FORVM, Burgeriana
Januar
2022
Zum Glück nach dem Ende, der zweite von drei Teilen

Über Gott und die Welt und das Böse

Antiphilosophische Allotria im Nachlass Burger

Ein wutiges Pamphlet, zuerst gegen Anton Pelinka und sodann gegen mich, enthält das erste posthume Buch von Rudolf Burger im Nachwort des Herausgebers. Offenbar hatte ihn erbost, wie meine Analyse des Artikels gegen „Gedenken“
und für das „Vergessen“ ausgefallen war, den sein Gott
vor gut 20 Jahren geschrieben hatte.

Im ersten Teil dieser kleinen Serie wurde das Buch besichtigt, diese Folge
führt den Teil des Pamphlets vor, der sich gegen Anton Pelinka richtet,
die nächste den Rest.

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Anton Pelinka im Juni 2006

In meiner Post ein Buch aus dem Sonderzahl Verlag: Rudolf Burger, Über Gott und die Welt und die Liebe; Begleitbillett: Mit herzlichen Grüßen, Unterschrift unleserlich.

Im Nachwort des Herausgebers: drei Seiten Polemik gegen mich, Anmerkungen inklusive. Ich kann nicht behaupten, dass es mich freut, aber o.k., schließlich hatte ihm meine Kritik an seinem Idol ebensowenig gefallen können. Am Ende sollte mir gleichgültig sein, was ihm gegen mich eingefallen ist – mit einer Ausnahme, und für die musste ich ihn zur Rede stellen, am 3. Juli 2021 per Mail:

Danke für das Buch, Bernhard, es ist heute Mittag angekommen. Aus der Eröffnungspassage zu dem mir gewidmeten Abschnitt werde ich nicht klug, bitte um Aufklärung:

„Sieht man von Drohanrufen ab, unter denen auch Burgers Familie zu leiden hatte, ist und bleibt es Oberschlicks Verdienst, [...]“

Von wessen Drohanrufen ist abzusehen, um meinen Verdienst sein und bleiben zu lassen? Das klingt, als wolltest Du mir umhängen, ich hätte bei Burger angerufen und ihm und/oder seiner Familie gedroht bzw. ihn und/oder seine Familie bedroht. Hast Du das so gemeint? Wenn ja: Woher weißt Du von Anrufen, von denen ich nichts weiß?

Gerhard

Am übernächsten Tag schon schrieb er zurück:

Die Form des Drohanrufs, da bin ich mir sicher, ist nicht die Deine.

Dann ist’s ja gut. Mir hätte das genügt, aber ihm nicht: Er musste die Klarstellung durch drei Absätze voll mit kryptischen Andeutungen und Anwürfen verdunkeln, deren einer mich wiederum empfindlich stört: Ich würde das „nicht Goutierte auf Teufel komm raus aus seinem Kontext [...] lösen, um es dann, weil es so auch leichter geht, zu hinterfragen.“ Hatte er sich darauf verlassen, dass niemand nachschauen würde, was meine Frage aus welchem Kontext hätte lösen können? Er hatte die angeblichen Drohanrufe und mich in einem Satz zusammen erwähnt, in keinem anderen als dem syntaktischen Zusammenhang, aber auch ohne klarzustellen, dass und warum er mich nicht verdächtigt, drohend angerufen zu haben. Über dem Gerücht von Drohanrufen schwebt ein Verdacht, aber gegen wen? – im selben Satz genannt bin nur ich. Deshalb ja hatte ich nach dem Sinn jener zwei Zeilen gefragt, um aus dem dubiosen Kontext der angeblichen Drohanrufe, mit denen ich nichts zu tun hatte, meine meistens doch eher goutierte Person zu lösen, und nicht „das nicht Goutierte auf Teufel komm raus aus seinem Kontext“. – Der infame Vorwurf ist mir eine Lehre:

Mich wird er nicht noch einmal bezichtigen, etwas „aus seinem Kontext zu lösen“ und dass ich es mir leichtmach’. Ich werde unten, am Ende meiner Analyse, seine faksimilierten Texte anhängen, die ich hier behandle. Damit lassen sich meine Einwände und der Zusammenhang bequem mit den Originalen vergleichen und überprüfen, wie leicht ich’s mir hier mache.

