Grundrisse, Nummer 37
März
2011
Tunesien, Ägypten:

Wenn der Ostwind die Arroganz des Westens hinwegfegt

Der Ostwind übertrifft den Westwind

Wie lange noch wird der untätige und dahindämmernde Westen, die „internationale Gemeinschaft“ derer, die sich noch für die Herren der Welt halten, der ganzen Welt Lektionen über gute Verwaltung und gutes Verhalten geben? Ist es nicht lachhaft zu sehen, wie Intellektuelle vom Dienst, verunsicherte Soldaten des kapitalistisch-parlamentarischen Systems, die uns dieses zerschlissene Paradies andienern, den großartigen Völkern Tunesiens und Ägyptens Ratschläge geben, um diesen wilden Völkern das ABC der „Demokratie“ zu lehren? Was für ein trauriges Beharren auf der kolonialen Arroganz! Ist es in einer drei Jahrzehnte anhaltenden Situation der politischen Misere nicht evident, dass wir es sind, die von den jetzt stattfindenden Volksaufständen zu lernen haben? Müssen wir nicht in höchster Eile ganz aus der Nähe alles untersuchen, was dort die Beseitigung der – korrupten und im Übrigen (und vielleicht auch vor allem) sich in einer Situation eines demütigenden Vasallentums in Bezug auf die westlichen Staaten befindenden – oligarchischen Regierungen durch eine kollektive Aktion möglich machte?

Ja, wir müssen SchülerInnen dieser Bewegungen werden und nicht ihre stupiden Professoren. Denn sie beleben mit der eigenen Genialität ihrer Erfindungen einige Prinzipien der Politik, von denen man uns seit längerem zu überzeugen versucht, das sie veraltet sind; insbesondere jenes Prinzip, das Marat nicht aufhörte uns in Erinnerung zu rufen: Wenn es um Freiheit, Gleichheit und Emanzipation geht, verdanken wir alles den Volksaufständen.

Rebellion ist gerechtfertigt

Sowie unsere Staaten und diejenigen die darin herrschen (Parteien, Gewerkschaften und servile Intellektuelle) die Verwaltung gegenüber der Politik bevorzugen, bevorzugen sie Forderungen gegenüber der Revolte und gegenüber jeden Bruch den „geordneten Übergang“. An was uns die ägyptischen und tunesischen Völker erinnern, ist, daß die einzige Aktion, die dem weit verbreiteten Gefühl einer skandalösen Besetzung der Staatsmacht angemessen ist, der Massenaufstand ist. Und in diesem Fall ist die einzige Losung, welche die unterschiedlichen TeilnehmerInnen der Menge zusammenschließen kann: „Der Du da bist, verschwinde!“ Die außerordentliche Bedeutung der Revolte – ihre kritische Kraft – ist, dass diese von Millionen Menschen wiederholte Losung den unzweifelhaften und unumkehrbaren ersten Sieg mißt: die Flucht des so adressierten Mannes. Und was auch immer danach passiert, dieser Triumph der Aktion des Volkes, illegal in seiner Natur, wird für immer siegreich sein. Dass eine Revolte gegen die Staatsmacht absolut siegreich sein kann, ist eine Lehre von universeller Tragweite. Dieser Sieg zeigt für immer den Horizont, den jede von der Autorität des Gesetzes subtrahierte kollektive Aktion, entwickelt, und welchen Marx „das Absterben des Staates“ nannte. Zu wissen, dass eines Tages die Völker, frei assoziiert in der Entfaltung ihrer eigenen kreativen Macht, sich des dunklen Zwangs des Staates entledigen können: dafür, für diese äußerste Idee, löst eine Revolte, die eine installierte Autorität stürzt, in der ganzen Welt einen grenzenlosen Enthusiasmus aus.

Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen

Alles begann mit der Selbstverbrennung eines zur Arbeitslosigkeit gezwungenen Menschen, dem man den ärmlichen Handel, der sein Überleben ermöglichte verbot, und den eine Polizistin ohrfeigte, damit er versteht, was in dieser Welt real ist. Diese Bewegung verbreitet sich in wenigen Tagen, wenigen Wochen bis schließlich Millionen von Menschen auf einem weit entfernten Platz ihre Freude über die in Anbetracht der Katastrophe abdankenden mächtigen Potentaten herausschreien. Woher kommt diese atemberaubende Ausbreitung? Breitet sich eine Freiheitsepidemie aus? Nein. Wie es Jean-Marie Gleize poetisch ausdrückt, „eine revolutionäre Bewegung breitet sich nicht durch Ansteckung aus, sondern mittels Resonanz. Etwas, daß sich hier konstituiert ist in Resonanz mit den Schockwellen, die etwas, daß sich dort konstituiert, auslöst.“ Diese Resonanz nennen wir „Ereignis“. Ein Ereignis ist die plötzliche Erzeugung nicht einer neuen Realität, sondern eine Unzahl neuer Möglichkeiten.

