Streifzüge, Heft 76
September
2019

Vier Wände, die nicht schützen

Schallschutz in Mietshäusern lädt eher zu reformerischen als zu revolutionären Diskursen ein. Leichtes Klopfen auf dem Thema macht hinter dem abbröckelnden Putz immerhin ein paar Gitterstäbe zum Ansägen sichtbar.

Unabhängig von der Gesinnung zieht wer kann aus einer hellhörigen Wohnung aus, um andere leiden zu lassen. Als Objekte, die Menschen im Allgemeinen dienen sollen, werden Mietwohnungen spätestens im Recht ausgelöscht. Höchstens auf den privaten Gebrauchswert dürfen Mieter*innen pochen. Für gesellschaftlichen Gebrauchswert sind spezielle Institutionen zuständig, etwa Wohnungspflegeämter. Maßen sich Protestbewegungen Bezugnahmen auf den gesellschaftlichen Gebrauchswert von Privateigentum an, ob im Bereich des Wohnens oder anderswo, dann meist im Bestreben, sie dem Staat zu übertragen, der allein sie praktisch umsetzen kann – solange Protestierende ihre Forderungen nicht selbst erfüllen.

Staatsbezug auf Mietwohnungen kann gefährliche Folgen haben, zum Beispiel behördliche Inspektionen auf Mängel der elektrischen Sicherheit wie teilweise in den USA und Großbritannien, bei denen sich auf Überbelegungen mit illegalisierten Mitmenschen achten lässt. In Deutschland droht aus dieser Richtung vorerst keine Gefahr. Anlässlich des Todes einer Mieterin, die 2005 in ihrer frisch angemieteten Wohnung beim Duschen durch Berühren eines Handtuchhalters starb, stellte ein Gericht klar, dass anders als in anderen Ländern Vermieter*innen in Deutschland keiner Pflicht zu Prüfungen der elektrischen Sicherheit unterliegen (Landgericht Bielefeld 29.10.2009 – Az. 6 O 262/09).

Auch wenn Menschen von Lärmbelastungen nicht sofort tot umfallen, erstaunt es, dass angesichts von mindestens 15 % mangelhaft schallgeschützten Mietwohnungen kein bisschen Kollektivprotest entsteht. Im Fall von Windkraftanlagen entstand er. Von Windkraftanlagen oder auch Startbahnen lässt sich leichter Überflüssigkeit behaupten als von Mehrfamilienhäusern. Zwar wissen wir, dass Menschen Mietshäuser bauen, wie sie auch sonst die Dinge erschaffen, die wir uns von der Wiege bis zur Bahre ununterbrochen an- und einverleiben, doch bleibt dieses Wissen abstrakt genug, um eher unschuldige Nachbar*innen verantwortlich zu machen als die Verhältnisse unter den Tapeten.„Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus“, sagt Marx über „den Arbeiter“ (MEW 40, 514). Aus der Produktion verbannt, flüchtet das Subjekt in die Konsumtion. Hier nimmt es menschliche Arbeit im Gegenständlichen hin wie andere Naturphänomene auch.

Haben nicht Klagen über Lärm sowieso etwas Spießiges an sich? „Stell dich nicht so an“, vermitteln nicht selten Freund*innen, Gerichte, Täter*innen und Lärmgeplagte selber sich im Chor, „so ist halt die Natur!“ Mangelhafter Schallschutz belästigt höchstens, verletzt aber niemanden. Mit ihrem natürlichen Apparatus dürfen Vermieter*innen Schläge austeilen und schlaflose Nächte bereiten. Bewirken Nachbar*innen dasselbe, ist die Polizei zuständig.

Der Vereinzelung im Lärmempfinden liegt eine Nichtkultivierung zugrunde, die im Fall sexualisierter Gewalt durchbrochen werden konnte. Wie das gehen kann, spielen Kinder vor: Ich sehe was, was du nicht siehst und das iiiist rot! Für Hörempfindungen fehlt ein Spiel, obschon sie nicht anders funktionieren als Sehempfindungen auch. Im Hirn sind alle Reize grau. Sinnesqualitäten erschließen wir aus dem zerebralen Zielgebiet. So verhelfen elektronische „Lollis“ über Tastempfindungen der Zunge, die im visuellen Kortex landen, vorbei an der Blindheit zu groben Seheindrücken (youtu.be/xNkw28fz9u0).