(Sollten Verlag und/oder Autor des Pamphlets den direkten Vergleich scheuen und, wozu sie berechtigt wären, die Überschreitung des zulässigen Umfanges von Zitaten untersagen, dann wird der Faksimile-Anhang wieder gelöscht; nicht zu meinem Schaden.)

Den Anfang macht gleich das Snippet des Absatzes, dessen ersten zwei Zeilen mein Mail gegolten hatte. Was war in meiner Frage „aus seinem Kontext“ gelöst? hatte er nicht selbst Pelinkas Hitler-Erwähnung schon total aus ihrem Kontext „gelöst“? was hätte ich da überhaupt noch und woraus denn lösen können? zumal „auf Teufel komm raus“, wie er mir blindwütig vorwirft? also sinnstörend oder ohne Rücksicht auf einen Sinnzusammenhang, den er selbst unterschlagen hatte? Nun sein Absatz:

Nachstehend der vollständigige Worlaut seines Antwortmails (Foto im Anhang). Die positiven Klarstellungen, dass er mich nicht als den Urheber von Drohanrufen verdächtigt, stehen im vierten und fünften Absatz, im ersten steht der beliebte Vorwurf, etwas „aus dem Zusammenhang zu reißen“, leicht abweichend formuliert: „aus seinem Kontext zu lösen“. Der Vorhalt trifft oft genug zu, aber diesmal passt halt er zufällig gar nicht. Immerhin verneint er jeden ursächlichen Zusammenhang zwischen den Anrufen und mir. Allerdings erst zur Rede gestellt und nur mir gegenüber, nicht vor dem Publikum, das den falschen Zusammenhang weiterhin vermuten kann. – Das sollte er klarstellen, spätestens im nächsten Nachlassband. – Nun also sein Antwortmail vom 5. Juli 2021, 12:28, per Copy/Paste:

Lieber Gerhard,

neidlos anerkenne ich Dein Talent, das Evidente so lange zu drehen und zu wenden, bis es nicht mehr evident ist. Dabei setzt Du immer wieder dieselbe hermeneutische Mechanik in Gang. Sie besteht im Wesentlichen darin, das von Dir nicht Goutierte auf Teufel komm raus aus seinem Kontext zu lösen, um es dann, weil es so auch leichter geht, zu hinterfragen. Im Großen hast Du das schon bei Rudolf Burger gemacht, im Kleinen jetzt eben auch bei mir.

Nun zu Deiner Frage. Beginnend mit Abschnitt 9 geht es um Kritik vs. Ressentiment, letzteres hast Du im Falle Burger, so meine These, zu Ende gedacht. Das habe ich dann in Abschnitt 10 ausgeführt.

Ich dachte, Anton Pelinka mit seinem Hitler-Vergleich einerseits und die anonymen Drohanrufe andererseits wären nicht mehr zu steigern. Du hast mich eines Besseren belehrt. Während sich Pelinka noch im Rahmen politisch-ideologischer Kritik bewegt und die Drohanrufe „nur“ auf vorübergehende seelische Destabilisierung aus sind, ist es Dir gelungen, das Ressentiment gegen Rudolf Burger zu vollenden, indem Du es in die Rechtsform gegossen hast.

Die Form des Drohanrufs, da bin ich mir sicher, ist nicht die Deine. Du bist zu kultiviert dafür, und ihre Nachhaltigkeit ist für Deinen Geschmack wohl zu begrenzt. Die Form des Drohanrufs ist aber auch deshalb nicht die Deine, weil Du die Form des Schriftsatzes vorziehst, da kannst Du Dich elegant und entspannt zurücklehnen und beobachten, wie andere ihn aufgreifen, bei Offizialdelikten sogar aufgreifen müssen.

Hätte ich also gemeint, dass Du Drohanrufe abgesetzt hast, hätte ich geschrieben: „Sieht man von Oberschlicks Drohanrufen ab …“

