MOZ, Nummer 56
Oktober
1990
Sri Lanka

Unerbittlicher Krieg

Tausende Todesopfer hat der Kampf zwischen sinhalesischen Streitkräften und tamilischen „Befreiungstigern“ gefordert. Ein Ende des Dramas ist nicht abzusehen.

Der Abzug der indischen Soldaten
Fotos: Walter Keller

„Sie haben meinen Sohn ermordet“, schreit Seethai Devi hysterisch und hält dabei ein Stück des Plastikpersonalausweises ihres Sohnes, Nadaraja Chandramohan, in die Luft. Der Ausweis wurde neben mehreren verkohlten Leichen gefunden, die drei Tage vor dem Hauptmarkt von Kalmunai lagen, einem Küstenort im Osten Sri Lankas. Chandramohan war Kleinunternehmer und hatte sich in das Fatima Convent, eine moslemische Schule, geflüchtet, um den Auseinandersetzungen zwischen der srilankischen Armee und den tamilischen „Befreiungstigern“ (LTTE) zu entgehen. Die Soldaten drangen in die Schule ein und verhafteten 34 Personen, die später tot an mehreren Straßenkreuzungen des Ortes lagen. Die Armee dementiert die Vorwürfe und bestreitet, irgend etwas damit zu tun zu haben. Aber nicht nur in Kalmunai bestimmen Terror und Einschüchterungspraktiken das tägliche Leben. In anderen Gebieten des Nordens und entlang der malerischen und ehemals von Touristen stark frequentieren Ostküste liegen seit dem Ausbruch neuer militärischer Auseinandersetzungen zwischen srilankischen Soldaten und den Kämpfern der LTTE jeden Morgen leblose Körper am Straßenrand. Viele sind von Gewehrsalven durchsiebt, andere halbverkohlt. „Tyre treatment“ nennt man das in Sri Lanka. Menschen werden auf alten Autoreifen verbrannt oft bei lebendigem Leib. Eine Identifizierung ist kaum mehr möglich. Die Vorgehensweise erinnert daran, wie Soldaten, paramilitärische Gruppen und zahlreiche regierungsnahe sogenannte vigilante Gruppen während der vergangenen zwei Jahre „erfolgreich“ den Aufstand der sinhalesischnationalistischen „Janatha Vimukti Peramuna“ (JVP) im Süden der Insel bekämpft hatten. Der Terror der JVP wurde mit noch größerem Gegenterror beantwortet. Zehntausende Sinhalesen kamen so ums Leben.

Die Aktionen der tamilischen „Befreiungstiger“ gegen Sinhalesen im Osten haben zwei Motive: Zum einen richten sich die Anschläge gegen die Siedlungspolitik der Regierung, die offensichtlich immer mehr Sinhalesen in einem Gebiet ansiedelt, das von Tamilen als „traditionelles Siedlungsgebiet“ bezeichnet wird. Mit den Mordanschlägen sollen weitere Siedler abgeschreckt werden. Zum anderen handelt es sich dabei um Vergeltungsmaßnahmen für die vielen Morde der Streitkräfte an Tamilen. Die tamilische LTTE setzt dabei skrupellos das um, was sie vor kurzem angekündigt hatte: „Aug’ um Auge ... und zwar für ein tamilisches Opfer zehn sinhalesische.“

Die Moslems stehen zwischen den Fronten

Auch das Verhältnis zwischen Tamilen und den tamilisch-sprachigen Moslems, die entlang des 150km langen Küstenstreifens südlich der Stadt Batticaloa in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander leben, hatte sich schon ab Mitte der 80er Jahre stetig verschlechtert. Oft ging es bei den Streitigkeiten um die knapper werdenden landwirtschaftlichen Anbauflächen. Als dann militante tamilische Gruppierungen versuchten, Moslems als „tamilisch-sprachige Bevölkerungsgruppe“ mit in ihren Kampf für einen eigenständigen Tamilenstaat einzubeziehen, entstanden neue Konflikte. Moslemische Bewegungen — geprägt durch fundamentalistisches Gedankengut betonten die kulturelle Eigenständigkeit der Moslems und kritisierten vor allem die Versuche der „Befreiungstiger“, sich auch zu Sprechern der Moslems zu machen. Die zunehmende Polarisierung wurde von der Regierung in Colombo ausgenutzt — fortan war es keine Seltenheit, daß Moslems oft Seite an Seite mit den Streitkräften gegen Tamilen kämpften.

Junger „Befreiungstiger“ mit deutschem Gewehr

Die Rolle Indiens

Unklar bleibt, wie Indien sich angesichts der Zuspitzung der Lage im Nachbarstaat zukünftig verhalten wird? Nach der als gescheitert geltenden Involvierung in die inneren Angelegenheiten des Nachbarn durch den indo-srilankischen Vertrag vom Juli 1987 und dem erfolgten Rückzug indischer Truppen im März haben die ‚Macher‘ in Neu Delhi offensichtlich ihre neue Sri Lanka-Politik noch nicht gefunden. Es überrascht nicht, daß nach Ausbruch neuer Auseinandersetzungen im Juni erst einmal weitgehend Zurückhaltung geübt wurde. Delhi beschränkte sich auf die mittlerweile rituell anmutenden Äußerungen, man sei angesichts der zunehmenden Auseinandersetzungen „ernsthaft besorgt“ und „bedaure die vielen zivilen Opfer“ des erneuten Krieges. Aber mit seiner Fortdauer — und dafür spricht derzeit vieles — wird sich Indien nicht gänzlich aus den inneren Angelegenheiten des Nachbarstaates heraushalten können. Beobachter sehen mehrere Gründe, die schon ab 1983 zur sukzessiven Einmischung Indiens führten: Erneut haben sich Zehntausende von tamilischen Flüchtlingen während der vergangenen Wochen ins benachbarte Tamil Nadu aufgemacht, um dort in Sicherheit zu leben. Zunehmend bestimmt die Eskalation der Lage im Nachbarstaat die politische Stimmung im südlichen Indien mit einer Bevölkerung, die ethnisch und kulturell mit den Tamilen Sri Lankas verwandt ist. Die lokalen dravidischen Parteien versuchen, die lokale Bevölkerung — bis vor kurzem noch wenig interessiert an den jüngsten Ereignissen im Nachbarland — aufzuputschen. Wie in früheren Jahren wird wieder von „Völkermord an Tamilen“ gesprochen, kürzlich legte ein „Bandh“die indische Variante eines Generalstreiks — das öffentliche Leben weitgehend lahm.

Große Sorgen dürften der Zentralregierung Informationen über eine angebliche Allianz zwischen den „Befreiungstigern“ und militanten tamilisch-nationalistischen Kreisen im südlichen Bundesstaat bereiten. Informationen zufolge sollen die „Befreiungstiger“ bereits Hunderte von Rekruten militärisch geschult haben. Eine Teilung Sri Lankas — die nicht mehr gänzlich ausgeschlossen werden kann — hätte große Auswirkungen auf aktuelle innenpolitische Konflikte in Indien (Punjab, Kashmir) sowie auf die Sicherheit der Region insgesamt. Und schließlich sind bei einer Fortdauer des Krieges sowohl die srilankische Regierung als auch die tamilische LTTE auf die Unterstützung anderer Länder angewiesen: Beide Seiten benötigen Waffen und Munition. Sollte Indien solchen Wünschen der einen oder anderen Seite nicht nachkommen, besteht die Wahrscheinlichkeit, daß ein anderes Land der Region zu Hilfe kommt. Die militärische Unterstützung Pakistans für Colombo war bereits 1987 ein Grund für die indische Intervention in Sri Lanka.

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