Internationale Situationniste, Numéro 11
 
1977

Unsere Ziele und Methoden im Strassburger Skandal

Die verschiedenen, durch die auf Kosten der Strassburger UNEF (Nationale Union der französischen Studenten) veröffentlichte situationistische Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu hervorgerufenen Äußerungen von Bestürzung und Entrüstung haben zwar zur angemessenen Folge gehabt, dass die in der Broschüre enthaltenen Thesen gelesen wurden, sie konnten es aber nicht verfehlen, in der Darstellung und dem Kommentar dessen Unsinn anzuhäufen, was die Tätigkeit der S.I. in dieser Angelegenheit gewesen ist. Gegenüber den Illusionen jeder Art, die durch Zeitungen, Universitätsbehörden und sogar von einer bestimmten Anzahl unbedachter Studenten erhalten wurden, wollen wir hier präzisieren, wie die Bedingungen unserer Intervention gewesen sind, und daran erinnern, welche Ziele wir durch die unserer Meinung nach ihnen entsprechenden Mittel verfolgt haben.

Fälschlicher noch als die Übertreibungen der Presse bzw. bestimmter Anwälte der Gegenpartei über die großen Summen, die die S.I. bei dieser Gelegenheit aus der Kasse der unglücklichen Studentengewerkschaft geraubt hätte, ist die irrsinnige, in Zeitungsberichten oft erwähnte Information, nach der die S.I. sich dazu herabgewürdigt hätte, eine Kampagne vor den Strassburger Studenten zu organisieren, um diese von der Gültigkeit ihrer Perspektiven zu überzeugen und um ein Büro mit einem solchen Programm wählen zu lassen. Genauso wenig haben wir die geringste Unterwanderung der UNEF unternommen, indem sich unsere Anhänger heimlich in sie hineingeschlichen hätten. Es genügt, uns zu lesen, um zu verstehen, dass weder unsere Interessengebiete noch unsere Methode solcher Art sein können. Tatsache ist, dass einige Strassburger Studenten im Sommer 1966 zu uns gekommen sind und uns mitgeteilt haben, sechs ihrer Freunde — und nicht einmal sie selbst — seien gerade in die Führung der lokalen Studentenassoziation (AFGES) gewählt worden — trotz ihrer innerhalb der UNEF allgemein bekannten Position als Extremisten, die mit allen Varianten ihrer Auflösung vollkommen zerstritten und sogar entschlossen waren, alles kaputtzuschlagen. Ihre übrigens ganz und gar reguläre Wahl brachte also offensichtlich den absoluten Mangel an Interesse bei der Basis ans Licht, sowie das Zugeständnis der endgültigen Ohnmacht der in dieser Organisation übriggebliebenen Bürokraten. Diese rechneten damit, dass es dem „extremistischen“ Büro überhaupt nicht gelingen würde, seine negativen Absichten irgendwie zum Ausdruck zu bringen. Das befürchteten auf umgekehrte Weise auch die Studenten, die dann zu uns kamen; vor allem aus diesem Grund hatten sie es nicht für ratsam gehalten, persönlich in dieser „Führung“ zu sein: denn nur ein umfangreicher Coup und nicht irgendeine humoristische Rechtfertigung konnte ihre Mitglieder vor dem Anschein eines Kompromisses retten, der einer so elenden Rolle unmittelbar anhaftet. Um die Kompliziertheit des Problems zu vervollkommnen, während die mit uns sprechenden Studenten die Positionen der S.I. kannten und sich mit ihnen im allgemeinen einverstanden erklärten, ignorierten die Mitglieder des Büros diese vielmehr und verließen sich hauptsächlich auf unsere Gesprächspartner, um die Aktivität am besten zu definieren, die ihrer subversiven Bereitwilligkeit entsprechen könnte.

In diesem Stadium haben wir uns darauf beschränkt, die Verfassung und Veröffentlichung einer von allen betroffenen Studenten geschriebenen allgemeinen Kritik der Studentenbewegung und der Gesellschaft zu empfehlen, da eine solche Arbeit ihnen zumindest dazu nützlich sein würde, das gemeinsam zu klären, was ihnen unklar geblieben war. Wir betonten außerdem, dass die Verfügung über Geldmittel und Geltung das Hauptsächliche und Nützliche an der lächerlichen, ihnen so unvorsichtig überlassenen Autorität sei; ferner, dass der Vorteil einer nicht konformistischen Anwendung dieser Mittel sicher darin liegen würde, bei vielen Leuten Anstoß zu erregen und damit den eventuell von ihnen eingebrachten nicht konformistischen Inhalt besser sichtbar zu machen. Diese Genossen stimmten unseren Empfehlungen zu. Während der weiteren Entwicklung dieses Projekts blieben sie besonders durch Mustapha Khayatis Vermittlung mit der S.I. in Fühlung.

