FORVM, No. 16
April
1955

Vom Leben und vom Wohnen in der Sprache

(Karl Kraus — Martin Heidegger)

Daß über die Sprache beliebig sich verfügen lasse, ist ein unausrottbares Vorurteil der aufgeklärten Gesellschaft. An ihm wird starrsinnig meist auch dann festgehalten, wenn im Mißlingen der Verständigung die Ohnmacht der Sprechenden sich erweist. Die Politiker, die Gelehrten, die Liebenden erfahren in ihrem Zwist, daß sie scheitern, weil sie einander nicht verstehen: die Sprache verläßt sie und sie bleiben entfremdet zurück.

Ausdruck dieses noch nicht abgeschlossenen Vorgangs einer sprachlichen Entfremdung im Großen ist die journalistische Phrase, die mit Zeitung und Rundfunk die Herrschaft im Bewußtsein der Menschen angetreten hat — und die Unparteilichkeit der wissenschaftlichen Begriffssprache, von der die uns begegnende Welt gleichsam neutralisiert wird. Daß eine genau festgelegte Anzahl von Wörtern heute als „Programm“ in einen elektronischen Übersetzungsautomaten gegeben werden kann, der dann ganze Sätze „richtig“ in einer anderen Sprache wiedergibt, läßt nicht nur traurige Rückschlüsse zu, wie es um den Gehalt solcher Sätze bestellt sein muß, sondern bezeichnet zugleich den Punkt, bis zu dem die Bedenkenlosigkeit gediehen ist. „Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser — und der Geist selber wird stinken.“ Nietzsches einst utopisches Wort ist von der Realität noch innerhalb dieser Zeitspanne überholt worden: die Epoche des Hörers und des Bildbetrachters vor der Leinwand und dem Fernsehschirm hat mit dem modernen Analphabetentum vollends Ernst gemacht. Sprache wird als Slogan zum psychotechnischen Trick, dem die Menschen im Schatten universaler politischer Verhängnisse blindlings ausgeliefert sind. Die sprachreinigenden Schulmeister, denen die Vererbung der Muttersprache als Handwerk anvertraut ist, stehen nur an anderer Stelle desselben Betriebs, in dem die letzte sprachliche Nuance wegdckretiert wird.

Der „normale“ Zeitgenosse, der sich mit stumpfer Widerstandslosigkeit ins scheinbar Unvermeidliche schickt, wird demgegenüber die Werke von Karl Kraus oder die Meditationen Heideggers über das Wesen der Sprache als Äußerungen sektiererhaft verbohrter Geister empfinden. Aber wer beider Werk darum auch schon für ein schönes Umsonst hält, der übersieht die Kräfte, die im Zerfall frei werden. Wie Joyce und Proust die epische Form so grundlegend geändert haben, daß ihre Werke zur Grenzscheide zwischen alter und neuer Prosa wurden, so wird jedes Nachdenken über die Sprache fortan — wenigstens was das Deutsche betrifft — durch Kraus oder Heidegger beeinflußt sein.

