Heft 8/2004
Dezember
2004

Wem gehören die Gagausen?

Um die bulgarische Minderheit der türkischsprachigen Gagausen wird ein Streit zwischen bulgarischem, türkischem und gagausischem Na­tionalismus wegen ihrer „nationa­len Identität“ geführt. Während die widersprüchlichsten Theorien kur­sieren, verringert sich die Anzahl der aktiven SprecherInnen stetig.

Wer die touristischen Strände nördlich von Varna hinter sich gelassen hat und über kleine Landstraßen in Richtung Rumä­nien fährt, kommt in eine der einsamsten Ecken Bulgariens: die Dobrudscha, zugleich Kornkammer des Landes und, so scheint es, das Ende der Welt.

In dieser Region, vor allem rund um die Kleinstadt Kavarna, lebt die Volksgruppe der Gagausen, orthodoxe BulgarInnen, die un­tereinander das türkische Gagausisch sprechen.

Allerdings ist schon die Zahl der Gagau­sisch sprechenden BulgarInnen schwierig zu ermitteln. Die Angaben variieren von 400 ak­tiven SprecherInnen bis zu 12.000 Angehörigen der gagausischen Minderheit. [1] Bei der Volkszählung von 1992 haben sich wie­derum 1.478 Personen als „Gagausen“ be­zeichnet. [2] Die unterschiedlichen Angaben verweisen auf ein Problem: Wer ist als Spre­cherIn des Gagausischen zu definieren? Nur Personen, die im Alltag auch Gagausisch ver­wenden? Oder auch solche, die es zwar ver­stehen, aber nicht mehr sprechen können? Und was ist mit Personen, die zwar Gagau­sisch sprechen, bei der Volkszählung aber doch „bulgarisch“ als Identitätskategorie an­geben?

Bei der Frage, was denn dieses Gagausisch nun ist, scheiden sich erneut die Geister. Ist es ein Dialekt des Türkischen bzw. Osmani­schen, eine eigene Sprache oder ein vom Os­manischen überlagertes Bulgarisch? Tatsäch­lich sind die meisten Wörter und die Gram­matik eindeutig turksprachigen Ursprungs. Wie diese Menschen jedoch dazu kamen, Ga­gausisch zu sprechen, ist Gegenstand hefti­ger Auseinandersetzungen zwischen bulgari­schen, türkischen und gagausischen Natio­nalisten.

Nach einer der bulgarischen Lesarten [3] sind die GagausInnen schlicht und einfach NachfahrInnen von Bulgaren, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert, also zur Zeit der osmanischen Herrschaft auf dem heutigen bulgarischen Territorium, osmanisiert wur­den. Aufgrund des Assimilationsdrucks hätten manche BulgarInnen ihre Muttersprache verloren, dafür aber zumindest den christli­chen Glauben bewahrt. Eine andere Inter­pretation besagt wiederum, dass die Gagau­sInnen direkte NachfahrInnen der so ge­nannten „Proto-Bulgaren“ sind. Dieses „Turkvolk“ bildet in der offiziellen Natio­nalgeschichtsschreibung eine der drei Grup­pen des bulgarischen ethnischen „Substrats“, welches eine Synthese aus ThrakerInnen, Sla­wInnen und besagten ProtobulgarInnen sein soll. Ähnlich gelagert ist die These von der Abstammung aus einem anderen Turkvolk (Petschengen, Usen, Kumanen). Da die Bil­dung des bulgarischen Ethnos schon im Mit­telalter abgeschlossen gewesen sei, wären die GagausInnen unwiderruflich ein Teil davon.

Türkische NationalistInnen sehen dies völ­lig anders. Zwar ist auch auf der Website von Öz Türkler, einer turanistisch orientierten Website zur türkischen Geschichte [4] von unterschiedlichsten Theorien über die Herkunft der GagausInnen zu lesen. Allerdings wird hier die Theorie von der Abstammung von seldschukischen TürkInnen als „tarihleri hakknda“, [5] also als „historische Realität“ be­zeichnet. Aus Sicht der türkischen TuranistInnen leisteten die GagausInnen Wider­stand gegen den kulturellen, religiösen und linguistischen Assimilationsdruck von Seiten der SlawInnen. Die GagausInnen stünden demnach in einer langen historischen Tradi­tion des Widerstands von Turkvölkern wie den Petschengen gegen die christlichen By­zantiner und wären dann unter russischem Einfluss zum Christentum konvertiert.