Beste Grüße
Bernhard

Gleich die erste Zeile weckt eine freudige Erwartung: Was wird es wohl sein, „das Evidente“, das er verheißt? Wird es mit Burgers, z.B. in der mindestens dreifach publizierten „pyrrhonischen Skizze“ seiner Ansichten über Geschichte deklariertem, Skeptizismus zusammenpassen? oder lässt er seine schroffe Abkehr davon hier sanft einfließen, weil er Burger in diesem Punkt nicht allzu offensichtlich, aber doch widersprechen will? Im methodischen Zweifel hatte Descartes alle Evidenzen des Alltags wie der dogmatischen Glaubenslehren begraben wollen, bis ihm die eine, nicht mehr destruierbare Evidenz der Selbstgewissheit den gedanklichen Halt gab, der die antike Skepsis in neuzeitlichen Schranken wies, die Pyrrho der Überlieferung zufolge noch nicht gekannt hatte. Ich war gespannt, wie Kraller „das Evidente“ philosophisch erweisen würde. – Kleiner Vorgriff, um die freudige Erwartung geschätzter Leser*innen nicht grausam auf die Folter zu spannen: Vom ersten bis zum letzten Buchstaben des Nachworts hat er seine erkenntnistheoretisch höchst bedeutsames Wissen, was „das Evidente“ sei und wodurch es zu erlangen wäre, eifersüchtig für sich behalten. Vielleicht wird er es ja in einem der Nachwörter zu späteren Bänden entbergen. Nun per Copy/Paste das immerhin auch aufschlussreiche Postscriptum zu seinem obigen Mail:

PS: Das Nachwort haben unabhängig voneinander zwei externe Germanistinnen und mein Verleger gelesen. Sie haben mir viele wertvolle formale und inhaltliche Korrekturen vorgeschlagen, die ich umgesetzt habe. Die gegenständliche, von Dir hinterfragte Stelle hat keine(r) der drei in Deiner Weise problematisiert. Hätte auch nur eine(r) der drei es gemacht, da kannst Du Dir sicher sein, ich hätte sie geändert. Ich hätte das schon allein deswegen gemacht, um den unbeseelten Ärger einer Auseinandersetzung mit Dir, der womöglich auch noch vor Gericht endet, zu vermeiden.

Weil seine drei Gegenleser*innen nicht „problematisiert“ hatten, dass er die Drohanrufe und mich im selbenTeilsatz nennt, hält er sich für exkulpiert – zu Unrecht, wie S. 483 zeigt: Dort dankt er dem Co-Verleger Matthias Schmidt, aber nicht für Lektorierung, nur „für die […] Gestaltung des Covers sowie seine Idee“ der lebenden Kolumnentitel; und den zwei nun namentlich genannten Germanistinnen „für deren sprachliche Expertise“ – die als solche keine Realitätsprüfung umfassen musste. Der dritte Gegenleser, „mein Verleger“, muss der andere Co-Verleger Dieter Bandhauer gewesen sein, den er an anderer Stelle nennt. Der hatte sich einen Lektor erspart sowie unterlassen, den Job selbst zu versehen: den Realitätsgehalt von Daten, Fakten und Zusammenhängen zu prüfen. So war niemand da, der die von mir „hinterfragte Stelle in deiner Weise problematisiert“ hätte bzw. es in meiner Weise hätte problematisiren sollen oder wollen und die Denk- und sonstigen Fehler gar hätte erkennen müssen. Seine Entlastungszeugen hatten sich an der zweideutigen Formulierung nicht stoßen müssen, weil sie nicht zuständig waren, für sachliche Klarheit zu sorgen; logische Fehler hätten ihnen allerdings auffallen dürfen.

Den kryptischen Anwurf gegen Anton Pelinka und mich in Absatz 3 des Mails lese ich als Anregung, mich um mehr zu kümmern als gedacht: nicht erst um den mir gewidmeten Abschnitt 10, sondern seinem Hinweis zu folgen: „beginnend mit Abschnitt 9“ ginge es um

„Kritik vs. Ressentiment“

Reinste Aufschneiderei, denn die Disjunktion „Kritik : Ressentiment“ kommt in dem ganzen Abschnitt (und auch sonst in dem famosen Nachwort) überhaupt nicht vor, sondern er beginnt einmal mehr mit gewohntem Verehrungskitsch. Diesmal neckisch, sagt er Burger psychologisierend eine Defizienz nach, die zu bewundern wäre: der könne und wolle nicht hassen. Darauf folgt – gegen Anton Pelinka gewendet – ein Lob des Verachtens; tatsächlich eine geläufige Attitüde Burgers, die Kraller dem Hassen entgegensetzt, um sich als Bewunderer der Menschenverachtung zu outen. Das angekündigte Thema beginnt nicht mit diesem Abschnitt, sondern erst etwas später in ihm, nämlich mit Absatz 2. Auch dort enttäuscht er die Erwartung, er werde einen Gegensatz oder Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment definieren, darstellen, erklären oder aufweisen. Er versucht es nicht einmal, sondern brüstet sich nur, er „habe einen guten Überblick über die einschlägige Kritikmasse, die Rudolf Burger im Laufe seines Lebens zu schlucken hatte“. So stilisiert er sein Idol zum Opfer allemal böser Kritik; andere Kritik kommt in der Masse nicht ins Blickfeld – vielleicht gibt es ja auch nur böse; oder Kritik ist, wenn sie sich auf seinen Burger richtet, schon per se das Böse.