Es bleibe vorerst dahingestellt, ob das „oder“ hier verbindende oder ausschließende Bedeutung hat, ob der Gegensatz zwischen Kraus und Heidegger überhaupt eine Suche nach dem Gemeinsamen zuläßt. Alles scheint hier einander zu widersprechen.
Karl Kraus hat den Journalisten eines Landes, in dem man leicht dazu neigt, Talmi mit Tradition zu verwechseln, vierzig Jahre lang ihre sprachliche Impotenz vorgehalten. Martin Heidegger untergräbt nun schon ein Menschenalter hindurch die gesamte Tradition der abendländischen Philosophie und hat im Verlauf dieses Unternehmens die Objektivität der wissenschaftlichen und philosophischen Begriffssprache als neuzeitlichen Mythos dssavouiert. Kraus ist Satiriker, kein Witz von ihm „zaudert in der Entscheidung darüber, wer anständig und wer ein Schurke, was Geist und was Dummheit, was Sprache und was Zeitung sei“ (Adorno). Heidegger ist der undialektische Denker des Seins, dessen hartnäckiger Versuch, aus den ausgefahrenen Geleisen der philosophischen Tradition herauszukommen, ihn in die Wildnis einer Mystik geführt zu haben scheint, deren viel berätseltes Dunkel zugleich betörend und anrüchig wirkt. Kraus stand allein mit seinem Wort gegen die Mächte des Unheils und war bereits totgeschwiegen, als seine düstersten Prophezeiungen noch vor seinem Tode sich schaurig erfüllten. Heidegger wahrte nach anfänglicher Begeisterung, für die seine Rektoratsrede vom Mai 1933 beredtes Zeugnis ablegt, zumindest seinen Frieden mit dem System, das die Wahrheit des Schlußwortes aus den „Letzten Tagen der Menschheit“ — „Zerstört ist Gottes Ebenbild“ — nachdrücklich bestätigte.

Man wird der Grundverschiedenheit ihrer Sprache deshalb als eines Wesensunterschiedes eingedenk bleiben müssen auch dort, wo beider Gedanken einander berühren.

Heidegger und Kraus: beide sind Anwälte der abgründigen Wahrheit, daß man über die Sprache nicht beliebig verfügen kann, daß vielmehr jeder wirkliche Gedanke schon immer in der Sprache wohnt, sich ihr gefügt hat. „Daß die Gedanken aus der Sprache kommen, leugnen vorweg die, welche sprechen können. Denn sie haben an sich ähnliches noch nie beobachtet. Das Kunstwerk entsteht nach ihrer Meinung als Homunkulus. Man nimmt einen Stoff und tut ihm die Form um. Aber wie kommt es, daß sich die Seele Haut und Knochen schafft ?“ So heißt es bei Karl Kraus, dem „die Sprache Mutter des Gedankens“ ist; und: „Die Sprache ist die einzige Chimäre, deren Trugkraft ohne Ende ist, die Unerschöpflichkeit, an der das Leben nicht verarmt.“

Heidegger, dessen ganzes Denken aus der Sprache kommt und von ihr her bestimmt bleibt, hat nicht eigentlich Sprachphilosophie getrieben. „Die philosophische Forschung wird auf ‚Sprachphilosophie‘ verzichten müssen, um den ‚Sachen selbst‘ nachzufragen“, heißt es ausdrücklich in „Sein und Zeit“. Dort wird das Wesen der Sprache nur knapp, aber mit phänomenologisch geschultem Blick aus den konstitutiven Elementen der Rede (dem Sichaussprechen, dem Hören, der Mitteilung und der Bekundung) als Artikulation unseres Welt- und Daseinsverständnisses entwickelt. Erst in dem Brief „Über den Humanismus“ finden sich die weitergehenden und entscheidenden Formulierungen über die Sprache als „das Haus des Seins und die Behausung des Menschenwesens“ und über das Verhältnis von Sprache und Denken. „Das Denken bringt in seinem Sagen nur das ungesprochene Wort des Seins zur Sprache.“ Solche Äußerungen, von den Schülern als Beleg der Autorität zitiert, von den Gegnern mit billigem Spott bedacht, sind Metaphern, die das Ergebnis jahrelangen Fragens nach dem Verhältnis von Sprache und Welt mit einem mythischen Siegel zu versehen scheinen. Bei Kraus hingegen bleibt der letzte Zugang zum Geheimnis der Sprache durch den tiefen Respekt vor der „Alchimie des Wortes“ verwehrt: „Den Rätseln ihrer Regeln, den Plänen ihrer Gefahren nahezukommen, ist ein besserer Wahn als der, sie beherrschen zu können. Abgründe dort zu sehen, wo Gemeinplätze sind — das wäre die pädagogische Aufgabe an einer in Sünden erwachsenen Nation; wäre Erlösung der Lebensgüter aus den Banden des Journalismus und aus den Fängen der Politik.“ Heidegger führt im Humanismus-Brief aus: „Die überall und rasch fortwuchernde Verödung der Sprache zehrt nicht nur an der ästhetischen und moralischen Verantwortung in allem Sprachgebrauch. Sie kommt aus einer Gefährdung des Wesens des Menschen.“ Und am Schluß der Abhandlung fordert er: „Es ist an der Zeit, daß man sich dessen entwöhnt, die Philosophie zu überschätzen und sie deshalb zu überfordern. Nötig ist in der jetzigen Weltnot: weniger Philosophie, aber mehr Achtsamkeit des Denkens; weniger Literatur, aber mehr Pflege des Buchstabens.“