Aber nicht nur die TuranistInnen, auch der kemalistische Mainstream des türkischen Nationalismus sieht in den GagausInnen christliche TürkInnen, die dem „Türk Ortodoks Patrikhanesi“, [6] also dem türkisch-or­thodoxen Patriarchat unterstanden hätten. Dieses „türkisch-orthodoxe Patriarchat“ hat­te sich jedoch erst unter dem Einfluss des Kemalismus nach dem Ersten Weltkrieg als eigene „türkisch-orthodoxe“ Kirche vom (griechischen) ökumenischen Patriarchat in Istanbul abgespalten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die GagausInnen längst unter bulgarischer Herrschaft. Selcuk Erenerol, der 2002 verstorbene Patriarch dieser türkisch­-orthodoxen Kirche, erklärte immer wieder, dass die türkischen ChristInnen als ethnische TürkInnen Nachkommen der Seldschuken wären, die nicht den Islam, sondern das Chri­stentum angenommen hätten. [7] Nach kemalistischer Lesart sind auch die GagausInnen in Bulgarien und Moldawien nichts anderes als solche türkischsprachigen ChristInnen.
Andere wissenschaftliche Theorien gehen davon aus, dass es sich bei den GagausInnen entweder um Nachkommen der Kumanen, Polovcer, Torken, Uzen oder Karakalpaken handelt, die bis zum 13. Jahrhundert in der südrussischen Steppe wohnten oder dass die Urahnen der heutigen Gagausen in türki­schen Oguzen bzw. Seldschuken zu suchen sind, denen der byzantinische Patriarch Michael VIII Palaeologus 1261 die späteren Siedlungsgebiete der Gagausen überschrie­ben hatte. [8]

Historisch belegt ist hingegen, dass die Mehrheit der christlich-orthodoxen aber türkisch sprechenden GagausInnen seit 1750 das osmanische Reich in Richtung Russland verließen und sich dort in Bessarabien, im Süden der heutigen Republik Moldawien an­siedelten. Im November 1989 riefen die moldawischen GagausInnen eine eigene „Gagausische SSR“ aus. Im Dezember 1994 wur­de den GagausInnen nach jahrelangen Kon­flikten vom moldawischen Parlament eine weitgehende Territorialautonomie zugestan­den. „Gagauz Yeri“ wird seither durch ein eigenes Parlament und einen Gouverneur (Bajkan) regiert und hat etwa 150.000 EinwohnerInnen. Gagausisch, Rumänisch und Russisch sind gleichberechtigte Amtsspra­chen.

Wegweiser in Bursa
(Foto: M. Kreutzer)

Die moldawischen GagausInnen fühlten sich jedoch sogleich berufen, ihr neu gewonnenes nationales Selbstbewusstsein auch zu ihren in Bulgarien verbliebenen Brüdern und Schwestern zu tragen. „Die kommen immer wieder mit ganzen Reisebussen und führen dann Volkstänze und Theater bei uns auf“, erzählt Schorsch, der im Gagausendorf Balgarevo lebt und dort 35 Jahre lang Vize­präsident der lokalen DKSS, die bulgarische Variante der LPG war. Die Kulturmissiona­re aus Gagauz Yeri erklären den bulgarischen GagausInnen immer wieder, dass sie sich zu sehr an die slawischen BulgarInnen assimi­liert hätten und wieder zum „echten Gagausentum“ zurückkehren sollten. Die Bewoh­nerInnen von Balgarevo reagieren jedoch an­ders auf die „Gagausischen Brüder“ aus Moldawien, als es sich diese wünschen wür­den. Schorsch ist eher amüsiert über deren kulturelles Engagement, als dass er die Volkstänze und verteilten Zeitschriften ernst neh­men würde.