Durch die Diskussion und die ersten Entwürfe, die von denen, die mit uns zusammengekommen waren, und den Mitgliedern des AFGES-Büros kollektiv ausgearbeitet wurden (wobei alle fest entschlossen waren, die Sache zu einem glücklichen Ende zu bringen), wurde dieser Plan an einem Punkt beträchtlich verändert. Alle waren zwar mit dem Inhalt der vorzubringenden Kritik einverstanden und genauer mit den Grundlinien, wie sie ihnen von Khayati vor Augen geführt worden waren, es wurde für sie aber sichtbar, dass sie unfähig waren, zu einer zufriedenstellenden Formulierung zu kommen — vor allem innerhalb der durch den Beginn des Studienjahres aufgezwungenen kurzen Frist. Diese Unfähigkeit darf nicht als Folge eines ernstlichen Mangels an Talent bzw. als Unerfahrenheit betrachtet werden, sie entstand ganz einfach aus der äußersten Heterogenität dieser Gruppe im Büro selbst und außerhalb des Büros. Ihr vorheriges Zusammenkommen auf der undeutlichsten Übereinstimmungsbasis machte sie nur sehr wenig dazu geeignet, gemeinsam eine Theorie auszudrücken, die sie nicht wirklich gemeinsam anerkannt hatten. Außerdem kamen Misstrauen und Gegensätze persönlicher Art zum Vorschein, je umfangreicher das Projekt wurde; dabei bestand übrigens ihr einziger gemeinsamer Wille in der Zustimmung zur breitesten und ernstesten Variante, die für diesen Coup erdacht werden könnte. Unter diesen Umständen kam Khayati dazu, die wesentlichen Teile des Textes fast allein zu verfassen, die dann in dem Maße, wie sie fertiggestellt wurden, innerhalb dieser Studentengruppe in Strassburg diskutiert und gebilligt wurden, sowie von den Situationisten in Paris, die als einzige irgendwie nennenswerte und übrigens zahlenmäßig begrenzte Zusätze hinzufügten.

Ausgaben in England, Schweden, Amerika, Spanien und Frankreich (1967)

Die Veröffentlichung der Broschüre wurde durch verschiedene Vorbereitungsmaßnahmen angekündigt. Am 26.Oktober wurde der Kybernetiker Moles (s. S.I. Nr.9), der es endlich zu einem Lehrstuhl für Psychosoziologie gebracht hatte, um dort die Programmsteuerung junger Kader betreiben zu können, schon nach den ersten Minuten mit Tomaten aus seiner Anfangsvorlesung hinausgejagt, die etwa zwölf Studenten auf ihn warfen. (Moles sollte im März im Pariser Museum für Kunstgewerbe ebenso behandelt werden, in dem dieser vorschriftsmäßige Roboter über die Kontrolle der Bevölkerung durch die Methoden des Urbanismus zu schwatzen hatte; diese letzte Widerlegung wurde ihm von ungefähr 30 jungen Anarchisten erteilt, die zu Gruppen gehören, die die revolutionäre Kritik wieder in alle modernen Fragen hineintragen wollen). Kurz nach dieser Eröffnungsvorlesung — die sicherlich in den Universitätsannalen genauso befremdend ist wie Moles selbst — begann die AFGES mit dem Verkleben eines von André Bertrand hergestellten Comic, Die Rückkehr der Durruti-Kolonne, als Werbung für die Broschüre. Der Verdienst dieses Dokuments bestand darin, sehr deutlich darzulegen, was die Genossen mit ihrem Amt anfangen wollten: „Die allgemeine Krise der alten gewerkschaftlichen Apparate und der ultralinken Bürokratien war überall spürbar und vor allem unter den Studenten, bei denen die schäbigste Ergebenheit gegenüber den abgenutztesten Ideologien und der am wenigsten realistische Ehrgeiz seit langer Zeit die einzigen Triebkräfte des Aktivismus waren. Die letzte Gruppe von Fachleuten, die unsere Helden gewählt hatte, konnte sich nicht einmal mit einer Mystifizierung entschuldigen. Sie haben ihre Hoffnung nach Erneuerung auf eine Gruppe gesetzt, die kein Hehl aus ihrer Absicht macht, schnellstens und bestens diesen ganzen archaischen Militantismus zu sprengen.“

