FORVM, No. 411/412
März
1988

Von Krucken-, Haken- und anderen Kreuzen

Äußeres Burgtor zu Wien
Einweihung als Heldendenkmal 9. September 1934

Vor fünfzig Jahren, im März 1938, hat Österreich in einem Begeisterungstaumel sondergleichen seine staatliche Selbständigkeit aufgegeben, und ist von Nazideutschland annektiert worden. In der Folge — während der letzten sieben Jahre des „tausendjährigen Reiches“ wurden Österreicher an den deutschen Kriegsverbrechen und der „Endlösung der Judenfrage“ mitschuldig.

Nun steht wieder ein „Anschluß“, diesmal ohne Adolf Hitler bevor: der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft. Die kalendarische Wiederkehr des beschämenden historischen Datums schien eine gute Gelegenheit zu sein, sich von den bösen Assoziationen eines solchen Vorgangs symbolisch zu befreien, das nationale Gewissen zu beruhigen.

Aus den für den 11. März vorgesehenen Entsühnungsriten — Festsitzungen von Parlament und Regierung mit anschließender Kranzniederlegung im „Österreichischen Heldendenkmal“ — sollte Österreich gereinigt hervorgehen, und fortan würdig sein, in das Konzert der anderen Länder einzustimmen.

Doch der Exorzismus will nicht recht funktionieren, die Gespenster der Vergangenheit lassen sich so leicht nicht „bewältigen“. Durch das Schlupfloch der „Causa Waldheim“ drängen sie immer wilder ans Tageslicht. Sie kommen aus jenem Teil Europas, dem gegenüber unser Land nicht erst zur Zeit Hitlers die Rolle der „Ostmark“ gespielt hatte. Davon legt nicht zuletzt das im Mittelpunkt der Jubiläumsfeiern stehende Heldendenkmal Zeugnis ab. Daß ein in ihm wahrscheinlich verborgenes Hakenkreuzmanifest aus der Zeit des „illegalen“ österreichischen Nazismus dieses Denkmal zu einer Weihestätte des „Anschlusses“ macht, wirkt wie eine ironische Fußnote der Geschichte zu Österreichs Bemühungen um eine „Vergangenheitsbewältigung“.

Das „Österreichische Heldendenkmal“ befindet sich im Wiener Äußeren Burgtor. Dieses war ursprünglich ein Denkmal der Restauration. 1824 zum elfjährigen Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig errichtet, sollte es als Wahrzeichen für die ausgleichende Gerechtigkeit dienen, die den alten Dynastien zum Sieg über Napoleon verholfen hatte. Gerechtigkeit ist (und sei) also die Grundfeste der Königtümer, beteuert die programmatische Inschrift auf dem Gesims des Burgtores: „Iustitia Regnorum Fundamentum“.

Das Bauwerk schließt den Heldenplatz zur Ringstraße, dem Boulevard der bürgerlichen Gründerzeit hin ab. Den Platz säumen die imperialen und heroischen Zeugen vaterländischer Identität. Der Blick auserwählter hoher Staatsgäste schweift vom Balkon des Leopoldinischen Traktes der Hofburg, in dem der Bundespräsident amtlıch sitzt, über seine Fläche und über die historisierenden Prunkfassaden von Parlament (dem früheren kaiserlichen Reichsrat), städtischem Rathaus, Burgtheater und Universität. In den Schatzkammern der Burg werden die Insignien des alten Deutschen Reiches verwahrt: Szepter, Lanze, Schwert und (woran sich Hermann Göring 1938 begeilte) die von Gold und Juwelen „schwere Kaiserkrone“.

Auf dem Paradeplatz selbst bäumen sich in gewagter Statik Fernkorns eherne Reiterstandbilder von Prinz Eugen dem edlen Ritter und Erzherzog Carl Österreichs ewigen Siegen über Belgrad, die Türken und die Folgen der Französischen Revolution entgegen. Carl, 1809 „Sieger von Aspern“ über Napoleon, hatte 1938 das Pech, von dem auf dem Balkon der Neuen Hofburg in Trance gefallenen kurzsichtigen Hitler mit dem germanischen Schlachtengott Wotan verwechselt zu werden, dessen Speer deutschen Kämpfern den Weg gen Osten weist.

Hätte Adolf Hitler, dieser Sohn Österreichs, nicht auf dem Heldenplatz in ödipalem Triumph geschwelgt, so böte sich heuer dessen gesamtes Areal für die Gedenkfeiern an. Nun aber will man sich mit einem Memento im Äußeren Burgtor begnügen. Die Krypta im Heldendenkmal und die Steinfigur des „Toten Kriegers“ darin sind seit 1945 wieder Gegenstand patriotischer Verehrung seitens der Staatsorgane. An hohen Feiertagen spenden Bundespräsident und Bundeskanzler dem Kultobjekt Kränze, vor ihm verharren sie minutenlang in beredtem Schweigen, indes die Militärmusik das Lied vom guten Kameraden zum besten gibt. Wenn unsere Politiker nicht sensibel sind, wird dies heuer wohl nicht anders sein.

Österreichs Bundesheer hat es nicht leicht, seine Aufgabe, die Pflege militärischer Tradition, guten Gewissens zu erfüllen. An die preußisch-deutsche Geschichte, zuletzt repräsentiert durch den „Gröfaz“, den größten Feldherrn aller Zeiten Adolf Hitler, darf sie nicht ankoppeln. Auf dem Bundesheer vor der Okkupation Österreichs durch Hitlerdeutschland lastet das Odium der Niederwerfung der Arbeiterbewegung im Februar 1934 und der „Verbrüderung“ mit den Invasionstruppen der 8. deutschen Armee im März 1938.