Identität?

Die ethnischen Identitäten sind jedoch nicht das primäre Problem für die BewohnerInnen von Balgarevo. Vielmehr geht es 15 Jahre nach dem Niedergang der soziali­stischen Staatswirtschaft nach wie vor dar­um, das tägliche Auskommen zu sichern. Und das ist schwierig genug. Das Dorf, das einst durch den Tabakanbau ein sicheres Einkommen hatte, ist wie viele bulgarischen Dörfer nach der Wende verarmt. Die Ge­nossenschaft existiert nicht mehr. Maja, Schorschs Tochter, muss sich im nahe gele­genen Nobeltouristenclub Rusalka für 140 Leva, etwa 70 Euro, im Monat als Zimmer­mädchen verdingen. Außerhalb der Saison, die von Mai bis Oktober läuft, ist sie wie die meisten DorfbewohnerInnen arbeitslos. Auch Schorschs Frau muss zur Aufbesse­rung der spärlichen Pension in den Som­mermonaten in der Anlage arbeiten. Der Mann der zweiten Tochter Stefka arbeitet seit drei Jahren in Berlin. Ansonsten wird jeder Quadratmeter des Gartens für den Anbau von Obst und Gemüse oder für die Haltung von Hühnern und Truthähnen ge­nutzt. Schorschs Enkelsohn spricht kein Ga­gausisch mehr. Mit seinen FreundInnen un­terhält er sich auf Bulgarisch. Damit liegt er im Trend: Die Zahl der aktiven Spre­cherInnen nimmt stetig ab. „Es steht zu be­fürchten, dass von den Balkangagausen [...] wenn überhaupt nur noch die ältere Generationen die Sprache beherrschen“, [9] äußert sich etwa ein Sprachforscher be­sorgt.

Dass das Interesse an der Erhaltung der Minderheit erwacht, wenn diese gerade im Begriff ist, sich aufzulösen, ist wohl das größte Paradox des Streites um die ethnokulturelle Zugehörigkeit der GagausInnen.

[1Beide Angaben siehe Walter Schulze (2002): Gagausisch, in: Wieser Enzyklo­pädie des Europäischen Ostens, Band 10: Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens, Klagenfurt, S. 781-786: S. 781, S. 785.

[2http://www.omda.bg/bulg/NAROD/gagauzi.html, siehe auch: Pan, Christoph/Pfeil, Beate Sybille: National Minorities in Europe Handbook, Wien 2003, S. 61.

[3Vergleiche in Folge: Ivan Gradeschliev: Gagauzite, Biblioteka „Dobrudscha“ Nr. 5, 2. Auflage, Dobritch 1994, S. 76ff.

[4Der Turanismus ist jene Strömung des tür­kischen Nationalismus, die eine Vereini­gung aller turksprachigen „Völker“ in ei­nem pantürkischen Nationalstaat anstrebt und sich auf ein mythisches gesamttürki­sches „Vaterland“ namens Turan bezieht. Im 19. Jahrhundert organisierte sich diese Strömung des türk. Nationalismus in der Turanischen Gesellschaft, die eng mit den Jungtürken zusammenarbeitete. Als politisch bedeutendster Vertreter des Turanis­mus trat bis in die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts Enver Pascha, einer der Hauptverantwortlichen des Genozids an den ArmenierInnen des osmanischen Rei­ches in Erscheinung, der nach der Errichtung der türkischen Republik und der Durchsetzung des „linken“ Flügels innerhalb des türk. Nationalismus (Kemalismus) mit Hilfe der Basmatschi-Rebellen in Zen­tralasien versuchte, einen pantürkischen Staat zu errichten.

[7The secret heroes of Turkish history — Chri­stian Turkish Nationalists. in: Turkish Dai­ly News, 10. August 1996.

[8Hendrik Fenz: Die Gagausen: Europas christliche Türken, in: Hamburgische Ori­ent-Blätter, Nr. 1, Sommer 2003, S.13-2: S. 16

[9Schulze, a.a.O., S. 785.

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