Aus dem Nachlass. Zuerst erschienen in: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik Wien und Freiburg, Heft 7, Herbst 2015, Seite 109–131 Las, wie ich zufällig feststellte, genau 50 Jahre nach seinem Erscheinen wieder einmal den Cornet. Der degout, der mir nach dieser Köstlichkeit im Gaumen (…)
Liebe Freunde! Von dem bißchen Unsterblichkeit abgesehen, worauf dieser oder jener unter uns Anspruch erheben mag, sind wir — gestehn wir’s uns doch offen! — eigentlich recht lächerliche Figuren geworden; und das traurigste dran ist, daß wir’s durch eigene Schuld geworden sind. Seit den Tagen, (…)
Von Arthur Koestler, der seit einigen Jahren wieder in seiner englischen Wahlheimat lebt und dessen „Sonnenfinsternis“ — eine Dramatisierung des gleichnamigen Romans — demnächst in Wien am Volkstheater zur Aufführung gelangt, erschien in Buchform zuletzt der zweite Band seiner Memoiren: „Pfeil (…)
Der Monolog des Zweiflers
Daß Gedanken diskutiert werden, ist kein Beweis dafür, daß sie lebendig sind. Was über Nacht ins Gerede kommt, ertrinkt am nächsten Tag darin. Dies zu verhindern, wäre der Skrupel da, der eine Barriere zwischen den Ausdruck und die Absurdität legt. „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar (…)
Ich war damals noch Student am Gymnasium, aber in den Ferien hielt ich mich häufig im Quartier der „Landarbeiter-Liga“ auf, die seit ein paar Jahren auch in unserem Dorf bestand. Die Liga war in einem Jahr der Dürre und des Hungers gegründet worden, und schon nach wenigen Stunden hatten sich ihr (…)
Im Frühjahr 1930 erhielt der Rhein-Verlag ein dreibändiges Romanmanuskript nebst einem Begleitbrief des Autors, Hermann Broch, in dem es hieß, daß „Die Schlafwandler“ — das war der Titel des Romans — im gleichen Verlag erscheinen sollten, der auch den „Ulysses“ von James Joyce herausgebracht (…)
Dr. Peter Szondi (Jahrgang 1929) gehört zu den jüngsten und markantesten Vertretern der deutschen Literaturkritik. Er lebt abwechselnd in Berlin und Zürich, wo er 1954 zum Dr. phil. promovierte und sich im Februar 1961 für das Fach „Deutsche Philologie“ habilitiert hat. Neben seinen Essays in (…)
An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts formulierte Arno Holz: Man revolutioniert eine Kunst nur, indem man ihre Mittel revolutioniert, oder vielmehr, da ja auch die Mittel stets die gleichen bleiben, indem man ganz bescheiden ihre Handhabung revolutioniert. Im großen Zusammenhang der (…)
„Dem Wiener Volk ist der Deutsche, besonders der Norddeutsche seit jeher unbehaglich gewesen, und sich von ihm zu unterscheiden ... wäre wohl immer mit Zustimmung aufgenommen worden“, schrieb Hermann Broch in seinem großen Hofmannsthal-Essay. Broch war gebürtiger Wiener (wenn auch nicht dem hier (…)
Aus unveröffentlichten Briefen von Hermann Broch
Die nachfolgenden Briefe bedürfen einer persönlichen Vorbemerkung, weil sie Dokumente einer persönlichen Freundschaft sind. Einige andere Briefe, die Hermann Broch an mich gerichtet hat, wurden um ihres allgemeinen und hauptsächlich literarischen Interesses willen in den Briefband der (…)
Daß wir keines besonderen Gedenktags bedürfen, um im FORVM die Erinnerung an Karl Kraus wachzurufen, haben wir schon zu etlichen solcher Gedenktage festgestellt und können es nur noch wiederholen. Der drohenden Erstarrung seines Werks hat dessen eigene, immanente Lebendigkeit längst (…)
Vor fünfundzwanzig Jahren schlossen sich seine Augen. Sie sind mir unvergeßlich geblieben. Niemals, bei keinem Künstler unserer Zeit, habe ich solche Augen je wieder gesehen. Hörer seiner Vorlesungen wissen, wie diese Augen strahlen und sengen, erglühen und ermatten, lachen und trauern (…)
Für uns, deren Jugend in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg fiel und die wir damals tausend geistigen und ungeistigen, literarischen und politischen Einflüssen, Verwirrungen und Versuchungen ausgesetzt waren, bedeutete die „Fackel“ des Karl Kraus ein wegweisendes Licht. Für uns stand es fest, (…)
In einer dieser drei Formen mag ein Schriftsteller seine Frist überdauern: Erstens wird sein Werk mit jeder neuen Generation wieder jung. Zweitens werden sein Leben und sein Werk zu einem Musealstück, das Lehrbücher langweilig-respektvoll beschreiben und Anthologien dekorativ einschreinen. (…)
Als sich vor kurzem der Todestag André Gides zum zehnten Mal jährte, befragte eine Pariser Literaturzeitschrift zehn junge französische Autoren, was ihnen Gide bedeute. Alle zehn antworteten: „Nichts!“. Und begründeten das so ausführlich, daß man daraus erst recht ersah, wie sehr André Gide sie (…)
Der russische Romandichter Dostojewski schreibt einmal über eine Figur in einem seiner Romane: „Ich wollte dem Leser einen Menschen vorführen, der von den anderen Leuten etwas absticht, einen Charakter aus der jüngst vergangenen Zeit, einen Vertreter der jetzt erst ihr Leben allmählich (…)
Ist Einsamkeit Schicksal, ist sie selbstgewählte Lebensform, Erhöhung des Einsamen über die Menschen oder seine Erniedrigung unter sie, ist Einsamkeit Genieleistung oder Krankheitssymptom? Immer wieder werden diese Fragen gestellt, und immer wieder finden sie die verschiedensten Antworten — (…)
In dem sehr lesenswerten, allgemein verständlichen Buch, das der niederländische Sprachforscher H. L. Koppelmann über „Nation, Sprache und Nationalismus“ in deutscher Sprache geschrieben hat (Leiden 1956), findet sich auch ein Auszug aus der französischen Übersetzung des Stenogramms der (…)
Dichter und Waffenlieferant
Am 10. November 1891 stirbt in einem Krankenhaus von Marseille Jean Arthur Rimbaud im 37. Lebensjahr. Der Aufnahmezettel des Spitals nennt den in Charleville, einer kleinen Stadt an der Maas, nahe dem belgischen Charleroi, geborenen Franzosen einen Kaufmann aus Abessinien. Seine Todesursache war (…)
hat in der österreichischen Öffentlichkeit einen Sturm von noch nicht dagewesener Dimension und Dauer hervorgerufen, indem er auf den Fernsehschirmen als „Der Herr Karl“ erschien und dem österreichischen Menschen, insonderheit dem wienerischen, einen Zerr-, Rück- und Hohlspiegel vorhielt, darin (…)
Milenas Nachruf auf Kafka
Am 6. Juni 1924 brachte die Prager tschechische Tageszeitung „Národny Listy“ in Form einer „Notiz vom Tage“, also ohne eigene Titelzeile, einen Nachruf auf Franz Kafka. Er stammte von Milena Jesenská, der langjährigen Freundin Kafkas, über deren außergewöhnliche Persönlichkeit seither aus (…)
Pascal notiert: „Witziger Kopf — schlechter Charakter.“ Und keiner hat die vorerst kaum begreifliche Wahrheit dieses Satzes so stringent bewiesen wie Nestroy, dieser witzigste Kopf der gesamten deutsch-sprachigen Literatur (und obendrein der einzige neuere Dramatiker, der es wenn auch nicht in (…)
Im gesund übertreibenden Widerspruch zu den oberflächlichen, ahnungslosen Urteilern, die — ob entrüstete Sittenrichter oder zimperliche Pseudo-Ästheten, ob beifallgrunzende Spaßfreunde — Nestroy nur als den zynischen Komödianten und als den erfolgreichen Fabrikanten Wiener Possen kannten, hat (…)
Die Situation des andern sofort zu „erfassen“, immer auch die des andern, also die Ambivalenz jeder Situation zu erkennen — das bedeutete für den von Deutschland emanzipierten Österreicher, der nun sein Österreichertum mit so vielen nichtdeutschen Landsleuten zu teilen und aus der Wechselwirkung (…)