Statt Kritik und Ressentiment zu unterscheiden, meint er herabsetzend, dass ein nicht geringer Teil der „Kritikmasse“ „mit Kritik nur wenig zu tun hat, wohl aber mit mehr oder weniger unterschwelligem Ressentiment“, und dieses „lässt sich“ aus „transgenerationalen historischen Traumata seiner Kritiker erklären“. Er stellt also gar nicht Kritik und Ressentiment gegenüber, sondern schreibt Autor*innen ein Ressentiment zu, durch das deren „nicht geringer Teil“ der gesamten „einschlägigen Kritikmasse [...] nur wenig mit Kritik zu tun hat“. Warum nennt er sie dann „Kritiker“ und schreibt ihnen einen Anteil an der Kritikmasse zu? Sprachlogische Inkonsistenz indiziert logische Fehler, die regelmäßig dort unterlaufen, wo man wunschgeleitet urteilt, ohne Rücksicht auf den Sachverhalt, statt diesen sachgerecht zur Kenntnis zu nehmen. Im vorliegenden Fall verhält es sich so:

Kritiker*innen folgen freilich ihren Motiven, die jedoch irrelevant für die Frage sind, ob ihre Kritik zutrifft oder nicht. Das hätte Kraller in diesem Buch, das er selbst herausgab, bequem lernen können. Es genügt halt nicht, die Beiträge nach aparten Gesichtspunkten zu kompilieren, es wäre vielmehr darauf angekommen, Burgers nicht selten beherzigenswerten Lehren mit Verstand zu folgen, statt sie nur herauszugeben. Das hätte zumal dem Nachwort gut getan. Zum Beispiel Seite 231, da spricht Burger über zwei Arten der Beurteilung von Politik:

Man kann eine Politik beurteilen nach den Motiven des Handelnden, nach den Intentionen und nach den Ergebnissen. Die Motive kenne ich nicht, ich bin kein Psychologe. Fast jeder österreichische Journalist ist ein Psychologe, ich bin keiner.

Das Argument lässt sich auf Kritik übertragen: Ob Kritiker Ressentiments gegen ihre Kritisierten hegen oder sie lieben, sagt nicht, ob die Kritik zutrifft oder nicht. Letzteres, meint Burger, lässt sich entscheiden; die Motive, Stellung und Gefühlshaltung der Kritiker gegenüber den Kritisierten kennt er nicht deshalb nicht, weil ihm das Studium der Psychologie und Psychiatrie fehlt, sondern weil die Motive, Intentionen und Einstellungen einer sicheren Erkenntnis Dritter prinzipiell nicht zugänglich sind (nicht einmal einem selbst mit letzter Gewissheit, aber dieser Aspekt steckt nicht mit in der zitierten Stelle). Das hätte Kraller von Burger lernen können, und weil er es nicht gelernt hat, fällt ihm nicht auf, wie sehr, ja: wie grundsätzlich er sich von seinem Idol unterscheidet, wenn er sich als das überlegene Seelenschlieferl geriert, indem er meint, kritische Einwände gegen Burger abtun zu können, indem er den Urhebern ein Ressentiment unterstellt/unterschiebt, und unliebsamen Einwänden den Ehrentitel einer „Kritik“ willkürlich aberkennt. Wer verstanden hat, dass Burger nicht nur kokett sagt, „ich bin kein Psychologe“, wird die realen Gedankendinge Kritik und Ressentiment niemals als disjunktive Gegensätze behandeln: „Ressentiment“ bedeutet eine heftige Ablehnung, die wohlbegründet, unbegründet und wohl auch krankhaft sein kann. Ob kritische Einwände zutreffen oder nicht, entscheidet nicht die Einstellung des Kritikers: Einer krankhaften Ablehnung entsprungene Einwände müssen genauso wenig falsch sein, wie eine noch so liebende Verehrung keiner Zustimmung die Richtigkeit verbürgt.