Ein Notbehelfsgleichnis: In gut schallgeschützten Mehrfamilienhäusern fliegen den Bewohner*innen durch herkömmliche Wohngeräusche aus Nachbarwohnungen Wattebällchen an den Kopf (weiß). In mittelmäßig schallgeschützten Häusern sind es Schaumstoffbälle (rosa) und in schlecht schallgeschützten Tennisbälle (rot). Wer die Tennisbälle nicht selbst gefühlt hat, leugnet bei entsprechend autoritärem Charakter ihre Existenz. Nicht als Wahrnehmungen anerkannte Empfindungen behandelt die dominante Kultur als zu vermeidende Einbildungen oder gar psychische Störungen, nicht als Gelegenheiten, ihren Horizont zu erweitern. Urzeitlichen Gesellschaften hätte es die gegenwärtig herrschende neurophysiologische Rigidität vermutlich unmöglich gemacht, aus den Arthritis-Höhlen zu stapfen. Allein, Malereien auf den Höhlenwänden wären als Schmierereien unterbunden worden.

Normen

Welches Empfinden kultiviert wird und welches nicht, hängt nicht zuletzt vom sozialen Einfluss der Empfindenden ab. Mit abnehmendem Einfluss wächst die Vereinzelung. Reicht der Einfluss geradeso eben in die Nichtignorierbarkeit, werden Verletzungen um den Preis anerkannt, sich zum Gegenstand einer Nachweisprozedur zu machen, deren Ergebnisse ohne emotionalen Nachvollzug beurteilbar sind.

Mit dem Sieg des Neoliberalismus wurden gewisse soziale Einflüsse geschwächt.

1968 meldeten Leute der WHO noch Handlungsbedarf an: „… die meisten modernen Häuser bieten keinen ausreichenden Schutz gegen Lärm, der außerhalb oder innerhalb der Gebäude entsteht. … Lärm innerhalb von Wohnungen besteht hauptsächlich aus tief-frequenten Geräuschen, die, obwohl von der Intensität her gering, über lange Zeiträume wirken … Stimulierende und störende Geräusche reichen in ihrer Intensität von 30 bis 65 Dezibel (dB). … Viele Autoren gehen davon aus, dass die von Geräuschen niedriger Intensität verursachte Reizung auf eine durch eine große Zahl von Warnsignalen verursachte Erschöpfung zurückgeht, die eine mit Furcht und Unruhe verwandte Reaktion hervorrufen.“ (Goromosov 1968, 68 f.)

Was in modernen Häusern geschah, zeigt eine österreichische Studie aus den 1970ern, die rund 10.000 Fragebögen auswertete – s. dazu die nebenstehende Grafik. (Bruckmayer 1974)

Zur Jahrtausendwende erhielten Mieter*innen in Deutschland eine Schallschutznorm namens DIN 4109 als entscheidenden Maßstab vorgesetzt. Die DIN 4109, deren Inhalte technische Delegierte von Bauwirtschaftsführungen bestimmen, ohne Fachleute der Humwanwissenschaften mitmachen zu lassen, legt fest, wie viel Schalldruck, der auf eine Wand oder Decke trifft, auf der anderen Seite herauskommen darf. Beim Nachweis der Normerfüllung wird der Schalldruck künstlich erzeugt, damit die Messungen reproduzierbar sind. Mit herkömmlichen Wohngeräuschen hat er nichts zu tun (Mašović 2013). Tiefe Klänge bleiben unbeachtet: gemessen wird ab 100 Hz aufwärts; im Arbeitsschutz immerhin ab 50 Hz; gehört wird – wie Fachkreisen der 1930er Jahre bekannt war und auf Druck von Windenergieanlagenprotesten genau gemessen wurde – ab etwa 8 Hz (Physikalisch-Technische Bundesanstalt 2015).

Um Schallschutzverbesserungen zu erreichen, haben Mieter*innen auf eigenes Kostenrisiko Verstöße gegen diese Norm zu beweisen. Fehlt das Geld, wird eben nichts bewiesen. Proaktiv Normeinhaltungen nachweisen wie der Rest der Anbieter*innen von was auch immer brauchen Vermieter*innen nicht.

