FORVM, No. 333/334
September
1981

Wien verlieren?

I.

Ich möchte über eine Frage sprechen, die wir alle in unserem Hinterkopf sitzen haben, aber vielleicht nicht klar auf die Zunge kriegen: Was wird aus dem Sozialismus in den großen Städten?

Verloren ging München, verloren ging Frankfurt, verloren ging Berlin; verloren ging Graz, verloren ging Klagenfurt.

Wien ist in unseren Händen, mit einem dicken Polster an Stimmen und mit dem vorhandenen ernsten Willen, aus Fehlern zu lernen.

II.

Es wird immer behauptet: Bei uns ist ja alles anders. Aber die Serie sozialistischer Niederlagen in großen Städten hat, außer mehreren sehr verschiedenen Ursachen, auch eine sehr einheitliche Ursache:

Historisch beruht die sozialistische Mehrheit in großen Städten auf einer Allianz von Arbeiterklasse und städtischer Intelligenz, d.h. Kopfarbeitern. (In Wien war dies insbesondere auch die jüdische Intelligenz.)

Die einheitliche Ursache der sozialistischen Niederlagen in Großstädten ist das Zerbröseln und Zerbröckeln dieser Allianz von Arbeiterklasse und Intelligenz.

Die einheitliche Ursache ist die Dezimierung und Apathisierung der traditionellen Arbeiterklasse durch den großindustriellen Kapitalismus.

Die einheitliche Ursache ist das Wegschwimmen der Kopfarbeiter, weg von sozialdemokratischer Großtechnokratie und Großbürokratie, hin zu neuen, außerparteilichen Formen von Sozialismus, letztlich nach dem Motto: Das schönste Rot ist grün.

Das begann mit der 68er-Bewegung und hält jetzt dort, wo in Berlin die „Alternative Liste“ fast acht Prozent der Stimmen kriegte. [*]

Das war ein tödlicher Schlag für unsere Berliner Genossen.

Ich sehe ernste Bestrebungen in der Wiener Partei, sowohl rot wie grün zu sein. Daher wird es wohl in Wien keine Berliner Entwicklung geben.

Die Warnschrift steht dennoch an der Wand. Das ist nützlich.

III.

Meine Frage ist nicht primär: Wie gewinnen wir Wahlen? Sondern: Wie bleiben wir Sozialisten? Vielleicht auch: Wie werden wir wieder Sozialisten?

Können wir in den Spiegel schauen, ohne schamrot zu werden, weil wir nicht mehr rot sind?

Die Frage ist: Wovon haben wir genug? Und was fehlt uns am meisten?

Meine Antwort ist: Leistungen haben wir genug aufzuweisen. Und dementsprechend haben wir genug Selbstbewußtsein oder Selbstgerechtigkeit. Und dementsprechend haben wir auch genug Phantasielosigkeit und genug Konservativität.

Was uns am meisten fehlt, ist vielleicht immer noch Mut, Mut zu neuen Wegen, Mut zur Rückkehr zu einem Sozialismus, der sich auf seine eigenen Werte bezieht.

In den Maitagen des Jahres 1968 haben in sozialistisch verwalteten Städten junge sozialistische Kopfarbeiter an die Wände geschrieben:

Die Phantasie an die Macht!

Alles was Ordnungssozialisten daran aufgefallen ist, war: die Wände wurden beschmutzt.

Vielleicht ist das zu wenig.

Stellen wir die Frage: Wo ist unsere Phantasie geblieben, unsere sozialistische Phantasie?

Wir nehmen unsere Maßstäbe vom Kapitalismus! Sie sind ausgeborgt, importiert.

Wenn wir ein Krankenhaus bauen wollen, schauen wir: Wo hat der Kapitalismus das größte, modernste Krankenhaus gebaut. Dann sagen wir: Wir bauen ein noch moderneres, noch größeres.

„Amerika einholen und überholen.“

Wir schicken unsere Leute auf Studienreisen nach Amerika und Japan: Wie macht es der Kapitalismus? Wir fragen die Ärzte und Primarii: Was sind die modernsten, teuersten Apparaturen?

