FORVM, No. 496-498
Juni
1995

Wie man Masten sprengt und warum man Bomben legt

Die »Kronen Zeitung«, die Bumser, die CIA, die Nationalen und die Freiheit — damals für Südtirol. Eine Sachverhaltsdarstellung von besonderer Seite.

Frühling in Rom. An der Piazza Navona packt ein Portraitmaler seine Staffeleien ein, Touristen schlendern an einem Antiquitätenladen vorbei, um sich an gefälschter Geschichte zu ergötzen. Das schwere Tor zu Nr. 12 öffnet sich langsam, geheimnisvoll, leise. Zwei jüngere Herren treten eilig ein. Vor 24 Stunden waren sie noch in Washington — nun sitzen sie beim Konferenzgespräch mit General Balfieri und Major de Cesari. Die beiden Herren heißen: Eugene O’Connor und Mike Dutle. Sie sind Verbindungsoffiziere zum NATO-Stab West und reisen im Auftrag des Pentagon.

Frühling in Wien. In einem grauen Hotel, in einem grauen Zimmer hockt mit grauer Miene ein stämmiger Mann mittleren Alters. Er starrt vor sich hin. Er ist Südtiroler, sein Name: Luis Amplatz.

Zehn Taximinuten entfernt — der Verkehr war in diesen Jahren noch nicht so dicht wie heute, in der alten Stadt an der Donau, sitzt in einem Gasthaus in der Josefstadt, an einem Zirbelholztisch, umgeben von Wandtäfelungen aus Zirbelholz, auf einem Zirbelholzsessel ein Anderer. Seinen kecken Schnurrbart streicht er nach jedem Schluck Bier — und davon gibt es genug — zur Seite und lacht. Er läßt sich feiern. Immerhin ein Held, immerhin ein heldenhafter Flüchtling, immerhin ein Kämpfer für die Freiheit seiner Heimat — Südtirol. In Wien ist er im Exil. »Aber nimmer lang«, wie er dem jungen Journalisten der Tageszeitung ‚Neues Österreich‘ versichert. Sein Name: Georg Klotz. Er wie Luis Amplatz hatten in den letzten Monaten für Schlagzeilen gesorgt. Bombenterror. Hochspannungsmasten wurden gesprengt, dutzende Südtiroler verhaftet und in den Gefängnissen von Bozen oder Meran »wirklich ganz scheußlich gefoltert, von den Itakern«, wie Klotz dem Journalisten Kuno Knöbl versichert. Eine Runde älterer und jüngerer Bewunderer drängen sich an den Tisch und holen Klotz ab — zu einer Feier.

Bomben gegen italienische Umvolkung und der Mord auf der Alm

Für die österreichische und teils auch für die deutsche Presse war in diesen ersten Jahren seit 1960 klar, daß trotz Gruber-de Gasperi-Abkommen, trotz aller politischen Versuche, trotz etwa der Initiativen eines Dr. Bruno Kreisky in Südtirol der blanke Terror herrsche, daß die zwangs-italienisierten Südtiroler brutal unterdrückt würden, daß eine Einwanderungswelle aus Süd-Italien nach Südtirol auch zu einer ethnischen Verfremdung des deutschen/österreichischen Südtirol führen müsse.

Gegen die italienische Staatsmacht hatten die Südtiroler sich zu wehren begonnen. Erste Anschläge, Kundgebungen — und schon bald hat sich die »nationale« Szene der Causa (auch) angenommen. Namen wie Norbert Burger tauchten auf, Gerhard Frey, der Herausgeber der Deutschen ‚National- und Soldatenzeitung‘, an den Universitäten in Wien, Graz, Innsbruck wurden Flugblätter gedruckt, in denen man »Freiheit für Südtirol« forderte und die man auf geheimen Wegen über die Grenze ins »Feindesland« schmuggelte. Heldenhaft. Daß dies nicht nur Flugblätter sein könnten, daran dachte man in der Öffentlichkeit kaum. Nur wenige Journalisten wagten sich an das heiße Thema — immerhin ging es um »nationale Identität« für Italiener, für Deutsche und vor allem für Österreicher. Neben wenigen anderen begannen sich zwei Jung-Redakteure zu fragen, was denn der wirkliche Hintergrund abseits simpler nationaler Parolen für diese Art von Terror sei. Es handelte sich um Peter Neuhauser und Kuno Knöbl. Sie fingen an, den Hintergrund der Spendenaktionen zu untersuchen, mit den Anwälten der Gefangenen zu sprechen und nach den Geldgebern für die oft recht konzertierten Aktionen zu fragen.