Für seine Psychodiagnose untersucht Kraller keine Personen, testet weder nach Rorschach noch mittels Fragebogen und führt kein Interview. Er geht umgekehrt vor, zäumt, wie man sagt, das Pferd von hinten auf, wo er Äpfel erntet: Kritiken, die er nicht goutiert, entwertet er mit dem Stempel „Ressentiment“ wie der Automat die Fahrscheine in den Öffis. Durch diesen Vorgang hält er das nicht Goutierte für erledigt, wirft aber – die Pauschaldiagnostik scheint ihm selbst nicht ganz koscher – auf die Kritiker noch Batzen von Dreck. Ganz der „Psychologe“, den Burger „fast“ jedem österreichischen Journalisten verächtlich nachgesagt hat.

Der verkannte Anton Pelinka

Von einem der höheren Gipfel des Schwachsinns herab meint Kraller, Anton Pelinka abkanzeln zu können: der habe Burger „aus Gründen affektgeladener historischer Verantwortung“ kritisiert. – Solche Gründe sind nach Krallers Begriffen offenbar einem Ressentiment gleichzuachten, wenn es nicht ohnehin eines ist. Jedenfalls hält er’s für übel, historische Verantwortung zu übernehmen, zumal wenn’s nicht emotionslos geschieht. Interessant, wie er auf Pelinka losgeht: Das folgende Zitat (S. 461) beginnt mit „War es doch“:

Erstens die interessante Wortwahl mit der verhatschten Metapher „Gedankenzug“. Gedanken sind weder Linien noch Vögel, sie ziehen nicht und werden nicht gezogen. Er hatte wohl eine Nachbildung des geläufigen und sinnvollen Wortes „Atemzug“ gesucht, den es wirklich gibt. Zweitens das kurze Gedächtnis: Nur zwei Zeilen trennen das optische Zitat von dem schon vom ersten Snippet oben bekannten Anfang des Abschnitts 10:

Als braver Knappe jederzeit parteiisch an der Seite seines verewigten Herrn, kann er‘s nicht unverständlich finden wollen, wenn Burger Hass entwickelt hätte, weil Pelinka „in einem Gedankenzug“ ihn mit Hitler nannte. Aber als Pamphletist findet er nichts dabei, in einem Atemzug mit Drohanrufen mich zu nennen. Dabei kein schlechtes Gewissen zu entwickeln, heißt keines zu haben oder es setzt eine bemerenswerte Segnung mit der Gnade des kurzem Gedächtnisses voraus, das keine drei Zeilen überbrücken mag. Zudem lässt sich die Kombination der Drohanrufe mit meinem Namen noch bei Kurzatmigkeit in einem Atemzug unterbringen, während Pelinkas „Gedankenzug“, den Kraller in dieses Tarnwort eingedampft hat, eine gute Druckseite überspannt: insofern ist die verhatschte Metapher sogar sachgerecht gut.

Pelinka beginnt satirisch, dann übersetzt er eine ganz bestimmte Invektive Burgers sinngemäß in andere Worte, und indem er eine Attitüde aus Burgers Text ironisch übernimmt, setzt er die sachliche Pointe, ohne deren parodistische Herkunft ausdrücklich zu erwähnen. Um Pelinkas Einwendung zu verstehen, braucht es ein Streiflicht auf Burgers Text, wo er die ersten drei Druckseiten lang skeptisch über Nazizeit und Verdrängung referiert, um sich dann direkt ans (Lese-) Publikum zu wenden:

Sie haben natürlich sofort erkannt, daß der obenstehende Text eine Fälschung ist, genauer gesagt: eine Verfälschung. Allerdings nur eine sehr geringe. Sie haben sofort erkannt, daß die Zitate durchwegs aus dem berühmten Einleitungskapitel ,Wir Viktorianer‘ des ersten Bandes von Michel Foucaults großer Studie ,Sexualität und Wahrheit‘ stammen, mit einigen wenigen, allerdings entscheidenden Veränderungen: Das Wort ,Sexus‘ ist durch das Wort ,Nazizeit‘ ersetzt, das Wort ,Repression‘ durch das Wort ,Verdrängung‘: ansonsten werden nur einige kleinere Retuschen vorgenommen, um den Text seinem neuen Thema anzupassen – die wenigen Eingriffe sind durch Kursivierung kenntlich gemacht.