So bleibt also nur die kaiserliche Armee des alten Österreich als Vorbild übrig. An sie erinnern ein habsburgisches Walhalla aus der Zeit des Biedermeier, nämlich der „Heldenberg“ von Klein Wetzdorf im niederösterreichischen Weinviertel, wo Feldmarschall Graf Radetzky seine letzte Ruhe gefunden hat, und eben das Denkmal im Burgtor.

„Vater Radetzky“ genießt hierzulande immer noch größte Popularität, mit dem Radetzkymarsch von Johann Strauß, zu dem das Publikum rhythmisch in die Hände klatscht, klingt an jedem Neujahrstag das durch Eurovision, ja sogar weltweit übertragene Konzert der Wiener Philharmoniker aus. Niemand denkt sich etwas dabei, und niemand weiß mehr, daß der Radetzkymarsch die „Signation“ von Hitlers „Wachbataillon Wien“ während des Krieges war. In dieser für „Sonderaufgaben in der Großstadt“ auch mit Kraftfahrzeugen ausgestatteten, in Hofburg und Stiftskaserne stationierten, von der „normalen“ Wiener Garnison unabhängigen Truppe taten für den „Wach- und Ehrendienst besonders geeignete“ Soldaten aus allen Standorten des „Altreichs“ Dienst. Sicherheitshalber wurden sie zweimal im Jahr abgelöst: nach der Parade zu Führers Geburtstag am 20. April sowie im Oktober. Der Spielmannszug des Wachbataillons war auf die Wiedergabe österreichischer Militärmärsche spezialisiert.

Der so geehrte Radetzky hat 1848 und 1849 die nationale Erhebung in Italien niedergeschlagen, Mailand und Venedig dem Kaiserhaus zurückerobert. Unter „Vater Radetzky“ erfuhr der erst 18jährige Franz Joseph in der von einem österreichischen Militärlied besungenen Schlacht „auf dem Friedhof von Sankt Lucia“ seine Feuertaufe. Der Hofdichter Franz Grillparzer beeilte sich damals, dem Einundachtzigjährigen enthusiastisch zuzurufen: „Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich! Nicht bloß um des Ruhmes Schimmer, in Deinem Lager ist Österreich, wir andern sind einzelne Trümmer.“

In der letzten Strophe von Grillparzers Gedicht „Feldmarschall Radetzky“ ist sogar — etwas kryptisch — von „Anschluß“ die Rede: „Wär uns ein Beispiel Dein ruhmvoller Krieg, wir reichten uns freudig die Hände. Im Anschluß von allem liegt der Sieg, im Glück eines jeden das Ende.“ Nazihistoriker wie Viktor Bibl [1] rühmten an Radetzky dessen unbeugsame Kriegsbegeistertheit, die ihn mit dem eher friedliebenden Kaiser Franz in Konflikt brachte sowie die seit den Freiheitskämpfen gegen Napoleon datierende „großdeutsche“ Gesinnung dieses von Geburt tschechischen Adeligen. Der für die verbündeten Armeen glückliche Ausgang der Völkerschlacht bei Leipzig war ja nicht zuletzt deren strategischer Vorbereitung durch Radetzky zu verdanken.

„Mit großartigem Weitblick“, so Bibl, „hatte Radetzky schon 1928 die Organisation eines ‚ganz Europa umfassenden Staatenbundes‘ als die ‚zur Stunde dringendste Angelegenheit‘ gefordert, um ‚dem gefährlichsten Feind‘ der Zukunft, Rußland, und dem ‚großen und mächtigen Staatenbund jenseits des Ozeans‘ entgegenzutreten. Auch über die unheilvolle Rolle Englands, das unter dem Schlagwort der demokratischen Freiheit zum Kriege schürte, war er sich voll bewußt.“

Dem Ruhme von Radetzkys Aggressionshandlungen gegen Italien, der österreichisch-russischen „Heldentaten“ gegen Ungarn, und dem Lob der Unterdrückungsmaßnahmen gegen die 48er-Revolutionäre überhaupt ist der vom Staat gepflegte „Heldenberg“ geweiht, auf dem heute in Gegenwart des Bundespräsidenten Jungmänner der Republik für die Landesverteidigung angelobt werden. [2] Da sich die Abgeordneten zum Reichstag von Kremsier einer Ehrung des Feldmarschalls vehement widersetzt hatten, ist diese Gedenkstätte seinerzeit von einem Armeelieferanten errichtet worden, der sich am Krieg bereichert hatte.

Helden aus den „Letzten Tagen der Menschheit“
Als Ehrengäste (v.l.n.r.) 3 Erzherzöge: Josef Ferdinand, Eugen, Franz Salvator;
weitere Armeeführer: Dankl, Sarkotič
V.l.n.r.: Generale Stephan Sarkotič (in Zivil), Viktor Graf Dankl von Krasnik, Fürst Eduard Alfons Schönburg-Hartenstein, N. N., Erzherzoge von Österreich Josef Ferdinand, Franz Salvator (verdeckt), N. N., Eugen. — Das rechte Bild unterscheidet sich vom linken dadurch, daß sie alle beides noch erlebt haben.

