MOZ, Nummer 50
März
1990
CSSR im Wandel:

Westlicher Fuß in östlicher Tür

Kaum ein Tag vergeht ohne Hiobsbotschaften aus dem Ex-Ostblock. MAPE, [1] Temelin ... Unfälle, die die Öffentlichkeit bewegen. Heimische Giftbomben verlieren kurzfristig an Medienecho — wir Österreicher, wir Mitteleuropäer, wir anderen wissen jetzt wieder, wer noch schlimmer dran ist als wir.

CSSR und Umwelt ist hierzulande ein willkommenes Thema, um das menschengefährdende System des Kommunismus noch nach dessen Abgang beispielhaft zu charakterisieren. Hintergründe sind nicht gefragt, vielmehr eine Position des Schulterklopfens, eine der wohlwollenden, hilfswilligen Überlegenheit. Aus der sich dann ganz leicht Maßnahmen — wie z.B. die Einrichtung einer Ost-Investment-Bank oder Umwelttechnologie-Lieferabkommen — erwirtschaften lassen. Neue Freundschaft ist gut, neue Absatzmärkte sind besser.

Während hierzulande Umweltministerin Flemming ihre Getreuen um sich schart, um — spät, aber doch — in den neuen Know-how-Transfer in östliche Richtung einzusteigen, haben Experten der BRD bereits konkrete Abkommen geschlossen. Vorerst nicht ausschließlich, um zukünftige Geschäfte ins Rollen zu bringen, sondern um alte Müllbeseitigungsverträge einer umweltverträglichen Lösung entgegenzuführen. Die Verträge hatten natürlich die Endlagerung des BRD-Mülls in der CSSR zum Inhalt.

In Österreich ist noch nichts soweit: Rahmenverträge ohne Konkretisierung brachte Frau Minister Flemming von ihrem pompös gestarteten Besuch Ende Jänner dieses Jahres mit. Umweltexperten in der CSSR reagieren auf diesbezügliche Fragen eher vorsichtig, dennoch aber mit leicht entrüstetem Unterton: Vor Einseitigkeiten sei gewarnt, ebenso vor unangebrachten Überlegenheitsgefühlen. Ein Grundwasserexperte, der vor drei Jahren nach Österreich flüchtete und hier die Mitterndorfer Senke wissenschaftlich untersucht, stellt trocken fest, daß Österreich einen knappen Vorsprung von 3 Jahren hätte, dann sei die Wasserqualität derjenigen der gegenwärtigen CSSR angeglichen. Dennoch — der Katastrophengebiete gibt’s genug.

Impressionen aus Nordböhmen. Chalorisches Kraftwerk und Chemiefabrik
Fotos: Ulrike Sladek

Saurer Regen

stellt zum Beispiel eines der grossen Probleme dar — knapp drei Viertel des tschechoslowakischen Waldes sind vom Aussterben bedroht. Als zusätzlich zerstörend zur hohen SO2-Emission wirkt die Bodenstruktur. Die zerstörerischen Auswirkungen der hohen SO2-Emission werden durch die natürliche Bodenbeschaffenheit noch verstärkt — die alten Gesteinsschichten sind ph-sauer, sodaß saure Böden vorherrschen.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte die Industrialisierung Böhmens mit aller Vehemenz ein — Bergbau und Schwerindustrie waren bedeutende Stützen des k.u.k.-Wirtschaftsmanagements.

Zusätzlich belastend war die intensive Schlägerung des Mischwaldbestandes. Im Laufe der Zeit entstanden schnellwachsende Fichtenmonokulturen, die besonders säureempfindlich sind. Nordwestliche Winde verstärken das Ausmaß der Schwefeldioxid-Belastung. 50% davon wurden in der Tschechoslowakei produziert, die zweite Hälfte wurde luftig ohne Zollkontrolle aus dem Ausland importiert. Seitdem in der Bundesrepublik Deutschland SO2-Filter obligatorisch sind, hat sich die Situation in der CSSR schlagartig gebessert — sie ist jetzt selbst Hauptverschmutzer im eigenen Hoheitsgebiet.

Die langfristige Wirkung der Schadstoffe unterbindet die Bildung von biologischen Widerstandsformen, die Bäume sind anfälliger denn je für Schädlinge, der Boden wirkt nicht mehr selbstregulierend. Das Ergebnis sind staubige Böden, die wiederum die Krebsanfälligkeit der Atemwege erhöhen. Der Kreislauf schließt auf letale Weise bei einer hohen Kindersterblichkeitsrate. Und die, die überleben, können nur im Gift überleben. Genetisch angepaßt.

