FORVM, No. 319/320
Juli
1980

Von Zwentendorf nach Damaskus

Helga Nowotny: Kernenergie — Gefahr oder Notwendigkeit, Suhrkamp Verlag, stw 290, Frankfurt 1979, 291 Seiten, DM 12, öS 92,40

Michael Springer: Was morgen geschah. Roman, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1979, 331 Seiten, DM 28, öS 215,60

Helga Novotny beschreibt und analysiert die komplexe Interaktion der diversen Rollenträger beim Atomtheater Zwentendorf: Kommerzielle und wissenschaftliche Planer, Protestbewegung, Krisenmanagement der staatlichen Bürokratie, Politiker e tutti quanti inklusive mediale Wind- und Donnermaschine. Ergebnis war der größte anzunehmende Unfall der großtechnologischen Überzeugung, zugleich die sicherste Vermeidung der geringsten Gesundheitsschädigung durch radioaktiven Fallout.

Unter dem Zwischentitel „Fortsetzung folgt ...“ sieht Novotny was Neues: die herrschaftsfreie Konfliktaustragung zwischen Wissenschaftern ist in der Atomfrage als „Fortsetzung und Ausdruck eines tiefen gesellschaftspolitischen Risses zu werten“. An der Verbreitung dieses tiefen Risses wird auf beiden Seiten pflichtgemäß gearbeitet.

Die Argumente pro und kontra unterläuft die Autorin in Richtung insgeheime Motivation der Experten in ihrem vorgeblich rationalen Dialogspiel. Der kontinuierlichen Interessenslage des Befürworters steht das umgekehrte Damaskus eines zum Saulus gewordenen Paulus der Atomtechnologie gegenüber. Hier liegt ein Stück Hoffnung.

Das umgekehrte Damaskus ist Michael Springers Thema. Ein angestellter Physiker im Atominstitut wird zum Alternativler durch persönliche Beziehungen zu Mitgliedern der Protestbewegung gegen ein geplantes Kernkraftwerk sowie durch die Verstöße [1] seitens der Atombetreiber gegen sein wissenschaftliches Selbstverständnis in Sachen herrschaftsfreiem Diskurs.

Michael Springer, gebürtiger Salzburger, Jahrgang 1944, Jesuitenzögling, Dr.phil. der Fachrichtung theoretische Physik, ehemals Angestellter im Institut eines Kernreaktors (ich sag’ den Namen nicht, aber es war in Wien), sodann FORVM-Redakteur. Sein feinsinniger Artikel über den Chefideologen des rechten Flügels der Wiener Pensionisten lieferte die Substanz der späteren Staberl-Broschüre der Jusos. Ich bewunderte damals seine FORVM-Beiträge als Amalgam von analytischer Prägnanz mit einer eigenen Zärtlichkeit im Umgang mit Sprache. Davon hat er in diesem Buch nichts eingebüßt.

Hinzugewonnen hat er den Verzicht auf die Gesuchtheit des Ausdrucks. Er hat’s nicht mehr nötig. Sein Selbstverständnis als dissidenter Experte findet den selbstverständlichen Ausdruck. Vielleicht, seit er auf den Nimbus des (und sei’s dissidenten) Experten verzichtet.

Als er zu uns stieß, hatte er sein Damaskus bereits hinter sich. Zehn Jahre später, zu unsrem Nutzen, erzählt er es uns. Schönen Dank und herzliche Grüße.

[1Die bekannte Kontraproduktivität des Terrors von oben, der stets die Ruhe will und stets Protest erschafft.

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