Vermuteter Treffpunkt der Internationalen Situationisten in Paris
« De tels mouvements révolutionnaires se distinguent des autres par le caractère illimité de leurs buts et de leurs promesses ... Quelle que soit leur histoire individuelle, ils constituaient collectivement une couche sociale distincte, une intelligentsia frustrée et de second ordre ... Alors se constituait un groupe d’une espèce particulière ... impitoyable et en constante fermentation, obsédé par des chimères apocalyptiques et pénétré de sa propre infaillibilité ; ce groupe se sentait très loin au-dessus du reste de l’humanité et repoussait toute prétention autre que celle inhérente à sa prétendue mission … Des promesses millénaires et illimitées exprimées avec une conviction illimitée et prophétique devant un certain nombre d’hommes déracinés et désespérés dans le cadre d’une société dont les normes et les liens traditionnels sont en voie de désintégration, telle est, semble-t-il, l’origine de ce fanatisme souterrain ... »
Norman Cohn
Les Fanatiques de l‘Apocalypse.

Die Broschüre wurde bei der feierlichen Universitätseröffnung unverblümt unter die offizielle Prominenz verteilt. Gleichzeitig gab das AFGES-Büro bekannt, dass der einzige Punkt ihres Programms die sofortige Auflösung dieser Assoziation sei und berief eine außerordentliche Vollversammlung ein, um darüber abzustimmen. Bekanntlich waren viele Leute bereits durch diese Aussicht entsetzt. „Das wäre die erste konkrete Manifestation einer Revolte, die auf die Zerstörung der Gesellschaft schlechthin abzielt“, schrieb eine Lokalzeitung (Dernières Nouvelles, vom 4.12.66). Und Aurore vom 26. November: „… die S.I., eine Organisation mit einigen Mitgliedern in den wichtigsten Hauptstädten Europas. Diese Anarchisten geben sich für Revolutionäre aus und sie wollen ‚die Macht ergreifen‘! Nicht um sie zu behalten, sondern um Unordnung zu stiften und selbst ihre eigene Autorität zu zerstören“. Sogar in Turin brachte am selben Tag die Gazetta del Popolo eine maßlose Beunruhigung zum Ausdruck: "Man sollte jedoch bedenken, ob nicht eventuelle Repressalien … zu Unruhen führen könnten …

In Paris und in anderen französischen Universitätsstädten bereitet sich die vom Triumph ihrer Strassburger Anhänger begeisterte S.I. auf einen großangelegten Angriff vor, um die Kontrolle über die Studentenorgane zu bekommen." In diesem Augenblick mussten wir auf ein neues, entscheidendes Element achten: die Situationisten mussten sich gegen die Rekuperierung durch die Presseaktualität bzw. die intellektuelle Mode zur Wehr setzen. Schließlich war die Broschüre zum S.I.-Text geworden: wir hatten es nicht für richtig gehalten, diesen Genossen unsere Hilfe zu verweigern, die dem System eine Wunde schlagen wollten und leider hatte diese Hilfe nicht geringer sein können. Durch diesen Einsatz der S.I. wurde uns für die Dauer der Operation selbst de facto eine Führungsrolle verliehen, die wir auf keinen Fall über diese begrenzte gemeinsame Aktion hinaus verlängern wollten — wie man ahnen kann, liegt uns wenig am elenden Studentenmilieu. In diesem Fall wie immer konnten wir nur mit dem Zweck handeln, die neue, sich zur Zeit bildende soziale Kritik wieder zum Vorschein kommen zu lassen durch die kompromisslose Praxis, die deren ausschließliche Stütze ist. Dadurch, dass die Gruppe der Strassburger Studenten nicht organisiert war, wurde eine direkte situationistische Intervention notwendig und sogar gleichzeitig die Durchführung eines geordneten Dialogs verhindert, der allein ein Minimum an Gleichheit in der Entscheidung hätte garantieren können. Die Debatte, die normalerweise eine gemeinsame Aktion zwischen selbständigen Gruppen kennzeichnet, hatte in dem Fall einer Anhäufung von Individuen, bei denen es sich immer mehr zeigte, dass sie nur durch ihre Zustimmung zur S.I. verbunden und auf allen anderen Gebieten getrennt waren, kaum wirklich stattfinden können.