2010 erklärte der deutsche Bundesgerichtshof, durchaus passend zur DIN 4109, Wohnungen für zumutbar, in denen die Bewohner*innen nicht „im allgemeinen Ruhe finden“ (Urteil vom 07.07.2010 – VIII ZR 85/09), und 2015 sah er „die Anforderungen der zur Zeit der Gebäudeerrichtung maßgeblichen DIN 4109 in der Ausgabe von 1962 (Trittschallgrenze: 63 dB) … als ausreichend an“.(Urteil vom 27.02.2015 – V ZR 73/14)

12 Jahre vor Fällung dieses Urteils hieß es in einer Fachzeitschrift zur DIN 4109 von 1989, die gegenüber der von 1962 verbessert wurde: „Zusammenfassend ist festzustellen, dass die gegenwärtigen Anforderungen nach DIN 4109“ von „Bauherren, Verbrauchern, Herstellern und Sachverständigen“ … „als unzureichend betrachtet werden.“ (Kurz 2003, 153)

Mit den „Bauherren“ sind Eigenheimbaupersonen gemeint. Weil nach DIN 4109 erbaute Häuser kein zufriedenstellendes Wohnen versprechen, schufen sie sich eine separate Schallschutznorm. Wer Häuser bauen lässt, in denen andere zur Miete wohnen, findet mangelhaften Schallschutz eher klasse, u.a. weil er häufigere Gelegenheiten zu Mieterhöhungen schafft. Mit ihren Urteilen, nach denen der „Standard bei Erbauung“ zu gelten habe, sorgen die Eigenheimler*innen vom Bundesgerichtshof dafür, dass mangelhafter Schallschutz nicht auf die Mieten schlägt. Dem kommt die Natur entgegen, denn anders als ein Kohleofen in der Stube bleibt Lärmbelastung bei Anmietung unsichtbar. Absurderweise würde das Argument vom „Standard bei Erbauung“, mit dem Schallschutzverbesserungen abgeblockt werden und das Mietervereine widerspruchslos schlucken, bei älteren Häusern öfters genau diese erfordern, da Alterung, Rohreinbauten, Wärmedämmung usw. den Schallschutz verschlechtern.

Gesundheitliche Grenzwerte in dem Sinn, wie sie ansatzweise für Lärm im Arbeitsschutz bestehen, legt die DIN 4109 nicht fest. Um solche Grenzwerte zu definieren, wären die Wirkungen tatsächlich auftretender Geräusche auf Menschen zu berücksichtigen und daraus Anforderungen an den Hausbau zu entwickeln.

Lärmstudien

Wie falsch Behauptungen sind, nach denen mangelhafter Schallschutz lediglich zu Belästigungen führt, zeigt eine 2002 von der WHO initiierte „Large Analysis and Review of European housing and health Status“ (LARES), die acht europäische Städte mit 8.539 Menschen umfasste. Sehr grob zusammengefasst ergab die Studie, dass ein Viertel der Wohnungen Europas krank macht und diese Wohnungen der ärmere Teil der jeweiligen Bevölkerungen bewohnt (WHO 2007). Sofern eine einigermaßen funktionierende Gesundheitsversorgung besteht, werden die Kosten, die ein angemessener Minimalstandard der Wohnungsqualität verursachen würde, in den Gesundheitssektor verschoben.

Bezogen auf Lärm ergab LARES:

„Bei Erwachsenen, die eine dauerhaft massive Belästigung durch Nachbarschaftslärm angaben, wurden erhöhte Erkrankungsrisiken des Herz-Kreislauf-Systems … festgestellt. … Stark erhöhte signifikante Risiken wurden für arthritische Symptome und Arthritis berechnet. … Herausragende Effekte auf das neuro-psychische System wurden bei langfristiger Belästigung durch Nachbarschaftslärm ebenfalls gefunden … Die Neigung zur Depression (SALSA) wie auch medizinisch diagnostizierte Depressionen nehmen bei schwerwiegender und langfristiger Belästigung durch Nachbarschaftslärm signifikant zu. … Darüber hinaus wurde bei schwerwiegender und langfristiger Belästigung durch Nachbarschaftslärm ein stark erhöhtes Risiko für Migräne bestätigt. … Ein signifikanter Trend innerhalb der Belästigungskategorien konnte außerdem für … Allergien bestätigt werden. … Im Zusammenhang mit schwerwiegender Belästigung durch Nachbarschaftslärm zeigt die LARES-Studie, dass Nachbarschaftslärm als ernste Gesundheitsgefährdung für Erwachsene klassifiziert werden muss.“

