Heft 7-8/2001 — 1/2002
Februar
2002

Völkerkunde abschaffen!

Obwohl die Ethnologie heute oft gegen das Image eines nutzlosen Orchideenstudiums an­zukämpfen hat, entstand auch sie aus einem konkreten Nutzen für das kolonialisierende und missionierende Europa heraus.

Die Völkerkunde entstand als Wissenschaft in der Hochblüte des Europäischen Kolonialis­mus. Das Wissen um die zu beherrschenden „Völker“ Asiens, Afrikas, Australiens, Ozeaniens und Amerikas diente unmittelbar der Beherrschbarkeit der „Studienobjekte“. Insofern ist es nur logisch, dass die ersten Ethnologen auch in Österreich aus der christlichen Mission stammten. Pater Paul Schebesta etwa, der Gründer der institutionalisierten Völkerkunde in Wien, machte sich bei den Pygmäen auf die Suche nach einer ursprünglichen monotheisti­schen Religion und auch wenn er eine solche nicht finden konnte, legte er sich seine Forschungs­ergebnisse so zu recht, dass er eine solche doch noch „wissenschaftlich“ beweisen konnte.

Waren diese ersten österreichischen Ethnologen noch von einem christlichen Hintergrund geprägt, so spielte bei der jüngeren Generation von VölkerkundlerInnen seit den Dreißiger Jah­ren eine säkularisierte Rassenlehre eine immer bedeutendere Rolle. Nationalsozialistische EthnologInnen wie Hermann Baumann, Hugo Adolf Bernatzik oder Viktor Christian waren be­reits vor der Machtübernahme der Nazis an der Universität Wien aktiv, die noch stärker austrofaschistisch geprägte Führungsspitze des Instituts für Völkerkunde um Pater Wilhelm Schmidt und Wilhelm Köppers, beide wichtige Vertreter der Wiener „Kulturkreislehre“, wur­de jedoch entmachtet. „Köppers und Schmidt wurden kurzzeitig verhaftet und mussten ausreisen. Der Privatdozent Heine-Geldern befand sich während des Machtwechsels in den USA und kehrte nicht zurück.“ (LINIMAYR, 1994: 51) Viktor Christian, der Vorstand des Instituts für Orientalistik, übernahm die Interimsleitung des Instituts für Völkerkunde. Von 1940 bis 1945 leitete der überzeugte Nazi Hermann Baumann das Institut.

Trotz dieser Brüche konnte die neue Führung des Instituts für Völkerkunde auf wissen­schaftliche Vorarbeiten setzen und an einen Rassendiskurs anknüpfen der die deutschspra­chige Völkerkunde im „Altreich“ bereits längst prägte. Die physischen Merkmale der zu er­forschenden „Völker“ spielten bereits zuvor eine wichtige Rolle in der deutschsprachigen Völkerkunde.

Unter der NS-Herrschaft setzte sich diese rassistische Völkerkunde endgültig durch. Die Suche nach mythischen Ursprüngen nationalsozialistischer Ideologie und Symbolik spielte in der Folge eine wichtige Rolle am Institut für Völkerkunde. Physische Anthropologie und geisteswissenschaftliche Völkerkunde rückten zunehmend zusammen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Erforschung der „Indogermanen“. Dabei waren jedoch viele Forschungs­vorhaben auch von nationalsozialistischer Interdisziplinarität geprägt, an denen die Völker­kunde auch — aber nicht nur — beteiligt war.

Johann Knobloch etwa studierte an der Universität Wien indogermanistische Sprachwis­senschaften. Unter seinen Lehrern befanden sich jedoch nicht nur Professoren der Sprach­wissenschaft, sondern auch der interimistische Institutsvorstand der Völkerkunde, Viktor Christian. Knobloch, der auch nach 1945 seine wissenschaftliche Karriere an österreichischen und deutschen Universitäten fortsetzte, recherchierte für seine Dissertation über „Romani-Texte aus dem Burgenland“, die er am Institut für Sprachwissenschaft verfasste, im „Zi­geunerlager“ im Salzburger Stadtteil Leopoldskron, wo er mit der Macht der bewaffneten NS-Wächter im Hintergrund Informationen aus seinen „Forschungsobjekten“ herauspresste. (LEWY, 2001: 231ff) Dass diese draufhin deportiert und vernichtet wurden, interessierte den Völkerkundler nicht.