Die Motive für die Umgestaltung des Äußeren Burgtores zu einem „Österreichischen Heldendenkmal“ können einer offiziellen „Gedenkschrift anläßlich der Weihe am 9. September 1934“ [3] entnommen werden: „Als Österreich im Frühjahr daranging, die Ehrenschuld des Vaterlandes an den vielen Hunderttausende Gefallener des Weltkrieges ... einzulösen, ergab sich von selbst der Gedanke, in diese Heldenehrung auch die alten kaiserlichen Armeen einzubeziehen, die einst im Laufe von drei Jahrhunderten den Ruhm österreichischer Waffen an den Rhein und nach Dänemark, nach Spanien und Italien und bis tief in den Balkan getragen hatte.“ Kein „‚Unbekannter Soldat‘ nach westlichem Muster“, sondern ein „Ehrenmal für Altösterreichs Heldensöhne von 1618 bis 1918“ sollte geschaffen werden. Denn, so jubeln die Autoren der Festschrift, „nach einem gigantischen Kampfe gegen eine Welt von Feinden“ war die österreichisch-ungarische Armee „noch im Sterben unbesiegt“ geblieben. Nur wenige Jahre nach Ausführung dieser Absicht trugen Hitlers deutsche und österreichische Soldaten ihre Waffen wieder in fremde Länder, wieder in den Balkan ...

Ursprünglich wollte man ja auf dem aus der Zeit der Türkenbelagerungen symbolisch belasteten Kahlenberg ein 25 Meter hohes Stahlkreuz errichten, doch scheiterte dies „am Widerstande der damaligen Rathausmehrheit“, also der Sozialdemokraten, die für eine solche militärische „Christianisierung“ Wiens nichts übrig hatten.

Das Äußere Burgtor aber „ressortierte“ (und tut dies noch heute) zum „schwarzen“ Bundesministerium für Handel. Das zeigte sich aufgeschlossen. Offiziersverband, Kameradschaft- und Kriegsbund bildeten eine Arbeitsgemeinschaft. Regierung, der Wiener Kardinal und die Landeshauptleute wurden gebeten, den Ehrenschutz zu übernehmen. Im schließlichen Ehrenkomitee saßen „die österreichischen Generale der alten Armee und die Generale des Bundesheeres“, Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sowie des Rabbinats. Prominente Wirtschaftstreibende und Kulturschaffende schlossen sich an. Die Führung aber beanspruchte die „Vaterländische Front“, die in das Komitee Persönlichkeiten wie die späteren Spitzenpolitiker der ÖVP Alfons Gorbach und Alfred Maleta entsandte. Alle waren sie vereint unter dem Zeichen des Kruckenkreuzes.

Popularisiert und finanziert wurde das Werk durch Lotterien und Tombolas sowie mit Hilfe eines hölzernen „Wehrmannes“, der in einem Pavillon auf dem Schwarzenbergplatz stand, und in den jedermann gegen Entrichtung eines Obolus einen Nagel schlagen durfte.

Diese Figur stammte noch aus dem Ersten Weltkrieg. Nach einem Entwurf des Wiener Stadtbaudirektors als überlebensgroßer geharnischter Ritter aus Lindenholz geschnitzt, [4] war sie erstmals am 5. März 1915 auf dem Schwarzenbergplatz aufgestellt worden. Im Rahmen eines Festaktes versprach damals Bürgermeister Weiskirchner, die Gemeinde werde den Wehrmann stets in Ehren halten. Dann trieb Erzherzog Leopold Salvator, ein berüchtigter Kriegsgewinner durch Lieferung von Dörrgemüse an Militär und Bevölkerung, „im Namen Seiner Majestät des Allerhöchsten Kriegsherrn“ den ersten rein goldenen Nagel in die Brust der Figur. Ihm taten es namens des deutschen Kaisers Botschafter von Tschirsky und Bögendorff sowie Hussein Hilmi Pascha für die „Hohe Pforte“ gleich. Gegen eine Spende für die Kriegerwitwen und -waisen durfte danach auch das einfache Volk (eiserne) Nägel einschlagen.

Aber je länger der Krieg dauerte, um so weniger Interesse fand der Wehrmann. Beim „Umsturz“, d.h. beim Untergang der Donaumonarchie (nicht zu verwechseln mit dem „Umbruch“ von 1938) raubte ein Passant die drei goldenen Nägel, und Revolutionäre ließen, empört sich die „Gedenkschrift“, die Figur in einer „roten Rumpelkammer verschwinden“. Jedoch das brave Infanterieregiment Alt Starhemberg Nr. 2 ermannte sich, befreite in einer nächtlichen Aktion „dieses edle Zeugnis opferbereiter Vaterlandsliebe“, und überführte es in sein Regimentsmuseum. 1934, nach der Entfernung des gewählten sozialdemokratischen Bürgermeisters Seitz aus dem Rathaus, durfte der Wehrmann wieder auf den Schwarzenbergplatz, um für das Heldendenkmal Geld zu sammeln. Dies tat er mit geringem Erfolg bis Ende Juni. Am 12. Oktober übersiedelte der Veteran unter die Arkaden des Amtshauses in der Felderstraße neben dem Rathaus, wo er heute noch vor sich hinträumt. Über seinem Haupt kann man den Spruch lesen „Gut und Blut fürs Vaterland“ und die Verse des kriegslüsternen Priesterdichters Ottokar Kernstock: „Der Wehrmann Wiens gemahne an die Zeit, da unerschöpflich wie des Krieges Leid die Liebe war und die Barmherzigkeit.“

Wenige Wochen vor der militärischen Niederschlagung der Sozialdemokratie war der „Heldendenkmalgedanke“ hoffähig geworden. Am 16. Jänner 1934 fand im Festsaal der Hofburg ein „Ehrenabend der Helden im Weltkriege“ statt, den (dank dem Staatsstreich, der Ausschaltung des Parlaments durch Dollfuß) zum erstenmal nach dem „Umsturz“ das „neue führende und das alte, einst führende Österreich“ mit gemeinsamer Anwesenheit beehrte: Bundespräsıdent, Kanzler, Kardinal, Generalität, die hohen Beamten, Mitglieder des kaiserlichen Hauses, das diplomatische Korps, der hohe Adel. „Die nächsten Reihen waren vielfach besetzt von ehemaligen Angehörigen des kaiserlichen Heeres, die freudig und stolz ihren alten Soldatenrock trugen.“