Die großräumig angelegte Landwirtschaft in der Slowakei trägt dazu noch ein letztes Scherflein bei. Hochgiftige Düngemittel werden undosiert eingesetzt; die Lebensmittelindustrie arbeitet mit Gift, verarbeitet Gift und produziert demnach auch Gift. „Endlagerstätte Mensch“ ist zum anschaulichen Beispiel geworden.

Eines weites Reservoir an lebenden Forschungsobjekten tut sich auf — Menschen inklusive. Im Zeitalter der Simulation muß einmal keine Situation vorgespiegelt werden, um Testprogramme zu erproben — ein natürlich gewachsenes Forschungslabor tut sich auf — noch dazu vor unserer Haustür (vor der dann nicht mehr gekehrt werden muß, Anm.).

Wahre Bodenschätze

Was noch zu Zeiten meines Geographie-Schulunterrichts als außerordentlicher Glücksfall bewertet wurde — so viele Mineralien in abbaufähiger Konzentration in einem Landstrich (siehe auch ERZ-Gebirge) —, zeigt heute seine Schattenseiten. Die weitreichenden Braunkohlefelder Nordböhmens wandeln einstmals gepriesene Autarkie im metallurgischen Bereich in ein Monopol auf Verwandlung und Verteilung der Schätze in unproduktive Belastungsstoffe. Braunkohle als organisches Gestein besitzt bei ihrem Entstehen eine große Absorptionsfähigkeit. Wenn sie sich auf Urgesteinsschichten bildet, wie eben in Nordböhmen, so reichert sie sich mit den darin enthaltenen Stoffen an. In unserem Falle mit Uran, Germanium und anderen. Das erstere Element bewirkt, daß die auch für Hausbrand benutzte Braunkohle natürlich strahlt, die Asche ebenfalls, die Menschen, die sie einatmen, ebenfalls. Oben erwähntes Germanium könnte mittels Filteranlagen für die Elektronikindustrie gewonnen werden.

Eine in Österreich nicht unbekannte Praxis erfreute sich auch in der Tschechoslowakei breiter Anwendung: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Unter diesem Motto lagen vielerlei Studien, die auf schädliche Auswirkungen der industriellen und landwirtschaftlichen Produktionsmethoden hinwiesen, in einer Schublade, geheimgehalten, weggeleugnet. Die politischen Veränderungen brachten sie dann ans Tageslicht.

Beliebte Kulisse für westl. Kriegsfilme: Braunkohletagbau

Hier setzten Grünaktivisten ein. GREENPEACE zum Beispiel. Mit ihrer internationalen Reputation konnte sie spektakulär Unterlassung, Fehlinformation und Betrug im Bereich der Atomenergiegewinnung aufdecken.

Ein Stückwerk an Information muß nun gepuzzelt werden, damit ein Gesamtgefahrenbild umfangreiche Verbesserungsstrategien ermöglicht. Als eine der ersten Maßnahmen soll die Kohleförderung gedrosselt werden, ebenso die Stahlproduktion. Die Verpflichtung der Wirtschaft gegenüber der Umwelt wird gesetzlich verankert, dem Umweltministerium ein massives Vetorecht eingeräumt, neue Betriebe noch im Planungsstadium zu überprüfen und bei Bedarf zu verhindern. Umweltverträglichkeit wird gegenüber der Wirtschaftlichkeit Vorrang gegeben. Als Vorbild könnten die EG-Normen dienen.

Bisher konnten Betriebe Strafen für Umweltverschmutzung verlustmäßig absetzen und bekamen den Betrag vom Staat refundiert. Dieser Unfug werde jetzt abgestellt, meint Jan Jehlička vom Zentralinstitut für Geologie, aus dessen Umweltabteilung auch der jetzige tschechische Umweltminister Moldan hervorgegangen ist. Betriebe sollen größenanteilsmäßig Geld für ökologische Projekte zur Verfügung stellen, als einen ersten Wiedergutmachungsbeitrag. Zur Veränderung der Wirtschaftsstruktur befragt, meint Jehlička, daß Kooperativen in mittelständischen Unternehmen gefördert würden, große Betriebe sollten in staatlicher Hand bleiben. Eine Privatisierung müsse nicht unbedingt sein, unrentable Betriebe sollen aber geschlossen werden.

