MOZ, Nummer 56
Oktober
1990
Destabilisierung in Südafrika:

Zulus gegen Xhosas

Unterdrückte gegen Unterdrückte. Schwarze gegen Schwarze. In Südafrika gibt es keinen Frieden. Die weißen Rassisten wollen sich unentbehrlich machen, mit allen Mitteln.

Unruhen in Kagiso Township
Fotos: Contrast

Pietermaritzburg, das Universitätsstädtchen im Hinterland von Durban, ist noch deutlich von britischer Kolonialzeit geprägt: englischsprachige, liberale Weiße, koloniale Architektur, rechtwinklige Straßen. Ringsum aber leben oder hausen Zulus in Hütten, Häuschen und wellblechgedeckten Townships, allein 100.000 in den Hügeln des Großraums Edendale, die meisten zwangsumgesiedelt. In der Pietermaritzburger Bergstraße (Pieter Maritz war einer der burischen Vortrekker-Führer Anfang letzten Jahrhunderts, ehe die Briten Natal annektierten) gründete Anfang der achtziger Jahre eine Handvoll Weiße die „Pietermaritzburger Vereinigung betroffener Christen in Südafrika“ (PACSA) mit dem Ziel, das schwarze Massenelend in ihrer Nachbarschaft wenigstens persönlich zu lindern. Pieter Kerkhof, Chemiker, gab seinen Karrierejob auf und vermittelt seither mit seiner Frau und vielen anderen jede Art von Hilfe.

Pieter fährt mich in Groß-Edendale hügelaufwärts, über Teerstraßen, Staubstraßen, Graswege — in Seitentälern werden immer neue Townships sichtbar. Zwischen winzigen Maisfeldern kommen wir zu einem ausgebrannten Häuschen. Vier Kinder davor, die Eltern mittellos, ohne Decken in kalten Juninächten, untergekrochen bei Nachbarn, froh, noch zu leben. Beide Eheleute sind in dem die Apartheid bekämpfenden Kongreß Südafrikanischer Gewerkschaften (COSATU) aktiv. Mitglieder der Inkatha-Organisation des Zulu-Chefministers Buthelezi brannten deshalb ihr Haus nieder — eines von vielen.

Tags darauf treffe ich die Mutter mit den Kindern im PACSA-Büro wieder. Monika Wittenberg, die Frau eines deutschstämmigen Theologiedozenten der Universität, gibt ihnen Decken und Lebensmittel (ihr 22jähriger Sohn Martin wurde kurz darauf wegen Mitarbeit bei der apartheidfeindlichen United Democratic Front inhaftiert). Zwei 15jährige schwarze Burschen nähern sich ängstlich, berichten, sie seien von gleichaltrigen Schwarzen an einer Bushaltestelle bedroht worden und geflohen. Pieter fährt sie nach Hause in die Townships. Vor Tagen, erzählt er, wurde eine Gruppe Jugendlicher außerhalb der Stadt von Inkatha-Leuten aus dem Hinterhalt überfallen. Fazit: acht Tote.

Niedergebrannte Hütten und Häuser, Verletzte und Tote und kein Ende. — das war schon vor drei Jahren. Bereits damals zählte man Hunderte von Toten, heute offiziell (!) mehr als 4.000, dazu Verletzte, Flüchtlinge, abgebrannte Häuser usw. — immer Zulus gegen Zulus. Inzwischen kümmern sich südafrikanische Polizisten und Soldaten in Natal, darunter Teile des durch seine Einsätze in Angola berüchtigten Söldner-Bataillons 331, um die „Ruhe und Ordnung“ — der Herrschenden.

Seit August 1990 sind die großen Townships am Witwatersrand (dem Industriegebiet um Johannesburg-Pretoria) in diesen Bürgerkrieg einbezogen, sterben dort tätlich Menschen, bis Anfang September ca. 550. Doch dieses Mal kämpfen „Zulus gegen Xhosas“ bzw. „Inkatha gegen ANC“, berichten die Agenturen. Ein politischer Streit also mit ethnischem Hintergrund. Genau das aber ist die Apartheidideologie: Die Schwarzen können nicht miteinander, bringen sich gegenseitig um und brauchen die weiße Ordnungsmacht.