Die politische Bedeutung des „Ehrenabends“ enthüllte dabei der Präsident der Heldendenkmalvereinigung. Seine Durchlaucht Generaloberst Fürst Schönburg-Hartenstein, „selbst einer der glanzvollsten Gestalten des Weltkrieges, verknüpfte als Sprecher die ruhmvolle Vergangenheit des altösterreichischen Heeres mit dem soldatischen Geist der neuen Wehrmacht.“ Und die Regimentsmusik der früheren „Hoch- und Deutschmeister Nr. 4“ brachte altösterreichische Soldatenweisen zu Gehör.

Die glanzvolle Einweihung des Denkmals am 9. September vollzog dann Kardinal Innitzer in Anwesenheit der höchsten Spitzen des Staates. Auf dem Heldenplatz waren Verbände und Abordnungen aus ganz Österreich angetreten. Schon am Vortag fanden Gedenktafelenthüllungen, Ausstellungs- und Museumsbesichtigungen, Friedhofs- und Tiergartenbesuche sowie eine Kundgebung für den im Juli von den Nazis ermordeten Bundeskanzler Dollfuß statt. Die Oper spielte „Fidelio“ zu herabgesetzten Preisen, den Abendhimmel verzauberte ein Feuerwerk auf der Hohen Warte. Es stand unter dem Motto: „300 Jahre Österreich“.

Der Staatsakt selbst konzentrierte sich auf die obersten Plattformen des Burgtores, zu denen Frauen der Zutritt streng untersagt war. Hier nahm die Prominenz auch die Parade ab. Abends gab es dann ein lustiges Wasserfest und einen Festzug auf dem Donaukanal. Am Morgen des folgenden 10. September konzertierten Musikkapellen in den Wiener Wirtshäusern, und am Abend wurden Heldendenkmal und Hofburg festlich beleuchtet.

Die solcherart beschworene Verbindung von feudal-konservativer und autoritärer Macht konnte, wie die Geschichte gezeigt hat, den Vormarsch des Nationalsozialismus und die Auslöschung des österreichischen Staates nicht verhindern. Das Heldendenkmal selber aber überstand unversehrt die Nazizeit, und dient nun der 2. Republik, so als wäre nichts gewesen.

Heldendenkmal im Fahnenschmuck
Blick von der Ringstraße 1938

Während die Ehrenhalle im zum Himmel offenen obersten Geschoß — sie birgt die Symbole des Kaiserreichs und zeigt die österreichischen Soldatentypen vom Dreißigjährigen Krieg bis 1918 in Steinschnitten — normalerweise nicht zugänglich ist, wird die Krypta mit dem „toten Krieger“ nicht nur von Staatsorganen und ausländischen Diplomaten frequentiert, sondern steht auch täglich außer zur Mittagsstunde für jedermanns patriotische Meditation offen. Wegen des Touristenandrangs muß der vom Verteidigungsministerium angestellte Sakristan häufig Überstunden machen.

Links und rechts neben dem katholischen Altar zu Häupten des „toten Kriegers“ mahnen Inschriften zur Erinnerung an den offiziellen Grund des Ersten Weltkrieges, die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo sowie an den Tod des Verlierers Kaiser Karl im Exil auf Madeira. Nach 1945 wurde noch ein Hinweis auf die Opfer des Zweiten Weltkrieges hinzugefügt. Im Nebenraum der Krypta liegen Bücher mit den Namen aller im Ersten Weltkrieg gefallenen Altösterreicher auf. Die Seiten der Folianten werden täglich umgeblättert.

Aber auch das „andere Österreich“ soll sich nicht beklagen dürfen: Anläßlich des zwanzigsten Jahrestages der Wiedererrichtung der Republik ließ die Bundesregierung 1965 im anderen Flügel des Burgtores ein Mahnmal für die „Opfer im Kampfe für Österreichs Freiheit“ aufstellen. Der schwarze Marmorblock trägt auf seiner oberen Fläche das republikanische Staatswappen. Der Raum, in dem er sich befindet, wird freilich nicht so liebevoll gepflegt und ausgeschmückt wie sein militärischer Konkurrent, sondern nur hin und wieder ausgekehrt.

Bei offiziellen Besuchen haben die Vertreter des Staates gewöhnlich zwei Andachten zu verrichten: eine in der Krypta für die Soldaten und eine andere für die Widerstandsopfer.

Nach dem „Anschluß“ haben die deutschen Nazis bemerkenswerterweise die Tradition des Heldendenkmals ungebrochen fortgeführt. Am 15. März 1938 legte Adolf Hitler, assistiert vom Chef des Wehrmachtsamtes General der Artillerie Keitel, vom Reichsstatthalter Seyß-Inquart sowie von seinen persönlichen Adjutanten vor dem „toten Krieger“ einen „riesigen Lorbeerkranz nieder, dessen Schleife mit der Führerstandarte geziert“ war. So berichtete es der „Völkische Beobachter“ tags darauf. Hitler „grüßte mit erhobener Rechten in tiefer Ergriffenheit des Dankes die toten österreichischen Helden des Weltkrieges, die viereinhalb Jahre lang Schulter an Schulter mit den Soldaten des Reiches ihr Leben für die Gemeinsache Gesamtdeutschlands gelassen haben. Er gedachte dabei aber auch der ungezählten Opfer der Bewegung, insbesondere derer aus deutschösterreichischem Stamme.“ Später bekam dann die SA ihr eigenes Ehrenmal in der mittleren Durchfahrt des Burgtores. Es wurde 1945 geschleift.