„Eine langfristige Belästigung durch Nachbarschaftslärm zeigte bei Kindern (bis 17 Jahren) einen deutlichen Effekt auf das Atmungssystem … Signifikant erhöhte Risiken wurden für Atemwegsbeschwerden wie auch für Bronchitis bestätigt. … Das stark erhöhte Erkrankungsrisiko des Atmungssystems unterstützt die Annahme, dass Kinder bezüglich der Belästigung durch Nachbarschaftslärm als Risikogruppe klassifiziert werden sollten.“ (Niemann 2006)

Menschen anstatt Wohnungen in Risikogruppen einzuordnen, demonstriert konkreten Nutzen der „Verkehrung des Subjekts in das Objekt und umgekehrt“ (Marx: Resultate 1970, 20/124). Für als gesundheitsschädlich klassifizierte Wohnungen ließen sich kaum Durchschnittsmieten verlangen.

Mangelhafter Schallschutz von Wohnungen bringt Allergien und Angst, Bronchitis, Cholesterin- und Kortisolerhöhungen, Depressionen und vieles mehr, ganz ohne dass sich die Betreffenden über Lärm beklagen. Sie brauchen ihn nicht mal zu bemerken.

Lärm, von dem Menschen nicht aufwachen, ist ziemlich leise. Trotzdem, so eine weitere Studie, „verursachen Lärmstörungen während des Schlafes erhöhten Blutdruck, beschleunigten Herzschlag, erhöhte Pulsamplituden, Gefäßverengung, Veränderungen der Atmung, Störungen des Herzrhythmus … Bei jedem dieser Effekte können die Schwellwert/Reaktions-Beziehungen unterschiedlich sein. Einige dieser Effekte (Aufwachen zum Beispiel) können sich bei wiederholter Exposition verringern, andere, insbesondere kardiovaskuläre, nicht.“(Goines 2007)

Noch nicht nachmessbar ist der Einfluss von Lärm auf Trauminhalte. Um nicht aufwachen zu müssen, träumen wir anderes, als wir zur konstruktiven Bearbeitung unserer Erlebnisse brauchen könnten. Nicht nachmessbar ist auch die Persönlichkeitsveränderung, die das Überleben in hellhörigen Wohnungen erfordert. In visueller Analogie entspricht Nachbarschaftslärm einem unregelmäßigen plötzlichen Auftauchen zusammenhangloser Bilder unterschiedlichen emotionalen Gehalts, die zu ignorieren sind.

Geht es darum, Lärmeffekte auf Organismen zu studieren, denen keine Deutung akustischer Reize zugetraut wird, kommen Wissenschaftler*innen nicht darum herum, Lärm als Gift zu betrachten. So ist in einer Arbeit über Wirkungen von Umweltlärm von „embryotoxischen Wirkungen“ die Rede (Meyer 1989).

Nach einer kanadischen Studie, die rund 68.000 Geburten erfasste, senkt Straßenverkehrslärm am Wohnort das Geburtsgewicht um 19 g je 6 dB(A) (Gehring 2014). Bezüglich der Entwicklung einer Angelegenheit namens „Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse“ (HHNR) heißt es in einer Dissertation: „Ist die fötale HHNR-Achse während der sensiblen Phase ihrer Ausbildung einer hohen Kortisolkonzentration ausgesetzt …, so werden diese Kortisolkonzentrationen als ‚normal bewertet‘ und es findet eine Sollwerteinstellung der negativen Feedbackschleifen auf höherem basalen Niveau und mit höheren Kortisolausschüttungen in Reaktion auf Stress statt.“ (Haselbeck 2012)

Unwissenschaftlich zusammengefasst bewirkt Wohnlärm oder anderweitiger chronischer Stress ungefähr: Der Fötus erfährt über den Mutterleib, wie stressig es „da draußen“ werden wird, und stellt sich darauf ein, indem er seine Fähigkeiten zu schnellen Aktionen und Reaktionen fördert. Dafür nimmt er hin, näher an Depressionen und Angst gebaut zu sein und wahrscheinlicher Diabetes und ein schlechteres Gedächtnis zu bekommen, als es ohne diese Anpassungsmaßnahme der Fall wäre. Für welchen guten Zweck macht er das alles?