Selbstverständlich war für uns ein solcher Mangel keineswegs eine Empfehlung für diese Studentengruppe als ganzes, insofern sie sich anscheinend mehr oder weniger in die S.I. integrieren wollten, sozusagen um sich ihre eigene Behauptung zu ersparen. Der Mangel an Homogenität der Strassburger hatte sich auch bei einer unerwarteten Frage gezeigt — und zwar in einem Maße, dass wir nicht hatten vorhersehen können: viele hatten plötzlich vor der rücksichtslosen Verteilung der Broschüre bei der feierlichen Eröffnung des Universitätsjahres gezögert. Den Betreffenden musste Khayati klarmachen, man solle weder versuchen, einen Skandal nur halb zu machen, noch mitten in der Durchführung einer solchen Handlung darauf hoffen, weniger kompromittiert zu werden — wenn man nun schon seine Entscheidung dazu getroffen habe -, indem man die Resonanz des Coups sich nicht allzu weit ausbreiten lässt; der Erfolg eines Skandals sei im Gegenteil der einzige relative Schutz derer, die ihn bewusst in Gang gebracht haben. Noch unannehmbarer als dieses späte Zögern bei einem so dürftigen taktischen Punkt schien uns die Möglichkeit zu sein, dass gewisse Individuen, die sich so wenig aufeinander verlassen konnten, Erklärungen sogar in unserem Namen abgeben würden. So beauftragte die S.I. Mustapha Khayati damit, von den Mitgliedern des AFGES-Büros deutlich feststellen zu lassen, dass keiner von ihnen Situationist sei, was durch ihr Kommunique bekanntgemacht wurde: „Keiner der Mitglieder unseres Büros gehört zur S.I., einer Bewegung, die seit einiger Zeit die gleichnamige Zeitschrift herausgibt, wir haben aber öffentlich unser völlig solidarisches Einverständnis mit ihren Analysen und Perspektiven bekanntgegeben.“ Auf der Grundlage dieser Behauptung der Autonomie schrieb die S.I. einen Brief an André Schneider, den AFGES-Vorsitzenden, und an Vayr-Piova, den Vize-Vorsitzenden, um ihnen ihre völlige Solidarität mit dem zu bestätigen, was sie getan hatten. Seitdem hat die S.I. diese Solidarität immer aufrechterhalten, sei es durch unsere sofortige Ablehnung eines Dialogs mit denen, die versucht haben, uns nahe zu kommen, während sie doch bestimmte neidische Feindseligkeiten gegenüber den Verantwortlichen im Büro ankündigten (und sogar dumm genug waren, deren Aktion bei der S.I. als eine „spektakuläre“ zu denunzieren) oder durch finanzielle Hilfe und öffentliche Unterstützung bei der folgenden Repression (siehe die Anfang April von 79 Strassburger Studenten unterzeichnete Erklärung, in der sie sich mit dem damals von der Universität ausgesperrten Vayr-Piova solidarisch erklärten — die Strafe wurde einige Monate später rückgängig gemacht). Schneider und Vayr-Piova verhielten sich gegenüber Strafen und Drohungen weiter sehr entschlossen; diese Festigkeit kam jedoch nicht im selben Maß gegenüber der S.I. zum Vorschein.