„Noch während des Krieges sammelte er in Lagern für sowjetische Kriegsgefangene in der weiteren Umgebung von Wien tscherkessisches, osetisches, georgisches, mingrelisches und lakkisches Sprachmaterial“. (BOTHIEN/ÖLBERG/SCHMIDT, 1985: XV)

Wie im gesamten österreichischen Wissenschaftsbetrieb war der Bruch, der mit der militärischen Niederlage Deutschlands 1945 einherging, auch in der Völkerkunde bei weitem nicht so spektakulär wie er hätte sein sollen. Baumann flüchtete zwar und Schmidt, Köppers und Heine-Geldern kehrten nach Wien zurück. Trotzdem blieben wichtige EthnologInnen in ihren Positionen oder kehrten nach Erhalt ihres „Persilscheins“ wieder in den Wissen­schaftsbetrieb zurück.

Ein bekanntes Beispiel dafür ist Walter Hirschberg, der aufgrund seiner NSDAP-Parteimitgliedschaft zwar seinen Dienst am Völkerkundemuseum quittieren musste, aber schon bald wieder einer der anerkanntesten deutschsprachigen EthnologInnen der Nachkriegsära wurde. Hirschberg hatte lediglich bis 1950 Lehrverbot an der Universität Wien, wurde aber schon 1962 wieder mit einer Professur bedacht.

Hirschberg war auch Herausgeber des 1988 im Dietrich Reimer Verlag erschienenen „Wör­terbuch der Völkerkunde“, das heute noch in den Einführungsvorlesungen am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie, wie das Institut für Völkerkunde mittlerweile heißt, empfohlen wird. Zu einem Zeitpunkt wo selbst rechte Verhaltensforscher wie der Konrad Lorenz-Schüler Eibl-Eibesfeldt anerkennen mussten, dass der Rassebegriff auf den Menschen bezogen wissenschaftlich unhaltbar ist, ist in diesem Werk unter dem Stichwort „Rasse“ noch zu lesen:

„Wichtige Rassenmerkmale sind [...] Körpersubstanzen [...] und — bei Tier und Mensch — auch geistig-seelische Differenzierungen (Verhaltensweise, Temperament usw.). [...] Auch beim Menschen ist es im Laufe seiner Stammesgeschichte zur Bildung zahlreicher R. gekom­men. Sowohl die zeitliche Aufeinanderfolge als auch das Nebeneinander verschiedener Men­schenformen von den Anfängen der Menschheit bis zur Gegenwart liefern Anschauungsma­terial für seine rassische Differenzierung in Raum und Zeit. [...]“ (HIRSCHBERG, 1988: 390) Im gesamten Beitrag wird nicht einmal erwähnt, dass es Zweifel an der Existenz von Rassen gäbe. Kaum wo zeigt sich so deutlich die zwar verbale Entschärfung aber kaum ver­steckte Weitertradierung einzelner Ideologeme des Nationalsozialismus in der Völkerkunde.
Walter Hirschberg durfte auch im als Lehrbuch allen EthnologiestudentInnen bekannten Sammelband „Ethnohistorie und Kulturgeschichte“ zwei Aufsätze verfassen. Neben Hirsch­berg findet sich auch der deutschnationale Soziologe Roland Girtler [1] mit zwei Artikeln über „Hermeneutik und Ethnohistorie“ und die „Aktualität der Soziologie für die Geschichtswissen­schaft“ unter den Autoren dieses Werkes, an dem keinE Völkerkunde-StudentIn im ersten Studienabschnitt vorbeikommt.

Noch vor wenigen Jahren, als ich im ersten Studienabschnitt studierte, war ich in der Ein­führung in die Völkerkunde Indiens von Dr. Pillai-Vetschera mehrmals mit dem Begriff der „Rasse“ konfrontiert. In der damals vom Kastendienst der Institutvertretung ausgegebenen, aber nicht autorisierten, Vorlesungsmitschrift vom Ende der Achzigerjahre war von „kleinwüchsi­gen, dunkelhäutigen, flachnasigen“ Menschen die Rede, als es um die Ureinwohner Indiens ging. Als ich statt einer Prüfung eine geharnischte Kritik an diesen Begriffen abgab, erhielt ich von der Vortragenden eine Antwort, in der es u.a. hieß: „Von der Erwähnung physischer Merkmale werde ich allerdings auch in Zukunft nicht abgehen. [...] Selbst die Erwähnung von ‚klein, dun­kelhäutig, flachnasig, ...‘ hat ihren guten Grund: Es sind Merkmale, die in der ältesten Literatur erwähnt werden. Gerade diese frühen Hinweise werden heute von den Dalits und den Adivasi verwendet, um nachzuweisen, dass sie die autochtone Bevölkerung der Landes waren, die von den später eingewanderten Aras (die in der Dalit-Literatur übrigens als ‚Nazis‘ bezeichnet werden) des Bodens beraubt und unterdrückt wurden.“ (PILLAI-VETSCHERA, Brief vom 19.2.1997)