Meine Damen und Herren, erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen einen professoralen Vortrag halte, der beflügelte Schritte mit Fußnoten beschwert. Hierzu fehlt es mir weniger an Kenntnis als an Unvoreingenommenheit. Ich habe Arthur Schnitzler, den Dichter, bewundert, Arthur Schnitzler, den Menschen, (…)
Vor vierzig Jahren, am 15. Mai 1922, erhielt Arthur Schnitzler einen Glückwunschbrief zu seinem sechzigsten Geburtstag. Der Gratulant grüßte Schnitzler mit uneingeschränkter Zustimmung als einen „psychologischen Tiefenforscher, so ehrlich unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war“. Und (…)
In der zehnten und letzten „Reigen“-Episode überlegt der Graf, ob er die Dirne, mit der er gegangen ist, auch wirklich umarmt hat: „Und was ist denn passiert? ... Also nichts ... Oder ist was? ... Meiner Seel ... seit ... also seit zehn Jahren ist mir so was nicht vorgekommen, daß ich nicht weiß (…)
Eine gewichtige Übersiedlung
Als ich erfuhr, daß Ernst Alkers „Geschichte der Deutschen Literatur von Goethes Tod bis zur Gegenwart“ vom Verlage Cotta zu Kröner übersiedelt sei, streifte mich die Vorstellung, daß man dieses mächtige Werk auf einem schweren Tiefladewagen mittels Traktor vom einen Verlagshaus zum anderen (…)
Als ich in Moskau ankam, schien der XXII. Parteikongreß noch jedermann gegenwärtig, und die literarischen Kreise der Stadt waren voll Gerüchte und Prophezeiungen. Die Meinungen, die man über Kunst und sogar Politik darbot, waren so mannigfach schattiert, daß ich zunächst den Eindruck einer (…)
Jewtuschenko nimmt es mit seinen Verpflichtungen als Delegierter im Ausland sehr genau. Ein glänzend begabter Dichter von gesunder Fruchtbarkeit, ein junger Mann von Geist, Intelligenz, gutem Aussehen und Charme, ist Jewtuschenko zugleich glühender Patriot und leidenschaftlicher Anhänger der (…)
Hiemit präsentieren wir den zweiten und letzten Teil des Aufsatzes, in dem der vielleicht bedeutendste Regisseur des gegenwärtigen Theaters deutscher Sprache nicht bloß seine eigenen Inszenierungen erläutert, sondern die Beziehungen zwischen Shakespeare und unserer Mitwelt überhaupt. Daß diese (…)
Den 1896 in Berlin geborenen und 1961 in Paris verstorbenen Hans Jacob als „einen Übersetzer“ zu bezeichnen, ist eigentlich unstatthaft und wird dem Format dieses Mannes — der wie kaum ein zweiter die Kennzeichnung „Sprachgenie“ verdiente — in keiner Weise gerecht. Hans Jacob wurde bereits 1926 (…)
Doctor Doderers Wuthäuslein
Ganz in der Nähe von Doderers Wohnung im IX. Wiener Gemeindebezirk ist an einem Gittertore auf schwerer Emaille-Platte in schwarzen und roten Lettern folgende Inschrift zu lesen: Bundesstaatliche Schutzimpfungsanstalt gegen WUT Da laut Doderer die Kulissen immer genau zum Leben (…)
Zwischen Engagement und Verstaatlichung
Ein kommunistischer Staat, der seine Schriftsteller ins Gefängnis wirft, nimmt deren Funktion und Verantwortlichkeit wenigstens ernst: diesen verblüffenden Gedanken äußerte unlängst ein berühmter französischer Schriftsteller in einem Interview. Was man dagegen im Westen für literarische Freiheit (…)
Der in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1962 so plötzlich verstorbene Schriftsteller und Kunsthistoriker Dr. George Saiko, der 1892 in Seestadtl in Nordböhmen zur Welt gekommen war, stellte, wie der ihm befreundet gewesene Robert Musil, ein richtiges „Austrian blend“ dar, ein Gemenge aus (…)
Ist Karl Kraus vorlesbar?
Dieser Helmut Qualtinger ist eine der vitalsten und originellsten Begabungen, die in der Zeit nach 1945 dem österreichischen Kulturboden entwachsen sind. Auch in den allmählich legendär gewordenen Jahren vor 1938, in der Hochblüte der damals so genannten „Kleinkunst“ (welche ja ursprünglich die (…)
Als Schuljunge wurde ich einmal gefragt, welchen Gestalten der Geschichte ich am liebsten persönlich begegnet wäre. Meine Wahl fiel auf Homer, Christus, Shakespeare, und dies nicht aus frühreifer intellektueller Raffinesse, sondern weil ich herausfinden wollte, ob diese drei wirklich gelebt (…)
Homer bleibt dunkel (II)
Aber in welcher Schrift vollzogen sich Schöpfung und Überlieferung? Auch in dieser komplizierten Frage gibt es keine Übereinstimmung unter den Gelehrten. Die ionische Schrift, in der die Homerischen Epen auf uns gekommen sind, wurde erst während des 5. Jahrhunderts in offiziellen Gebrauch (…)
1860, ein Jahr nach dem Tod Wilhelm Grimms, schrieb sein Bruder Jacob im Vorwort zum zweiten Band des „Deutschen Wörterbuchs“: Angemerkt zu werden verdient, dasz er mit dem buchstaben D, welchen er sich zuerst auserlesen hatte, genau und ohne dasz davon ein wörtchen fehlte zu ende gelangt war, (…)
Schreiben heißt identisch sein
Der verdienstvolle Leiter des Deutschen Taschenbuch-Verlages, Heinz Friedrich, sammelt im Auftrag der Nymphenburger Verlagshandlung (München) Antworten deutschsprachiger Schriftsteller auf die Frage, welchen „Schwierigkeiten beim Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben“, sie sich ausgesetzt (…)
Eine Amerikanerin — und wenn die Geschichte nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden — sah zum erstenmal in ihrem Leben eine Aufführung des „Don Giovanni“; etwa in der Mitte des zweiten Aktes rief sie, empört und begeistert: „But, my dear, he is a regular Don Joo-an!“ Dies ist, was die Franzosen (…)
Vom mönchischen Stand des Kritikers
Es ist nicht sehr lange her, daß Heimito von Doderer behauptete, der Kritiker — und nicht etwa der Schriftsteller — sei der Mittelpunkt des literarischen Kosmos, weil jener das faszinierende Geheimnis des Maßes besitze; aber erst beide Eigenschaften zusammen, die analytische des Kritikers und (…)
Es gehört zum paradox Faszinierenden aller Kunstübung, daß sie dem Flüchtigen Dauer verleiht und daß gerade der Moment des Sterbens oder Hinwelkens kraft künstlerischer Darstellung Ewigkeitswert gewinnt. So kommt es, daß man mit eben jenem Kakanien, mit dem man auf die Dauer in der Welt keinen (…)
Nach der Veröffentlichung seines ersten größeren Werkes, „Das nackte Jahr und andere Erzählungen“, zu Beginn der Zwanzigerjahre wurde Pilnjak von Trotzkij und anderen, weniger prominenten Kritikern als einer der begabtesten jungen sowjetischen Schriftsteller angesehen. „Das nackte Jahr“ enthielt (…)
Kabarett der Enttäuschten
Ein Freund hat mir kürzlich aus Wien zwei Schallplatten mitgebracht. Eine mit neuen Chansons von Georg Kreisler, die andere mit Liedern auf Artmann-Texte von Helmut Qualtinger. Beide Platten sind Produkte des „schwarzen Humors“, der heute aus der Literatur nicht mehr wegzudenken ist. Man hat (…)
Einsamer Kämpfer, liebenswerter Mensch
Als der 76 jährige Kurt Wolff im Oktober vorigen Jahres an den Folgen eines tragischen Unfalls starb, verlor die deutsche Literatur ihre letzte, noch aus großer Vergangenheit herüberragende Verlegerpersönlichkeit, und unsere Zeitschrift verlor einen großen Freund. Eva Röder hat ihm im FORVM (…)
Die großen Tendenzen unserer Zeit führen die kulturelle Koexistenz in ihrem eigentlichen Sinne herbei. Ich bin dabei weit entfernt davon, die bereits vorhandenen anfänglichen Formen — von Sportveranstaltungen und Schachwettkämpfen bis zu Ballettaufführungen und Virtuosenkonzerten — zu (…)