Peter Neuhauser und Kuno Knöbl hatten ihre journalistische Karriere während des Studiums 1960 bei der ‚Kronen Zeitung‘ begonnen. Nun war der Innsbrucker Neuhauser Redakteur beim deutschen Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ der Grazer Kuno Knöbl Redakteur beim ‚Neuen Österreich‘. Sie waren eng befreundet und begannen gemeinsam zu recherchieren.

Die Eindeutigkeit mancher Verbindungswege der Südtiroler »Freiheitskämpfer« zu österreichischen wie westdeutschen »nationalen Kreisen« schien ihnen zu eigentümlich, wie die Tatsache, daß aus »nationalen Kassen« Millionenbeträge für Südtirol gespendet worden waren und gespendet wurden. In einigen Artikeln stellten sie den »Patriotismus« der Südtiroler »Bumser« in Frage und wiesen auf die Bezüglichkeiten der Szene zu nationalen Gruppen in Österreich und Westdeutschland hin. Sie prägten das Wort »Neu-national«.

Nach langen Gesprächen, die kaum eindeutige Erklärungen ergaben, nur von »dunklen Mächten« erzählten, von »das kann ich nicht sagen, das darf ich nicht«, überreichte Luis Amplatz in seinem Hotelzimmer in Simmering Kuno Knöbl ein Papier. Handbeschrieben, sechs Seiten. »Gib des dem Kreisky, es is mei Testament. I muaß gehn!« brummte er, auf seinem Bett kauernd, ohne aufzusehen.

Knöbl kopierte das Testament des Luis Amplatz und übergab Bruno Kreisky das Original bei einem Gespräch in der Ebendorferstraße, hinter der Uni Wien.

Zwei Tage später titeln die Tageszeitungen: »Klotz und Amplatz aus Wien verschwunden.« Wieder zwei Tage später kam die Nachricht von einem »Gefecht« in einer Almhütte an der Grenze Italien/Österreich, bei dem Luis Amplatz erschossen worden sei, Klotz und noch zwei andere, Unbekannte, fliehen konnten, die Carabinieri den Exilterroristen eine Falle gestellt hätten. Die Zeitungen sprachen von »Verrat« und »Hinterhalt«.

In der selben Nacht fuhr Knöbl los. Sein Ziel: die Almhütte, die Falle, der Hinterhalt. Nach 10 Stunden Fahrt erreichte er den Tatort. Eine Waldlichtung, eine niedrige Holzhütte, Stroh, niedergetrampeltes Heu — Stille. Kein Carabinieri, kein Mensch, der den Tatort, nur 24 Stunden nach dem Mord, bewacht hätte. An den Holzwänden waren Einschüsse festzustellen. Schüsse, die im Innern der Hütte abgegeben worden waren — keine Einschüsse an der Außenwand. Die gleichen Beobachtungen machte Peter Neuhauser, der für den ‚Spiegel‘ einige Tage später die Hütte aufsuchte.

Nach dem Abstieg wurde Knöbl von einer Carabinieri-Patrouille im Pustertal festgenommen und eine Nacht verhört. Auf die Fragen, was er denn von »geplanten« Aktivitäten (diese sollten sich im Besonderen auf Hochspannungsmasten bezogen haben) der Herren Klotz und Amplatz wisse, erklärte Knöbl, daß er darüber nicht informiert sei, daß aber Amplatz ihm in Wien über einen möglichen Verrat, seinen möglichen Tod, erzählt und ihm dabei ein Testament übergeben habe. Einem Carabinieri-General berichtete er dann, daß das Original des Testamentes von ihm an Dr. Kreisky übergeben worden sei. Nach 24 Stunden war Knöbl frei.

