MOZ, Nummer 50
März
1990
Gregor Gysi im Spiegel der Zeit:

Wer Winkeladvokat ist, bestimme ich

Ein „liberales, im Zweifel linkes Blatt“, wie der Herausgeber R. Augstein ihn einst in bedrängter Lage genannt hat, war der „Spiegel“ natürlich nie, sondern immer nur das Stimmungsbarometer des analphabetisierten Kleinbürgertums. Daß und wohin dessen Stimmung in diesen Monaten gestiegen ist, läßt sich an seines Leibblattes Titelgeschichte „Der Drahtzieher/SED-Chef Gysi“ ablesen — es ist ein Dokument, das späteren Zeitgeschichtlern helfen wird, den Wiedereintritt der Deutschen in die Geschichte des Herrenmenschen zu datieren.

Gregor Gysi, Parteichef der SED/PDS
Foto: Contrast / Erwin Schuh

Wer ist Gregor Gysi? Ein trickreicher, verschlagener, frecher, arroganter, heuchlerischer, dialektisch geschickter, schmutziger, geldgieriger, eiskalt-intellektueller, abschreckender, eben: ein typisch jüdischer Winkeladvokat?

Nein, sagt das Deutschland-Magazin „Der Spiegel“, das ist Gregor Gysi nicht; er ist bloß kein Mann bußfertiger Haltung, sondern leider ein neue SED-Macht aus dem Zylinder zaubernder Trickser, der dem Parteinamen den tarnenden Zusatz PDS anfügt. Er ist der Drahtzieher, denn er zieht die Drähte zwischen der Partei und der von ihr getragenen Übergangsregierung, und wer die Drähte zwischen einer Partei, deren Vorsitzender er ist, und der von ihr getragenen Regierung zieht, ist der Drahtzieher; er knüpft die Fäden zu den politischen Massenorganisationen ... Nur fünf Wochen, nachdem der Rechtsanwalt angetreten ist, gilt (er) beim Ost-Volk als Trickser, dem die biedere Schiebermütze als Tarnkappe dient, als Drahtzieher einer SED, die ... Reue und Besserung heuchelt ...

Aber war nicht Gregor Gysi, der ehrliche Anwalt, Garant einer wahren Erneuerung? Hatte nicht sogar der „Spiegel“ an ihn geglaubt? Nichts da. Dem Advokaten mit der Mütze gelang das Kunststück ... In klassisch-juristischer Dialektik macht der Advokat ... die Opposition verantwortlich. Ja, bei seiner Wahl, also vor ein paar Wochen noch, hatte sein Name in der DDR selbst unter Oppositionellen und Dissidenten einen sauberen Klang. Denn damals hatte sich der Anwalt Gysi ... nicht nur um Familien- und Verwaltungsrechtshändel gekümmert, also um das ihm eigentlich wesensnahe, schmierige Tagwerk eines Winkeladvokaten, der nicht juristische Auseinandersetzungen führt, sondern an Familienrechtshändeln schmarotzt. Er verteidigte vor DDR-Gerichten auch zahlreiche Gegner wie Kritiker des Regimes von Rudolf Bahro über Robert Havemann bis ... Bärbel Bohley.

Im Bericht über diese Zeit wienert der „Spiegel“ Gysis Namen so blank, daß er einen unvergleichlichen Kontrast zu dem schmutzigen jenes späteren Heuchlers bildet, als den die Redaktion ihn nun präsentiert. Nur darum darf Gysi in jener Passage der Titelgeschichte, die seine nach Hamburger Hygienerichtlinien einwandfreie Tätigkeit als Anwalt der Regimegegner beschreibt, nicht ein einziges Mal als „Advokat“ bezeichnet, werden, und ist er plötzlich auch nicht mehr undeutsch dialektisch, sondern fast schon ein mutigblonder Rechtswahrer, forsch und kühl: Für Bahro forderte Gysi forsch Freispruch; er teilt der Staatsanwaltschaft kühl mit ... Nur in diesem Kontext, in dem ihm nichts angehängt werden soll, heißt es entweder einfach Gysi oder (zum ersten Mal eine geradezu wertfreie Bezeichnung seines Berufes:) der Jurist.

Der Jurist war er vor ein paar Wochen, als man noch nicht ahnte, wie nahe das Vierte Reich rücken und daß Gregor Gysi sich dagegen ein Weilchen sträuben würde. Jetzt ist die Sympathie ins Gegenteil umgeschlagen, die des „Spiegel“ und die der anderen rechtschaffenen deutschen Männer: Gysi, der vornehmlich intellektuelle Kälte ausstrahlt und auf die ostdeutschen Arbeitermassen eher abschreckend wirkt ...
hatte im besten Demagogen-Stil vor der vemeintlichen Gefahr von rechts gewarnt ... Er rechtfertigt sich mit schwacher Anwaltsdialektik ...