Im ersten Dezennium dieses Jahrhunderts wurde ein Junger Mensch von schon einigem literarischen Ansehen — er hatte ein Buch geschrieben, das für die militanten Ungläubigen von damals sofort an die Stelle der bisherigen Korane oder Bibeln getreten war, den ersten expressionistischen Roman — als (…)
Mit der nachfolgenden, in tschechischer Sprache gehaltenen Rede eröffnete Max Brod am 23. Juni 1964 die Prager Gedenk-Ausstellung für Franz Kafka. Der Achtzigjährige war zu diesem Zweck eigens aus Tel Aviv in seine und Kafkas Geburtsstadt gekommen und hatte die Genugtuung, seine Rede — die es an (…)
In der immer noch anwachsenden Sekundärliteratur zum Werk Franz Kafkas taucht neben anderen mehr oder minder absurden Interpretationen in regelmäßigen Abständen eine bestimmte Art symbolischer Entschlüsselung auf, die mit Sicherheit den einen Punkt entdeckt, aus dem Kafkas ganzes Weh und Ach zu (…)
Von Kapitalisten und Misanthropen
Nathan der Weise, der Jude, der Klassische, der Zeitgemäße — sie verdecken oft den Blick auf Nathan den Bürger. Sir William Sampson oder der Oberst Odoardo Galotti, ein Patrizier mit Landgut und kleinadeligem Lebensstil, werden viel häufiger als der Kaufmann Nathan zu den frühen Repräsentanten (…)
Der am 1. Mai 1900 in Pescina dei Marsi in den Abruzzen geborene Ignazio Silone hat im FORVM schon so lange nichts veröffentlicht (zuletzt „Vom Schrecken des Wohlfahrtsstaates“, Heft VIII/91-92, und „Tolstoi in den Abruzzen“, Heft VIII/87)‚ daß wir unseren neu hinzugekommenen Lesern schon wieder (…)
Dem Wiener Buchhändler und Antiquar Dr. Hans Eberhard Goldschmidt verdanken wir die nachstehenden Kuriosa, für die wir uns keinen passenderen Erscheinungstermin wüßten als den jetzigen: der Fasching, in dem sie entstanden, liegt jetzt genau 70 Jahre zurück. Wir wollen den literarhistorischen (…)
Es ist unwürdig, sich den Tatsachen zu verschließen. Es ist allerdings noch unwürdiger, von vornherein mit ihnen intim zu sein. Aber sich selbst in ihnen zuerkennen, das allein begründet eine Freundschaft mit der Welt. Heimito von Doderer Nachdem „Die Dämonen“ sich 1936 als vorläufig (…)
Die Auffassung der Gegenwart als heroischer Periode ist also im Kapitalismus eine unbewußte Flucht vor dem Realismus ins Rhetorische. Georg Lukács, Aktualität und Flucht (1941) in: Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie. Berlin 1948 Die Rede des Konsuls Marcus Tullius (…)
Die Republik — wie gefällt euch das Wort in meinem Munde? Thomas Mann Im Oktober 1922 hielt Thomas Mann vor Berliner Studenten seine Rede „Von Deutscher Republik“, worin er es unternahm, die akademische Jugend „für die Republik zu gewinnen und für das, was Demokratie genannt wird und was ich (…)
Kann nach eindeutigem Frontwechsel noch von einer Kontinuität der Weltanschauung gesprochen werden, wie es Thomas Mann bei der Drucklegung seiner Rede „von Deutscher Republik“ tat? Dieser republikanische Zuspruch setzt die Linie der ‚Betrachtungen‘ genau und ohne Bruch ins Heutige fort, (…)
Über Martin Buber, der am 13. Juni 1965 im Alter von 87 Jahren in Jerusalem starb, ist zum Gedenken sehr viel Ehrendes und Gründliches veröffentlicht worden, das meiste in der deutschen und schweizerischen Presse, das wenigste in der österreichischen — denn Buber war gebürtiger Wiener und (…)
Virtuose des Lebens
Von Casanova (Johann Jakob de Seingalt) heißt es in der altehrwürdigen siebenten Originalauflage des von Brockhaus herausgegebenen „Conversations-Lexicons“ (1830), er sei „bekannt durch seine Memoiren als ein origineller, lebenskräftiger und lebensfroher Mann, der fast in allen Lagen wie unter (…)
Auf dem westdeutschen Büchermarkt hält die Hausse in Büchern von und über den Marquis de Sade unvermindert an. Für jeden Verlag, der das Rennen um diesen Freudseibeiuns aufgegeben hat, springt ein neuer ins Geschäft. Der Merlin-Verlag in Hamburg, der als erster Werke von de Sade herausbrachte, (…)
Auf der Anfang Oktober abgehaltenen Tagung der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ in Darmstadt wurden als neu gewählte Mitglieder der Germanist der Universität Amsterdam, Prof. Jan Alker‚ der deutsche Schriftsteller Hans Bender ( München) und Friedrich Torberg vorgestellt. Es ist (…)
Es ist wohl allgemein anerkannt, daß die deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Weltliteratur gehört; keine andere literarische Epoche, auch nicht die der Weimarer Klassik, ist so stark in das literarische Bewußtsein Europas und Amerikas eingegangen. Wert und Bedeutung (…)
Es war einmal ein Dichter, dem die erwachende Jugend ganz West- und Osteuropas zujubelte; Goethe hat ihm in der Gestalt des Euphorion im „Faust“ ein Mal der Erinnerung gesetzt; Lord Byron, der sich als Zugvogel der Zukunft freier Völker und freier Einzelner wußte, schrieb, nachdem er die (…)
Den nachfolgenden Aufsatz schrieb Andrej Sinjawski im Jahr 1959 für die französische Zeitschrift „Esprit“, die ihn anonym veröffentlichte. Heute liest man ihn über weite Strecken wie einen gespenstischen Hinweis auf seine nunmehr erfolgte Verurteilung zu sieben Jahren Zwangsarbeit. Tatsächlich (…)
Nachfolgender Text des Ordinarius für Germanistik an der Universität Zagreb wurde auf der Studienkonferenz über kulturelle Beziehungen zwischen Ost und West im Europahaus Wien gesprochen. Wenn wir die Stellung des Schriftstellers in unserer Zeit und seine Bedeutung bestimmen wollen, müssen wir (…)
Verlorene Illusionen, zerbrochene Hoffnungen, nicht verwirklichte Träume, wie sie die Literatur anderer Epochen und Systeme auszeichnen, widersprechen dem sozialistischen Realismus. Selbst wenn es sich um eine Tragödie handelt, ist es eine „optimistische Tragödie“, wie W. Wischnewski sein Stück (…)
Zehn Jahre ist es her, daß Erich Heller, damals noch Professor für deutsche Literatur in England, zuletzt im FORVM publizierte („Beim Aphorismus genommen. Ein imaginärer Dialog über Karl Kraus“, Heft III/30). Inzwischen ging Erich Heller nach Amerika; er unterrichtet derzeit an der Northwestern (…)
In Sachen Literatur führt nichts so schnell zur vollständigen Barbarei wie die Ignoranz der Deuter. Günther Busch (in: „Der rote Sündenbock Anmerkungen zu Georg von Lukács“) Literaturkritik überall, sogar im unkritischen Österreich! — Vor so viel Praxis rühren sich ein paar Grundfragen, sie (…)
Obwohl die sowjetischen Schriftsteller stolz sind auf die Traditionen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, die sie um jeden Preis weiterführen wollen — was sie in gewissem Maß auch tun — und obwohl man ihnen im Westen unaufhörlich ihren sklavischen Gehorsam gegenüber überholten (…)
I. Joseph Roth konzipierte den erst vor kurzem veröffentlichten Roman „Der stumme Prophet“ im Jahre 1927 und fixierte während der zwei nachfolgenden Jahre seinen Inhalt im einzelnen. Er sollte jedoch nie dieses Werk endgültig abschließen, denn am 2. Mai 1939 ging der in einem Pariser (…)
Als Miroslav Krleža am 8. September in Wien zu einem Vortragsabend der Österreichischen Gesellschaft für Literatur weilte, wurde sein ehemaliger Landsmann, nun schon seit vielen Jahren deutsch schreibender Kollege Milo Dor gebeten, eine kleine Einführungsrede zu halten. Der ungeachtet seiner 70 (…)
