FORVM, No. 311/312
November
1979

Zwischen Hunden und Autobahnen

Neue Jugendbewegung in Wien
Wiener Polizei säubert Phorushalle
Foto Lui Frimmel

„Wamma kenntatn, tät ma eich olle aufhengan!“ schrie ein Polizeibeamter den Dr. Günther K. an, bevor er ihm mit der Faust in den Magen hieb. Im Arrestantenwagen traf der junge Ersatzdiener auf einen anderen Arrestanten, der war erst 14 Jahre alt. Die beiden waren am Sonntag, dem 21. Oktober, nachmittag zusammen mit drei Dutzend anderen nach eintägiger Besetzung aus der Phorushalle gestürmt, die sie vor der Zerstörung retten wollten. Ein selbstverwaltetes Jugendzentrum war’s Panier. Tags darauf begann der Abbruch.

„Das ist hoffentlich der Anfang einer Alternativbewegung inner- und außerhalb der Partei, sagte SPÖ-Mitglied und Kanzlersohn Dr. Peter Kreisky nachher. Auch er war am Samstag mit in die Halle eingesickert und bis nach Mitternacht geblieben. Die Phorushalle im fünften Wiener Gemeindebezirk, à la Bahnhof im Pariser Stil, war ursprünglich eine Reithalle der k.u.k. Kavallerie gewesen, dann bis vor acht Jahren ein Blumenmarkt, seither stand sie leer. Bis auf diese letzte Woche eben: Da ging die Wiener ÖVP mit einem „Ideenmarkt“ in der Alternativszene Seelen fischen.

Unter dem Motto „Lieber mehr Geist als Bauch“ wurden Initiativgruppen aufgerufen, ihre Alternativideen zu präsentieren. Eine bunte Standlreihe siedelte in den Sielen: Antiatom, Pro Sonne, Antistadtautobahn, Anderskleidung, Hundeombudsmann. Manches wirkte etwas zweideutig: während die ÖVP im neunten Bezirk für das Abreißen des TGM-Gebäudes eintritt, wurden am Ideenmarkt Unterschriften für die Erhaltung dieser alten Technikerschule in Form eines Jugend- und Kulturzentrums gesammelt.

Der sonntägliche Abschlußvortrag von Ivan Illich fiel der Besetzung zum Opfer. Schon am Samstag nachmittag unterbrachen fast 200 Jugendliche die Diskussion über „Ist Spital eine Strafe?“ und verlangten Rechenschaft über das Schicksal der Halle. Die ÖVPler gerieten in Panik und räumten ihre Stände ab. Den Besetzern blieben Müsli und Säfte vom Biologenstand.

Der Organisator der Show, der linkskatholische ÖVP-Gemeinderat Dr. Johannes Hawlik, diskutierte mit den Besetzern und ist auch im nachhinein ihrem Ziel nicht grundsätzlich feind: „Die Altersstruktur der Bevölkerung in diesem Gebiet (hauptsächlich Rentner) spräche eher für ein Jugendheim.“ Freilich hat Hawlik selbst vor einem dreiviertel Jahr im Wiener Gemeinderat dafür gestimmt, daß anstelle der Phorushalle ein Pensionistenheim errichtet wird (der Beschluß war einstimmig). Während des Ideenmarkts sei die Erhaltung der Halle zwar verlangt worden, aber nur 20 Leute hätten dafür unterschrieben. Hingegen kamen die Alten der Umgebung und fragten nach Plätzen im neuen Heim.

Wehe wenn sie losgelassen ... (Tatort Phorushalle)
Foto Lui Frimmel

Die Frontstellung der Jugendlichen gegen die Alten war ungeschickt und kostete sie die Sympathie der Anrainer, die wie Rohrspatzen aus ihren Fenstern herunterschimpften, als Freunde den Eingeschlossenen Stangen Wurst und Zigaretten aufs Hallendach warfen. Strategischer Fehler: Es war kein Versuch gemacht worden, die Bevölkerung des Bezirks mit einzubeziehen. Obwohl gerade in Margareten die Bauspekulation wütet — da gäbe es hinreichend Ansatzpunkte.

Die Haltung der Ordnungsmacht war latent drohend und bei Berührung brutal, sie wurde aber von oben her gezügelt. Zunächst von der ÖVP (Hawlik zur Polizei: es sei noch im „möglichen Rahmen der Veranstaltung“), dann von der SPÖ (Stadtrat Hatzl als Vertreter des Besitzers: „Die Stadt Wien fühlt sich in ihrem Besitz nicht gestört“). Die Polizei riegelte das Gebäude erst in den Morgenstunden ab, und auch dann durften die Besetzer ungestraft hinaus, nur hinein ließ man sie nicht mehr. Nach einer Abmachung mit der Einsatzleitung zogen die letzten Besetzer Sonntag nachmittag um 17 Uhr aus, blieben einige Augenblicke unbehelligt. Als sie den Phorusplatz nicht verließen, hieb sie ein Polizeieinsatzkommando in nagelneuen Rangeruniformen brutal mit Knüppeln auseinander.

Man konnte deutlich sehen, wie die Ordnungsbestie an der Kette zerrt. Die gegenwärtige Polizeiaufrüstung wird nicht ohne Folgen bleiben. Was man hat, setzt man früher oder später auch ein. Und man hat bereits alles, was in Berlin, München oder Brokdorf üblich ist ...

Eine neue Jugend kommt herauf. 14-20jährige, die von niemand geschickt sind, keiner politischen Gruppe angehören. Es begann damit, daß der Theseustempel im Volksgarten „unmodern“ wurde, die Szene verlagerte sich heuer im Frühjahr zum Palmenhaus im Burggarten. Von dort quoll’s über auf die grüne Wiese — hei! wie die Pensionisten und Touristen und Polizisten da schauten! Wie die Pensionisten da bald keiften, wie die Polizisten da bald grapschten und hauten! Die Grasnarbe vernarbt angeblich, aber es geht (beiden Seiten!) wohl mehr um den Watschentanz an sich.

Eine Gymnasiastengeneration wächst heran, welche die autoritäre ÖVP-Zeit nicht mehr erlebt hat. Sie fühlt sich durch die Rücksichtl-Spompanadin der SPÖler eingeengt. Sie wollen so frei sein, wie sie’s im Sommer in Amsterdam sehen oder in London, bittschön. Der Kampf um den freien Rasen im Burggarten hat schon eine Vorgeschichte. Wenn man sie fragt, waren sie im Sommer 1976 meist schon als 14jährige in der Arena gewesen: Spuren. Jetzt kämpfen sie gegen die Flötzersteigautobahn: Zukunft.

Peter Kreisky sieht sogar schon einen grünen Horizont heraufziehen, er sagt: „Ein fruchtbares politisches Arbeitsfeld“, diese jungen Leute. „Man hat im Kampf für die Umwelt die gleichen Gegner: Bürokratie und Großparteien“. Wo er doch Mitglied ist ...

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