Das höhnende „Sie haben natürlich sofort erkannt“ musste er wiederholen, es lässt die Leser*innen – und nicht zuletzt genießerisch ihn selbst – so schön seine Überlegenheit fühlen, denn fürs Erste erkennt natürlich niemand das verfremdete Stück Foucault. Pelinka bezieht sich nicht auf den Hohn, wohl aber, und zustimmend, auf den Inhalt von Burgers Scharade. Unter dem Titel „Aber die Verhältnisse, die sind nicht so“ schreibt er „Anmerkungen zu Rudolf Burgers Flucht aus der Vergangenheit“, die er, vorweg Ja/Nein, sodann streichelweich mit drei zustimmenden Bemerkungen versieht, gefolgt von einer skeptischen. Nach einem Zwischentitel dann seine Kritik, die ich hier zurückreiße in ihren Kontext, aus dem Kraller sie gelöst hat, aufgelöst und gestaucht auf vier Wörter plus Stellenangabe, die er mit Burger anstößig finden will, um zum Ausdruck eines ungeheuerlich bösen Ressentiments umzufälschen, was Pelinka sorgsam und geradezu liebe- und rücksichtsvoll dem alten Freund ins Gewissen redet:

Rudolf Burger hat – wie immer – in vielem ganz einfach recht. Rudolf Burger hat – wie oft – in manchem überhaupt nicht recht.

Rudolf Burger hat recht, wenn er die Vulgarisierung der Psychoanalyse, wenn er den Jargon der Verdrängungs- und der Bewältigungs-Debatte kritisiert.

Burger schreibt – richtig, dass der Holocaust heute nicht „verdrängt“ wird. Burger schreibt polemisch vereinfachend, der Holocaust werde „den Leuten“ „kulturindustriell ... aufgedrängt und von vielen auch genossen. Wen davor ekelt, der gilt als Antisemit.“

Zwischen den Zeilen

Hier stört nicht die Polemik. Hier stört der Kontext. Und die Vereinfachung. Die Zwischentöne dieser Formulierungen – ,kulturindustriell‘ und ,aufgedrängt‘ – stehen in einer Nähe zum vulgären Antikapitalismus, der nur zu oft direkt oder indirekt antisemitisch konnotiert war und ist; einschließlich des Antisemitismus der Linken.

Um nur ja Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich ist Burger kein Antisemit. Seine diesbezüglich vorauseilende Defensivironie – ,Wen davor ekelt, der gilt als Antisemit‘ – ist deshalb völlig fehl am Platz. Und ich weigere mich auch, für Burger den – viel zu groben – Begriff ,Revisionist‘ zu verwenden. Aber natürlich weiß Burger um die Nähe seiner Argumentation zum Antisemitismus. Er verwendet sie trotzdem. Und nimmt in Kauf, daß er in den diversen Gazetten der Antisemiten und Revisionisten wohlwollend zitiert wird. Und natürlich weiß Burger, daß sich – wenn er von ,Riesengeschäft‘ schreibt, das ,politisch, moralisch und finanziell‘ die Kassen klingeln lässt, viele sich von ihm bestätigt fühlen: in ihrer vorgefaßten Meinung, daß die jüdischen Drahtzieher der ,Ostküste‘, daß die ,Israel-Lobby‘ – und wie diese (von Burger gemiedenen) Begriffe alle noch heißen mögen – von der ,Holocaust-Industrie‘ profitieren. Daß Juden also die eigentlichen Nutznießer des Holocaust sind. Burger weiß, daß er sich allmählich zu einem Kronzeugen antisemitischer Verschwörungstheoretiker macht. Das ist nicht seine Intention. Aber er akzeptiert diese Funktion.

Burger schreibt nicht, wer von diesem ,Riesengeschäft‘ profitiert. Er läßt damit einer Fülle von Assoziationen freien Lauf. Wenn der Holocaust eine boomende Industrie ist, wenn es ein Shoa-Business gibt, das ein ,Riesengeschäft‘ ist – wer sind die treibenden Kräfte dahinter, wer verdient an dieser Manipulation der öffentlichen Meinung? Auf welche Spur weisen die dunklen Hinweise auf den – ach ja, wir leben ja in ihm – Kapitalismus und die treibenden Profitinteressen der Kulturindustrie?