Heimito von Doderer ist vor der Vollendung seines großangelegten Projekts „Roman No. 7“ gestorben. Seine Devise, der Romanschriftsteller habe zugunsten der Objektivität und Totalität seiner Figurenwelt „sich selbst unvollendet stehn zu lassen“, erhält damit eine schmerzliche Parallele. Was das (…)
Die Germanistik ist eine sehr junge Wissenschaft, aber sie hat viel Vergangenheit. Im Grunde zählt sie zu den romantischen Parvenus, die sich Traditionen anmaßen. Die Philosophie und die klassische Philologie blicken mit tausendjährigen Rechten auf sie herab; und ihre vielfältigen (…)
Törleß saß also ganz still und starr, sah unaufhörlich zu Basini hinüber und war ganz in den tollen Wirbeln seines Innern befangen. Und immer wieder tauchte daraus die eine Frage auf: Was ist das für eine besondere Eigenschaft, die ich besitze? Unter Ernst Blochs schönen Geschichten gibt es (…)
Geschichte und Literatur
Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth. In seinen fragmentarischen Bemerkungen am Schluß der Einleitung zum „Rohentwurf“ behandelt Marx vor allem „das unegale Verhältnis“ in der Beziehung zwischen ökonomischer Entwicklung und so wichtigen gesellschaftlichen Objektivationen wie Recht oder, (…)
Vor nun schon mehr als einem Jahr beklagte sich Heimito von Doderer im Kreise unserer Mitherausgeber temperamentvoll und dezidiert über den katastrophalen Mangel einer Literaturkritik mit diskutablem Niveau. Als Antwort darauf baten wir ihn, seine Ansichten zum Thema „Literaturkritik“ für uns (…)
Wenn ich Elie Faures wichtiges Werk „Equivalences“ richtig verstanden habe, ist der Autor gerührt angesichts der Verwandtschaft zwischen der ästhetischen Wirkung des Deckengemäldes der Sixtinischen Kapelle und derjenigen einer Maske von der Elfenbeinküste und glaubt, die Kunst sei universell (…)
Heimito von Doderers vollendet ironischer Aufsatz über „das Mark der Kritik“ reizt zum Widerspruch, und die Lust daran wird lediglich durch die Einsicht gedämpft, daß er zu fest in beiden „Hemi-Sphären“ der Sprache, der „gestaltenden, darstellungsweisen“ und der „gedanklichen, zerlegungsweisen“ (…)
Von den Gründen, warum Heimito von Doderer seinen Aufsatz, zu dem zu äußern man mich einlud, mit dem Titel „Das Mark der Kritik“ versieht, erscheint mir nur der als zureichend, daß sein Geschmack Gefallen am Wort „Mark“ findet, welches den Ausführungen von vornherein gesunden Tiefsinn (…)
Si calceus convenit, indue. I Gibt es ihn denn eigentlich, den Literaturkritiker, geschweige denn -wissenschaftler? Was es bestimmt gibt, allerdings viel seltener als in der Ökonomie der Literatur vorgesehen, ist der gute Leser. Der immer besser lesende Leser. Der über weite Strecken der (…)
Wirklichkeiten suchen eine Illusion
Dr. Friedrich Hacker, 1914 in Wien geboren, leitet in Los Angeles die von ihm gegründete „Hacker Clinic and Foundation“, eines der bekanntesten psychiatrischen Forschungsinstitute in den USA. In Wien las er 1958 als Gastprofessor der Universität über „Sozialpsychologie und Ichpsychologie“, (…)
Láco Novomeský, 1904, bedeutendster slowakischer Lyriker der Gegenwart und Doyen der slowakischen Literatur, war in den Fünfzigerjahren im Zusammenhang mit den Prozessen gegen Slanský und Clementis zu einer hohen Kerkerstrafe verurteilt worden und mußte sie bis zu seiner Begnadigung 1959 (…)
Wir wollen versuchen, die Wurzeln aufzuzeigen, aus denen sich die heutige Auffassung des Terminus Struktur herleitet. Dies ist eine ziemlich undankbare Aufgabe, auf die wir jedoch um so weniger verzichten können, als sie uns ermöglicht, uns nicht im gegenwärtigen, vieldeutigen Gebrauch des (…)
Kunst als semiotisches Faktum
Es tritt immer klarer zutage, daß das System des individuellen Bewußtseins bis zu seinen innersten Schichten durch Inhalte, die zum kollektiven Bewußtsein gehören, gegeben ist. Die Probleme des Zeichens und seiner Bedeutung werden daher immer dringender, denn jeder Denkinhalt, der die Grenzen (…)
Immer wieder einmal wird Marivaux entdeckt, meistens im Ton des Vorwurfs. Tadel verleiht den Bemühungen um Marivaux den rechten publizistischen Aplomb. Das Verfahren wird dadurch möglich, daß man wenig von Marivaux weiß, noch weniger, als man wissen könnte. Er ist zwischen die Epochen gefallen. (…)
Seine Beisetzung, die einem Staatsbegräbnis glich, war bereits Teil einer entstehenden Legende, war fürstlich, formvoll und fromm. Nie, sagte man, sei einem österreichischen Dichter von den Zeitgenossen so viel Ehre erwiesen worden; an Doderer habe man wieder gutgemacht, was an den vielen (…)
... in unserer augenblicklichen Situation sollten wir immer von folgendem Prinzip ausgehen: wenn der Mensch all seine Brüder abgeschätzt hat, wenn sein Auge mit einem kühnen Blick seine Schranken vermißt, wenn er, nach dem Beispiel der Titanen, seine kühne Hand bis zum Himmelsrand auszustrecken (…)
Bei diesen leidenschaftlichen Geometrien bewegt, wenn die Geometrie selbst nicht mehr überzeugt, immer noch die Leidenschaft oder vielmehr die Darstellung der Leidenschaft ... Hinter matt gewordenen Gründen der Vernunft erkennen wir die Gründe eines Herzens, Tugenden, Laster und die große Mühe, (…)
Das Schicksal der deutschen Übersetzungen ist bekannt. Es erscheint ein berühmtes Original in fremder Sprache; alsbald wird der Entschluß gefaßt, es zu übersetzen. Diese Arbeit nun muß so sehr als möglich beschleunigt werden. Auf der einen Seite wünscht sie das neugierige Publikum bald vollendet (…)
Zu nachbarlichem Gedankenaustausch hatte der österreichische PEN-Club deutsche PEN-Autoren nach Wien geladen. Einen Vormittag lang diskutierte man die „Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und österreichischen Literatur“, unter dem Vorsitz von Hermann Kesten sprachen deutscherseits (…)
Die vorliegende Untersuchung will keine weitere zu den bereits zahlreich ersonnenen, oft recht vagen Definitionen der Spezies „Verlagslektor“ hinzufügen. Sie hat sich vielmehr zur Aufgabe gesetzt, den Wurzeln der in der Bundesrepublik so plötzlich aufgebrochenen verlagsinternen (…)
Was ich das Erlebte nenne, bezeichnet weder die Winkel des Vorbewußten noch das Unbewußte noch das Bewußte, sondern den Bereich, in dem das Individuum ständig von sich überrollt wird, von seinem eigenen Reichtum, wo das Bewußtsein so listig ist, sich selbst durch das Vergessen zu determinieren. (…)
Am jüngsten Buch von Ernst Topitsch fällt auf, daß soziologische und methodologische Erwägungen fast gänzlich hinter Feststellungen zurücktreten, die sich ausführlich mit der menschlichen „Natur“ und mit dem tierischen Erbe beschäftigen, das in der psychophysischen Ausstattung der Menschen (…)
Stephen Toulmin, Philosoph, Wissenschafter und Historiker, unterrichtet gegenwärtig an der Brandeis University in den USA. Er schrieb für die englische Zeitschrift „Encounter“ eine Neubewertung Ludwig Wittgensteins, deren ersten Teil wir in der Übersetzung Karin Achleitner-Macks in dieser Nummer (…)
Besonders in den Briefen an Engelmann gibt es Hinweise, was für Wittgenstein selbst der grundlegenden, uneinschränkbaren Dichotomie von Tatsache und Wert zugrunde gelegen haben mag. Wir können diesen Hinweisen in jede der beiden Richtungen folgen, der psychologischen und der soziologischen, (…)
