FORVM, No. 428/429
August
1989

Und jetzt die andere Richtung

Manifest

Die Bewahrung der Umwelt ist heutzutage in aller Munde. Die Menschen sind darauf bedacht, den sogenannten natürlichen Lebensraum, den die Industrialisierung noch nicht zerstört hat, zu bewahren. Immer seltener werden die beschwichtigenden Stimmen, die den rasanten Lauf der allgemeinen Bewußtseinsänderung bremsen, indem sie auch andere Aspekte als ausschließlich den Ökologiefaktor berücksichtigt sehen wollen. Der ernsthafte Wille zur Verbesserung der Umweltsituation ist in den letzten Jahren enorm gestiegen, was die Medien allerdings nicht davon abhält, weiterhin penetrant das „grüne“ Bewußtsein zu propagieren. Diese einseitige Bombardierung war es auch, die eine grundlegende Veränderung in der Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit ermöglichte. Heute ist alles, in dem nicht auf das vermeintliche Problem Umwelt Stellung genommen wird, verpönt. Nur jedes zehnte Produkt erhofft sich nicht durch den Verweis auf seine hohe Umweltfreundlichkeit eine Steigerung der Verkaufszahlen, und jeder Politiker, der eine Rede hält, ohne den Umweltschutz zumindest zu erwähnen, wird großer Kritik ausgesetzt. Die Jagd auf Naturzerstörer nimmt Ausmaße an, die uns an die Kommunistenhatz aus Amerikas Nachkriegsjahren erinnert, während Greenpeace-Aktivisten als wahre Helden gelten, ähnlich den damaligen radikalen Antı-Marxisten.

Aus unserer idealistischen Verblendung heraus übersehen wir, daß der Mensch deutliche Zeichen gesetzt hat, die Erde mitsamt sich selbst vernichten zu wollen. Nehmen wir nur den bis jetzt zügig vorangeschrittenen Städtebau: wäre soetwas möglich gewesen, ohne den Willen zur totalen Selbstzerstörung? Ist vielleicht das, was wir heute im Bezug auf Bewußtseinsänderung und dergleichen durchmachen, ein letzter, verzweifelter Versuch von Selbstbetrug, ein Versuch, unsere selbstzerstörerischen Triebe zu verdrängen? Ein sinnloses Aufbegehren gegen den menschlichen Willen, der uns auf den ersten Blick irrational erscheint? Dabei hätte selbst eine totale Bekennung zum radikalen Umweltschutz, an der sich alle Nationen beteiligen, keinen Sinn mehr, denn das biologische Gleichgewicht ist durch menschlichen Eingriff bereits so ins Wanken gekommen, daß eine Rettung unmöglich ist. Der Zustand unserer Erdkugel und die Art, wie ihre Bewohner mit diesem Zustand umgehen, legt einen Vergleich mit einem Krebskranken nahe, dessen Lebenszeit nur mehr auf ein Jahr beschränkt ist, und den man in ein Krankenhaus einschließt, ihn ans Bett fesselt und jeden Tag zu kräfteraubenden Behandlungen zwingt, nur um sein Leben um ein paar Monate zu verlängern, ihn so aber hindert, wenigstens seine letzte Zeit zu genießen. Was ich damit sagen will, ist, daß wir zwar mit einnehmenden Maßnahmen, die keine Aktivität in andere Richtungen zuließe, unser Überleben in die Länge ziehen könnten, aber qualitativ enorme Einbußen erleiden würden.

Heute wird jede Handlung von einer Beklemmung begleitet, die in unser Lebensgefühl eindringt, und uns zerstört, wie die Moralpredigten der viktorianischen Kirche, die uns heute ein Greuel sind. Der Zwang zum Umweltschutz erzeugt Schuldgefühle, und auch durch theoretisch völlig einwandfreie Handlungen (die sowieso nicht existieren) kann kein reines Gewissen entstehen. Ein Alltag ohne Umweltschutz dagegen birgt einige reizvolle Aspekte, so etwa die befreiende Zwanglosigkeit, die fortan in uns vorherrschen könnte. Beim Einkaufen nicht immer auf das Beste verzichten müssen, den Abfall nicht immer fein säuberlich sortieren müssen, keine Hemmungen, ein Auto zu starten, mit dem Flugzeug zu fliegen, ohne Bedenken Strom verbrauchen, und so weiter und so weiter. Anstatt den saftigen Geschmack einer Orange genießen zu können, denken wir an die angeblich tödlichen Spritzmittel, die zu ihrer Herstellung notwendig waren. Selbst wenn sich solche Schreckensfantasien in dem einen oder anderen Fall bewahrheiten mögen, halten uns die Gedanken daran von den wesentlichen Dingen des Lebens ab.

Freimütig die tiefen Ängste abschütteln, das ist es, was die heutige Zeit verlangt. Wichtig ist es, die Sinnlosigkeit zu erkennen, die hinter jedem Umweltschutz steckt. Wichtig ist es, zu begreifen, was Bedeutung hat und was nicht. Wichtig ist es auch zu erkennen, daß wir uns mit unseren technischen Errungenschaften die letzte Zeit noch halbwegs bequem gestalten können. Heute sind Wissenschafter in der Lage, Natur künstlich viel besser, viel menschengerechter (was nicht langweilig heißen muß), herzustellen. Sollen sich doch die wenigen Verrückten unglücklich machen, wenn sie sich verkrampft an eine unerfüllbare Hoffnung klammern, und an völlig veralteten und unzeitgemäßen Denkmodellen festhalten. Sollen, die sie einfach zu faul sind, um nachzudenken und zu hinterfragen, sollen die doch mit aller Kraft versuchen, etwas zu ändern.

Wir werden uns nicht von ihnen stören lassen, das Leben zu genießen. Sollen sie doch depressiv werden, sollen sie sich doch umbringen, sollen sie doch wahnsinnig werden in ihrem Umweltschutz.

Ihr habt die Wahl, Umweltschutz oder nicht — leiden oder genießen — verkrampft oder entspannt — Entfremdung oder Leben — Fanatismus oder Erleuchtung.

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