Die in Strassburg sofort eingesetzte gerichtliche Repression — die seitdem durch eine heute noch nicht abgeschlossene Reihe von Prozessen, die diesen Anfang bestätigen, weiter geführt wurde — konzentrierte sich auf die angebliche Illegalität des AFGES-Büros, das seit der Veröffentlichung der situationistischen Broschüre plötzlich als ein faktisch die gewerkschaftliche Studentenvertretung usurpierendes Komitee betrachtet wurde. Diese Repression war um so notwendiger, als die gegen die AFGES zustandegebrachte heilige Allianz der Bourgeois, Stalinisten und Pfaffen sichtbar über eine noch weniger bedeutende ‘Kraft’ unter den 18.000 Studenten Strassburgs als die des Büros verfügte. Sie wurde durch die einstweilige Verfügung vom 13.Dezember eingeleitet, die Räume und Verwaltung der Assoziation sequestrierte und die am 16. vom Büro einberufene Vollversammlung zur Abstimmung über die AFGES-Auflösung verbot. Indem dieses Urteil (das stillschweigend — aber zu Unrecht — zugab, dass eine Mehrheit der Studenten, die man so an der Abstimmung hinderte, eventuell die Position des Büros billigen könnte) die weitere Entwicklung der Ereignisse blockierte, zwang es unsere Genossen, die als einzige Perspektive die unverzügliche Liquidierung ihrer eigenen Führungsposition hatten, ihren Widerstand bis Ende Januar zu verlängern. Bisher war die beste Praxis der Büromitglieder die Art und Weise gewesen, wie sie die vielen herbeigeeilten, um Interviews bittenden Journalisten behandelt hatten — die meisten wurden abgelehnt und die Vertreter der schlimmsten Institutionen (Fernsehen, Planète usw.) beleidigend boykottiert, was einen Teil der Presse dazu brachte, eine genauere Version des Skandals zu geben und die AFGES-Kommuniques weniger untreu nachzudrucken. Da jetzt nach Verwaltungsmaßnahmen gegriffen wurde und das Titularbüro die Kontrolle über die Lokalsektion des Studentenvereins zur gegenseitigen Hilfe (MNE) behalten hatte, beschloss dieses am 11. Januar als Gegenschlag, das von ihr abhängige „Universitätsbüro zur psychologischen Hilfe“ (BAPU) zu schließen. Der Beschluss wurde schon am folgenden Tag durchgeführt, — „in Erwägung, dass die BAPU’s die Verwirklichung einer para-polizeilichen Psychiatrie im Studentenmilieu sind, deren deutliche Funktion es ist, … alle Kategorien von Ausgebeuteten im Zustand der Passivität zu erhalten … in Erwägung, dass das Vorhandensein eines Strassburger BAPU eine Schande und eine Drohung zugleich für alle Studenten dieser Universität ist, die dazu entschlossen sind, frei zu denken“ Auf nationaler Ebene konnte die UNEF, die durch die Revolte ihrer — bisher als mustergültig betrachteten — Strassburger Sektion gezwungen war, ihren allgemeinen Bankrott zuzugeben (ohne freilich die alten Illusionen einer gewerkschaftlichen Freiheit zu verteidigen, die ihren Opponenten von den Behörden so offen verweigert wurden), den gerichtlich beschlossenen Ausschluss des Strassburger Büros doch nicht anerkennen. Vor der in Paris am 14. Januar abgehaltenen UNEF-Vollversammlung erschien eine Delegation aus Strassburg, die schon bei der Sitzungseröffnung eine vorherige Abstimmung über ihren Antrag der Auflösung der ganzen UNEF forderte — „in Erwägung, dass die Behauptung der UNEF als einer die Avantgarde der Jugend um sich sammelnden Gewerkschaft (siehe die Grenoble-Charta von 1946) mit einer Periode zusammenfällt, in der die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung seit langem besiegt und zu einem Selbstregulierungsapparat des modernen Kapitalismus geworden ist, der an der Integrierung der Arbeiterklasse in das Warensystem arbeitet ... in Erwägung, dass der avantgardistische Anspruch der UNEF zu jeder Zeit durch ihre reformistischen Parolen und Praxis widerlegt wird … in Erwägung, dass die gewerkschaftliche Studentenbewegung einzig und allein ein Betrug ist, dem dringend ein Ende gesetzt werden muss“. Zum Schluss rief der Antrag „alle revolutionären Studenten der Welt“ auf, „mit allen Ausgebeuteten ihrer Länder den unerbittlichen Kampf gegen alle Aspekte der alten Welt vorzubereiten, um zur Entstehung der internationalen Macht der Arbeiterräte beizutragen.“ Da nur zwei Assoziationen, die aus Nantes und die der „Studenten in den Erholungsheimen“ zusammen mit den Strassburgern stimmten, um diese Vorfrage noch vor dem Verwaltungsbericht des Nationalbüros zu stellen (es soll doch darauf hingewiesen werden, dass es den jungen UNEF-Bürokraten in den vorigen Wochen gelungen war, zwei andere Büros — in Bordeaux und Clermont-Ferrand — umzuwerfen, die sich spontan für die Position der AFGES erklärt hatten), verließ die strassburger Delegation sofort eine Debatte, in der sie nichts anderes zu sagen hatte.

Die großen Hoffnungen
Beispiel für Anti-S.I.-Propaganda, von anonymen Personen bei der Generalversammlung der U.N.E.F. im Jänner verteilt. Hervorgebracht von Kreisen ohne Verbindung zur etwas später entdeckten, geheimen „Garnault-Fraktion“, wird die falsche Nachricht hier noch einmal mit einiger Gleichgültigkeit, aber eines gewissen, abgenutzten Homors nicht ganz entledigt wiedergegeben.

