MOZ, Nummer 58
Dezember
1990
Marie Thérèse Kerschbaumer

Versuchung

Aufbau-Verlag, Berlin 1990

Eine persönliche Anmerkung.

Foto: Reinhard Öhner

Der Aufbau-Verlag hat „Versuchung“ von Marie Thérèse Kerschbaumer, einen Text, der in Österreich keinen Verleger fand, kürzlich ediert.

Gewissermaßen bin ich als Rezensentin versucht, die Frage wieder einmal zu stellen, weswegen Marie Thérèse Kerschbaumer hierzulande so wenig Publikationsmöglichkeiten hat und woran das liegt. Die möglichen Antworten bewegen sich im Spekulativen, betreffen Text und Autorin gleichermaßen. Doch gewiß ist, daß die Ursachen nicht nur im Unzeitgemäßen, das sich modischen Literaturtendenzen sowohl sprachlich als auch inhaltlich entzieht, zu finden sein werden.

In Marie Thérèse Kerschbaumers poetischer Prosa unterliegt man, sofern man sich darauf einläßt, immer der Versuchung, individualgeschichtlich und historisch Verdrängtem auf die Spur zu kommen, moralisch aufgerüttelt zu werden und vor allem nachzudenken darüber, wie sich die Phänomenologie des Faschismus in Vergangenheit und Gegenwart in der ‚Banalität des Bösen‘ entlädt.

Zugegebenermaßen handelt es sich durchaus um ein unbequemes Unterfangen, in das man gerät, verstrickt wird und aus dem ein Entkommen niemals gewiß ist.

Eine mir aus früheren Zeiten bekannte Journalistin hat einmal geschrieben: „Ingeborg Bachmann zu lesen, tut mir weh.“ Nun würde ich dies bezüglich des schriftstellerischen Werkes von Marie Thérèse Kerschbaumer nicht sagen können, wenngleich ich zugeben will, daß die Berührung durch die Erfahrungen und Imaginationen der Poetin in ihren Texten sich unaufhaltsam ihre Wege bahnt bis dorthin, wo sich gemeinhin das Herz vermuten läßt. So man auf sein Herz hören kann, erweist es sich als unbestechlich, jedoch nicht unbeschadet, schreit nicht in grellem Schmerz, sondern malt Schattenspuren in Geist und Seele, zeigt melancholische Wehmut, die sich in Stirn, Blick und Mund graben, bleibt leise und dennoch spürbar.

„Versuchung“ ist ein Text mit Brüchen, der Bericht der Reise einer Frau nach Katalonien, die neun Tage lang und in drei Bahnreisen an die spanischfranzösische Grenze Zeuginnen des Widerstandes gegen das Francoregime, Faschismus und Krieg zu finden sucht und die „auf nicht näher geklärte biographische Weise mit dem spanischen Bürgerkrieg verbunden ist“.

„Versuchung“ ist aber auch ein Text, der nach Peter Weiss ‚Ästhetik des Widerstandes‘ mit den Mitteln poetischer Verfahren wie Analogien, Assoziationen und Verdichtung die Konturen einer möglichen ‚Ästhetik weiblichen Widerstandes‘ literarisch skizziert, was einer ‚Ästhetik des widerständigen Handelns‘ als unmittelbares Moment noch abzugewinnen wäre. Kerschbaumer unterschlägt nichts, schreibt fliessend aus sich heraus, mit höchster Anstrengung, alles zugleich sagen zu wollen, collagiert Traum, Erinnerung und unmittelbare Wahrnehmung und Wirklichkeit zu einer sinnlich erfahrbaren Textur, die die Einfühlsamkeit in romanische Literaturtradition nicht ausspart.

„Flucht vom TURME (Samarkand) eisiger Wüstenwind, Ankunft am Abend (September! September!), bläuliche Ferne (Wüste, gelbgrab(en)/Kuppel, Moscheen endlich) und als im Wohnturm (Betonverschalung) orientalisch windsandig Porzellan Teeblätter schimmern schwimme(l)n schwärzlich grün/Touristen wir (die Literaten) und als der Abgesandte der PLO erzählt vom Graben(Kampf) in BEIRUT/(als) die Übersetzerin sagt (je betrunkener desto) und als ich sah mitten ins Antlitz (racisme/fascisme: ...) Verachtung: hinnehmen? geschehen lassen? (liegt darin schon die Gefahr?) Symptome, wer verachtet wen? oder was? liegt darin schon (la quinta columna?) marschiert immer noch? (so seht doch, seht EUCH doch vor!).“

Begrenzung der unendlichen Geschichte des Schmerzes in seiner Verdichtung scheint schier unmöglich, denn auch mit ‚Zuweitgehen‘ ist die Überschreitung des Endpunktes fixiert. Und doch ist man immer wieder versucht, die Autorin nach Selbst/Erlösung zu fragen, dem verlittenen sprachlichen Glasperlenspiel zwischen Schrägstrichen und Klammern Walter Benjamins Zitat „Wo die Gefahr ist, da wächst das Rettende auch“, entgegenzusetzen.

Marie Thérèse Kerschbaumer hat ihren Reisetext nach der katholischen Liturgie strukturiert. Demgemäß steht das ‚Suscipe‘ nach ‚Präfation‘ (Aufforderung zur Lobpreisung), ‚Introitus‘ (ein von Tag zu Tag wechselnder Gesang, Einleitung zum Stufengebet) und ‚Confiteor‘ (leitet Schuldbekenntnis des Priesters ein) an vierter Stelle. „Es bezeichnet die Bitte um Annahme des Opfers“ (M. Th. Kerschbaumer).

„Versuchung“ ist nicht nur ein ganz persönliches Buch der Poetin, sondern ein Plädoyer gegen die Kälte des berechnenden Zynismus auf den Schauplätzen der Kriege zwischenmenschlichen Daseins.

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