Am 27. März ehrte Göring die Gefallenen im Beisein des Verräters Generalmajor Löhr, „bisher Kommandeur der österreichischen Luftstreitkräfte“ und später Waldheims Oberbefehlshaber: „Während sich nun Generalfeldmarschall Göring zur Kranzniederlegung in die Krypta des Heldendenkmals begab, setzte das Musikkorps mit den getragenen Klängen des Liedes vom guten Kameraden ein“. [5]

Bis zum 20. April 1938 war es üblich, daß der Kranzniederleger zuvor die vor dem Burgtor aufgezogenen Ehrenkompanien der deutschen 8. Armee (Generaloberst von Bock) und der seit 1. April als „Heeresgruppe 5“ (General der Infanterie List) eingegliederten österreichischen Verbände abschritt. Bei der Parade zu Führers Geburtstag trugen die österreichischen Soldaten des Wiener „XVII. Armeekorps“ zum letzten Mal ihre alten Uniformen.

Nazideutschland identifizierte sich ausdrücklich mit vielen Kriegszielen der altösterreichischen Heere, und trieb einen Kult mit Prinz Eugen von Savoyen, der im Wiener Stephansdom begraben ist. Und der „Heldendenkmalsgedanke“ war 1934 auch schon nicht frei von deutschnationaler Ideologie gewesen. So enthält die erwähnte „Gedenkschrift“ einen langen Essay des Militärhistorikers Edmund Glaise-Horstenau über die „alte Armee“, in dem diese als eine nur „dem Buchstaben nach habsburgisch-österreichische Haustruppe“ bezeichnet wird. In Wahrheit habe sie, als Österreich noch die deutschen Kaiser stellte, das deutsche Reichsheer ersetzt, das „bei der Zerklüftung Deutschlands vielfach nur auf dem Papier existierte“.

Besagter Glaise von Horstenau (zu Kaisers Zeiten politischer und Pressereferent der k. u. k. Heeresleitung) saß dann auf Hitlers Wunsch vom 11. Juli 1936 an als „Exponent der nationalen Bevölkerung“ in Schuschniggs Regierung, und war am 11. März 1938 maßgeblich an der Machtübernahme durch die „evolutionäre“ österreichische Nazi-Gruppe Seyß-Inquarts beteiligt.

Vor 1938 spotteten die österreichischen „Illegalen“ häufig über die vor dem Burgtor auf dem Heldenplatz abgehaltenen Kundgebungen der „Vaterländischen Front“, indem sie den Austrofaschisten „grünes Denken“ attestierten: ihre Veranstaltungen seien so schwach besucht, daß dabei kein einziges Gräslein auf dem Platz Schaden erleide.

Vor dem „toten Krieger“ jedoch zogen sie den Hut. Vielleicht war einigen von ihnen bekannt, daß dieser Steinkoloß auch ein „Illegaler“ war. Eine diesbezügliche Information ist mir 1962 zugespielt worden. [6] Die Schlüsselfigur dieser Geschichte ist Professor Wilhelm Fraß, jener Bildhauer, der den in der Krypta liegenden „toten Krieger“ geschaffen hat.

Fraß, 1886 in St. Pölten geboren, war ein Schüler von Hans Bitterlich und Edmund Hellmer an der Wiener Kunstakademie, kam also aus demselben Stall wie der elf Jahre ältere Anton Hanak, dessen Arbeiten er sehr schätzte. Nach dem Ersten Weltkrieg trat Fraß der Wiener Secession bei, erhielt den Großen österreichischen Staatspreis und wurde 1928 Professor honoris causa. Seine Arbeitsstätte hatte er im Wiener Prater: es war das sogenannte „südliche Staatsatelier“ in der Krieau. Hier war Fraß Anton Hanaks Ateliernachbar. Bis zur Gründung des Langenzersdorfer Hanak-Museums einige Jahre nach dem Krieg verwaltete er auch den Nachlaß des Kollegen. Einige Kriegerdenkmäler stammen von Fraß, die „Kindersäule“ im Kindergarten Sandleiten der Gemeinde Wien (1929) und das Denkmal für den Erfinder des Gasglühlichts Auer von Welsbach im 9. Bezirk. Es trägt das bezeichnende Motto: „Plus lucis!“.

Spezialitäten von Wilhelm Fraß waren (neben Porträtbüsten wie der des Magnetiseurs Rudolf Thetter und der Miß Universe Lisl Goldarbeiter) große Bauplastiken, z.B., die beiden identischen Mann-Frau-Paare am Haus Modenapark 7 in Wien 3. Hier arbeitete er Hand in Hand mit seinem Bruder, dem Architekten Rudolf Fraß. Die Figuren erinnern an Hanaks „Arbeiter“ und „Arbeiterin“ am sozialistischen „Vorwärts-Gebäude“ in der Rechten Wienzeile.

Ähnlich wie Anton Hanak, der für das Emniyet-(= Polizei)-Denkmal in Ankara zwei 6 Meter hohe Bronzeplastiken entwarf, bekam auch Fraß einen türkischen Staatsauftrag: Von ihm stammt die Figur der „Hygiea“ am Hygiene-Institut in Ankara. Sie ist sogar 7 Meter hoch und aus Kalkstein gehauen.