Der endgültige Austritt des AFGES-Büros sollte jedoch nicht so würdig vor sich gehen. Zu dieser Zeit wurden drei Situationisten aus der S.I. ausgeschlossen, da sie zusammen verleumderische Lügen gegen Mustapha Khayati verbreitet hatten (und das vor der S.I. zugeben mussten), den sie über diesen schönen Umweg selbst ausschließen lassen wollten (vgl. das S.I. Flugblatt vom 22. Januar: Achtung — drei Provokateure!). Ihr Ausschluss geschah ohne irgendeinen Zusammenhang mit dem Strassburger Skandal, bei dem sie wie in allen anderen Punkten ostentativ die Schlussfolgerungen der S.I.-Debatten gebilligt hatten, zwei von ihnen waren allerdings zufällig Elsässer. Andererseits hatten, wie wir oben erwähnt haben, einige der Strassburger Studenten begonnen, es für schlecht zu halten, dass die S.I. sie nicht für ihre Unzulänglichkeit belohnt, indem sie sie als Mitglieder aufnimmt. In ihnen suchten sich die ausgeschlossenen Lügner ein wenig anspruchsvolles Publikum und sie glaubten, sie könnten ihre vorigen Lügen, sowie ihre Zugeständnisse durch eine neue Lügeninflation in diesem Kreis verdecken. So vereinigten sich alle diese Verstoßenen im mystischen Anspruch darauf, über diese sie verurteilende Praxis hinaus zu gehen. Sie fingen an, den Zeitungen zu glauben — und ihre Berichte sogar noch auszuweiten. Sie wähnten sich schon als Massen, die wirklich in einer Art Strassburger Kommune „die Macht ergriffen“ hätten, und meinten, sie seien nicht so behandelt worden, wie ein revolutionäres Proletariat es verdient. Sie vergewisserten sich selbst, dass ihre geschichtliche Aktion über jede vorige Theorie hinaus gegangen sei: während sie vergaßen, dass die einzige, in diesem Vorfall erkennbare „Aktion“ höchstens das Verfassen eines Textes war, glichen sie ihren Mangel auf diesem Gebiet durch eine inflationistische Zauberkunst kollektiv aus. Es handelt sich um nichts Anspruchsvolleres, als einige Wochen lang zusammen zu träumen, indem man immer mehr nach dem Rauschmittel der hastig wiederholten Fälschungen griff. Das Dutzend Strassburger Studenten, die den Skandal effektiv unterstützt hatten, teilte sich in zwei gleiche Teile. Das zusätzliche Problem wirkte also wie ein Entwickler. Denjenigen, die „Anhänger der S.I.“ blieben, konnten wir selbstverständlich nichts für die Zukunft versprechen, und wir sagten deutlich, dass wir es auf gar keine Weise tun wollten — sie sollten nur die bedingungslosen Anhänger der Wahrheit sein. Vayr-Piova und andere wurden zusammen mit den Ausgeschlossenen der Garnault-Fraktion zu Anhängern der Lüge (wobei sie gewiss mehrere übermäßige Unklugheiten bei Freys und Garnaults neusten Fälschungen nicht kannten, aber trotzdem vieles wussten). Nachdem André Schneider, dessen Unterstützung die Lügner wünschten, da er den Titel eines AFGES-Vorsitzenden innehatte, von allen mit falschen Nachrichten überhäuft worden war, war er so schwach, ihnen ohne weitere Überprüfung zu glauben und eine ihrer Erklärungen zu unterzeichnen. Da er aber ganz allein schon einige Tage danach auf eine gewisse Anzahl von unbestreitbaren Lügen gestoßen war, auf die diese Leute hinwiesen und es unter Eingeweihten zur Rettung ihrer schlechten Sache für normal hielten, zweifelte Schneider keinen Augenblick daran, dass er den Irrtum seiner ersten Geste öffentlich bekanntmachen musste — mit dem Aufzeichnungen aus einem Totenhaus betitelten Flugblatt entlarvte er diejenigen, die ihn hintergangen hatten und ihn für ein falsches Zeugnis gegen die S.I. mitverantwortlich gemacht hatten. Die Kehrtwendung von Schneider, dessen Charakter die Lügner unterschätzt hatten und der also ein privilegierter Zeuge des letzten Zustands ihrer kollektiven Manipulation der unbequemen Tatsachen gewesen war, gab den schon überall sonst diskreditierten Ausgeschlossenen und ihren Komplizen in Strassburg selbst den entscheidenden Schlag. Aus Ärger gaben die Unglücklichen, die sich in der vorherigen Woche so sehr um Schneiders Bürgschaft bemüht hatten, öffentlich bekannt, er sei ein bekannter Schwachkopf und er weiche ganz einfach vor „dem Prestige der S.I.“ zurück (es kommt seit einiger Zeit bei den verschiedensten Debatten immer öfter vor, dass das „Prestige der S.I.“ von Lügnern so ungeschickt mit der einfachen Tatsache identifiziert wird, die Wahrheit zu sagen — was uns gewiss ehrt). Übrigens sollte die Vereinigung von Frey und Konsorten mit Vayr-Piova und all denen, die es akzeptiert hatten, sie durch ihre gierig ersuchte Zustimmung zu unterstützen (es waren bis 8 bzw. 9 an der Zahl), ihre traurige Wirklichkeit selbst ins helle Licht setzen: sie beruhte auf kindischen Lügen von Individuen, die sich gegenseitig als ungeschickte Lügner schätzen, und stellte genau die unabsichtlich parodistische Vorführung einer Art „kollektiver Aktion“ dar, wie sie auf keinen Fall durchgeführt werden sollte; sowie mit den Leuten, mit denen man in keinem Fall verkehren sollte! So konnte man sehen, wie sie alle zusammen vor den Strassburger Studenten eine lächerliche Wahlkampagne geführt haben. Es wurden dabei pedantische Überbleibsel aus Pseudoerinnerungen an situationistische Ideen und Sätze über Seiten hin benutzt, ohne dass man sich dabei irgendwie lächerlich vorgekommen wäre, mit dem einzigen Ziel, „die Macht“ für die Strassburger MNEF-Sektion zu erhalten, die mini-bürokratische Hochburg des am 13. April wiederwählbaren Vayr-Piova. In diesem Fall ebenso erfolgreich wie bei ihren vorherigen Manövern wurden sie noch dazu von den genauso dummen Stalinisten und Christen geschlagen, die in Sachen Wahlen natürlicherweise lüstern sind und sich noch den Luxus gönnten, ihre erbärmlichen Rivalen als „falsche Situationisten“ zu entlarven. In dem am darauffolgenden Tag veröffentlichten Flugblatt Die S.I. hatte es euch doch gesagt! konnten André Schneider und seine Genossen leicht zeigen, wie sehr dieser missglückte Versuch einer werbungsmäßigen Ausnutzung der Überreste eines 5 Monate alten Skandals sich als die vollkommene Verleugnung des Geistes und der Perspektive zu erkennen gab, die damals behauptet worden waren. In einem am 20. April verbreiteten Kommunique erklärte Vayr-Piova zum Schluss: „Ich finde es lustig, endlich als ‚Nicht-Situationist‘ entlarvt zu werden — was ich immer wieder öffentlich bekanntgegeben habe, seitdem sich die S.I. zu einer offiziellen Macht aufgespielt hat“. Damit haben wir ein ausreichendes Muster für eine riesige und schon in Vergessenheit geratene Literatur. Dass die S.I. zu einer offiziellen Macht geworden ist — ist eine dieser für Vayr-Piova oder Frey typischen Thesen, die von denen nachgeprüft werden können, die sich für diese Frage interessieren; je nach den von ihnen gezogenen Schlüssen, werden sie dann auch wissen, was sie von der Intelligenz solcher Theoretiker halten sollen. Wenn aber Vayr-Piova nebenbei ankündigt — sei es „öffentlich“ oder auch nur „heimlich“, wie z.B. in einer den diskretesten Komplizen seiner Lügen zugedachten „Bekanntmachung“? —, er gehöre vom Tage unserer Umwandlung in eine „offizielle Macht“ nicht mehr zur S.I., welchen Zeitpunkt er auch immer für diese Verwandlung festsetzen mag, so ist das eine ausgeprägte Lüge. Alle diejenigen, die Vayr-Piova kennen, wissen genau, dass er sich nie für etwas anderes als „Nicht-Situationist“ ausgeben konnte (vgl. was wir oben über das AFGES-Kommunique vom 29. November 1966 geschrieben haben).