Schlagzeilen im ‚Neuen Österreich‘, Abdruck des Testaments. Bei Peter Neuhauser und Kuno Knöbl meldete sich ein Reporter der deutschen ‚Neuen Revue‘ und bot ihnen für Informationen ein Interview mit einem gewissen Christian Kerbler, der angeblich mit in der Almhütte gewesen wäre und »die Wahrheit« wisse, an. Der deutsche Journalist war erstaunlich informiert. Grund: er hatte ein Verhältnis mit der Frau des NDP-Chefs Norbert Burger. Papiere und Informationen wurden ausgetauscht.

Neuhauser und Knöbl trafen Burgers Frau in einer Konditorei in der Wollzeile in Wien. Eine verbitterte Frau. Sie beklagte die Brutalität und Dummheit Norbert Burgers, bestätigte, daß Klotz zumindest am Tod des Luis Amplatz »mitschuldig« wäre, daß von einer Carabinieri-Falle keine Rede sein könne und daß »Geheimdienste, von denen wir gar nichts ahnten« in Wirklichkeit die Fäden zögen.

Im ‚Neuen Österreich‘ wie im ‚Spiegel‘ wurden Klotz und Kerbler zumindest der Mittäterschaft beim Mord an Luis Amplatz beschuldigt. In einem Gespräch versicherte Christian Kerbler in Kufstein, daß »eine Gruppe« Hochspannungsmasten zu sprengen hätte, zur Destabilisierung der Regierung in Rom. Klotz war in Innsbruck untergetaucht und zu keinem weiteren Gespräch bereit.

Bei einem Prozeß in München gegen Christian Kerbler sagten Neuhauser und Knöbl aus — ebenso wie der Herausgeber der ‚Deutschen National- und Soldatenzeitung‘, Gerhard Frey. Frey erklärte Neuhauser und Knöbl, sie seien »ahnungslos«, aber es wäre schon gut, wenn möglichst viel geschrieben würde.

Die Frau von Norbert Burger gab Neuhauser und Knöbl eine Skizze Kerblers über den Tathergang in der Almhütte.

Nato Unser

Jahre später übergab Peter Neuhauser, inzwischen Mitherausgeber des von Ulrike Meinhof und Rainer Röhl gegründeten Wochenblattes ‚Konkret‘ Knöbl eine Gesprächsnotiz.

Es war 1966. Knöbl hatte gerade ein amerika-kritisches Buch über den Vietnamkrieg im Verlag Molden publiziert und die Ehre, mit Henry Kissinger auf der Frankfurter Buchmesse über Recht und Freiheit zu diskutieren, wobei Kissinger den linken Terror als Gefahr für die ganze Welt anprangerte. Den Hinweis, daß vielleicht von rechtem Terror zu sprechen sei, wenn man ankündige, ein ganzes Land »in die Steinzeit zurück bomben« zu wollen, quittierte der spätere Friedensnobelpreisträger Kissinger mit einem Achselzucken.

Danach übergab Peter Neuhauser die Notiz. Sie beschrieb ein Treffen in Rom, Piazza Navona 12, war unterzeichnet von A. H. Balfieri und E. O’Connor. Der Inhalt: Sicherung der Brenner-Nato-Grenze, die Errichtung von Raketenbasen im Grenzraum, die nachrichtendienstliche Kontrolle im »Schatten« auch anderer erzeugter Geschehen wurde betont.

Später: Peter Neuhauser sollte Chefredakteur des ‚Stern‘ werden, Kuno Knöbl war Chefredakteur beim ORF, als beide überlegten, noch einmal die Wirklichkeit hinter der heimattreuen Wahrheit der Südtiroler Bombenanschläge zu recherchieren. Ein gemeinsamer Freund, Claus Gatterer, riet davon ab, weil es »keinen Sinn mehr mache«.