Kemal Atatürk, der Führer der „Jungtürken“, beschäftigte mehrere Gruppen österreichischer Künstler. Zu der von Architekt Jost gehörte Fraß. Clemens Holzmeister baute das keilförmige Regierungsviertel der neuen Hauptstadt, an dessen Spitze ein Denkmal für die Gendarmerie und Polizei der alten und der neuen Türkei errichtet werden sollte. Als Bildhauer dafür schlug Holzmeister seinen Freund Anton Hanak vor, der jedoch am 7. Jänner 1934 starb. Die Arbeit an den Figuren hatte seine Kräfte aufgezehrt. Im Kontrast zu seinem Lehrer Hellmer, [7] den er für „zu schwach“ hielt, sah Hanak in der Bildhauerei eine Ausdrucksmöglichkeit für (auch politische) „Kraft“. Plastiken sollten „gigantisch“ sein. Ein willensstarker Führer wie Kemal Atatürk schien daher Hanak und dessen Schülern der geeignete Mäzen zu sein.

Aus der Hand des Meisters stammen nur das abgußfertige Modell des „alten Gendarmen“ und eine Zwischengröße des „jungen“. Die Endfassung der Plastiken für das Emniyet-Denkmal, die 1934 von Dollfuß feierlich in Ankara übergeben wurde, ist von den Schülern verfertigt worden. Einer von ihnen, Josef Thorak, wurde beauftragt, die Rückseite des Denkmals zu gestalten, für die Hanak ein Relief vorgesehen hatte: Atatürk segnet sein Volk.

Doch Thorak wollte seinen Lehrer übertreffen: er stellte fünf riesenhafte Gestalten auf einen stark vorgezogenen Sockel. Von Thorak stammen auch das Reiterstandbild in der Stadt Demyli und das Befreiungsdenkmal von Eskischüsihir. Später war Thorak Hitlers Bildhauer in der Berliner Reichskanzlei und „erster Bildhauer des Reiches“. [8] Hanaks Gigantismus ist bei Thorak (Spitzname „Thorax“) exzessiv. 16 Meter hoch wurden seine Salzburger „Reichsautobahnarbeiter“, 17 Meter groß mußte die Bekrönungsfigur des Nürnberger Märzfeldes sein, und 20 Meter maß jene Männergestalt, die München als Hauptstadt der Nazi-„Bewegung“ symbolisierte.

Wilhelm Fraß begnügte sich mit kleineren Dimensionen. Er bemühte sich um einfache Formen, wobei jedoch durch entsprechende Haltung der Figur und eine bestimmte Gebärde ein tieferer symbolischer Sinn zum Ausdruck kommen sollte. So wirft Fraßens „fallender Mensch“ auf dem St. Pöltner Kriegerdenkmal (1928) nach dem Vorbild von Fraßens Hauptmann im Ersten Weltkrieg beide Arme in die Luft, nicht ganz so hoch freilich wie Hanaks „brennender Mensch“ (1918-1925), aber immerhin höher als dessen „letzter Mensch“ (auch „sterbende Jugend“, „sterbender Jüngling“ und „ecce homo“ genannt).

Und über seinen 2,7 Meter langen „toten Krieger“ in der Krypta des Burgtores schrieb Fraß in der Gedenkschrift 1934: „Er ist als Symbol des Urgedankens des Soldaten gedacht, der in letzter Pflichterfüllung und im innersten gehorsam, im Herzen die lodernde Flamme der Treue, der Kameradschaft, der Hingebung und des grenzenlosen Opfers, nun in die Ewigkeit eingegangen ist. Im ehrenvollen Kleide des österreichischen Soldaten des Weltkrieges liegt der Krieger in der großen, einfachen Feierlichkeit des Todes. Die Gebärde der linken Hand zeigt, daß er sein Herzblut für uns gegeben, die Rechte ruht bei dem Gewehr als Symbol der Waffen, mit der der Soldat sein Heimatland verteidigt. Ein einfaches, allgemein verständliches Motiv, das auf jede ins Plastische übersetzte Phrase verzichtet.“

„Symbol des Urgedankens des Soldaten, der in letzter Pflichterfüllung“
Gehorsam ... Flamme ... Treue ... Kameradschaft ... Ewigkeit

Hier wird ein gewisser Gegensatz zu Hanak erkennbar, denn dieser hatte die Karabiner in den Händen der beiden türkischen Polizisten auf dem Emniyet-Denkmal „symbolisch“ so stark vereinfacht, daß man sie auch für Guitarren halten könnte. Hanaks erste Entwürfe hießen „die beiden Musikanten“.

Fraßens Symbolismus war ernster gemeint, fiel doch „die Entscheidung für die Errichtung des Heldendenkmals“, so Fraß, „wie ein Symbol in den stürmischen Revolutionstagen des Februars 1934“, als Soldaten des Dollfuß-Regimes die „Roten“ niederkämpften. Fraß sympathisierte damals mit dem Militär. Aber im Juli 1934 brachten Nazis, die sich als revolutionäre Soldaten fühlten, Dollfuß um. 13 von ihnen wurden gehenkt.

Im März 1938 wurde bekannt, daß Fraß „illegaler“ Nationalsozialist war. Er avançierte zum engen Mitarbeiter des kunstsinnigen SS-Mannes und Vizebürgermeisters Hanns Blaschke im Kulturamt der Stadt Wien, bekam den lukrativen Posten eines Leiters der „Hochschule der Kunst- und Modeschulen der Stadt Wien“, und stellte nicht nur im Künstlerhaus, sondern auch in Hitlers Münchner „Haus der Deutschen Kunst“ aus. Hier konnte man (wie der „Völkische Beobachter“ am 11. August 1939 berichtete) Fraßens „lebensgroße Figur eines stehenden Industriearbeiters von stilisierter Einfachheit der Flächen und Falten“ bewundern. Fraßens „Arbeiter“ schultert einen riesigen Hammer, Hanaks „Arbeiter“ aus 1925/26 (ein Auftrag der Grazer Arbeiterkammer) hielt ihn noch gesenkt und gegen den Oberschenkel gedrückt.