Selbstverständlich sind die erfreulichsten Ergebnisse all dieser Vorfälle jenseits dieses richtigerweise sehr beachteten Beispiels unserer Weigerung zu finden, alle diejenigen aufzunehmen, die der Neo-Militantismus bei seiner Suche nach ruhmreicher Unterwerfung unseren Weg kreuzen lässt. Als nicht weniger unwesentlich kann man den Aspekt des Ergebnisses betrachten, der zur Bestätigung des Zerfalls der UNEF geführt hat, der sogar noch weiter fortgeschritten ist, als man es seinem erbärmlichen Aussehen nach hätte glauben können. Noch im Juli war der Nachklang des Todesstoßes zu spüren, als der Vorsitzende Vandenburie vor dem 56. Kongress in Lyon traurig zugestehen musste: „Schon seit langer Zeit gibt es keine einheitliche UNEF mehr. Jede Assoziation lebt (Anmerkung der S.I.: dieses Wort bleibt anmaßend unpassend) autonom, ohne irgendeinen Bezug auf die Anweisungen des Nationalbüros. Der zunehmende Abstand zwischen der Basis und den Führungsorganen hat einen beträchtlichen Zustand der Verschlechterung erreicht. Die Geschichte der UNEF-Instanzen besteht nur aus einer Folge von Krisen … Es war nicht möglich, die Aktion wieder zu organisieren und in Gang zu bringen.“ Genauso komisch ist der geringe Nachklang, der bei den Universitätsprofessoren festgestellt werden konnte, die es für notwendig hielten, noch einmal über dieses aktuelle Phänomen zu petitionieren. Man wird leicht verstehen können, dass wir die von den 40 Professoren und Assistenten der Strassburger Philosophischen Fakultät öffentlich bekanntgegebene Position (und zwar eine Denunzierung der falschen Studenten, die diese „Unruhe in abgeschlossenem Raum“ um falsche Probleme „ohne eine Spur von Lösung“ angestiftet haben sollen) für logischer und vom sozialen Standpunkt aus rationaler halten — wie übrigens auch die Urteilsbegründungen des Richter Llabador — als der glattzüngige Versuch eines inkompetenten Verständnisses, der im Februar von einigen modernistisch-institutionellen Überresten verbreitet wurde, die zusammen am mageren Knochen der Lehrstühle für „Geisteswissenschaften“ in Nanterre nagen (der kühne Touraine, der getreue Lefebvre, der Maoist Baudrillard und der schlaue Lovrav).