1947 tauchte in Wien ein junger Mann auf, der sich Paul Celan nannte. Er kam buchstäblich aus dem Nichts. Er wurde als Paul Anczel am 23. November 1920 in Czernowitz geboren, der Hauptstadt der Bukowina, die einmal zu Österreich gehört hatte und deren gebildete Bevölkerung jüdischer Herkunft (…)
Rede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, 28. August 1970, verlesen in der Paulskirche (da Lukács gesundheitshalber in Budapest bleiben mußte). — Vgl. Günther Nenning, „Georg Lukács oder Die Flucht in die Ästhetik. Zu seinem 85. und zum Goethepreis“, NEUES FORVM, (…)
I. F., Philosoph, Soziologe, Politologe, Ordinarius der Goethe-Universität Frankfurt, Mitglied der Internationalen Redaktion des NF, befaßte sich — ursprünglich protestantischer Theologe — mit Marxismus schon zu Zeiten, als dieser in Adenauers Reich noch des Teufels war: als Herausgeber der (…)
F. H., Professor für Europäische Geistesgeschichte, Universität Wien, Redaktionsbeirat des NF, hielt nachstehendes Referat (gekürzt wiedergegeben) bei der IDC-Konferenz am CIDOC-Institut von Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico. Vgl. den Vorspann zum voranstehenden Beitrag G. N.s. Großes (…)
1 Von Männlich zu Menschlich „die religion ist der ort, wo ein volk sich die definition dessen gibt, was es für das wahre hält“, sagte Hegel. es sei deshalb erlaubt, diesen ort aufzusuchen, um die gründe der täglichen politik, das „wahre“ unserer kultur zu entdecken. frühe religionen und (…)
Geb. 1935 in Wien. Lebt seit 1969 in Berlin (West). das literarische cabaret der wiener gruppe, in: Gerhard Rühm (Hrsg.), Die Wiener Gruppe, Hamburg 1967. — Gemeinschaftsarbeiten mit Achleitner, Bayer und Rühm. — die verbesserung von mitteleuropa, roman. Hamburg 1969. Neuauflage in (…)
Man kann heute viel von Marieluise Fleißer lesen, aber relativ wenig über sie. Ihren Kritikern wurde der Blick auf ihr Werk durch ihre Biographie weitgehend verstellt — tatsächlich spielen im Werk der Fleißer autobiographische Elemente eine bedeutende Rolle: Am wenigsten noch in ihrem Drama (…)
E. B., einer der originellsten Köpfe in unserem Lande, hat ein Wörterbuch über „Sex im Volksmund“ verfaßt (vgl. Rezensionsteil dieses Heftes). Das Vorwort dazu drucken wir ab, da das Buch angesichts seines hohen Preises nur wenige Leser finden wird. Ein Wörterbuch des Verbotenen Manche (…)
als ich anfang 1969 in warschau eingeladen war und bei dieser gelegenheit mit einer gruppe polnischer studenten diskutierte, wurde ich gefragt, wie ich mich denn als österreicher in deutschland fühle. es ist eine frage, die einem exilösterreicher — wenn ich mich so nennen soll — immer wieder (…)
In der „verbesserung von mitteleuropa“ wird die technokratische Utopie kritisiert. Es ist ein Stück Gewissenserforschung, wenn Wiener dem Anarchismus vorwirft, daß er „durch das projektierte — zwar vorbehaltliche — zusammengehen mit der wissenschaft den tod in sich hatte“ (XXIX). Diese (…)
Eier-Tänze
Im Vorfeld der ÖVP-Wahlkampagne machte die Bürger- und Bauernpartei ihre Muckerbrigade mobil. Schwarze Abgeordnete und Lehrer regten sich künstlich über einige Textstellen von Nachwuchsautoren auf, die im Rahmen der Stückereihe „Souffleurkasten“ des Wiener Theaterverlags Thomas Sessler (…)
Die rote Blume geht wieder in den Untergrund
Wir besuchten den iranischen Schriftsteller Nasi Khaksa in seinem Haus in der Hafenstadt Abadan, einem Zentrum der persischen Ölindustrie. Unter Pahlevi hatte Nasi Khaksa als Dorfschullehrer gearbeitet. Er schrieb Gedichte und Prosa, nach deren Bekanntwerden er von der SAVAK eingesperrt und (…)
Konrad Wünsche: Die Wirklichkeit des Hauptschülers. Berichte von Kindern der schweigenden Mehrheit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1979, 126 Seiten, DM 4,80, öS 37,50 In einem Ozean von Büchern über Schule, Schüler, Lehrer, Schulreformen, Didaktik und Pädagogik stellte Konrad (…)
I. „Widerspiegelung“ — Sinn und Unsinn Literatur bedarf keiner besonderen Rechtfertigung. Sie hat es nicht nötig, unentwegt in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingeschachtelt zu werden. Schon an und für sich ist sie wichtig. Ein Buch gibt seinem Leser und Genießer höchstpersönliche (…)
Die deutschen Ausgabe der voluminösen Flaubert-Biographie, eine Großleistung des Übersetzers Traugott König, ist im richtigen Moment gekommen. Sartre, über den „Heiligen des Romans“ schreibend, trifft unwillkürlich den Geschmack einer Zeit, die sich aus dem gesellschaftlichen Engagement in (…)
I. Philosophie ist verirrte Vernunft Aus einem Brief des jungen Novalis an seinen Bruder Erasmus, 1793, wird deutlich, daß der Zwanzigjährige mit der rationalistischen Aufklärungsphilosophie nur mehr sehr wenig zu tun hat. Eher wird man an Rousseau erinnert: Lieber Erasmus, folge der Natur (…)
I. Käfig sucht Tiger Ich bin eine lebend verbrannte Katze Zerquetscht vom Riesenreifen eines Lastzugs Gespießt auf einen Feigenbaum von Knaben Jedoch noch mit mindestens sechs Von meinen sieben Leben In den sechs verbleibenden Leben war Pasolini: 1) Linguist, 2) Literaturkritiker, 3) (…)
Gutes Geld an schlechte Dichter HINTZE: Wir wollen so etwas wie eine Dichtergewerkschaft, Autorengewerkschaft aufbauen. Irgend etwas in der Art. Weil wir viele Autoren in Österreich haben, die unter großer sozialer Not leben. GINSBERG: Welche Art von Not? Kein Geld? HINTZE: Kein Geld, (…)
Fast ein Messias
ein Film nicht von Ch. I. Hintze, sondern über ihn, seine Aktivitäten, nämlich das Zettelausteilen, von Alfred Kaiser gemacht / auffallend für mich, dasz H. in Deutschland von jungen Leuten als ein Künstler empfangen wurde, der etwas sehr ungewöhnliches tut / aufgefallen ist mir, dasz (…)
Böse Dichter
Ich muß hier dazwischentreten, weil ich es nicht erlauben kann, daß heute wieder Ähnliches geschieht wie schon am Freitag bei der Eröffnung: nämlich, daß die so notwendige (Not-Wende!) und so notwendig drastische Selbstdarstellung und Konfrontation der Dichter und Schriftsteller vor der (…)
Sozialpartnerisch statt habsburgerisch
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Handke und Bernhard auf der einen und Paritätischer Kommission auf der anderen Seite? Robert Menasse glaubt in seiner Dissertation, auf diese Frage eine Antwort gefunden zu haben. Was das „Österreichische“ an der österreichischen Literatur sei, hat „schon (…)
Die polnische Literatur nimmt seit jeher innerhalb der slawischen Literatur, beziehungsweise innerhalb der Literatur der osteuropäischen Länder eine Sonderstellung ein. Man könnte sagen, sie war, trotz aller slawischen Besonderheiten, stets westlich orientiert, denn sie ist die einzige Literatur (…)
AUF SCHREI BEN. Texte österreichischer Frauen, Wiener Frauenverlag, Drachengasse 2, A-1011 Wien, Wien 1981, 189 Seiten, DM 17,90, öS 136 Diese Anthologie von Texten österreichischer Frauen erschien im neugegründeten Wiener Frauenverlag, der keine kommerzielle Firma, sondern ein (…)
Der Weg zur Insel der Phantasie In einem Ozean, den noch kein Mensch gesehen hat, liegt eine kleine Insel. Niemand wird diese Insel jemals finden, denn sie liegt in der Phantasie, und nur einer, der viel Phantasie hat, wird sie entdecken. Die Insel ist zwar klein, aber trotzdem hat noch (…)
Die germanischen Recken waren zweifellos gewaltige Recken, aber schreiben konnte nicht einmal richtig Karl der Große. Und doch gab es eine Menge von Heldenepossen. Unter den Germanen und zwischen ihnen gab es nun ein sehr literarisches Volk. Seine Leute waren zum Beispiel die Verfasser des (…)