Nach der Befreiung Österreichs im Jahr 1945 wurde der Professor als „minderbelastet“ eingestuft, bekam aber praktisch keine Aufträge mehr. 1948 nahm ihn der berühmte „Oberbaurat“ Josef Hoffmann wieder in die Secession auf, und bemühte sich um seine völlige Rehabilitierung. So behauptete Hoffmann in einem Brief vom 10. Dezember 1948 an das Bundesministerium für Unterricht: „In seiner Stellung als Referent für Bildhauerei im Kulturamt der Stadt Wien hat er in absoluter Rechtlichkeit ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit für die österr. Künstler gewirkt. Seinem Verhalten ist es auch zu verdenken, daß die österr. Kultur sich innerhalb der Kultur des Deutschen Reiches in der Zeit von 1938-1945 durchsetzen konnte. Er war ein ausgesprochener Gegner der Auflösung der Secession ım Jahre 1939 und hat bis zum Schluß dagegen gekämpft.“

Josef Hoffmann mußte es wissen, war er doch selbst während der Nazizeit beschäftigt und geehrt worden. Nach dem „Anschluß“ durfte er das Gebäude der deutschen Botschaft in der Metternichgasse 3 in ein „Haus der Wehrmacht“ umbauen, was heutige Kunstgeschichten gerne verschweigen. Das im Frühjahr 1958 abgerissene Objekt sah wie eine müde Karikatur von Hoffmanns Hauptwerk, dem Palais Stoclet, aus. Besonders stolz war der Architekt auf seine Idee, die ebenerdige Rustika mit einem durchgehenden Band abzuschließen, das nicht das übliche Mäandermuster zeigte, sondern dessen Motiv „die Achselklappe unserer Uniformierung“ war. Selbstverständlich durfte auch der Reichsadler mit dem Hakenkreuz über dem Portal nicht fehlen. [9] Ein Jahr vor Kriegsende brachte der „Völkische Beobacher“ (19. Februar 1944, Seite 3) ein ganzseitiges Statement des (zusammen mit Kolo Moser) Gründers der „Wiener Werkstätte“ über „Entwicklung und Ziele im Kunsthandwerk“. Darin bezeichnete Hoffmann den „Zusammenschluß mit dem Reich und das Werden Großdeutschlands“ sowie das „Ausmerzen fremder Einflüsse“ als für die Entwicklung der Künste günstig, und lobte die Arbeit des Wiener Kulturamtes.

Hoffmanns Eintreten für Fraß nach 1945 stand auch in Zusammenhang mit dem Bemühen der Secession, dem Künstlerhaus das Recht für die Präsentation der Werke Anton Hanaks abzusprechen. Man bat Professor Fraß um Hilfe bei diesem Vorhaben. Am 12. Dezember 1949 erteilte Hanaks Sohn Walter die „Werknutzungserlaubnis“ für den posthumen Bronzeguß von Hanaks Gipsmodell der „Pietá“ (2. Fassung 1929), der dann unter Aufsicht von Fraß erfolgte. Da das Modell beschädigt war, nahm Fraß zuvor einige Korrekturen daran vor. Die Figurengruppe wurde erst 1963 ausgestellt im Künstlerhaus. Danach wanderte sie in die „Österreichische Galerie“ im Oberen Belvedere.

Bereits am 29. Jänner 1950 war Fraß „mit kollegialem Gruß“ wieder aus der Secession ausgetreten: „Wenn mir auch bewußt ist, daß sich die Zeit seit meiner Ernennung zum Mitglied dieser Vereinigung im Jahre 1920 leider gründlich geändert hat, so bin ich seit meiner Wiederaufnahme in die neu gegründete Secession trotzdem zu der Erkenntnis gelangt, daß diese meinen Vorstellungen nicht entspricht, weshalb ich Sie bitte, mich von Ihrer Mitgliederliste zu streichen.“

Fraß war dann Präsident des „Künstlerverbandes österreichischer Bildhauer“, bekam auch Aufträge von der Gemeinde Wien, konnte sie jedoch nicht ausführen, da ihm ein Schlaganfall (so Fraß) „das Werkzeug aus der Hand nahm“. Führend in der österreichischen Bildhauerei wurde der Hanak-Schüler (von 1926-1928) Fritz Wotruba, der vor den Nazis emigriert war. Professor Fraß lebte noch bis ins Jahr der Studentenrevolte. Nach einem weiteren Schlaganfall starb er 1968. Paul Peschke, sein Kollege noch aus der Zeit in der Türkei (er ist heute selbst Präsident des „Künstlerverbandes“) betonte in der Grabrede den lauteren und grundgütigen Charakter des Dahingegangenen.

Im Frühjahr 1935 hatte dieser Mann jedoch in das Heldendenkmal des Wiener Burgtores ein nazistisches Kuckucksei gelegt. Österreichische Militärs überlegen heute, ob Fraß nicht dadurch das Andenken der Gefallenen „geschändet“ hat. Dabei fühlte er sich doch mit den Kameraden aus dem Weltkrieg tief verbunden, und legte (wie seine in Wien lebende 83jährige Witwe betont) „sein Herzblut“ in die Figur des „toten Kriegers“.