Wir wollen eigentlich, dass die Ideen wieder gefährlich werden. Keinem soll es möglich sein, uns im weichen Teig des falschen eklektischen Interesses wie Sartre, Althusser, Aragon oder Godard zu dulden. Merken wir uns das im Nouvel Observateur vom 21. Dezember wiedergegebene sinnvolle Wort eines Universitätsprofessors namens Lhuillier: „Ich bin für Meinungsfreiheit, wenn es hier aber Situationisten gibt, so sollen sie hinausgehen!“ Ohne ganz außer Acht lassen zu wollen, dass die Verbreitung bestimmter zusammengefasster Wahrheiten dazu beigetragen haben mag, die Bewegung sehr leicht zu beschleunigen, die die französische Jugend zur Bewusstwerdung einer nahen, umfassenden Krise der Gesellschaft führt, sind wir der Meinung, dass der Verbreitung dieses Textes als einem Aufklärungsfaktor in einigen anderen Ländern eine viel größere Bedeutung beigemessen werden sollte, in denen ein solcher Prozess schon viel klarer in Erscheinung getreten ist. Im Vorwort zu ihrer Ausgabe des Textes von Khayati haben die englischen Situationisten geschrieben: „Die aufs höchste entwickelte Kritik des modernen Lebens ist in einem der am wenigsten entwickelten modernen Länder ausgearbeitet worden — in einem Land, das noch nicht an dem Punkt angelangt ist, an dem der vollständige Zerfall aller Werte evident wird und der folglich die Kräfte einer radikalen Verweigerung entstehen lässt. Im französischen Kontext ist die situationistische Theorie den sozialen Kräften vorausgegangen, die sie verwirklichen werden“. Die Thesen Über das Elend im Studentenmilieu sind in den Vereinigten Staaten und in England viel echter verstanden worden (im März machte der Streik in der London School of Economics einen bestimmten Eindruck, so dass der Times — Berichterstatter darin traurig eine Rückkehr des Klassenkampfes entdeckte, den er doch für beendet gehalten hatte.). Das gilt auch in geringerem Maße für Holland, wo die S.I.-Kritik, indem sie sich mit der härteren Kritik der Ereignisse selbst deckte, nicht ohne Wirkung auf die kürzliche Auflösung der „Provo“-Bewegung war, und die skandinavischen Länder. Selbst die diesjährigen Kämpfe der Studenten West-Berlins haben etwas davon behalten — wenn auch in einem immer noch sehr verschwommenen Sinn.

Selbstverständlich aber gibt es für die revolutionäre Jugend keinen anderen Weg als den Zusammenschluss mit der Masse der Arbeiter, die von ihrer Erfahrung mit den neuen Ausbeutungsverhältnissen ausgehend dabei sind, den Kampf um die Beherrschung ihrer Welt, um die Aufhebung der Arbeit wiederaufzunehmen. Während die Jugend anfängt, die aktuelle theoretische Form der wirklichen Bewegung kennenzulernen, die überall spontan aus dem Boden der modernen Gesellschaft neu hervortritt, stellt das nur einen Moment in dem Prozess dar, durch den sich diese vereinte theoretische Kritik, die sich mit einer praktischen Vereinheitlichung identifiziert, darum bemüht, das Schweigen und die allgemeine Organisation der Trennung zu durchbrechen. Nur in diesem Sinne stellt uns das Resultat zufrieden. Aus dieser Jugend schließen wir selbstverständlich die durch die Halbprivilegien der Universitätsbildung entfremdete Schicht aus, dies ist die natürliche Basis einer konsumierenden Bewunderung der angeblichen situationistischen Theorie als neuste spektakuläre Mode. Immer wieder werden wir diese Art Zustimmung enttäuschen und für falsch erklären. Man wird wohl einsehen, dass die S.I. nicht nach den oberflächlich skandalerregenden Aspekten gewisser Manifestationen beurteilt werden darf, sondern nach ihrer wesentlich skandalösen Hauptwahrheit.

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