Ich würde den Lehrenden am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie unrecht tun, wenn ich nicht erwähnte, dass solche „Ausrutscher“ heute eher die Ausnahme als die Regel dar­stellen. Der Rassebegriff und die Behandlung physischer Unterschiede ist aber auch aus vielen anderen Vorlesungen noch nicht verschwunden. Zugleich gab es aber auch schon in den Sieb­zigerjahren mit Walter Dostal eine marxistisch inspirierte Sozial- und Kulturanthropologie am Institut und auch wertkonservative Professoren wie Prof. Wernhardt, der selbst Mitglied des katholischen Cartellverbandes ist, arbeiten heute in ihren Vorlesungen zur Fachgeschich­te die rassistische und nationalsozialistische Vergangenheit der Wiener Völkerkunde unge­schminkt auf. Dies ist ebenso als Fortschritt zu beurteilen, wie die Umbenennung des Instituts, nicht aber der Studienrichtung, in ein „Institut für Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie“.

Trotzdem zeichnet sich in der modernen deutschsprachigen Völkerkunde eine Verschiebung des Rassebegriffes zum Kulturgebegriff ab, wie es auf der politischen Ebene die „Neue Rechte“ schon vorexerziert hat. Der Begriff der „Kultur“ wird dabei weitgehend unangetastet belassen und für Gruppenidentitäten verwendet, die zuvor eher biologisch hergeleitet wurden. Das Bild von in sich geschlossenen „Kulturen“ wird dabei nur selten in Frage gestellt. Dass da­bei viele Studierende noch wesentlich reaktionärer sind als ihre Vortragenden, ändert nichts an dieser Tatsache, sondern lässt für die Zukunft nur noch Schlimmeres erwarten.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich mich etwa an eine Vorlesung aus dem 2. Studienabschnitt erinnern, wo angehende EthnologInnen darüber diskutiert haben, an wel­chen Eigenschaften denn nur „echte Hawaiianer“ zu erkennen wären. Mein damaliger Einwand, dass Gruppenidentitäten, wenn überhaupt, so nur durch das ideologische Bekenntnis zu ihnen festgemacht werden können, da es sich dabei um ideologische Konstrukte, vorgestellte Ge­meinschaften handle, wurde von der überwiegenden Mehrheit der Studierenden nur mit Un­verständnis betrachtet.

Hier zeigt sich auch, dass die deutschsprachige Völkerkunde anderen Instituten für Sozial- ­und Kulturanthropologie im anglosächsischen oder französischen Sprachraum noch Jahr­zehnte hinterherhinkt.

Dort sind es gerade auch fortschrittliche EthnologInnen wie Ernest Gellner gewesen, die sich mit dem ideologischen Konstrukt von Gruppenidentitäten beschäftigt haben. Aber welche Studierenden haben in Wien schon Gellners „Nationalismus und Moderne“ gelesen?

Dabei spielt sicher auch die weitgehende Theoriefeindlichkeit vieler Völkerkundestuden­tInnen eine wichtige Rolle, bei der Weigerung sich mit den ideologischen Grundlagen des ei­genen Faches auseinanderzusetzen. Theorievorlesungen sind unter der Mehrzahl der Studis ver­hasst. Da hört mensch sich lieber nette Geschichten von afrikanischen oder indischen Göttern an oder lauscht gebannt Erzählungen über möglichst exotische „Indianer“ oder Aborigenes. Die Sehnsucht nach „Natürlichkeit“, „Ursprünglichkeit“ und Exotik ist vielen angehenden EthnologInnen anzusehen, wenn ihre Augen zu leuchten beginnen, sobald es um geheime Kulte, afrikanische Musik oder vermeintliche Reste „natürlicher Urvölker“ geht.

Letztlich bleibt aber jede noch so verdienstvolle Aufarbeitung der Fachgeschichte der Ethnologie durch ProfessorInnen und Studierende, die sich selbst noch als WissenschafterInnen und nicht als zivilisationsmüde EsoterikerInnen verstehen, eine fachinterne Aufarbeitung und „Vergangenheitsbewältigung“. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Völkerkunde als ei­gene Wissenschaftsdisziplin bleiben davon ausgespart. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn würden diese einmal einer näheren Betrachtung unterzogen werden, könnte sich ja heraus­stellen, dass konsequenterweise nur die Selbstabschaffung der Völkerkunde zu fordern wäre.