Die Zulu-Arbeiter gehören, Buthelezis Inkatha-Partei an, heißt es, die Xhosas dem von Mandela repräsentierten Afrikanischen Nationalkongreß (ANC). Filmberichte zeigen aggressive, ihre Schlagwaffen reckende Schwarze und Tränengas schießende weiße Polizisten wie 1976, als die Jugendlichen von Soweto sich gegen das Regime auflehnten — doch nun kämpfen Unterdrückte gegen Unterdrückte. Wer hat das fertiggebracht?

Blutige Geschichte

Die Zulus gelten als kriegerisch. Ihr einstiger König Shaka und seine Impis (Kriegsabteilungen) unterwarfen oder verjagten vor rund 170 Jahren die Nachbarstämme und gründeten ein weit über das spätere Natal hinausreichende Reich. Aber Zwietracht, Verrat und burische Vortrekker zerstörten es schon nach wenigen Jahren. 1838 schlug eine Burengruppe am Bloodriver (Blutfluß) Tausende von Zulu-Kriegern vernichtend — noch heute feiern die Buren diesen 16. Dezember als nationalen Gedenktag.

Auch Xhosas können kämpfen. Als britische und deutsche Farmer und Söldner vor zweihundert Jahren vom Kap her vordrangen und am Fluß Kei, östlich der heutigen Hafenstadt East London, auf nomadisierende Xhosa-Stämme stießen, nahmen sie ihnen sehr bald Vieh und Weidegründe weg. Die Xhosas wehrten sich verzweifelt in neun erbitterten Kriegen (1779 bis 1878), doch die Waffentechnik der Europäer, ihre Habgier und Brutalität siegten. Zehntausende Xhosas verhungerten oder wurden niedergemetzelt, die übrigen versklavt.

Dennoch machten Ende des vorigen Jahrhunderts schwarze Farmer, Handwerker und Geschäftsleute den Weißen allmählich Konkurrenz. Deren Verbände und Parteien unterbanden diese Entwicklung, Buren und Briten gründeten (1910) ihre Südafrikanische Union und schlossen die Schwarzen vom nationalen Wahlrecht aus — bis heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg errangen die Buren die parlamentarische Mehrheit und pferchten die Schwarzen in nach Sprachgruppen getrennte „Homelands“, die Xhosas in die Transkei und Ciskei, durch einen „weißen“ Sicherheitsstreifen getrennt. Sie wurden vor Jahren zu „Republiken“ erklärt. Heute leben dort fast sieben Millionen Xhosas — von denen Hunderttausende, meist Männer, als Kontraktarbeiter im „weißen Gebiet“ arbeiten.

Die Zulus wurden gleich hundertfach getrennt und, weil zur Arbeit gebraucht, zwischen den weißen Farmen und Ortschaften Natals ghettoisiert. Diesem noch heute aus mehr als 40 Territorien bestehendem Homeland KwaZulu werden ebenfalls ca. sieben Millionen zugerechnet. Auch von ihnen arbeiten Hunderttausende als Femdarbeiter im „weissen“, 87 Prozent Südafrikas umfassenden Gebiet.

Westlich von Durban, wo Teile von KwaZulu und Transkei aneinandergrenzen, kam es zwischen den seit Generationen friedlich zusammenlebenden Zulus und Xhosas Mitte der 80er Jahre zum blutigen Streit um Wohnplätze, Wasserrechte und Arbeitsmöglichkeiten im nahen Durban, mit Hunderten von Toten — Folgen der Apartheid.

ANC und Inkatha

Rohlilahla („leite und führe uns“) Nelson Mandela stammt aus der Transkei, wo er als Knabe den Berichten der Alten über die verlorene Freiheit lauschte. Nach seinem Jura-Studium gründete er mit Oliver Tambo (später im Exil zum ANC-Präsidenten gewählt) 1944 in Johannesburg das erste schwarze Anwaltsbüro und organisierte Anfang der 50er Jahre den landesweiten gewaltfreien ANC-Widerstand. Als der ANC 1960 verboten wurde, baute er im Untergrund die ANC-Armee Umkhonto we Sizwe („Speer der Nation“) auf, wurde wegen Sabotageaktionen 27 Jahre eingekerkert und 71jährig Anfang dieses Jahres entlassen. Sein großer Vorgänger war der Zulu-Chef Albert Luthuli, ANC-Präsident von 1952 bis zu seinem mysteriösen Tot 1967, mit dem Friedensnobelpreis von 1961 ausgezeichnet. Zum ANC gehören Mitglieder aller Bevölkerungsgruppen, auch Weiße.