Pflege des Buchstabens als notwendiges Postulat — das Wort könnte von Kraus stammen. Man wird sagen dürfen, daß beide, Heidegger und Kraus, aus ganz verschiedenen Herkunftsbereichen heraus, bei ihrem Versuch, das Wesen der Sprache zu bestimmen, von denselben Intentionen geleitet waren. Beide führen ihre Leser zu der Einsicht, daß man sprechend nicht hinter die Sprache zurückfragen kann. Und beider Beziehung zur Sprache ist letztlich sakral. ‚‚Denn wißt, das Wort, das am Anfang war, das sind meine biblischen Siebensachen“, bekennt Kraus. Und für Heidegger öffnet „das Heilige ... nur den Zeit-Raum eines Erscheinens der Götter und weist in die Ortschaft des Wohnens des geschichtlichen Menschen auf dieser Erde.“ Die Ortschaft des Wohnens und die Behausung des Menschen ist ihm die Sprache.

Die Gleichheit der Intentionen darf keinen Augenblick darüber hinwegtäuschen, daß sie völlig verschieden verwirklicht wurden, ja daß Kraus aus einer von Grund auf anderen Haltung über die Sprache spricht als Heidegger. Wer im Umgang mit der Sprache einem der beiden Denker folgen will, muß sich für Kraus oder für Heidegger entscheiden. Das „oder“ hat jetzt ausschließende Bedeutung — und zwar im absoluten Sinne.

Um das verständlich zu machen, muß an einen entscheidenden Grundzug in Heideggers Denken erinnert werden: mit ihm wird die Philosophie Hermeneutik, das heißt sprachliche Auslegung. Im Spätherbst und bei vielen seiner Schüler wird sie zur Auslegung von Texten, die sich im Verstehen erschließen sollen. So ist Heideggers Verständnis für das Wesen der Sprache hauptsächlich das Ergebnis seiner Interpretationen zu Hölderlins Dichtung, genauer gesagt, das Ergebnis der Auslegung von fünf Sätzen Hölderlins:

Dichten: Dies unschuldigste aller Geschäfte.

Darum ist der Güter gefährlichstes, die Sprache, dem Menschen gegeben ... damit er zeuge, was er sei ...

Viel hat erfahren der Mensch,
Der Himmlischen viele genannt,
Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können voneinander.

Was bleibet aber, stiften die Dichter.

Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet der Mensch.

Wir haben eingangs einige Phänomene erörtert, die zeigen sollten, daß wir in einer sprachlich veruntreuten Welt leben, in der die Worte zwar etwas bezeichnen, aber nichts mehr bedeuten, in der Wort und Gehalt weithin auseinandergefallen sind. So gesehen ist Heidegger durchaus im Recht, wenn er gegen den „neuerdings viel und reichlich beredeten Sprachverfall“ die Besinnung auf das Primat des dichterischen Wortes, als des eigentlich stiftenden, gegenüber dem bloß semantischen Gebrauch der Sprache nachdrücklich betont. So weit, so gut. Daß aber Heideggers Hermeneutik selbst zu einer Sprachkunst wird, die sich oft jeder rationalen Kontrolle entzieht, daß der jahrzehntelange Versuch, das Sein selbst zur Sprache zu bringen, immer mehr in eine gewalttätige Handhabung der Sprache ausartet, ist der oft gehörte, aber auch nicht wegdiskutierbare Vorwurf, den man Heidegger machen muß. Die Alchimie als die Kunst, Unedles in Edles zu verwandeln, wird hier mißbraucht zur Herstellung sprachlicher Gebilde, deren Lauterkeit sich jeder Einsichtnahme entzieht. Hier trennen sich die Wege von Kraus und Heidegger für immer.