Aufwändigere nachträgliche Schallschutzmaßnahmen zum Beispiel in DDR-Plattenbauten würden bei vollständiger Umwälzung auf Mieter*innen eine Mietpreisexplosion um (anhand von Zahlen nach Küstner 1997) grob geschätzt 35 Euro für 65-m2-Wohnungen verursachen. Neubaukosten für Mehrfamilienhäuser stiegen um rund 5 %, würde der Schallschutz auf ein Niveau angehoben, das in etwa bedeutet: keine Gehgeräusche, keine Stimmen und kein Fernsehgebrabbel aus Nachbarwohnungen mehr (Kötz 1999). Unzumutbar teuer wird Schallschutz beim Vermieten: Ein Verlust von 5 m2 durch dickere Wände oder Vorsatzschalen bedeutet bei 7 Euro/Monat Kaltmiete einen Einnahmeverlust von 35 Euro/Monat. Bevor es so weit kommt, ist für Ungeborene HHNR-Anpassung und für Geborene Gewöhnung angesagt.

Wissen und Herrschen

Darüber, ob Sinneseindrücke aus Ohren, Haut, Augen und Mund ins Großhirn dürfen, wacht der Thalamus. Gewöhnung an Lärm bedeutet: Diese Höreindrücke dürfen’s nicht. Wie viel passiert, während der Thalamus das Tor zum Bewusstsein öffnet oder schließt, zeigen nicht nur physiologische Messungen. Von westlichen Massenmedien Vollgemüllte können das Geschehen beim Einkaufsbummel bemerken, wenn sie dicke Kinder Pommes essen oder beturbante Männer mit verdächtig ausgebeulten Plastiktüten sehen. Um weiter in Ruhe einkaufen zu können, oder auch, um sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen, korrigieren sie eine unwillkürlich-spontane Empfindung der Alarmiertheit im Großhirn.

Gewöhnung an Lärm ist so gut möglich wie etwa Gewöhnung an Alkohol. Ein Mensch kann es schon schaffen, nach dem fünften Kurzen nicht zu kotzen. Ungiftiger wird Alkohol dadurch nicht. Bei Lärm kann er in Maßen gleichwohl helfen (National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism 1996). Ähnlich ist es beim Rauchen, das über Wirkungen auf Neurotransmitter Verwirrung durch Reizüberflutung reduzieren kann.

Eine nicht-normative Massenmedizin würde den Nutzen erforschen, der als Gleiche unterstellte Mitmenschen veranlasst, sich trotz einschneidender Konsequenzen diese oder jene Stoffe reinzuziehen. Heraus kämen Untergliederungen nach häuptsächlichem Nutzen. Daraufhin wäre erforschbar, wie sich der aufgefundene Nutzen mit weniger unerwünschten Wirkungen erreichen lässt. Solchen Forschungsprojekten steht die Hoheit von Geschäftsführungen der Pharmaindustrie über die Nutzenbestimmung von Drogen entgegen, die Eigenmacht diesbezüglich als unvernünftig erscheinen lässt. Wie viele Lärmgewöhnte mögen es sein, die Antiallergika, Blutdrucksenker oder Neuroleptika schlucken, wo eine Trittschalldämmmatte reichen könnte?

Unter Fremdherrschaft geriet auch die Ernährungsweise. Bei Lärmstress können Kalorienbomben helfen (Ulrich-Lai 2010). An dieser Stelle halten Ernährungsexpert*innen denen, die im Lärm zu wohnen gezwungen sind, ungesunde Ernährung vor. Günstigstenfalls, was ihre Gesundheit und Lebensdauer betrifft, ignorieren Letztere den Wissensvorsprung, der Anpassungen an suboptimale Umwelten verbietet, und zahlen beim nächsten Schokoriegel den verlangten Aufpreis des Versagensgefühls. Zuckerbrot und Peitsche: bewährtes Kombipräparat gegen Aufmüpfigkeit.