Allgemein bekannt war, daß von Fraß zunächst die zwei zentralen Objekte in der „Ehrenhalle“ des Burgtores verfertigt worden sind: der aus 400 einzeln handgetriebenen Kupferblättern bestehende Lorbeerkranz mit einem Durchmesser von 2,4 Metern, und das sogenannte „kleine österreichische Reichswappen aus dem Jahr 1836“, ein drei Meter hoher kaiserlicher Doppeladler aus Lindabrunner Kalkstein. Diese Werke waren bei der Weihe am 9. September 1934 bereits vorhanden. In der Krypta aber lag zu diesem Zeitpunkt nur ein patinierter Gipsabguß des „toten Kriegers“. Fraß hatte bei der Eile, in der das Heldendenkmal innerhalb weniger Monate eingerichtet wurde, nicht Schritt halten können. Denn er mußte die Figur, wie wir sie heute kennen, aus 15 Tonnen roten Adneter (Adnet bei Salzburg) Marmors herausmeißeln. Daher kam das Original erst im Frühjahr 1934 in die Krypta.

Schuschnigg mit Krukenkreuz & Andachtskreis
Vorm Anschlußdenkmal ahnungslos

Dabei konnte Fraß „in einem unbeobachteten Augenblick in eine bereits vorbereitete Mulde im Sockel eine Metallhülse mit einer Inschrift legen, die“, so Fraß in einem Brief vom 20. Dezember 1938 an den Kunsthistoriker Karl Hareiter, „alsbald, noch bis heute und vielleicht für immer, von der schweren Figur verdeckt wurde“. Den „genauen Wortlaut des Textes“ wußte der Bildhauer im Jahr 1938 nicht mehr, „doch der Sinn ist dieser: daß ich diese Figur des toten Kriegers zum Gedenken an meine Gefallenen Kameraden gemacht habe und daß mit dem Tage, an dem wir Österreicher im Zeichen des Hackenkreuzes (Sonnenrades) mit allen Deutschen ein Volk bilden, die Gefallenen nicht umsonst ihr Leben gelassen haben.“

Fraß bat Hareiter, darüber in der Weihnachtsnummer 1938 des „Völkischen Beobachters“ zu berichten, was auch gescheh. Nur tilgte Hareiter Fraßens orthographische Fehlleistung, das „c“ im „Hackenkreuz“. Eigentlich schade, denn das Unbewußte des Bildhauers hatte recht: die Metallhülse ist so etwas wie ein „Hackl im Kreuz“ des braven österreichischen Soldaten.

Und Fraß freute sich: „Bei allen möglichen Anlässen standen die damaligen hohen Würdenträger der Systemzeit vor der Figur und hatten keine Ahnung (was für mich einigermaßen belustigend war!), daß unter der Figur eine ‚hochverräterische‘ Inschrift liegt.“

Des Professors Anschlußwunsch „hatte sich mit dem Tag — den 15. März 1938 — an dem der Führer das erste Mal den Kranz vor diese Figur im Heldendenkmal legte, ... erfüllt. Du kannst dir denken, daß das damals, nebst allen andern, ein besonders großer Tag für mich war! Zur Erinnerung hab ich mir den Kranz ausgebeten, der in meinem Atelier nun hängt“.

Meine Nachforschungen lassen den Schluß zu, daß die „hochverräterische Inschrift“ noch immer unter der Steinfigur liegt, und daß — zur Belustigung von Fraßens Gesinnungsgenossen — die Kranzniederleger ungewollt dem Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich huldigen.

Die inzwischen informierte Bundesregierung konnte noch keinen Entschluß über das weitere Schicksal des Hakenkreuz-Manifestes fassen. Die „rote“ Koalitionshälfte ist für eine Hebung der Steinfigur, die „schwarze“ dagegen.

Das Heldendenkmal im Äußeren Burgtor ist renovierungsbedürftig, bei schweren Unwettern regnet es bereits auf den „toten Krieger“ herab. Typisch österreichisch überlegt man daher, ob man die Geldsumme, die für die „Entnazifizierung“ aufgebracht werden müßte, nicht besser für eine Abdichtung verwenden sollte.

[1Viktor Bibl: Radetzkys Geist. Völkischer Beobacher, 20.9.1944, S. 3

[2Siehe meine Aufsätze über den Heldenberg in „Joseph und Suleika“ 2, Frankfurt 1987, und im „Falter“ 32-35, Wien 1987

[3Ich danke der militärwissenschaftlichen Abteilung des Verteidigungsministeriums für eine Fotokopie dieser Schrift.

[4Christine Klusacek: Der Wehrmann unter den Arkaden. „Wien aktuell“, 15. Jänner 1987

[5Völkischer Beobacher, 28.3.1938

[6Von mir erstmals veröffentlicht in der Nr. 3 der aktionistischen Zeitschrift „Die Blutorgel“ zum Jahreswechsel 1962/63

[7Von Hellmer stammen die bei amerikanischen Touristen beliebte barockisierende Figurengruppe „Österreichs Macht zu Lande“ neben dem Michaelertor der Hofburg (1897), der repräsentativ an der Ringstraße sitzende Goethe (1900), die klassizistische „Kastalische Quelle“ im Innenhof der Universität (1904) und das im Jugendstil gehaltene Johann Strauß-Denkmal im Stadtpark (1924)

[8Völkischer Beobacher, 7.2.1939, S. 6

[9„die pause“ Jg. 5/12, Wien, Dezember 1940, S. 50/51. Hoffmann bemerkte zum Umbau: „... so muß es uns in unseren Tagen der größten Epoche unseres Vaterlandes zumindest gegönnt sein, zu versuchen, so wie es der Wille der Führung ist, neue Wege zu gehen, den neuen Bedürfnissen und Aufgaben die richtige Form zu geben“

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