Der philosophische Ernst, mit dem Heidegger wesentlichen Problemen zu Leibe gerückt ist, steht hier so wenig zur Debatte wie die Tatsache, daß er auch Wesentliches gesagt hat. Er hat die philosophische Sprache aus dem hohlen Gerippe des herkömmlichen kategorialen Denkens herausgeholt — seiner Schüler würdige Aufgabe müßte es sein, sie aus dem Wortdunkel, in dem wohl nur er allein zu denken imstande ist, hervorzuziehen in die Helle einer sprachlichen Gestaltung, in welche gefaßt seine besten Einsichten zu überdauern vermöchten. Allerdings bleibt zweifelhaft, ob eine solche Aufgabe überhaupt gelingen kann. Wenn die Form dem Gedanken nicht äußerlich ist, kann man jene nicht ändern, ohne diesen zu zerstören. Und die zwielichtige Wortmagie drängt Rückschlüsse auf hinsichtlich des Ethos, kraft dessen hier sprachlich etwas verkündet wird. Nicht zufällig fügte sich das Vokabularium der „Bewegung“ wie selbstverständlich im Verlauf der erwähnten Rektoratsrede von 1933 in Heideggers philosophische Terminologie. Mit gleicher Selbstverständlichkeit gelangen ihm 1935 Äußerungen über Amerika und Rußland, die für ihn metaphysisch gesehen dasselbe sind, und 1952, in einer Freiburger Vorlesung, Orakeisprüche über die deutsche Wiederbewaffnung, aus denen jeder heraushören konnte, was immer ihm beliebte. Es fragt sich, ob solches „Wohnen“ in der Sprache nicht nur ein neuer Ausdruck jener sprachlichen Verdüsterung ist, gegen die angetreten zu sein, Heidegger selbst vorgibt. Es ist eine Frage der Moral und der Zivilcourage, ob man die Dinge beim Wort nimmt oder ob man sie in einer Unklarheit beläßt, die sie jedem Mißbrauch preisgibt.

Heidegger spricht unablässig von der Gefährdung des Wesens des Menschen; und wie gegen Kraus gerichtet liest sich seine Bemerkung: „Ein bloß gepflegter Sprachgebrauch beweist noch nicht, daß wir dieser Wesensgefahr entgangen sind. Er könnte heute sogar eher dafür sprechen, daß wir die Gefahr noch gar nicht sehen und nicht seben Können, weil wir uns ihrem Blick noch nie gestellt haben.“ Als Gegenbeweis wäre demjenigen, der solcher Meinung aufsitzt, die Lektüre der „Letzten Tage der Menschheit“ dringlich zu empfehlen. Inmitten der Weltnot, über die Heidegger philosophiert, die wir aber als unser aller Schicksal erfahren haben und die tief im Urgestein der Gesellschaft ihre Wurzeln hat, vermag der Einzelne wenig. Schon ist die Frage laut geworden, ob nach Auschwitz große Lyrik in deutscher Sprache noch möglich sei. Wenn in der Vorahnung solcher Schrecken ein Einzelner aufgestanden ist, dem es schlechthin um die absolute Reinheit des Wortes und um die Lauterkeit des Gesprochenen zu tun war, so sollten wir ihm für sein Werk danken, welches mehr ist als „bloß gepflegter Sprachgebrauch“: nämlich ein Zeichen dafür, daß es mit uns und unserer Sprache noch nicht zu Ende geht.

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