Im November 1976 sagte Friedrich Torberg zu Brigitte Schwaiger, sie solle das lieber sein lassen, Schnitzler zu parodieren. Die damals noch Jungautorin (u.a. FORVM; Torberg: „Ich hab doch nicht gewußt, was der Nenning mit dem FORVM machen wird!“) war desto verblüffter, als Torberg nach der (…)
„Die Wirklichkeit verrät die Kunst.“ „Nein. Die Kunst verrät die Wirklichkeit.“ „Das sowieso.“ Vom häufigen Umziehen der Kunst / Vom größten Fortschritt des Intellektuellen / Warum die Künstler Künstler sind / Von der Freiheit der Schokolade / Vom Budgetposten der inneren Sicherheit / Von (…)
Im Lauf der siebziger Jahre begann der Geist der Sozialpartnerschaft das kulturelle, also auch literarische Leben in Österreich völlig zu durchsetzen und zu durchdringen. Die Ideologie der Sozialpartnerschaft, zur Staatsideologie geworden, begann Mitte der sechziger Jahre immer deutlicher auch (…)
Ich habe hier den Killinger eins, das österreichweit verbreitete Sprachlehrbuch. Mit seiner Hilfe gehe ich wie jedes Jahr daran, die Aphasien der in den Bergen aufgewachsenen Kinder zu überwinden: ihr Stammeln, ihr Haarsträuben, den Druck in den Schultern. Es wird im ersten Jahr nur Teilsiege (…)
§ 1. Die Apokalypse-Stummheit Für das Enorme war plausiblerweise die normale menschliche Sprache nicht „gemacht“, auf dessen Benennung, Darstellung und Bewältigung nicht vorbereitet. Der Aufgabe, das Maß- und Grenzenlose, mit dem wir uns seit 1945 pausenlos konfrontiert wissen — nein: eben (…)
Teil I erschien in FORVM Nr. 423/424, März 1989. § 3. Das Faktum als Fatum Obwohl Heidegger zu den ersten Denkern gehört hat, die die Großtechnik, namentlich die atomare, als das Problem von heute, nein, als unser möglicherweise endgültiges Verhängnis, durchschaut hatten, hat er es doch (…)
Was soll frau zu einem Buch sagen, in dem es vor narzißtischen Helden und geopferten Frauen wimmelt — Gedanken zu Klaus Theweleits kürzlich erschienenem „Buch der Könige“. Theweleit bedient sich des Mythos von Orpheus und Eurydike, um über männliche Kunstproduktion folgende These aufzustellen: (…)
Sprache und Endzeit (III)
Teil I erschien hier im März, Teil II im Juni. § 6 Die Beschränktheit der Experten Arbeitsteilung idiotifiziert Um den Gedanken in Betracht zu ziehen, gegenüber ihrer eigenen Sprache und gegenüber der Weltsituation, die durch ihre Sprache nun einmal entworfen und vorausgesetzt wird, (…)
Die Philosophin und Schriftstellerin Eva Meyer lebt in Berlin. Sie ist mit ihren Veröffentlichungen — u.a. „Zählen und Erzählen“, „Versprechen — ein Versuch ins Unreine.“ — eine der Vordenkerinnen für eine Theorie des Weiblichen im deutschsprachigen Raum. Eva Meyer ist neben ihrer (…)
Werden die Frauen in Mohammeds Harem „Huren“ genannt? Das Teheraner Todesurteil über Salman Rushdie beweist, daß es den Frommen zur „Verletzung religiöser Gefühle“ reicht, ein Buch nicht gelesen zu haben. War es die Absicht, den Ayatollah zu provozieren? Khomeini kommt in „The Satanic Verses“ (…)
Vor kurzem war die sensible Verfilmung seiner Erzählung „Die Toten Fische“ bei uns zu sehen. Im Hannibal-Verlag erscheinen seine „Gesammelten Schriften über Jazz“. Und im „Theater Brett“ in Wien hat im März Vians Drama „Die Reichsgründer“ Premiere. Grund genug, einige der vielen Leben Boris (…)
Ein Konzept, eine Ausstellung, ein Porträt. Ich weiß nicht, was in Wien geschehen müßte, damit das Volk darüber keine Witze macht. Einen runden allerliebsten Witz, der schon der Dialekt von selbst hevorbringt ... Anderswo, in jeder anderen Stadt, würde die Regierung mit Schimpfworten (…)
Vicki Baum — Sie war Harfenspielerin von Beruf und Boxerin aus Leidenschaft. Aber den Weltmeistertitel erlangte sie in der Literatur. 30 Jahre nach ihrem Tod ist es an der Zeit, die gebürtige Wienerin als das zu würdigen, was sie wirklich gewesen ist: nicht nur die populärste, sondern auch die (…)
Mit Mircea Dinescu, Lyriker, Präsident des rumänischen Schriftstellerverbandes — er war es, der im rumänischen Fernsehen seinerzeit die Botschaft vom Sturz Ceaușescus verkündet hatte — sprachen Ulrike Stadler und Eva Roventa-Gressel, die auch die Übersetzung besorgt hat, am Freitag, dem 29. (…)
Seit seiner Anstiftung zum Weltuntergang, Das Untier, erfreut er uns mit schwarzbrillantenen Büchern — Schwedentrunk, Hirnschlag, Patzer u.v.a.m. Bei den »Münstereifler Literaturgesprächen« verkündete er: „Eine ästethische Kategorie ist ausgereizt“; so hat er damit sich grad „in die (…)
Dieser Tage erschien — als aktuelles Statement zur heutigen Situation — in der Slowakei der nachstehende, leicht gekürzte Diskussionsbeitrag unseres Autors vom »II. Kongreß der tschechoslowakischen Schriftsteller 1956«. »Radio Free Europe« verbreitete bereits eine Stunde nach dem Statement, L. (…)
Keine Milde bei Tumulten. (ÖVP-Innenminister Soronics) Das Österreich der sechziger Jahre entwickelte sich wie viele der westlichen Industrienationen nach der Phase des Wiederaufbaus zu einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft mit ihren typischen Begleiterscheinungen. Die Phase der (…)
A.G., Anti-Waffen-Bruder der 68er-Studentenbewegung, von der anderen, der Aussteiger-Fraktion, war als Gastprofessor der Schule der Dichtung in Wien — die Gelegenheit zu diesem Gespräch nützte Diana Huppert. Wenn Revoluzzer ältere Herren werden. Sorgfältig, elegant gekleidet, immer mit Hemd (…)
Wie man konjunkturbewußt der Macht des Bestehenden und der bestehenden Macht huldigt. Die neue Sprachregelung Von allen Seiten verkünden uns Autoren ungefragt ihren Ekel vor dem Typus, den sie die »guten Menschen« nennen. Konrad Liessmann kann die »guten Menschen nicht leiden, die Jörg (…)
Sehr geehrter Herr Schlesinger, liebe Redaktion, ich stelle mit Verwunderung fest, daß Sie, Herr Schlesinger, sich offensichtlich nur sehr marginal mit feministischer Sprachanalyse beschäftigt haben: man benötigt eben nicht nur ein großes I und/oder einen Schrägstrich, wie Sie im übrigen ja in (…)
Dieser Idee liegt die Utopie der Überwindung der Trennung zwischen KünstlerIn und sogenanntem Publikum, zwischen Kunst und sogenanntem Leben zugrunde. In der mail art wird nicht nur diesem Anspruch Rechnung getragen, sondern auch der Idee, daß KünstlerInnen ein Netz aufbauen, das von (…)
„Muß von zwei einander völlig widersprechenden Aussagen unbedingt die eine wahr und die andere falsch sein?“ (Verschleierungstechniken, in: Wichtig – Kunst von Frauen, Wien 1989) Ein Gesprächsporträt von Liesl Ujvary, Künstlerin in Wien. Was die Welt zusammenhält Harte Zeiten – Weiche Knie (…)
Ein Porträt der Autorin Margret Kreidl, zusammengestellt aus Gesprächsnotizen. ZOOM: Von dir ist vor kurzem im Wieser Verlag ein Buch mit dem Titel „Ich bin eine Königin“ erschienen. Beginnen wir damit, daß Du über dieses Buch sprichst? Margret Kreidl: In dem Buch sind einerseits (…)
abgeschleppt sagen sie mir eins, sagen sie mir eins, was. er wurde abgeschleppt, wie ein ziviler mensch eben abgeschleppt wird, wenn er falsch parkt. denken sie an ihre familie, hat vorher noch so ein idiot zu ihm gesagt, aber nein, er hat sich falsch hingestellt und darum wurde er (…)