Jetzt kümmert sich der Advokat, der auf die ostdeutschen Arbeitermassen so abschreckend wirkt wie andere intellektuelle Dialektiker, die deshalb im Landwehrkanal abgeschreckt werden mußten, wieder um Tacheles, nämlich um Familienhändel oder ums Vermögen: Und Gregor Gysi ist in seinem Element: Der Advokat hat die Verteidigung und Sicherung eines gigantischen Vermögens übernommen, das eigentlich dem Volk, juristisch aber immer noch der SED gehört — ein komplizierter Fall. Nicht für den Anwalt Gysi, mit seiner kühl kalkulierten juristischen Strategie, der sich frech dieser Pfründe bedienen will. Er brauchte nicht einmal zwanzig Minuten, um die — zunächst widerstrebenden Genossen — einzuschwören, freilich hinter verschlossenen Türen, sozusagen im hintersten Winkel. Und richtig: Drei Wochen später ... enthüllte der Advokat weitere Winkelzüge seines Verteidigungskonzepts ...

Diesem undeutschen Typen sind die braven Landsleute ausgeliefert, zum Beispiel Modrow, der ehrliche Kerl, der sich von seiner Parteiführung zu dem Plan anfeuern ließ, einen Putsch zu proben. Und wer war der Drahtzieher? So sicher sieht sich Gysi inzwischen in seinem Amt, daß er öffentlich — im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ — mit einem solchen Putschversuch droht — nämlich mit einer Volksabstimmung über den Fortbestand der Regierung (ein Vorgang, der hier wohl zum ersten Mal in der fintenreichen Geschichte des Journalismus als Putsch bezeichnet worden sein dürfte).

Wer also ist Gregor Gysi? Ein trickreicher, verschlagener, arroganter, heuchelnder, dialektisch geschickter, unsauberer, geldgeiler, kaltintellektueller abschreckender, in Familienrechtshändeln und der Verteidigung unrechtmäßig erworbener, gigantischer Vermögen frech agierender, widerstrebender, im Hinterzimmer einschwörende Winkeladvokat, der die biedere Schiebermütze als Tarnkappe trägt; daß er ein jüdischer ist, bedarf, dafür hat die Auswahl des Titelfotos gesorgt, keiner schriftlichen Erwähnung.

Wer nun der Redaktion des „Spiegel“ vorhalten wollte, so vollständig habe — seit des „Stürmers“ Ende — kein deutsches Blatt Goebbels antisemitische Klischees zusammengetragen, würde auf wütenden Protest oder, im besten Fall, gereizte Fassungslosigkeit stoßen: Wir? Ausgerechnet wir? Antisemiten? Wir wußten noch nicht einmal, daß ...

Es ist ihnen zu glauben. Sie wollten dem Gregor Gysi, der im Verdacht stand, die SED und die DDR über die „Deutsche Revolution“ hinüberretten zu wollen, doch bloß niedermachen wie zuvor andere aus anderen Gründen auch. Daß sie bei der Wahl der pejorativen Worte und Metaphern auf Gysi ausgerechnet und immer nur zu jenen griffen, die zum antisemitischen Familienschatz gehören, geschah durchaus unbewußt, und darum auch mit jener traumwandlerischen Sicherheit, die zwanghaftem Handeln eigen ist. Wer sich für das deutsche Volk stark macht, dessen rassistische Geschichte, deren Produkt es ist, als „Schreckensgespenst“ (Augstein) sublimiert, kann nicht (und konnte nie) anders, als in den Gegnern seiner Politik, volksfremde Elemente zu sehen.

Dem Nationalen, dem per se Irrationalen, muß das Antinationale unerklärbar feindlich erscheinen, ob als Internationalismus kommunistischer Proleten oder als Rationalismus jüdischer Bildungsbürger, jenen volksfremden Erscheinungen, die in völkischer Umnachtung zum unterscheidbaren bolschewistischen Weltjudentum verschmelzen. Wäre der Kommunist Gysi ein so deutschbrav „ehrlicher Kerl“ wie sein Kollege Modrow oder hätte der Jude Gysi ins Erwache! des neuen Deutschland-Magazins eingestimmt, wären Augsteins Redakteuren beim Lesen der Korrekturfahnen vielleicht noch die Augen aufgegangen. Der jüdische Kommunist Gysi aber hielt Redakteure wie Leser im völkischen Bann und Tran. Keiner, der als kritisch geltenden Köpfe, die zum Protest gegen die Pensionierung eines sozialdemokratischen Admirals vollzählig antreten, hat den antisemitischen Skandal auch nur zur Kenntnis genommen. [*]

[*Mit einer Ausnahme: der grünen Bundestagsabgeordneten Antje Vollmer (und vierzehn weiterer, im „Spiegel“ nicht namentlich genannter Unterzeichner eines Leserbriefes).

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