Heft 3-4/2002
Juni
2002

Transfer eines Feindbildes

Antisemitismus in islamischen Gesellschaften

In der Diskussion über die jüngste Eskalation des Nahostkonfliks und die antisemitischen Angriffe der “weltweiten Intifada” in Europa kommt leider nur zu oft die sachliche Analyse und Kritik des Antisemitismus in islamischen Gesellschafen zu kurz.

Bisher sind zu diesem Thema nur einzelne Artikel, u.a. in Context XXI, erschienen. Nun ist jedoch in einem kleinen Verlag ein neues Buch dazu erschienen, das davon ausgeht, dass “die Matrix des neuen Feindbildes als identitätsbildendes Moment [...] zweifelsohne nicht in der islamischen Tradition zu finden” ist. Aber nach der Staatsgründung Israels wäre ein halbwegs konfliktfreies Zusammenleben von Muslimen und Juden nicht mehr möglich gewesen.

Von den einst großen jüdischen Gemeinden in arabischen Ländern gibt es heute nur noch in Marokko und Tunesien nenneswerte Reste. In Ägypten. Libyen, im Irak und in Algerien endete blitzartig eine jüdische Gemeindetradition, die teilweise bis in die Antike zurückreichte. Das „Verschwinden“ der Juden aus den arabischen Gesellschaften, bzw. der Verlust des alltäglichen Miteinander-Lebens, ermöglichte den Prozess einer Feindbildkonstruktion, der die Erinnerungen an das viele Generationen überdauernde friedliche Zusammenleben bedeutungslos werden läßt. (S. 11)

Kiefer beschreibt detailliert den Import völkischer antisemitischer Stereotype in islamische Gesellschaften, die sich heute weit über die arabischen Staaten hinaus wiederfinden. Er analysiert den politischen Islam dabei nicht als vormodernes Phänomen, sondern sieht dessen Antisemitismus geradezu als Aspekt der islamischen Moderne, eben als modernen Antisemitismus. Der Analyse der Islamisierung des Antisemitismus folgt eine Nachbemerkung zum islamischen Antisemitismus bei Milli Görüs, Kaplans Kalifenstaat und anderen islamisch-integralistischen Organisationen in Deutschland, die dieses empfehlenswerte Buch noch lesenswerter macht.

Die Fotografien in dieser Ausgabe stammen von dem Künstler Francisco „Panchi“ Claure Ibarra, der in Bolivien geboren ist und derzeit in Wien lebt. Er hat liebenswerterweise Context XXI diese Auswahl seiner Fotografien speziell für den Lateinamerika-Schwerpunkt zur Verfügung gestellt.

Michael Kiefer:
Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften
Der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes

Verlag: Verein zur Förderung gleichberechtigter Kommunikation e.V.
Düsseldorf, 2002
ISBN: 3-9805861-2-X
14,90 EURO

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