen Gerichten entziehen und einen Sondergerichtshof einrichten, um alle Inhaftierten hinrichten zu lassen. Dieser Rechtsbeugung widersetzten sich seine Juristen; denn seit Leopold II. war für Zivilisten die Todesstrafe abgeschafft. Der Prozeß fand dann ein Jahr lang, bis Juli 1795, als geheimes Inquisitionsverfahren statt — ohne öffentliche Ankläger, ohne Verteidiger, mit Folter.

Brutstätte des Aufruhrs, Opfer der Zensur:
Wiener Buchhandlung zur Zeit Josefs II. (Stich von J. Richter, 1785)
Bild: Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Kajetan Gilowsky war den Qualen der Untersuchungshaft nicht gewachsen und beging am 8. September 1794 Selbstmord. In Wien erschien sofort folgende offizielle Flugschrift. (Man muß sich vergegenwärtigen, daß Gilowskys Leiche an den Pranger gestellt und dann noch gehängt wurde!)

Beschreibung auf Gilowskys Tod

Liebe Mitbürger!

Den 10. September 1794, Wien

Der Mann, welcher den 10. dieses [September 1794] vor dem Stubentore nach Kriegsrecht aufgehenkt worden ist, hieß Gilowsky. Er kam als Fremdling nach Wien. Der Staat gab ihm Schutz und Brot. Er konnte ruhig und glücklich leben. Allein schwarzer Undank befleckte seine Seele. Er wurde an dem Staate, der ihn so liebevoll aufgenommen hatte, zum Verräter, und an seinen guten Mitbürgern, deren Ruhe er stören wollte, zum Verbrecher.

Zeitlich genug entdeckte man dieses Menschen böses Vorhaben. Er wurde eingezogen und untersucht. Er fühlte gar bald, daß die schwere Hand der Gerechtigkeit ihn ergreifen werde, und da einem Menschen, der so vermessen die Ruhe und Glückseligkeit seiner Mitbürger zu untergraben willens war, Gott und die Religion notwendig fremd sein müssen, so vermehrte er sein Verbrechen noch mit dem Selbstmorde, indem er sich in seinem Arreste mit einem Schnupftuche aufhenkte und solchergestalt der Strafe, welche die Gesetze Verbrechern der Art ausmessen, zu entgehen hoffte. Er ist ihr aber nicht entgangen. Das Kriegsrecht hat gesprochen, und er henkt an dem Pfahl, an dem er bestimmt war, zum erspiegelnden Abscheu für alle Ruhestörer und zum Trost aller guten Bürger, welche in der gerechten Bestrafung solcher Bösewichter Sicherheit für ihre Person und ihr Eigentum finden und das Glück fühlen, in einem Staate zu leben, wo Ordnung und Gesetze herrschen. [10]

Hängen, Rädern und Kopfabschlagen in Wien:
Zeitgenössische Hinrichtung auf dem Rabenstein in der Roßau (Radierung von Cl. Kohl, 1786)

1795 erhielten die ersten Demokraten Österreichs ihre Urteile. Mit der gleichzeitig zerschlagenen ungarischen Jakobinergruppe wurde am brutalsten umgesprungen: sieben ungarische Revolutionäre wurden in Ofen enthauptet. Von den Österreichern wurde nur der Militär Hebenstreit zum Tode verurteilt, und am 8. Jänner 1795 wurde er öffentlich gehängt. Der Wiener Gesandte des Kurfürstentums Mainz übermittelte seiner Regierung, welchen Eindruck Hebenstreit auf ihn gemacht hatte:

Der hiesige Platzoberleutnant Franz Hebenstreit ist vorgestern in seiner Offizierskleidung auf den hiesigen Exerzierplatz vor dem Schottentor geführet und dort mit dem Strang hingerichtet worden. Auf der Brust wurde ihm sodann eine Tafel mit der Inschrift „Wegen Staats- und Landesverräterei“ umgehängt, sonst ist von seinen Verbrechen umständlich und legal nichts bekannt. Man erzählt sich, er habe eine Maschine erfunden, wodurch der Kavallerie gewaltiger Schaden könne zugefügt werden, solche (nachdem er sie hier angeboten und ihm nicht sein abgenommen worden) vor zwei Jahren an die Franzosen verkauft, die sie sehr gegen uns benutzt hätten. Ferner soll er ein aufrührerisches Gesang unter dem Titel „Das Eipeldauerlied“ komponiert haben, welches er, wie man sagt, im vorigen Sommer mit Wolstein und anderen in dem Brühl, einem Belustigungsort unweit Wiens, abgesungen. Dabei pflanzte Wolstein ein Freiheitssträuchchen, wie er es nannte, in den Erdboden, welches zu einem Baum erwachsen sollte, und dergleichen unsinniges Zeug mehr.

Die meisten anderen revolutionären Demokraten erhielten 30 Jahre Festungshaft. Die Urteile wurden in Flugschriften dem Wiener Volk bekanntgegeben (siehe Abbildung des Urteils gegen Riedel [11]), nachdem es der Kaiser nicht gewagt hatte, den Prozeß öffentlich zu führen. Die Verurteilten wurden auf die Festung Munkacz gebracht. Dort starben Gotthardi und Prandstätter an den unmenschlichen Haftbedingungen. Die anderen wurden 1802, nach sieben Jahren, amnestiert.

Nur Riedel, das Haupt der Jakobinergruppe, blieb bis 1809 inhaftiert, als ihn endlich nach der Niederlage Österreichs ein französischer General entfliehen ließ. In Paris schlug er sich mit Sprachunterricht durch und starb 1837 in Armut.

Gedruckter Text des Jakobiner-Urteils,
als Propagandabroschüre der Regierung an die Wiener verteilt (aus den Akten des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs)

[1Die Studie stammt von dem Auslandsösterreicher Ernst Wangermann und erschien 1959 in der Oxford University Press unter dem Titel „From Joseph II to the Jacobin Trials“. Deutsch: Von Josef II. zu den Jakobinerprozessen, Wien 1966 (Europaverlag).

[2Hier kann nur ein kleiner Einblick in den unausgeschöpften Gedanken- und Schriftenreichtum der Wiener Jakobiner geboten werden. Ich stütze mich, neben eigenen Forschungen, vor allem auf Alfred Körner: Die Wiener Jakobiner, Stuttgart 1972. Hieraus sind die Zitate, wenn nichts anderes vermerkt ist. Das Buch aus dem Verlag J. B. Metzler ist in Wien leider so gut wie unbekannt geblieben und wurde vor Jahren verramscht. Es wäre Aufgabe eines österreichischen Verlages, dieses Werk neu herauszubringen. Die Originale der Dokumente befinden sich zumeist im Staatsarchiv Wien, Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv, und in der Stadtbibliothek Wien.

[3Johann Benjamin Erhard: Über das Recht des Volks zu einer Revolution und andere Schriften. Hrsg. und mit einem Nachwort von Hellmut G. Haasis, 3. Aufl., Frankfurt 1976 (Verlag Syndikat).

[4Irrtum von Hohenwart: Erhard war damals Arzt in Nürnberg.

[5Baron Franz Paul von Herbert, Freund Erhards und des Jenaer Philosophieprofessors Karl Leonhard Reinhold. Er stand wie viele andere wegen seiner politisch radikalen Haltung unter Polizeiaufsicht.

[6Österreichisches Uradelsgeschlecht

[7Mit der Infel versehen. Infel ist die Mütze des Bischofs oder Abts.

[8Gemeint ist der 1282 ausgebrochene Volksaufstand gegen die französische Besatzung.

[9Vom August bis Dezember 1793 war die französische Festung Toulon mit militärischer Unterstützung der Engländer im Besitz der Revolutionsgegner.

[10Nach dem Originaldruck der Flugschrift, die sich in der Stadtbibliothek Wien unter der Signatur 39.975 C, Nr. 11 befindet.

[11Faksimile von Riedels Urteil nach dem Originaldruck in der Stadtbibliothek Wien unter der Signatur 39.975 C, Kuvert 1795.

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