Ohne Stoffzufuhr hilft Gehörlosigkeit gegen Lärm. Eine taiwanesische Studie fand, „dass unter 7- bis 12-jährigen … Kindern, die auf Schulen in Gebieten mit hohem Verkehrslärm in Taipeh gingen, diejenigen mit typischem Hörvermögen einen signifikant höheren Blutdruck hatten als gehörlose Kinder.“ (Ferguson 2013)

Eher nicht aus Unkenntnis der Zusammenhänge empfehlen biomächtige Gesundheitsexpert*innen, Kindern, die sich mit Musikabspielgeräten ein bisschen Schwerhörigkeit verpassen, einen „gesundheitsbewussteren und differenzierteren Umgang mit lauten Schallquellen“ nahezubringen (Robert Koch-Institut 2008). Tagsüber durch die Straßen ziehen und Autos in Brand setzen und nachts verbrecherische Bundesgerichtshofangehörige wachklingeln, meinen sie damit nicht – ebenfalls nicht einen differenzierten Kampf gegen die Diskriminierung lärmbelasteter Kinder an Schulen.

Zu den Auswirkungen von Lärm auf den abgeprüften Teil des kindlichen Geistesapparates zählen Gedächtnisschädigungen und Schädigungen der Fähigkeit, Klänge zu unterscheiden, die zur Sprachwahrnehmung wichtig ist. Für das Kapital ausgesprochen nützlich ist eine Lärmwirkung, die „erlernte Hilflosigkeit“ heißt und eine resignierte Einstellung bezeichnet, sowieso nichts ändern zu können.

„Die ersten Studien zu erlernter Hilflosigkeit verwendeten unkontrollierbaren Lärm als Reizauslöser. Seither haben viele Studien belegt, dass unkontrollierbare Lärmbelastung erlernte Hilflosigkeit verursachen kann.“ (Ferguson 2013)

Wäre der Kapitalismus eine Verschwörung, könnten sich die Kapitalist*innen gefragt haben: Wie erzeugen wir eine Unterklasse, deren Angehörige ihren Nichtaufstieg in der Sozialhierarchie der eigenen Doofheit zuschreiben? Antwort: Lasst uns entsprechend des gewünschten Prozentsatzes der Unterklasse schlechte Wohnverhältnisse schaffen.

„Eine kleine Anzahl von Studien in Nordamerika und Europa untersuchte Wohnqualität und kognitive Entwicklung. Einige … deckten auf, dass … Kinder bei unterdurchschnittlicher Wohnqualität geringere schulische Kompetenzen aufwiesen. Diese Effekte werden durch die Dauer, während der die unterdurchschnittliche Wohnqualität besteht, verstärkt, und eine Studie zeigte, dass sich die Grundschulleistungen verbesserten, wenn Familien in Wohnungen mit besserer Wohnqualität umzogen.“ (Ferguson 2013)

Wahrscheinlicher entstehen schlechte Wohnverhältnisse ökonomisch-mechanisch: Der Preis von Arbeitskräften liegt wie der aller Waren unterhalb ihrer Reproduktionskosten, solange das Angebot die Nachfrage übersteigt. Ohne Gewerkschaftsmacht und staatliche Umverteilungen wären für leicht ersetzbare Arbeitskräfte keine privaten Wohnungen, keine Kinderaufzucht, keine Krankenversicherung drin. Kampf um Reformen bleibt lebenswichtig, bis der Kapitalismus unmittelbar vor seiner Aufhebung steht.

Wie um diese zu verzögern, liefert mangelhafter Schallschutz dem populistischen Überbau die Biobasis. Nach der Pharmaindustrie undienlichen soziopsychologischen Experimenten vorneoliberaler Zeiten verringern Lärmbelastungen Hilfsbereitschaft und Gutwilligkeit gegenüber Mitmenschen sowie die Komplexität im Denken. Damit keine Vorurteile aufkommen: In einem der Experimente lebten Studierende eine Woche lang in einem Wohnheim. Eine Gruppe der Studierenden wurde über einen außerhalb des Hauses stehenden Lautsprecher ständigem Verkehrslärm bis 70 dB (draußen) ausgesetzt; die andere genoss relative Ruhe. Gruppendiskussionen, bei denen die Aufgabe darin bestand, Einigkeit zu erzielen, dauerten bei den Lärmbelasteten länger und in ihren Diskussionen bestand mehr Uneinigkeit. Allgemein sprachen Studierende der lärmbelasteten Gruppe schneller als die der Vergleichsgruppe (Cohen 1985).