,In gerissener Geschicklichkeit kneten sie die öffentliche Meinung und formen aus ihr das Instrument eines Kampfes für die eigene Zukunft.‘

Sie haben natürlich sofort erkannt, daß in diesem Text mit ,sie‘ erstens die Juden gemeint sind; und daß, zweitens, der Text nicht von Burger stammt. Sondern von Adolf Hitler (Hitler [Mein Kampf, S.] 723). Hitler, der bekanntlich ein fundierter Kenner der US-amerikanischen Gesellschaft war, hat die Antwort auf die Fragen gegeben, die Burger indirekt stellt, aber im Raume stehen lässt: Wer profitiert – und warum?

Der Burger, wie ich ihn ab 1973 kannte, hätte „die Freundschaft“ nicht „auf dem Briefwege für beendet erklärt“, sondern sich belustigt gezeigt und die Parodie auf seine Foucault-Scharade in Pelinkas letztem Absatz – das höhnende „Sie haben natürlich sofort erkannt...“ – wahrscheinlich sogar wirklich ästimiert. Damals hatte er mit Einwänden umgehen können, unverblümt scharfe Kritik geschätzt, ein feines Sensorium für Zwischentöne bewiesen und hätte zweifellos auch Pelinkas subtilen Witz verstanden. Auch ich hätte den Anfang des zweiten Absatzes in Pelinkas Kritik, diese Entlastung Burgers von jedem Verdacht des Antisemitismus, frank unterschrieben – bis zum „Irrtümer“-Text. Ab da findet diese Entlastung keine Deckung mehr bei Burger, übrigens auch nicht in Pelinkas oben zitierter Analyse, an deren bewunderungswürdigen Genauigkeit ich sonst nichts auszusetzen finde. Bis zuletzt hätte ich erwartet, dass Burger nicht zurückschrecken würde vor der logischen Konsequenz seiner apodiktischen Behauptung:

Real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago [...]

Wenn er seinen Befund und sich selbst ernstnehmen wollte, konnte, nein: musste ihm ebenso gleichgültig sein, ob er „in einem Gedankenzug“ mit dem versunkenen Adolf Hitler genannt wurde oder mit dem ebenso versunkenen Hannibal. Dass er davon sich beleidigt fühlte, beweist, dass er den Unsinn selbst nicht wirklich geglaubt hat, nicht mehr auf der Höhe seiner früheren Jahre war und nicht mehr derselbe, sondern in der Selbstherrlichkeit eines unfehlbaren Lehrstuhlsitzers abgebaut hatte, an Selbstkritik und intellektuell. Ganz anders der seinen Nachlass betreut, der hatte und brauchte nichts abzubauen, der weidet sich an den eleganten Formulierungen seines verehrten Geistesritters, ihm kommt es auf Stimmigkeit, Richtigkeit und Wahrheit nicht an. Aber das ist ein anderes Thema fürs nächste Mal.

Fortsetzung folgt: Über den gegen mich gerichteten Teil des Pamphlets im selben Buch, mit Faktencheck; coming soon.

*Coda:

Der klassische Stummfilm

kannte zwei überragende Gestalten gleichermaßen intelligenter Komik mit völlig unterschiedlichem Stil: Buster Keaton und Charlie Chaplin.

Das moderne Fernsehen

wird von zwei stilistisch ebenso verschiedenen Experten im Felde der Politik belebt.

Die Einspielung von Gelächter und Applaus aus dem Off, die das Publikum amerikanischer Sitcoms mit Frohsinn anstecken, ersetzt und überbietet der eine durch sein auch mimisch unwiderstehliches Vergnügen am witzigen, auch sprachwitzig mitreißenden Strom der eigenen Formulierungskunst, ein modernes Gegenstück zu Charlie Chaplin, dem Meister der ausdrucksstark wandelbaren Mimik: der TV-Professor Peter Filzmeier, innenpolitischer Dauergast.

Ganz anders tritt der andere auf, mit allemal solider Information und klugen Kommentaren zum heimischen wie internationalen Geschehen. Auf unserem Foto zeigt er mit deutlich gelöster Miene den freundlichen Herrn, der er ist, auf dem Bildschirm präsentiert er stets den vollen Ernst: Anton Pelinka, Buster Keaton der Politologie.

Foto: Wikipedia

Schlussvignette: Österreichisches Filmmuseum, Postkarte (Ausschnitt)

Der Pelinka des Stummfilms

Faksimile-Anhang

I. Krallers Antwort-Mail


II. Abschnitt 9 des Herausgeber-Nachworts zu Burger: „Gott und die Welt und die Liebe“, S. 460 f.


Bilder