Meine ersten Erfahrungen mit mail art stammen ungefähr aus dem Jahr 1967, als Edgardo Antonio Vigo, Guillermo Deisler, Dámaso Ogaz und ich unsere jeweiligen Publikationen austauschten. Von diesen Publikationen ausgehend, montierten wir schließlich unsere künstlerischen Grundsätze. Offiziell (…)
Friedrich Torberg und Hans Weigel
Friedrich Torberg und Hans Weigel waren die beiden bekanntesten und wohl auch bedeudendsten jüdischen Schriftsteller in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide waren im deutschen Sprachraum als Verfasser von zahlreichen eigenen literarischen Werken sowie als Publizisten, Herausgeber, (…)
Porträt der Autorin Petra Ganglbauer: „Ja, und da sind wir wieder dort – ganz am Anfang: Grundsätzlich würde ich sagen ...“ Bevor Sie im Cyberzelt surfen, heißt es: Organe wegwerfen, die Knochen dazu. Verschütten Sie Ihr Blut. Verteilen Sie’s. Verlieren Sie Ihren Kopf an den Chip. Was fortan (…)
Rea Nikonova: O das O U das O A das O O das A Na sprich sprich sprechen ist leicht aus: Tautologien, Teil II (1965-1985) Rea Nikonova und Serge Segay leben in Eysk (Yesk) in Rußland. Sie befassen sich mit visueller, konkreter Poesie (…)
„Mutter und Sohn sind auf Wanderschaft, begegnen zwei Wanderern, und der Sohn stellt sich vor und sagt: ’Ich bin das Muttersöhnchen.’ Die beiden Männer spotten zuerst, sind irritiert und bekommen dann Angst.“ Ein Gespräch mit der Autorin Ruth Aspöck. ZOOM: Wie siehst Du deine Rolle als (…)
Ich sage, „das ist experimentelle Literatur“, und sag’ dann immer: „Das ist experimentelle Literatur, weißt eh, unter Anführungszeichen.“ Also „experimentelle“ Literatur. Ein Gespräch mit der Autorin Christine Huber. ZOOM: Du hast schon als Kind den Wunsch gehabt, Schriftstellerin zu werden. (…)
Looking for a man with postal uniform and rucksack! It could be the net mail man! Am 1. Jänner 1992 starteten die beiden MailArtistInnen Angela und Peter Network (Angela Pähler und Peter Küstermann) aus Minden (Germany) auf Anregung des Aktionskünstlers Hans-Ruedi Fricker diese wohl (…)
und dann vergebt mir, ich weiß selbst nicht, wie es kam, wir wurden älter und seriöser, wir bekamen einen haushalt und eine karriere, eine magenkrankheit und vielleicht eine auszeichnung, aber im tausch mußten wir die flammen in unseren händen erlöschen lassen. (louis paul boon, eine straße in (…)
Wieso bücher?, fragt Klaus Wagenbach sich u. andere anläßlich des dreißigjährigen jubiläums des Wagenbach verlages. verschiedene schreibende versuchen darauf eine antwort zu geben (erschienen 1994 bei Wagenbach). wieso bücher, fragen wir uns, halb scherzhaft u. ironisch, aber durchaus an so (…)
widmung 1 diesen text widme ich einem freund, der, als ich ihm eine monatszeitung, die wir zufällig doppelt haben und in der er blättert, mitgeben will, sagt: „nein danke, sonst muß ich das alles lesen“ und der mich daran erinnert, daß es nicht möglich ist, „alles“ zu lesen, über „alles“ (…)
Die Zeitschrift Freibord hat ihre hundertste Nummer herausgebracht. Aus diesem Anlaß sprach Ilse Kilic mit dem Herausgeber Gerhard Jaschke. Zoom: Ich frage mal ganz naiv, wie das war, wie Du mit der Zeitschrift angefangen hast, so von den Bedingungen, was war das für eine Situation damals? (…)
In einer Pressekonferenz im Literaturhaus am 19.3.1998 präsentierte sich das Gehörlosentheater ARBOS unter seinem künstlerischen Leiter Herbert Gantschacher der versammelten Presse, um das Programm des ersten Gehörlosentheaterfestivals in Österreich zu präsentieren. Sechs Produktionen wurden ab (…)
Was zum Teufel mache ich mit meinem Leben?
Den Titel entlehne ich einem Bild (Abb. 1) aus der ComixSerie mit dem deprimierenden Titel „NO HOPE“ von Jeff LeVine – in beeindruckender Weise und voll düsterschwarzem Humor wird uns hier die Aussichtslosigkeit vor Augen geführt, etwas mehr als „ein kleines bißchen Glück“ zu ergattern. Die (…)
Eine Gelegenheit für interessierte Kreise
Wir interessieren uns für im Wirtschaftswettbewerb erhebliche Vorgänge und nicht für Kulturförderung. Frank Rawlinson, EU-Administrator der Generaldirektion X, Wien, 23.3.1994 Kulturpolitik wird nicht nur innerhalb der Europäischen Union, sondern auch innerhalb Österreichs in aller Regel als (…)
Sie entstammt einer vermögenden Familie und wurde 1948 in Managua/Nicaragua geboren. Sie studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie wurde verhaftet und zu sieben Jahre Haft (…)
Der Zerfall oder die Zerschlagung Jugoslawiens machte einmal mehr deutlich welch mörderische Konsequenzen nationalistische und völkische Logiken auch heute noch haben können. Jugoslawien bildete dabei nach dem zweiten Weltkrieg in seinem Nationenkonzept einen Sonderfall, der neben der (…)
Zeitversetztes Zerwürfnis zweier Zufrühgekommener. Zusammengestückelt von Königsberg, Mai 1799. Der junge Hegel besucht den alten Kant. Beim Spazierengehen stoßen der abgehende und der angehende Philosoph zufällig auf ein temporär irrtümlich um viele Jahre zu früh plaziertes Pornogeschäft. (…)
Der Boxer, Anarchist, Deserteur, Abenteurer und Herausgeber der Zeitschrift Maintenant beschrieb sich selbst als Hochstapler, Seemann im Pazifik, Mauleseltreiber, Orangenpflücker in Kalifornien, Schlangenbeschwörer, Hoteldieb, Neffe von Oscar Wilde, Holzfäller in den riesigen Wäldern, (…)
Es wäre Zeit sich über die Struktur und Funktion des „political-correctness“-Diskurses, der nicht nur von der neuen Rechten und der FPÖ betrieben wird, Gedanken zu machen. Derzeit handelt es sich bei der Meinungsfreiheit wohl um die — von der FPÖ und ihren Regierungsmitgliedern — am meisten in (…)
Oder die Kunst, die Welt so zu sehen, daß einem dabei lachend schlecht wird. Alle Jahrzehnte einmal bricht sie wieder hervor, die Wissenschaft der erfundenen Lösungen und der Ausnahmen: die ’Pataphysik. Vielleicht genau dann, wenn die Welt ruhig betrachtet am verrücktesten, am brutalsten (…)
Großeltern der Interventionskunst oder Intervention in die Form
Sicherlich erinnern Sie sich nicht mehr daran, wie Plato im Entwurf seines Staates als vollendetes Gemeinwesen mit der Kunst verfährt. Er versagt ihr im Interesse des Gemeinwesens den Aufenthalt darin. Er hatte einen hohen Begriff von der Macht der Kunst. Aber er hielt sie für schädlich. Daß (…)
Nach der Vernichtung des Großteils der österreichischen Roma durch den Nationalsozialismus dauerte es Jahrzehnte bis die verbliebenen, weitgehend traumatisierten Angehörigen der burgenländischen Roma wieder das Selbstbewusstsein hatten, nicht nur über ihre Verfolgungen zu sprechen, sondern auch (…)
In diesem Artikel möchte ich Fragen stellen zu einer Problematik bzw. einem Widerspruch schwuler Textpornografie: die Reproduktion heterosexistischer und patriarchaler Motive. Ausganspunkt dieser Reflexion sind Texte aus englisch- und deutschprachigen Anthologien und Romanen, die ich in (…)
Im Universum der Social Fiction, das viele Möglichkeiten der Gestaltung sozialer Beziehungen eröffnet, kreisen Geschlechterverhältnisse in sattsam bekannten Bahnen. Ihr Ausdruck in körperlicher Nähe und sexuellen Akten bleibt erstaunlich dichotom, denn die Kreation des Cyborg Jod – der in der (…)
Die gegenwärtige sozialtheoretische Diskussion ist hierzulande, auch in Zeiten allseits beschworener Globalisierung, weitgehend unbedarft was theoretische Beiträge aus Ländern jenseits des Horizonts der hochindustrialisierten Gebiete betrifft. Der folgende Text stellt einen der relevantesten (…)