In einer Situation konsumorientierter Vereinzelung hängt Aufbegehren von der Möglichkeit ab, Gedankenketten zu bilden, mit deren Hilfe sich Selbstverständlichkeiten abstoßen lassen. Hellhörige Wohnungen sind Gedankenkettenschneidemaschinen, die zur Flucht in die massenmediale Verseuchung des limbischen Systems treiben. Ohne Reformen im Schallschutz kann es zur Revolution nur auf die harte Tour kommen, durch die Unfähigkeit des Kapitalismus, die physischen Lebensverhältnisse einer qualitativen Mehrheit oberhalb des Rebellionsniveaus zu halten.

PS: Macht jemand mit, ein reformistisches Sachbuch zum Thema zu schreiben? Es wäre das erste deutschprachige seiner Art. hellhoerig hamburger-netzwerk.de

Quellen

Zitate aus englischen Quellen sind ungeprüfte Eigenübersetzungen.

  • Bruckmayer F, Lang J (1974): Richtlinien für die Anwendung wirtschaftlicher Schallschutzmaßnahmen im Wohnungsbau als Vorbereitung für legislative Maßnahmen. Schriftenreihe der Forschungsgesellschaft für Wohnen, Bauen und Planen Heft 55 (Grafik abgezeichnet, gekürzt).
  • Cohen S, Spacapan S (1985): The Social Psychology of Noise, in: Jones DM, Chapman AJ (Hrsg.): Noise and Society. Wiley, Chichester.
  • Ferguson KT, Cassells RC, MacAllister JW, Evans GW (2013): The physical environment and child development: An international review, in: International Journal of Psychology.
  • Gehring U, Tamburic L, Sbihi H, Davies HW, Brauer M (2014): Impact of noise and air pollution on pregnancy outcomes, in: Epidemiology.
  • Goines L, Hagler L: Noise Pollution (2007): A Modern Plague, in: Southern Medical Journal.
  • Goromosov MS (1968): The physiological basis of health standards for dwellings. WHO Public Health Paper 33.
  • Haselbeck C (2012): Fötale Programmierung: Der Einfluss von pränatalem Stress auf Entwicklung, Temperament und HHNR-Achsen – Funktion des Säuglings – eine prospektive Studie (Dissertation).
  • Kötz WD, Blecken U (1999): Forschungsbericht: Kosten des Schallschutzes im Wohnungsbau – Beispiel für kostengünstige Lösungen (Umweltbundesamt Berlin).
  • Küstner E, Sonntag E, Scholze J (ca. 1997): Kurzfassung – Kostenoptimierte Verbesserung des Trittschallschutzes im industriellen Wohnungsbau, Teil 2 (www.irbnet.de/daten/kbf/kbf_d_F_2357.pdf)
  • Kurz R, Schnelle F (2003): DIN 4109 Teil 10 – ein Fortschritt der Bauakustik? In: Fortschritte der Akustik, DAGA.
  • Mašović DB, ŠumaracPavlović DS, Mijić MM (2013): On the suitability of ISO 16717-1 reference spectra for rating airborne sound insulation, in: Journal of the Acoustical Society of America.
  • Meyer RE, Aldrich TE, Easterly CE (1989): Effects of noise and electromagnetic fields on reproductive outcomes, in: Environmental Health Perspectives.
  • National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (1996): Publikation Nr. 32 PH 363 (pubs.niaaa.nih.gov/publications/aa32.htm)
  • Niemann H et al. (2006): Noise-induced annoyance and morbidity results from the pan-European LARES study, in: Noise Health.
  • Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Pressemitteilung vom 10.07.2015 (www.ptb.de/)
  • Robert Koch-Institut (Hrsg.), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2008): Erkennen – Bewerten – Handeln: Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
  • Ulrich-Lai YM et al. (2010): Pleasurable Behaviors Reduce Stress via Brain Pathways, Research Shows. University of Cincinnati (www.pnas.org/content/107/47/20529)
  • WHO Regional Office for Europe (2007): Large analysis and review of European housing and health status (LARES) – Preliminary overview.
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