Wir vergessen darüber die Frage, die sozialistische Frage: Kann ein Mensch gesund werden in einer riesigen, durchtechnisierten, durchbürokratisierten, insofern unmenschlichen Maschinerie?

Ich will’s poetisch-ironisch sagen:

Zu verhaften
Sind nicht die ehrlich rafften.
Der Turmbau schon
Ist die Korruption.

Überall, wo Menschen Menschen betreuen, ist Sozialismus oder doch der Ansatz dazu. Und überall, wo Menschen sind, schaffen wir sie ab.

Die Krankenschwester wird ersetzt durch den sozialistischen Spitalscomputer. Der Straßenbahnschaffner wird ersetzt durch den sozialistischen Verkehrscomputer.

Und in sozialistischen Erfolgsberichten steht dann, wie viele Menschen wir ersetzt haben durch modernste Maschinen.

Sozialismus ist die Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln, die genau dieselben sind.

Eine solche Definition kann und darf nicht richtig sein.

IV.

Der alte Fritzl Engels, tief im fortschritts- und wissenschaftsgläubigen 19. Jahrhundert, hat gemeint:

Sozialismus ist der Weg von der Utopie zur Wissenschaft.

Wir müssen Engels vom Kopf auf die Füße stellen: Sozialismus ist der Weg von Wissenschaft, die keine ist, zur konkreten Utopie, zur Phantasie, zum Gefühl, zur Sinnlichkeit — nämlich zu der watscheneinfachen Frage:

Wie lebt der Mensch gut und glücklich?

Was ist menschliches Leben mit Sinn und Wert?

Der ehrwürdige alte Anarchist Gustav Landauer, der nach der Münchener Räterepublik von den faschistischen Freikorps bestialisch ermordet wurde, sagte:

Sozialismus ist der Wiederanschluß des Menschen an die Natur.

Der Mensch als ein räuberisches Wesen, das mit sehr viel Energie sehr viel Unfug stiftet, den ganzen Planeten zubetoniert —

Das ist keine sozialistische Zielvorstellung.

V.

Wir müssen uns getrauen, die Frage zu stellen:

Welche Arbeiterklasse hat den höheren Lebensstandard: Jene Arbeiterklasse, die wir in seelenlose Betontürme verpackt haben, in streng regulierte, mit ausländischen Ziersträuchern bepflanzte Freizeitanlagen, in gekachelte Badezimmer und Wohnzimmer auf Kredit aus altdeutscher Eiche, wo sie vor dem Narrenkastel sitzt, Bachers Nürnberger Trichter ins Hirn getrieben?

Oder hatte jene Arbeiterklasse den höheren Lebensstandard, die gekämpft und gelitten hat, gedacht und gefühlt im grandiosen eigenen Lebensbereich einer sozialistischen Kultur — jene Arbeiterklasse, die wir wie eine ausgestorbene und ausgestopfte Tierart im Museum bewundern, nämlich in jener vielgerühmten Nostalgieausstellung über die Arbeiterklasse der Ersten Republik, in der Meidlinger Remise. [**]

Wo war oder ist der höhere Lebensstandard?

Was ist Lebensstandard, was ist Wohlstand?

Der glitzernde Konsumplunderberg?

Die Vergiftung, Erstickung, Verlärmung unserer Städte und unserer Landschaft?

Das Zitieren von noch so stolzen Erfolgsziffern verhilft uns zu nicht viel mehr als falscher Selbstgerechtigkeit, statt zum Blick in die Zukunft.

Der BNP-Sozialismus ist keiner.

Sozialismus ist nicht die Frage nach der Höhe des Warenbergs, sondern nach dem Glück der Menschen.

Wenn wir diese Frage mit aller Dringlichkeit stellen, dann können und werden wir gewinnen.

Rede vor der Konferenz der SPÖ Wien, 13. Juni 1981

[*Anfang Juni wurde auch in Wien eine Alternative Liste gegründet. Anm. d. Red.

[**In der Koppreiterstraße, geöffnet bis Ende Oktober

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