Streifzüge, Heft 4/2000
Dezember
2000
Diskussion des Kritischen Kreises:

Zur Philosophie des STAUS

Franz Schandl: Der gesellschaftliche Stau (Streifzüge 1/1996)


Dialektik des Kapitalismus bedeutet, daß er konstruktive wie destruktive Züge aufweist. Unzweifelhaft positiv sind die Potenz zu Demo­kratie und Rechtsstaat, zu sozialer Fürsorge und Mobilität. In den westlichen Zentren dominier­ten bisher durchaus die progressiven Momente. Mehr Recht bedeutete mehr Rechte, mehr Sozi­alstaat wirklich Wohlstand, mehr Spitäler mehr Gesundheit. Damit ist es nun vorbei, aber nicht nur, weil das alles aktuell nicht mehr leistbar und administrierbar ist, sondern weil die Instrumen­tarien sich generell erschöpfen. Inzwischen ist hier eine gesellschaftliche, d.h. eine strukturell bedingte institutionelle Krise eingetreten. Es geht nichts mehr so wie vorher, die gängigen Muster greifen nicht.

Solange die Konstruktivitäten den Destrukti­vitäten überwogen, bestand objektiv kein Grund, an einer Zukunft des Kapitalismus zu zweifeln. Solange war seine Mission zivilisatorisch gewe­sen. Akkumulation und Wachstum haben viele menschliche Probleme gelöst, nun freilich schaf­fen sie mehr als sie lösen. Die kapitalistische Modernisierung bedroht die kulturelle Substanz.

Es ist so die „negative Dialektik“(Adorno), die das System heute immer deutlicher kenn­zeichnet. Die menschlichen Potenzen wandeln sich wider dem menschlichen Willen gegen die Menschen. Die menschlichen Geschicke obsiegen ihre Kreatoren, gestalten sie als Kreaturen sub­jektloser Herrschaft. Der Fortschritt verunmög­licht den Fortschritt, schlägt um in Regression. Der Versuch der Zivilisation führt immer mehr in die Heimsuchung.

Wir sind längst an einem Wendepunkt ange­langt, wo etwa das Recht in immer weniger gesellschaftlichen .Bereichen greift, Massenpro­duktion und Massenkonsum die ökologischen Gefährdungspotentiale laufend erhöhen, der Sozialstaat an der strukturellen Finanzkrise des Staates zerbröselt und die Mobilität im Stau stecken geblieben ist. Der Müll verdeutlicht die Grenzen des kapitalistischen Konsums, der Stau verdeutlicht die Grenzen der kapitalistischen Mobilität, die Bürokratie verdeutlicht die Gren­zen der kapitalistischen Demokratie. Je höher die kapitalistische Drehzahl (traditionell gespro­chen: Umlaufszeit und Umschlagszeit des Kapi­tals), desto mehr heult der Motor; er läuft heiß. Je flotter es dahingeht, desto mehr machen schlapp.

Der Staat wird gerade durch äußeren Aufla­gen und interne Konkurrenzen, seine ihm not­wendigen Aufblähungen und Vervielfachungen, kontraproduktiv. Der Bürokratismus ist nur die Kehrseite der Demokratie, er ist ihr nicht entge­gengesetzt - wie gemeinhin angenommen - son­dern ihr fortlaufender, sie überwuchernder Aus­druck, ihre immanente Hinzusetzung. Demo­kratie und Bürokratie sind nicht gegeneinander ausspielbar, sondern vielmehr einander ver­pflichtet. Demokratie ohne Bürokratie ist nicht!

Stau meint, daß zuviel zugleich zuort ist. Die spezifische Kontingentierungen des Daseins - seien es Menschen, Geräte oder Müll - kollidie­ren in ihrer Zeit-Raum Achse. Je schneller es geht, desto langsamer wird es. Die Dimensionie­rungen scheitern an ihrer Struktur, sie befinden sich nicht einmal mehr annähernd in einem gesellschaftlichen Gleichgewicht. Der Stau ist aber keine „meditative Streikform der reflexiven Moderne“, wie Ulrich Beck mutmaßt. Dieses Innehalten und Blockieren ist kein bewußtes oder absichtliches, sondern es entsteht zwangsläufig aus sich selbst, ist Folge einer inneren und blin­den Logik.

Stau meint also weiters die Verunglückung des kapitalistischen Komparativs. Unter der Gesetz­lichkeit des Kapitals folgt freilich bloß-der näch­ste Anlauf zu einem neuen Komparativ. Zu viele Autos bedeuten hier zu wenig Straßen, also bauen wir bessere, breitere, schnellere, um noch mehr Autos anzuziehen. Selbst in der Luft staut es sich schon, Flüge innerhalb Europas dauern länger, obwohl die Geschwindigkeit der Maschi­nen erhöht wurde. Kapitalistische und menschli­che Vernunft entkoppeln sich. Ähnliche Beispiele ließen sich in jedem der angesprochenen Bereiche aufzählen.

Kapitalistische Konkurrenz demonstriert nicht nur betriebswirtschaftliche Sparsamkeit, sie bedeutet auch ungeheure Verschwendung menschlicher und natürlicher Ressourcen. Die Reibungsverluste an Zeit und Tätigkeit werden größer, betrachtet man sie von der stofflichen, nicht von der monetären Seite her. Sie fördern weiters Intrasparenz und Langsamkeit. Die Anstrengungen für einen gesellschaftlichen Nut­zen vervielfachen sich. Vom Ziel her betrachtet sind die tatsächlichen Aufwendungen als über­proportional anzusehen.

Die gesellschaftliche Entwicklung paßt immer weniger zu den vorgefundenen Institutionen und ihren Gesetzlichkeiten. Der Prozeß der Desynchronisierung schreitet hurtig voran. Ob Recht, ob Geld, ob Politik, ob Staat, nichts funktioniert mehr in der vorgegebenen Weise. Stellt sich also die Frage, ob diese Formprinzipien grundlegend reformiert und mit anderen Inhalten gefüllt wer­den können, oder ob die menschliche Kommuni­kation nicht über sie hinwegschreiten muß. Frägt sich nur wie. In beiden Fällen.

Was wir auf allen gesellschaftlichen Ebenen beobachten, ist das Aneinanderprallen von gesellschaftlicher Entwicklung und historischem Rahmen. Form und Inhalt kollidieren. Die per­manente Effektivierung staatlicher, rechtlicher wie monetärer Formen der Kommunikation zei­tigt ihr Gegenteil. Konstruktivität auf kapitali­stischer Basis ist in ökologische und soziale Destruktivität umgeschlagen. Unumkehrbar. Das ist der Punkt, an dem wir stehen. Aber nicht ste­hen bleiben können.

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