ZOOM 4+5/1997
Juni
1997

Zivildienst im Heim für schwererziehbare Kinder

Erfahrungen im Zivildienst
Cartoon: Nils Jürgenssen

Für mich war von Beginn an klar, daß ich nicht zum Bundesheer gehen will und werde. Ich stellte einen Zivildienstantrag und bemühte mich darum, meinen Dienst im Landesjugendheim Hinterbrühl in Niederösterreich antreten zu können. Besonders wegen der schönen Erfahrungen, die ich bei der Betreuung der Kinder machen konnte, will ich diese Zivildienststelle jedem empfehlen.

Organisation und Tätigkeit

Im Landesjugendheim Hinterbrühl gibt es mehrere Abteilungen mit insgesamt ca. 200 Kindern mit unterschiedlichen sozialen, körperlichen oder geistigen Behinderungen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren. Rund 100 ErzieherInnen und damals zwei Zivildiener betreuten die Kinder. Die Gruppen hatten eine Größe von acht bis zehn Kindern. Zwei ErzieherInnen standen im „Radldienst“ zur Verfügung. Tagsüber war je Gruppe auch eine Hilfskraft eingesetzt.

Meine Vorgesetzte hatte ihr Büro im Verwaltungstrakt, dadurch hatte ich wenig Kontakt zu ihr. Meine Aufgabe war neben Tätigkeiten in der Gruppe, wie mit den Kindern zu lernen, zu kochen oder auch zu putzen, hauptsächlich die Freizeitbeschäftigung der Kinder. Ich leitete Fußball- und Tischtennisgruppen, versuchte einigen Schwimmen beizubringen und zeigte den mir anvertrauten Kindern die Arbeit mit Ton.

Cartoon: Nils Jürgenssen

Da ist die Gruppe, das sind die Kinder, das sind die Erzieher, zu Mittag gibt’s Essen.

Und dann stand ich mitten in der Gruppe, umgeben von lauter kleinen, lieben Bestien.

Kaum da, schon wieder weg. In den ersten Monaten war ich Springer, „um die Kinder für das Freizeitprogramm besser kennenzulernen“, und fand mich nacheinander in allen Gruppen der sogenannten „Förderabteilung“ wieder. Dann wechselte ich auch noch meine Stammgruppe und landete letztendlich auf der „14er“ (wohl ein echter Glückstreffer!).

Ohne Vorwissen oder Erfahrung ist es allerdings unheimlich schwer, sofort auf die Kinder zuzugehen, und ich hatte oft das Gefühl, alles falsch zu machen. Mit der Zeit konnte ich viel dazulernen. So schaffte ich es, obwohl ich mich oft zum Clown machte, dennoch nicht „massakriert“ zu werden, und die Zuneigung beruhte, wie ich glaube, bald auf Gegenseitigkeit.

Problematik zentraler Heime

Mich stört das System. Die Kinder sind isoliert, leben in einer Art Ghetto. Viele Erzieher sind zu den Kindern zu hart. Dieses System ermöglicht brutales Umgehen mit den Kindern und schafft ein Bestrafungssystem. Heime haben für mich keine Zukunft, die Kinder haben kein wirkliches Zuhause. Wohngruppen wären besser, weil die Kinder selbständiger werden.

Der Konflikt zwischen der Beziehung zum Personal und der Beziehung zu den Kindern, die Heimstruktur und die Behandlung der Kinder waren problematisch.

Teilweise war die Arbeit ziemlich deprimierend. Leerläufe wechselten mit starkem psychischen Druck ab. Die Freizeitbeschäftigungen waren teilweise frustrierend, und ich wünschte mir oft, mehr Zeit für meine Gruppe zu haben.

Cartoon: Nils Jürgenssen

Der Grundlehrgang war unnötig, aber lustig. Gut war, daß sich die Zivildiener schnell kennengelernt und gemeinsam etwas unternommen haben.

Wir waren in Horn. Die Vortragenden hatten eher Privates (wie bediene ich ein Handy) als Inhaltliches zu bieten. Der dicke Ordner, den jeder Zivi erhält, ist zwar interessant, hätte seinen Zweck jedoch nur dann erfüllt, hätte ich diesen vor Dienstbeginn erhalten.

Der Erste-Hilfe-Kurs war nicht neu, aber wichtig zur Wissensauffrischung. Der Katastrophenschutz und der Besuch bei der Feuerwehr in Krems waren eher schlimm: Bunkerattrappe, Knoten machen, Stege bauen, in die Luft schauen, ...

Sinnvolle Arbeit, tolle Erfahrung

Mit viel Improvisation waren die Kinder sehr leicht zu motivieren. Zu den Kindern entstand eine starke Bindung. Ich habe mir vorher nicht gedacht, daß der Kontakt mit den Menschen so toll sein kann. Ich habe mir aber auch die psychische Belastung geringer vorgestellt.

Von den ErzieherInnen wurde ich sehr gut aufgenommen. Ich war akzeptiert, der Kontakt war bald kollegial. Als Zivildiener ist man dort gut aufgehoben. Meine Einstellung zum Zivildienst hat sich nicht geändert. Ich werde einen Sozialberuf erlernen, auch wenn ich nicht mehr in einem Heim arbeiten möchte. Ich habe viel von und mit den Kindern gelernt. Und es hat Spaß gemacht.

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