Der Hase im Pfeffer: Ein fahrender Ritterkäfer aus dem Lankandonischen Urwald
Nein, sagt Subcomandante Marcos, die Wahrheit ist, daß sich die Sprache in eine Obsession verwandelt, besonders wenn du explizite, funktionelle Botschaften vermitteln möchtest und suchst, wie du sie am besten formulieren kannst. Manchmal hast du Glück, manchmal Pech. Du kommst immer wieder auf (…)
Wie deutsch waren die Stars der deutschen Nachkriegsliteratur? Als Ingeborg Bachmann 1952 in Niendorf an einer Tagung der Gruppe 47 teilnahm, notierte sie in ihr Tagebuch: „Am zweiten Abend wollte ich abreisen, weil ein Gespräch, dessen Voraussetzungen ich nicht kannte, mich plötzlich denken (…)
In der Traumaforschung gibt es den Begriff Men-made-desaster, er bezeichnet eine durch Menschenhand, bzw. durch vieler Menschen Hand produzierte Katastrophe unter der wiederum (meist andere) Menschen zu leiden, zu sterben haben. Wenn mensch die Shoah als ein durch Menschen verursachtes Desaster (…)
Das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog lädt in Zusammenarbeit mit Context XXI und dem Republikanischen Club Neues Österreich zur Lesung von Lotte Tobisch und Wolfgang Gasser. Nach einer Idee der Zeitschrift Context XXI. Lotte Tobisch-Labotyn Geboren in Wien. Ab 1943 (…)
Kaum ist der Silvesterrausch ausgeschlafen, begibt sich Deutschlands rot-grüne Regierung in den Antidiskriminierungstaumel. „Wir erfüllen mehr als nur die Forderungen aus Brüssel“, wird betont. Das nun eilfertig verabschiedete Gesetz sei besonders „lebensnah“ und „anwenderfreundlich“. Jedoch (…)
Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.
„Stadt aus Glas“ erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Zu Beginn wirkt dieser erste Teil der „New York Triologie“ wie eine Kriminalgeschichte. Paul Austers erster Roman wird in insgesamt sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.
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Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.
Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.
Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.
Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.
Eine kurze Geschichte der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, referiert von Alexander Emanuely. Ein erster Teil wird einen Überblick darüber bieten, wie Dadaistinnen, Surrealistinnen, PataphysikerInnen und SituationistInnen sich als Avantgarden verstanden — und wie sie danach trachteten die (…)
Eine kurze Geschichte der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, referiert von Alexander Emanuely. Ein erster Teil wird einen Überblick darüber bieten, wie Dadaistinnen, Surrealistinnen, PataphysikerInnen und SituationistInnen sich als Avantgarden verstanden — und wie sie danach trachteten die (…)
In Oberösterreich zumindest ist der Name Franz Stelzhamer jedem Kind vertraut. Eines seiner Mundartgedichte dient seit 1952 als offizielle Landeshymne, „wia a Hünderl sein’ Herrn“ soll man, geht es nach dem Franz von Piesenham und den für diese Entscheidung verantwortlichen Landespolitikern, (…)
Wer heute schwerwiegende Mängel in den Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens sowie der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat, gehört zu den programmierten Verlierern des Arbeitsmarktes. Denn zum einen haben die technologischen Entwicklungen der letzten (…)
Raffiniert: „Ein heißer Sommer!“ „Fairgeben“ und „Fairsorgen“. Der Kalauer ver-spricht, ohne auszusagen, hat aber weniger mit Satire als mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Die Werbesprache im öffentlichen Raum, der neoliberale Manager-Sprech, hat sich längst für den Kalauer (…)
Postnazistische Anstalt
In memoriam Paul Stefanek I Das Institut für Theaterwissenschaft in Wien, wie ich es Ende der siebziger Jahre kennenlernte, erfüllte nicht nur allgemein die Kriterien einer postnazistischen Anstalt. Der familiäre Charakter, der hier den Ton angab; die unabwendbare Nähe und Vertrautheit im (…)
Und Jacques’ an der Marne getöteter Vater. Was bleibt von diesem anonymen Leben? Nichts, eine verschwindend kleine Erinnerung – die geringe Asche eines beim Waldbrand verbrannten Schmetterlingsflügels.* Seinen Vater vermisste Jacques zeitlebens. Er war noch kein Jahr alt, als dieser im Herbst (…)
Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und satten. Die satten bleiben vergnügt zu Haus, Die hungrigen aber wandern aus. Sie wandern viel tausend Meilen, Ganz ohne Rasten und Weilen, Gradaus in ihrem grimmigen Lauf, Nicht Wind noch Wetter hält sie auf. Sie klimmen wohl über die (…)
von Dmitrij Kapitelman Hanser Verlag, Berlin 2016, 286 Seiten, ca. 20 Euro. Rezension Vom Judentum ausgeschlossen zu werden ist doch eigentlich ein Geschenk! Wozu will ich einer der allzeit verhasstesten Gruppen angehören?“ Diese Frage ist in Dmitrij Kapitelman – genannt Dima – langsam gekeimt (…)
Die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten. (Horkheimeer/Adorno, Dialektik der Aufklärung) Was für ein kometenhafter Aufstieg für ein erst kürzlich erfundenes (…)
I. Ich. Wer bin ich? Oder doch, was? Ich schreibe. Bin ich Schriftsteller? Aber woher denn! Und vor allem auch, wozu? Was ist mit einem, der nicht behaupten will, Schriftsteller zu sein, kann der sich behaupten, wenn er schon die Behauptung verweigert? Soll ich nicht doch noch Schriftsteller (…)
moderiert und dann textlich destilliert von Hermann Engster Das Problem: Ich wollte herausfinden, ob Brechts Kindergedichte auch in der Schulpraxis funktionieren. Die Versuchsanordnung: drei Grundschulen in Göttingen, vier vierte Klassen an jeweiligen Terminen, Buben und Mädchen im Alter von (…)
Wie die ambivalente Beziehung der beiden Philosophen wechselseitig begründete Wertschätzung mit ebensolcher Feindseligkeit, wenn nicht Verachtung mischt, sollen diese Beiträge nachzeichnen. Am Anfang steht der peinlichste Auftritt, den ein philosophisches Seminar je erlebt haben dürfte. Der (…)
1. Niemand, außer Bischof Berkeley (und, um uns nicht auf die abendländische Tradition zu beschränken, schon zuvor der islamische Philosoph Al-Ghazzali), wird wohl bezweifeln wollen, dass es eine objektive Realität außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein gibt, und zwar in dem Sinne, (…)
Kinder brauchen Märchen. (Bruno Bettelheim) Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm waren nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene gedacht, als Unterhaltungsbedürfnis für Menschen aus allen sozialen Schichten: für Bauern, Dienstleute und Handwerker bis hinein ins großbürgerliche (…)
Die Sprache ist von solcher Fatalität durchdrungen, dass sie in erster Linie jede grundsätzliche Infragestellung des Warensystems lähmt. (Raoul Vaneigem, Buch der Lüste) Wir verstehen uns nicht blind, wir verstehen uns sprechend. Zu sprechen oder nicht zu sprechen, steht uns nicht frei. Wenn (…)
These Spiele, Kind, in der Mutter Schoß! Auf der heiligen Insel Findet der trübe Gram, findet die Sorge dich nicht, Liebend halten die Arme der Mutter dich über dem Abgrund. Schiller, Der spielende Knabe Das Märchen Hänsel und Gretel hat Wilhelm Grimm im Haus der Familie Wild in Kassel (…)