Ende 80 fielen die Schlagworte »Gladio« oder »P2« auch öffentlich. Die Tatsache, daß die NATO-Grenzen besonders geschützt werden müßten, daß es NATO-Verteidigungsanlagen gab, auch an den Grenzen Österreichs, waren längst alte Hüte. Der heiße kalte Krieg war cool geworden, die Mauer war gefallen — und viele (Berufs-) Feinde arbeitslos, von Stasi bis CIA, von BND bis M’. Auch daß »Gladio« (z. B. ) via Washington finanziert wurde, oder die Aktenlage bei Ambrosio - es war, wie Claus Gatterer sagte, ohnehin alles klar und vorbei.

24 Jahre Sprengung des Elektromastes in Girlan, 12. Juni 19961
Foto: E. Casagrande. Wir gratulieren!

Der verrückte Traum von Wahrheit Dollar und do laar

Seine Rechnung im Simmeringer Hotel hatte der Südtiroler Luis Amplatz in Dollar bezahlt. »Weil des ischt leichter und der Lira is nix wert!« Wer oder womit Klotz seine Rechnungen bezahlt hat, in der Josefstadt, ist unbekannt. Beide sind längst tot.

Die Tatsache, daß manche Südtiroler Bombenleger (die naiven, »gutgläubigen« seien hier ausdrücklich ausgenommen!) aus nationalen Kreisen gecasht wurden, aus Deutschland, aus Österreich, aus Italien (!) etc., ist vielfach abgehandelt. Die Erinnerung an die Südtiroler Feuernächte ist verblaßt. O’Connor und Dutle sind verschwunden — vielleicht züchten sie Rinder auf einer Farm in Oklahoma, wer weiß. Balfieri ist Pensionist, de Cesari ebenso. Burger, seine Frau Grete: tot wie Wolfgang Willmann, der Journalist der ‚Neuen Revue‘, wie Peter Neuhauser. Knöbl leidet unter den Spätfolgen des US Giftgases agent orange, das zur Entlaubung des Dschungels eingesetzt worden war. Frey lebt.

Die Grenze ist offen, und hätte sich der Waffenhandel nicht ins ehemalige Jugoslawien verschoben — wer weiß, ob es die NATO noch gäbe?

Seit dem Fall der Mauer, dem Sieg der Freiheit, ist die Welt anders geworden — glaubt man.

Tja — nur: seither gibts mehr Kriege als zuvor, mehr geschlachtete, zerfetzte, verbrannte Menschen als zuvor — mehr »Masten«, die gesprengt worden sind, mehr Synagogen, die wieder brennen, zum Jahrestag der sogenannten Befreiung.

Im Detail mögen das manchmal Ver-Rückte verursachen, aber im Detail stellt sich auch Anderes dar; zum Beispiel (jenseits von Sippenhaftung!): die Tochter des Freiheitskämpfers Klotz, Eva, sitzt im römischen Senat, im europäischen Parlament — und »denkt« national. Die Kinder des Terroristen Luis Amplatz haben kaum etwas zu fressen.

Warum wohl? Ganz einfach

Um den guten Bertold Brecht zu mißbrauchen: »Die Kleinen stehn im Lichte, die Großen sieht man nicht.« Warum das? Weil sie im Schatten stehen, im Schatten ziehen, ihre Fäden, und sei es nur zur eigenen Akkumulation. Das ist die »ordentliche Beschäftigungspolitik«, der Wille zur Macht — die auf der Ohnmacht, der erzeugten, von 3/4 ruht.

Es geht nicht um »Verschwörungstheorien« — oh nein, das ist seit langem out. Es geht um Verdunkelungsgefahr. Und um dieser zu begegnen, sei jede Frage gestattet, für jede Öffentlichkeit, für jedes Medium (auch für ‚TATblatt‘ und FORVM), denn: zu suchen, zu fragen, die Hintergründe aufzuklären, zu erhellen, so ganz Schmähohne, ist Aufgabe jedes Republikaners, jedes Demokraten. Immer. Überall.

Der adelige, russische, polnische, englische Schriftsteller mit deutschem Namen Joseph Conrad hat dies verlangt — lang ist’s her, aber dennoch gültig ... usque ad finem ...

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