Handlungsbedarf ist auch im Bereich des Energieverbrauches angesagt. Durch planwirtschaftliche Zuteilungspraktiken haben bzw. hatten Verschwender Hochsaison. Anstelle einer Verbrauchsminimierung wurde nach dem Prinzip gehandelt, das Verbrauchsoll hoch zu halten, damit im Bedarfsfalle auch Energie vorhanden wäre. Maschinen liefen deswegen ununterbrochen, Maximalbeleuchtung der Räumlichkeiten war an der Tagesordnung, da bei einem niedrigeren als dem prognostizierten Verbrauch Strafzahlungen und Lieferbeschränkungen die Folge waren.

Das Umweltbewußtsein der Bevölkerung entspricht in etwa dem Industrialisierungsgrad der Region. In der Tschechei ist die Sensibilisierung für Verschmutzung und Gefährdung relativ groß, da die Industrie flächendeckend arbeitet. In der Slowakei schreitet die Bodenvergiftung unspektakulär und auf leisen Sohlen voran. Der hohe Anteil der Agrarwirtschaft, gekoppelt mit einem eher trägen politischen Bewußtsein der Landbevölkerung, ließ die Umweltproblematik erst in der letzten Zeit aktuell werden. Mülldeponien sollen jetzt allerdings streng nach amerikanischem Modell geregelt werden: Es wird eine Entsorgungsgebühr nach Gewicht und Gefährlichkeit eingehoben, Normverletzungen ziehen zusätzliche hohe Strafen für die Verursacher nach sich.

Umwelt = Nr. 1

Die Bevölkerung ist wach, wacher als in den toxisch vergleichbar bedrohten westeuropäischen Nachbarländern. Die Aufbruchsstimmung geht quer durch alle Einwohnerschichten, das Miteinander überwiegt das Gegeneinander. Und: noch kennen die WissenschaftlerInnen keine Standesdünkel, Wissen ist noch nicht Macht, noch nicht Handhabe des Geistes zur Ausbeutung der manuell Arbeitenden geworden. Doch wie lange noch?

Der sogenannte Westen, inklusive der US-Amerikaner, sitzt bereits in den Startlöchern und versucht, auf Basis einer internationalen Umweltpolitik usurpatorische Interessen im neu zugänglichen Ex-Ostblock zu verwirklichen. Nach dem jahrhundertelangen Raubbau an Flora, Fauna und Ausrottung einheimischer Völker erweist sich der Fruchtgenuß der „Zivilisation“ als gefährlich, eine bedrohliche Lebensmittelvergiftung kann nicht ausgeschlossen werden. In diesem Handlungsnotstand stellt sich die Frage: Warum das Notwendige nicht mit dem Brauchbaren verbinden?

Unter dem Titel „Der ökologische Marshallplan“ liegt derzeit ein Memorandum [2] vor, das ähnlich den amerikanischen Wiederaufbaumitteln nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Nutznießerprinzip beruht. Konnte damals die kommunistische Gefahr für Westeuropa gebannt werden, so soll jetzt das Bollwerk gegen die Sowjetunion, Glasnost hin, Perestroika her, bei günstigem Wind ausgebaut werden. Die Empfängerländer der „Dritten Welt“ und auch der Noch-RGW-Staaten müssen sich unter Sanktionsandrohung einer außerordentlich strengen umwelt-/betriebswirtschaftlichen Konzeptionierung beugen, wollen sie am Investitionsstrom teilhaben. Das planwirtschaftliche System, bislang propagandistisch verteufelt, kann jetzt „bei der Durchführung des ökologischen Marshallplanes durchaus hilfreich sein, da man die Firmen besser unter Kontrolle hat ... Die Geberländer erhalten dadurch einen genauen Überblick. ... Gelder werden erst dann vergeben, wenn man erkannt hat, daß die nationalen Pläne wirklich sinnvoll sind“.

Und welche Instanz kontrolliert die Sinnhaftigkeit der Geberländer, jener Länder, die vor langen, langen Jahren den Apennin abgeholzt und verkarstet haben, die den Regenwald zerstören, die Klimakatastrophen in den eigenen Regionen durch Ausbeutung und Zerstörung anderer Gebiete wettmachen?

[1Uranerzaufbereitungsanlage

[1Uranerzaufbereitungsanlage

[2L. Wicke, J. Hucke: „Der ökologische Marshallplan“

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