Keine unter ihnen ist die Wiederholung von etwas, das schon bekannt ist. Deshalb ist es obskur zu sagen „diese Bewegung fordert Demokratie“ (also unterschwellig jene, derer wir uns im Westen erfreuen), oder aber „diese Bewegung fordert eine Verbesserung der sozialen Situation“ (also unterschwellig den durchschnittlichen Wohlstand eines Kleinbürgers bei uns). Ausgehend von fast nichts und überall Resonanzen erzeugend, schafft dieser Aufstand des Volkes bislang unbekannte Möglichkeiten für die ganze Welt. Das Wort „Demokratie“ ist in Ägypten kaum zu hören. Es wird vom „neuen Ägypten“, vom „wahren ägyptischen Volk“, von der konstituierenden Versammlung, der absoluten Änderung des Lebens, von unerhörten und bislang unbekannten Möglichkeiten gesprochen. Es handelt sich um eine neue Ebene, die an Stelle derjenigen tritt, die der Funke des Aufstands letztlich in Flammen setzte. Sie plaziert sich, diese neue Ebene, zwischen der Deklaration der Umkehrung der Kräfte und das Angehen neuer Aufgaben. Zwischen dem was ein junger Tunesier sagte: „Wir, die Söhne der Arbeiter und Bauern, sind stärker als die Kriminellen“; und dem was ein junger Ägypter sagte: „Beginnend mit heute, den 25.Jänner, nehme ich die Angelegenheiten meines Landes in meine Hände.“

Das Volk und nur das Volk ist die Triebkraft, die die Weltgeschichte macht

Es ist sehr erstaunlich, dass in unserem Westen Regierungen und Medien behaupten, die Revolten eines Platzes in Kairo seien „das ägyptische Volk“. Wie das? Ist denn für diese Leute das einzig vernünftige und legale Volk nicht reduziert auf die Mehrheit bei einer Befragung oder einer Wahl? Wie ist es möglich, dass plötzlich die hunderttausenden Revoltierenden für ein Volk von 80 Millionen Menschen repräsentativ sind? Das ist eine Lektion, die nicht vergessen werden darf und die wir nicht vergessen werden.

Wenn eine gewisse Schwelle an Entschlossenheit, Beharren und Courage überschritten wird, kann das Volk seine Existenz auf einen Platz, eine Straße, einige Fabriken, eine Universität, etc. konzentrieren. Die ganze Welt wird Zeugin dieser Courage und vor allem der verblüffenden Neuschöpfungen, die sie begleiten. Diese Neuschöpfungen sind der Beweis, dass dort das Volk ist. Wie es ein ägyptischer Demonstrant deutlich ausdrückte: „Früher sah ich fern, jetzt sieht mich das Fernsehen an.“

Während das Ereignis sich entfaltet, setzt sich das Volk aus denjenigen zusammen, welche die Probleme lösen können, die das Ereignis ihnen stellt. So bei der Besetzung eines Platzes: Nahrung, Schlafplätze, Bewachung, Transparente, Gebete, defensive Kämpfe damit der Ort, an dem alles passiert, der Ort, der das Symbol darstellt, für sein Volk um jeden Preis gehalten werden kann. Probleme, die bei einer Anzahl von Hundertausenden von Menschen von überall kommend, unlösbar erscheinen, umsomehr als auf diesem Platz, der Staat verschwunden ist. Ohne Hilfe des Staates unlösbare Probleme zu lösen, das ist die Bestimmung eines Ereignisses. Es ist das, was ein Volk hervorbringt und das plötzlich und für eine nicht festgelegte Zeit dort existiert, wo es beschlossen hat sich zu versammeln.

Ohne kommunistische Bewegung kein Kommunismus

Der Volksaufstand, von dem wir reden ist offensichtlich ohne Partei, ohne hegemoniale Organisation, ohne anerkannten Führer. Mit der Zeit werden wir prüfen können, ob dies eine Stärke oder eine Schwäche ist. Auf jeden Fall ist es diese Tatsache, welche alle Eigenschaften eines „Kommunismus der Bewegung“ – in einer außerordentlich reinen Form, ohne Zweifel die reinste nach der Pariser Kommune – hervorbringt. „Kommunismus“ heißt hier: Gemeinsame Erschaffung kollektiven Schicksals. Dieses „Gemeinsame“ hat zwei besondere Eigenschaften: Als erstes, es ist generisch; [1] es repräsentiert an einem Ort die gesamte Menschheit. An diesem Ort gibt es alle Arten von Menschen aus denen sich ein Volk zusammensetzt, jeder Rede wird zugehört, jeder Vorschlag geprüft, jedes Problem so behandelt, wie es sich stellt. Weiters beginnt es alle großen Widersprüche zu lösen, von denen der Staat behauptet, nur er sei in der Lage damit umzugehen, während er doch keinen dieser Widersprüche löst: jenen zwischen Intellektuellen und ArbeiterInnen, zwischen Frauen und Männern, zwischen Reichen und Armen, zwischen Muslimen und Kopten, zwischen Leuten aus der Provinz und denjenigen aus der Hauptstadt …