Auch Mangosutha Gatsha Buthelezi (62) war während seiner Studienzeit ANC-Mitglied, mied aber Aktivitäten, strebte nach Führungspositionen in dem vom System geschaffenen Homeland KwaZulu und wurde 1970 dessen Chefminister. Er belebte die traditionell kulturelle Zulu-Bewegung Inkatha, straffte sie zu seiner persönlichen Hausmacht mit heute ca. 1,7 Millionen Mitgliedern. Ob Schüler oder Lehrer, Kleinfarmer oder Ladeninhaber, Arbeiter, Polizist oder Pfarrer, an Inkatha kann keiner vorbei, auch keine Frau. Für alle Schwarzen offen, blieb Inkatha auf die Zulus beschränkt und bestimmt — seit Juli als politische Partei — über berufliches Fortkommen, Behörden und Polizei (mit von den Israelis trainierten Kommandos). Schon 1976, als Sowetos Jugend gegen das Apartheidsystem protestierte und ihr Aufstand das ganze Land erfaßte, ließ Buthelezi Hunderte von demonstrierenden Studenten der Zulu-Universität Ngoya zusammenschlagen, zwang die Schüler und Arbeiter der großen Townships um Durban zum Stillhalten — eine mit Pretorias Hilfe bis heute angewendete Taktik.

Die Macht der Zulus und die Interessen in — und ausländischer Unternehmer und Politiker, die er brillant zu nutzen verstand — von Reagan bis Kohl —, sollten ihm helfen, Südafrikas erster schwarzer Minister — bzw. Staatspräsident zu werden.

Darauf zielte auch sein Anfang der 80er Jahre mit Natals Weißen begonnenes großes Indaba (Gespräch): die weiße Provinz Natal mit dem schwarzen Homeland KwaZulu zu einer von ihm regiegten Modellregion zu vereinigen. Pretoria verweigerte dies.

Den militärischen Kampf des ANC und Auslandssanktionen verwarf er und betonte, besonders im Ausland, seine Politik sei gewaltfrei und christlich. Je erfolgreicher aber der ANC wurde, von Massenorganisationen wie COSATU, UDF und anderen unterstützt, je mehr Zulus sich anschlossen (nach einer Meinungsumfrage vom Juli 1990 unterstützen zwei Prozent aller südafrikanischen Schwarzen Inkatha, 84 Prozent den ANC), desto härter wurde sein Vorgehen.

Die in Natal begonnenen, jetzt im Industriegebiet fortgesetzten Gewaltakte, angeblich Partei — und Stammeskämpfe, sind Teil eines Bürgerkrieges, der unter Einbeziehung von Stellvertretern geführt wird. Buthelezi weiß das. Er weiß, daß er mit dem ins Industriegebiet getragenen Morden die weißen Rechtsextremisten in Polizei, Militär und vielen anderen Organisationen hochschaukelt. Das nimmt er in Kauf. Er konspiriert vermutlich auch mit Südafrikas Polizeiminister Adriaan de Vlok, von dem Mandela sagt, solange er im Amt sei, gebe es in Natal keinen Frieden.

Schwarz gegen Schwarz in der Nähe von Johannesburg

Weiße Drahtzieher

„Wir haben de Klerk gewarnt, daß Inkatha versuchen würde, den Krieg von Natal nach Witwatersrand zu tragen, und ihn aufgefordert, dringend einzugreifen, um das ganze Pretoria-Witwatersrand-Vaal-Gebiet vor der Explosion zu bewahren — doch nichts geschah ... Es ist kein Zufall, daß der ernsteste Gewaltausbruch stattfand, seit das Protokoll der Pretoria-Gespräche (zwischen ANC und Regierung; d.V.) letzte Woche unterzeichnet wurde. Es gibt deutlich mächtige Elemente im Staat, die demonstrieren wollen, daß, während der ANC einen Waffenstillstand erklärt haben mag, Apartheidelemente noch immer fähig sind, gegen das Volk Krieg zu führen“, erklärte die Gewerkschaft COSATU Mitte August 1990.

„Es gibt zunehmende Beweise, daß die Gewalt, die Osttransvaal überschwemmt hat und sich in Soweto ausbreitet, das Ergebnis einer gut konzertierten Kampagne ist ... Da es klar ist, daß Inkatha die Infrastruktur, eine solche Kampagne im Reef (Johannesburg-Pretoria; d. V.) zu koordinieren, nicht besitzt, muß die Frage: gestellt werden: Wer steckt dahinter?“ steht im ANC-„Newsletter“ zu lesen.

