radiX, Nummer 3
Mai
2000

Von der nationalen Logik zu den „ethnischen Säuberungen“

Der Zerfall oder die Zerschlagung Jugoslawiens machte einmal mehr deutlich welch mörderische Konsequenzen nationalistische und völkische Logiken auch heute noch haben können.

Jugoslawien bildete dabei nach dem zweiten Weltkrieg in seinem Nationenkonzept einen Sonderfall, der neben der Föderation mehrerer Republiken — also „Staatsbürgernationen“ — auch den Charakter eines Zusammenschlußes mehrerer „Volksnationen“ annahm. Der Staat wurde nicht nur von den territorialen Republiken getragen, sondern von „five constitutive Nations that origionally joned together in the common state“ (PESIC, 1996)

Jugoslawien unter Tito

KroatInnen, MazedonierInnen, MontenegrinerInnen, SerbInnen und SlowenInnen — sowie ab 1971 „ethnische MuslimInnen“ — bildeten die Staatsnationen, alle anderen Bevölkerungsgruppen wurden lediglich als „national Minorities“ angesehen. Dabei wurden z.B. KroatInnen aus Bosnien als KroatInnen betrachtet oder SerbInnen aus Kroatien als SerbInnen. Die „Nationalität“ von Personen wurde damit nach einem völkischen Nationenkonzept bestimmt und nicht nach dem Konzept einer territorialen Staatsbürgernation.

Bereits im gemeinsamen Jugoslawien wurde das Serbokroatische in zwei klar definierten Formen geschrieben: einem Kroatischen und Serbischen Idiom.

In der slowenischen und kroatischen Teilrepublik herrschten bereits unter Tito eher föderalistische bis sezessionistische Tendenzen vor, während die serbische Teilrepublik eher auf einen Zentralstaat setzte, den sie unter serbischen Einfluß bringen wollte.

Insbesondere für die Konstitution der kroatischen, bosnisch-muslimischen und serbischen „Nation“ spielten dabei die unterschiedlichen Religionen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Nationalismus und Zerfall

Nach dem Tode Titos und dem Niedergang einer verbindenden sozialistischen Ideologie verstärkten sich die zentrifugalen und nationalistischen Tendenzen. Eine wichtige Rolle spielten dabei ökonomische Unterschiede zwischen den reichen, industrialisierten Republiken Slowenien und Kroatien auf der einen Seite und den ärmeren, agrarischeren Republiken Serbien, Montenegro und Mazedonien. Die reichen Republiken des Nordens waren bereits in den Achzigerjahren nicht mehr willens den ärmeren Süden mitzufinanzieren

Soziale Probleme die aus der Schuldenkrise Jugoslawiens und den IWF-Auflagen resultierten führten zu Massenprotesten. „In dieser dramatischen Situation öffneten die Führungsschichten der Teilrepubliken nacheinander die ethnisch-sezessionistischen Ventile.“ (ROTH, 1999, 21) Mit dieser Taktik hofften die politischen Eliten — wie sich später herausstellen sollte durchaus zu Recht — den sich angestauten sozialen Protest über eben diese nationalistischen Ventile loszuwerden.

Jene beiden Staaten Westeuropas, die ebenfalls einen völkischen Nationenbegriff zur Grundlage hatten (Deutschland und Österreich), eine traditionelle Nähe zu den „katholischen“ Republiken Slowenien und Kroatien hatten und in eben diesen beiden Republiken große wirtschaftliche Interessen verfolgten, unterstützten zudem sogleich diese sezessionistischen Bewegungen in den beiden nördlichen Teilrepubliken.

Die Eliten der einzelnen Republiken, insbesondere Serbiens und Kroatiens zimmerten an nationalen Geschichtsmythen, die sich auf der einen Seite auf das mittelalterliche Serbien („Schlacht am Amselfeld“) und auf der anderen Seite auf die „klerikalfaschistischen und antisemitischen Traditionsbestände des von den Nazis gegründeten und ausgehaltenen kroatischen Ustascha-Staates“ (ROTH, 1999: 22) bezogen.

Eine Folge davon bildete die Abschaffung der Autonomie für den Kosovo und die Vojvodina, die wiederum den albanischen Nationalismus im Kosovo anheizten, der sich ebenso verstärkt auf die nationalen Mythen des „Illyrertums“ bezog.

„ethnische Säuberungen“ entsprechen völkischer Logik

Im Zuge der folgenden Zerschlagung Jugoslawiens führte die Schaffung völkischer Nationalstaaten fast zwangsläufig auch zu „ethnischen Säuberungen“. Wie die Bildung ethnischer Nationalstaaten in anderen Teilen Europas mit „ethnischen Säuberungen“ oder massivem Assimilationsdruck verbunden war, so wurde hier versucht die Errichtung völkischer Nationalstaaten mit Massenvertreibungen innerhalb kürzester Zeit nachzuvollziehen.

Massenvergewaltigungen sind in diesem Zusammenhang nicht nur als besonders sexistische und patriachale Waffe in einem Bürgerkrieg zu sehen, sondern auch als Teil einer völkischen Logik, den Frauen des anderen „Volkes“ den „eigenen Samen“ „einzupflanzen“ und damit das eigene „Volk“ gegenüber dem seiner Feinde zu stärken.

Durch die zunehmende internationale Isolierung Serbiens kam es zudem zu einer weiteren Anheizung des serbischen Nationalismus und in der Folge zu noch stärkerer Repression gegen die albanische Minderheit im Kosovo. Die Folgen des NATO-Krieges gegen Jugoslawien und die Unterstützung der UCK und ihrer eigenen „ethnsichen Säuberungen“ gegenüber SerbInnen und Roma sind wohl auch weitgehend bekannt.

Die serbischen und kroatischen Nationalismen sind mitlerweile so stark geworden, daß die beiden Staaten versuchen ihre Serbokroatische Sprache zu zwei voneinander unterschiedlichen Nationalsprachen zu machen und dazu Grammatik und Wortschatz bewußt verändern. Kroatische LinguistInnen wurden dazu in das Burgenland geschickt um die mittelalterliche Grammatik der burgenländischen KroatInnen zu studieren und sie zur neuen Grammatik der kroatischen Nationalsprache zu machen. Aus dem „Kroatischen“ werden nach Möglichkeit alle gemeinsamen Wörter mit dem „Serbischen“ oder türkische Lehnwörter entfernt, während für das „Bosnische“ wiederum genau diese türksichen Lehnwörter fördert um eine eigene bosnische Sprache zu schaffen.

Ziel all dessen ist es, die „ethnische gesäuberten“ Gebiete endgültig zu völkischen Nationalstaaten zu machen, deren Bevölkerung sich nicht einmal mehr sprachlich über die Grenzen hinweg verständigen können soll.

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