FORVM, No. 117
September
1963

Artis sola domina necessitas

Zur großen Otto Wagner-Ausstellung in Wien

Mit drei Forderungen begründete der Architekt Otto Wagner (1841-1918) seine revolutionierende Leistung: Jeder Bau muß seinen Zweck erfüllen und ausdrücken; das Material muß in jeder Weise diesem Zweck entsprechen, und die Konstruktion soll so einfach und wirtschaftlich wie möglich sein. Als selbstverständlich nimmt Wagner an, daß für Menschen gebaut wird und daß Bauen eine Kunstform, also Sprache ist. Seinem Postulat „Die Baukunst soll der Schönheit sinnlichen Ausdruck verleihen“ sowie seiner Feststellung, das reine Utilitätsprinzip könne die Kunst weder verdrängen noch ersetzen, [*] kommt wieder mehr und mehr Bedeutung zu. Deshalb ist es gerade heute sehr wertvoll, sich mit Otto Wagner auseinanderzusetzen. Die Ausstellung seines Werkes im Historischen Museum gibt reichlich Gelegenheit dazu.

Direktor Dr. Franz Glück und Otto A. Graf haben eine unsentimentale, vorbildlich sachliche Übersicht über das Schaffen Otto Wagners zusammengestellt. Seine Entwicklung von einer freien Renaissance bis zu seiner Reife wird in Grundrissen, Fassaden und Perspektiven eindringlich gezeigt. Beinahe jedes einzelne Blatt ist graphisch vollendet. Photos und Schriften ergänzen die Dokumentation, und als besondere Kostbarkeit ist das (anscheinend einzig erhaltene) Modell, das des Mittelbaues einer Akademie der bildenden Künste, zu sehen.

Wagners große Wandlung setzt in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein. Die Einstellung zum Fortschritt seiner Zeit wird immer klarer, und die Bauten der Stadtbahn-Stationen (1894-98) zeigen bereits in aller Deutlichkeit sein Denken und Können. 1899, fast sechzigjährig, tritt Wagner aus dem Künstlerhaus aus und wird Mitglied der Sezession. Im k.k. Postsparkassenamtsgebäude (1903-06) ist, abgesehen von einigen Fassadenmotiven,auch die Sezession bereits überwunden. Hier manifestiert sich die moderne Baukunst auf klassische Weise.

Von seinen zahlreichen großen Projekten, welche zwischen 1900 und Wagners Todesjahr 1918 entstanden, wurden außer der Postsparkasse nur die Kirche St. Leopold, Am Steinhof, und die Lupusheilstätte gebaut. Der leidenschaftliche Kampf, den Otto Wagner in der Öffentlichkeit entfacht hatte, führte dazu, daß man ihn mit allen Mitteln am Bauen hinderte: infamer Triumph über ein Genie, aus Kurzsichtigkeit und verhetztem Unverstand, was beides zeitlos zu sein scheint. So sind bloßes Papier geblieben: die Interimskirche (eine revolutionierende Stahlkirche, 1905), der Friedenspalast in Den Haag (1905), das Stadtmuseum am Karlsplatz (1900-1909), das Stadtmuseum auf der Schmelz (1912), das k.u.k. Kriegsministerium (1907-08), das Technische Museum (1909) und die Universitätsbibliothek (1910 und 1914) — lauter Projekte, die in ihrer Konzeption der Zeit weit vorauseilten.

Das Kaiser-Franz-Josef-Stadtmuseum Projekt für die Schmelz, 1912
Bild: Otto Wagner

Alle Arbeiten Otto Wagners zeigen eine schier unglaubliche Einheitlichkeit: ein Museum ist vom gleichen Geist erfüllt wie ein Badezimmer. Seine Einstellung zum Leben, seine Kultiviertheit, das ist der Faden, der sich durch sein Lebenswerk zieht, vom Generalregulierungsplan für Wien (1892-93) bis zum Detail eines Stuhles. Seine Auffassung der Großstadt, des Staates, des Bauens und der Wünsche nach dem Monumental-Schönen sind darin enthalten und finden sich überall. Die Einheit von menschlicher Größe, von außerordentlichem Wollen und souveränem Können ergibt ein Werk, das Anfang und abgeklärte Klassik moderner Architektur zugleich ist.

Die Achse, die Symmetrie und die modulare Ordnung setzt er als stärkste künstlerische Mittel ein. Klar und übersichtlich sind Grundriß und Aufbau. Letzte Einfachheit, die sich mit Selbstverständlichkeit deckt, und ausgewogene Proportionen zeigen den Meister. Hohe Räume werden durch Galerien übersichtlich gegliedert. Treppen verbinden Räume nicht „irgendwie“, sondern so ideal wie möglich, sie werden wesentlich für den Raum bzw. für das Raumerlebnis. Typische Beispiele dafür sind das Warenhaus und das Stadtmuseum, beide für den Karlsplatz projektiert, beide nicht ausgeführt.

Es würde zu weit führen, wollte man alle gestalterischen Details — etwa abgehängte Decken und vorgesetzte Fassaden, das Beherrschen des baukünstlerischen Mittels der Bekrönung (die Konzeption eines Großraumes wirkt auf die Einzelgebäude zurück!) oder die überzeugenden Lösungen von Ecke und Eingang — eigens hervorheben, um zu zeigen, welch ein großer Architekt Otto Wagner war und wieviel wir besonders in unserer Zeit von ihm lernen können.

Die Beziehung des Menschen zur Baukunst ist heute besonders gering, und die Erziehung auf diesem Gebiet versagt ganz. Wie es möglich ist, mit den Mitteln des Bauens Ideale auszusprechen, zeigt uns Otto Wagner. Seine historische Bedeutung wird man immer in den Plänen lesen können, aber nur in den Bauten kann man seine Baukunst „als sinnlichen Ausdruck des Schönen“ erleben.

P.S.: Die Otto Wagner-Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien bleibt noch bis 15. September geöffnet.

[*Otto Wagner, „Moderne Architektur“, 1895.

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