Die Inkatha-Gruppen wären tatsächlich ohne das Wegsehen von Polizei und Militär und ohne weitere Hilfen nicht in der Lage, derart zu morden. So berichtete ein Priester Anfang September bei Sebokeng, nahe Johannesburg, daß die Polizei, während er noch mit ihr verhandelte, das Feuer eröffnete und neun Menschen erschoß. Inkatha-Anhänger hätten dann 22 weitere in einem Wohnheim erschlagen.

Nach einer jüngsten südafrikanischen Meinungsumfrage vom „Institute of Black Research“ würden bei allgemeinen Wahlen 53 Prozent der Schwarzen und 7 Prozent der Weißen ANC wählen, erhielten der ANC 53, die regierende Nationale Partei 17%, die oppositionelle Demokratische Partei 8% und die Konservative Partei weniger als 2 Prozent der Stimmen.

Die von dem ehemaligen BurenTheologen Andries Treurnicht geführte Konservative Partei (CP) droht, sie werde kein mehrheitlich schwarzes Nationalparlament zulassen, sondern den zweiten „Freiheitskampf“ beginnen.
Die sich mit Hakenkreuzen schmückende „Afrikaanse Weerstandbeweging“, die bombenlegenden „Weißen Wölfe“, die „Weiße Befreiungsbewegung“ und andere trainieren schon Privatarmeen und Todesschwadronen. Gericht und Zeitungen belegen, daß geheime Mordkommandos von Polizei und Militär jahrelang politische Gegner umbrachten.

„Aus und vorbei“, hatte Mandela im Juni gefordert, „laßt uns die Vergangenheit vergessen und uns darauf konzentrieren, was wir heute und in Zukunft aufbauen können ... In diesem Stadium der Revolution läßt es sich nicht vermeiden, mit den gleichen Sicherheitskräften zu arbeiten, die uns früher unterdrückt haben“, meinte er im „Spiegel“-Interview. Daraufhin praktiziert die ANC-Armee seit August 1990 den Waffenstillstand. Mandela nimmt indirekt am Regieren teil und verhandelt mit de Klerk.

Hinter den Inkatha-Morden in Natal aber und in den Townships steckt der Plan, Südafrikas schwarze Mehrheit zu destabilisieren. Die Apartheidherrscher haben Mocambique mit Hilfe der Renamo-Banditen und Angola mit Hilfe der UNITA-Rebellen buchstäblich paralysiert. Sie haben Sambia wirtschaftlich ruiniert, Lesotho, Swaziland und Botswana durch Überfälle ausgeschaltet und halten Simbabwe in Schach.

Sie ließen und lassen täglich in Südafrikas Townships schießen und wissen, wie und wen sie für ihre Ziele benutzen. Sie wollen unzufriedene TownshipGruppen und den ein härteres Vorgehen fordernden PAC (Panafrikanischer Kongreß) radikalisieren — um weißen Rechtsextremisten Anlaß zum Losschlagen zu geben.

Buthelezi und die Inkatha hatten lange Jahre Zeit, sich mit dem ANC zu verbünden. Sie hätten Mandelas hingestreckte Hand ergreifen und gemeinsam die konservativen und ultrarechten Weißen zum Nachgeben zwingen können. Sie wollten das nicht und fürchten nun, zu verlieren.

Die in Natal entzündete, jetzt in Sebokeng, Kagiso, Kathlehong, Tembisa, Soweto und anderen großen städtischen Townships gelegte Lunte gefährdet Südafrikas Zukunft und die der ganzen Region. Vielleicht ist es ein vorletztes Aufbegehren dieser friedensunfähigen Minderheiten-Koalition.

Bleibt zu hoffen, daß sich die auf Gleichberechtigung im eigenen Land drängende Mehrheit der Schwarzen und die mit ihnen kooperierenden Weißen, ihre Organisationen und Führer durchsetzen. Uns in Europa aber, mit deutschdeutscher Vereinigung, Golfkrise und ökologischen Zerstörungen beschäftigt, sollten diese Vorgänge zorniger und entschlossener machen, unseren Teil zur internationalen Solidarität beizutragen.

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