Tausende neue Möglichkeiten, die diese Widersprüche betreffen, treten plötzlich ans Tageslicht, für die der Staat – jeder Staat – vollständig blind ist. Junge Frauen, ÄrztInnen, die aus der Provinz gekommen sind, um die Verletzten zu behandeln, schlafen in der Mitte eines Kreises von schüchternen jungen Männern. Und die Frauen sind gelassener als sie es jemals waren; sie wissen, dass niemand ihnen auch nur ein Haar krümmen wird. Eine Organisation von IngenieurInnen wendet sich an die Jungen aus den Vorstädten: sie sollen ihnen helfen den Platz zu halten und die Bewegung mit ihrer kämpferischen Energie schützen. Eine Reihe von ChristInnen halten stehend Wache, um in ihre Gebete versunkene Muslime zu schützen, HändlerInnen geben Arbeitslosen und Armen Essen. Jeder redet mit seinem unbekannten Nachbarn. Tausende Spruchbänder sind zu lesen, in denen sich das Leben einzelner bruchlos mit der großen Geschichte aller vermengt. Die Menge dieser Situationen, dieser Erfindungen konstituieren den Kommunismus der Bewegung. Seit zwei Jahrhunderte gibt es ein einziges Problem: Wie können wir die Erfindungen des Kommunismus der Bewegungen dauerhaft etablieren? Und eine einzige reaktionäre Antwort: „Das ist unmöglich, ja schädlich. Vertrauen wir uns dem Staat an“. Ehre für die Völker Tunesiens und Ägypten, die uns an die wahre und einzige politische Aufgabe erinnern: im Angesicht des Staates, dem Kommunismus der Bewegung die Treue zu halten.

Wir wollen keinen Krieg, aber wir fürchten uns nicht davor

Überall wird von der friedlichen Ruhe der gigantischen Demonstrationen gesprochen, und diese Ruhe wird mit dem Ideal der repräsentativen Demokratie verbunden, mit der die Bewegung etikettiert werden soll. Stellen wir jedoch fest, daß es Hunderte von Toten gab und es jeden Tag weitere Tote gibt. In vielen Fällen waren diese Toten die Kämpfer und Märtyrer der Initiative und anschließend des Schutzes der Bewegung selbst. Die politischen und symbolischen Orte des Aufstands konnten nur um den Preis von grausamen Kämpfen gegen die Milizen und die Polizei des bedrohten Regimes gehalten werden. Und wer, wenn nicht die Jungen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten, hatte hier mit ihrem bzw. seinem Leben zu bezahlen? Die „Mittelklassen“, von den unsere uninspirierte Michèle Alliot-Marie [2] meinte, dass der demokratische Erfolg der laufenden Ereignisse von ihnen und nur von ihnen abhänge, möge sich erinnern, dass im entscheidenden Augenblick die Fortdauer des Aufstands nur durch das uneingeschränkte Engagement von Einheiten des Volkes garantiert werden konnte. Defensive Gewalt ist unvermeidlich. Sie setzt sich im Übrigen unter schwierigen Bedingungen in Tunesien fort, nachdem jungen Aktivisten aus den Provinzen zurück in ihre Misere geschickt wurden.

Glaubt jemand ernsthaft, dass diese unzähligen Initiativen und die grausamen Opfer als wesentliches Ziel haben, dass die Leute zwischen Souleiman und El Baradei „wählen“ können, so wie bei uns erbärmlich resignierend zwischen Sarkozy und Strauss-Kahn gewählt wird? Soll das die einzige Lehre aus dieser prachtvollen Episode sein?

Nein, tausend Mal nein! Die tunesischen und ägyptischen Völker sagen uns: Sich erheben, an einem öffentlichen Ort den Kommunismus der Bewegung aufbauen, ihn mit allen Mitteln verteidigen, indem sukzessive Aktionsschritte erfunden werden, das ist die Wirklichkeit einer populären Politik der Emanzipation. Es sind sicher nicht nur die Staaten der arabischen Länder, die gegen das Volk agieren und im Grunde, ob mit oder ohne Wahlen, illegitim sind. Wie auch immer die Entwicklung sein wird, der tunesische und der ägyptische Aufstand haben eine universelle Bedeutung. Sie eröffnen neue Möglichkeiten, deren Wert international ist.

[1Den Begriff generisch verwendet Badiou in zwei Richtungen: Erstens entsteht aus einem Ereignis etwas generisches, etwas das mit den herrschenden Begriffen nicht vollständig erfassbar ist – etwas neues und zweitens ist das Subjekt einer Politik, die einem Ereignis die Treue hält, im Prinzip jeder. Jeder kann Militanter dieser Politik sein. Das Subjekt ist generisch. (Siehe Alain Badiou: „Über Metapolitik“, diaphanes 2003, S.151-152)

[2Michèle Alliot-Marie ist die am 27. Februar wegen allzu engen Verbindungen zum alten tunesischen Regime abgesetzte französische Außenministerin.

Übersetzt aus dem Französischen von Francois Naetar. Das Original erschien am 18.2.2011 in lemonde.fr, online nachzulesen hier : http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/02/18/tunisie-egypte-quand-un-vent-d-est-balaie-l-arrogance-de-l-occident_1481712_3232.html

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