Die Völkerkunde ist, wie Anfangs erwähnt, als Kolonialwissenschaft entstanden. „Wissen über Andere“ bedeutet oft auch „Herrschaft über Andere“, insbesondere dann, wenn dieses Wissen sich nur in eine Richtung entfaltet und nicht reziprok auch als Wissen „der Anderen“ über „uns“ existiert. An der Universität Wien gibt es immer noch ein eigenes Studium und eigene Ins­titute zu Erforschung nichteuropäischer „Völker“ oder „Kulturen“ und zur Erforschung eu­ropäischer „Völker“. Ersteres nennt sich Völkerkunde, zweiteres Volkskunde. Dabei gibt es keinerlei wissenschaftliche Begründung, diese Trennung aufrechtzuerhalten, es sei denn, je­mand ist tatsächlich noch der Meinung, dass es sich bei AfrikanerInnen, AraberInnen, Papuas oder InderInnen um etwas ganz anderes handle, als bei uns „zivilisierten EuropäerInnen“.
Vielleicht gäbe es nach ausreichender Hinterfragung der Begriffe „Kultur“ und „Identität“ eine Rechtfertigung für ein Studium einer „internationalen Kulturwissenschaft“, einer „ver­gleichenden Soziologie“, die sich mit der Menschheit auf dem gesamten Planeten beschäf­tigt. Für ein Studium der Völkerkunde gibt es eine solche sicherlich nicht! Ansonsten wären die Subbereiche der Völkerkunde leicht anderen Studienrichtungen zuzuordnen. Warum be­schäftigt sich die Völkerkunde mit afrikanischer Kunst und nicht die Kunstgeschichte? War­um beschäftigt sich die Völkerkunde mit politischen Systemen der Indigenas in Ecuador und nicht die Politikwissenschaft? Warum beschäftigt sich die Völkerkunde mit den Gesellschaf­ten der Papuas in Neuguinea und nicht die Soziologie?

Was für Europa in den verschiedensten sozial- und kulturwissenschaftlichen Fachberei­chen erarbeitet wird, wird für die ehemaligen Kolonialgebiete unter der „Völkerkunde“ sub­sumiert. Auch der Einwand, all diese anderen Sozial- und Kulturwissenschaften würden sich nur mit Europa und den USA beschäftigen und deshalb wäre eine Wissenschaft notwendig, die sich nur mit den von den anderen Sozial- und Kulturwissenschaften vernachlässigten Regionen beschäftigt, kann nur dann gelten, wenn sich EthnologInnen selbst als Abfalleimer für ver­nachlässigte Studienbereiche aus anderen Fachgebieten verstehen. Die Völkerkunde ist je­doch trotz aller Reformen in ihren Grundlagen immer noch die alte rassistische Kolonialwis­senschaft, die sie von Anfang an war. Sie kann sich deshalb nicht innerhalb der Grenzen ihrer Wissenschaft selbst reformieren, sondern harrt ihrer Überwindung. Revolutionäre VölkerkundlerInnen können somit nur ihre eigene Abschaffung betreiben!

[1vgl. den Artikel von Manfred Gmeiner: Beteiligung der Wissenschaft am rechten Diskurs, auf S. 88-93 der Broschüre, in dem die diesbezüglichen Aktivitäten Roland Girtlers noch eingehender beschrieben werden.

Literatur:

  • BOTHIEN, Heinz / ÖLBERG, Hermann M. / SCHMIDT, Gernot: Festschrift für Johann Knobloch. Innsbrucker Beiträge zur Kul­turwissenschaft, Band 23. Innsbrck, 1985
  • GELLNER, Ernest: Nationalismus und Moderne. Berlin, 1995
  • HIRSCHBERG, Walter (Hg.): Neues Wörterbuch der Völkerkunde. Berlin, 1988
  • KNOBLOCH, Johann: Romani-Texte aus dem Burgenland. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades an der Universität Wien. Wien, 1943
  • LEWY, Guenter: „Rückkehr nicht erwünscht” Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich. München, Berlin, 2001 LINIMAYR, Peter: Wiener Völkerkunde im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main, 1994
  • WERNHART, Karl R. (Hg.): Ethnohistorie und Kulturgeschichte. Wien, Köln, Graz, 1986
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