Streifzüge, Jahrgang 2024
Mai
2024

Im Käfig der Sprache

Die Sprache ist von solcher Fatalität durchdrungen, dass sie in erster Linie jede grundsätzliche Infragestellung des Warensystems lähmt.

(Raoul Vaneigem, Buch der Lüste)

Wir verstehen uns nicht blind, wir verstehen uns sprechend. Zu sprechen oder nicht zu sprechen, steht uns nicht frei. Wenn wir etwas wollen oder ablehnen, begehren oder verneinen, müssen wir sprechen. Explizit machen heißt sprechen, das zu Sagende auszuformulieren und festzuhalten. Sprechen heißt in den allermeisten Fällen, etwas zu verbalisieren. Impliziten Deutungen sind in unserer komplexen Ordnung engere Grenzen gesetzt, als dies in archaischen und älteren Zusammenhängen der Fall gewesen ist. Wir müssen ganz einfach sprechen und auch schreiben und lesen, um miteinander kommunizieren zu können. Wir sind explizit auf das Wort und den Satz, den Text angewiesen. Die Sprache ist Ausdruck des Bewusstseins und das Bewusstsein ist Ausdruck der Sprache, sie gehen ineinander über, bezeichnen nur unterschiedliche Aspekte ein und desselben, ohne dass das eine das Ursprüngliche und das andere das Folgende wäre. Sprache und Bewusstsein sind nicht zu trennen. Da nimmt nicht das eine auf das andere Bezug, schon gar nicht hintereinander, sondern das eine und das andere sind untrennbar verwoben.

Sprechen und entsprechen

Martin Heidegger schreibt:

Dies alles vermögen wir nur, wenn wir vor der anscheinend immer nächsten und allein als dringlich erscheinenden Frage: Was sollen wir tun, dies bedenken: Wie müssen wir denken? Denn das Denken ist das eigentliche Handeln, wenn Handeln heißt, dem Wesen des Seins an die Hand gehen. Dies sagt: dem Wesen des Seins inmitten des Seienden jene Stätte bereiten (bauen), in die es sich und sein Wesen zur Sprache bringt. Die Sprache gibt allem Überlegenwollen erst Weg und Steg. Ohne die Sprache fehlt jedem Tun jede Dimension, in der es sich umtun und wirken könnte. Sprache ist dabei niemals erst Ausdruck des Denkens, Fühlens und Wollens. Sprache ist die anfängliche Dimension, innerhalb deren das Menschenwesen überhaupt erst vermag, dem Sein und dessen Anspruch zu entsprechen und im Entsprechen dem Sein zu gehören. Dieses anfängliche Entsprechen, eigens vollzogen, ist das Denken. Denkend lernen wir erst das Wohnen in dem Bereich, in dem sich die Verwindung des Seinsgeschickes, die Verwindung des Gestells, ereignet. Das Wesen des Gestells ist die Gefahr. Als die Gefahr kehrt sich das Sein in die Vergessenheit seines Wesens von diesem Wesen weg und kehrt sich so zugleich gegen die Wahrheit seines Wesens. In der Gefahr waltet dieses noch nicht bedachte Sichkehren. Im Wesen der Gefahr verbirgt sich darum die Möglichkeit einer Kehre, in der die Vergessenheit des Wesens des Seins sich so wendet, dass mit dieser Kehre die Wahrheit des Wesens des Seins in das Seiende eigens einkehrt.

(Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1962, S. 40)

Entsprechen durch Sprechen ist Grundlage der Affirmation. Praktisch sowieso, aber ebenso auf geistiger Ebene. Die Frage „Wie müssen wir denken?“, die stellen nicht wir, sie stellt sich uns. Resultate gleichen Vollzügen, nicht Vorhaben. Freiheit kommt auch hier selten über die Einsicht in die Notwendigkeit hinaus. Eine Frage wird uns gestellt, auf dass wir sie beantworten. Sie hat impliziten Charakter, entsprechende Haltungen wie Handlungen sind die Konsequenz. Meist reicht Erfahrung, um das zu erledigen, was ansteht. Daher führt Heidegger dieses Handeln auch als Entsprechen und Vollzug aus. Mündigkeit ist vollzogene Hörigkeit. Man weiß vielleicht nicht, was man sagt, aber man weiß ziemlich sicher, was man zu sagen hat. Dieses Denken kommt über das Nachdenken nicht hinaus, weil dieses völlig Genüge tut. Dieses Entsprechen ist ohne Widersprechen. Weg und Steg verlaufen schon, sie markieren, drängen uns dorthin, wo wir schon sind. Wir laufen also im Kreis. Tatkräftige Übereinstimmung vollzieht sich in Bewusstsein und Sprache durch Handeln. Wir denken kaum „Wie denken wir?“. Meist wird das Servierte neu serviert, das Gedachte abermals gedacht, das Geschriebene noch einmal geschrieben. Insofern sind digitale Algorithmen durchaus Konkurrenz und Ersatz analoger Konvention oder vielleicht auch deren adäquate Vollendung.

Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache; dieser Satz auf den Menschen angewandt, besagt: das sprachliche Wesen der Menschen ist seine Sprache. Das heißt: Der Mensch teilt sein eignes geistiges Wesen in seiner Sprache mit. Die Sprache des Menschen spricht aber in Worten. Der Mensch teilt also sein eignes geistiges Wesen (sofern es mittelbar ist) mit, indem er alle anderen Dinge benennt.

(Walter Benjamin, Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen (1916). Gesammelte Werke I, Frankfurt am Main 2011, S. 208)

Sprache ist Konkretion durch Abstraktion, ein Vorgang, der sich immer wieder zwangsläufig im Sprechen und Hören, Schreiben und Lesen synthetisiert. Ihre Zulässigkeit ist nicht Gegenstand der Verhandlung. Im Gegenteil, Sprache ist vorausgesetzt, ja vorgesetzt. Ihr Modus ist die ständige Reprise. Ihr Code mag verletzbar sein, ersetzbar ist er nicht. Zumindest noch nicht. Die herrschende Sprache ist die Sprache des Herrschenden. Sie wird nicht nur gelehrt in Bildungseinrichtungen von den Volksschulen bis zu den Universitäten, sie wird auch unablässig reproduziert durch das ökonomische, mediale und politische Geschehen, vor allem in seinen kulturindustriellen Dimensionierungen. Ihre Präsenz ist eine Omnipräsenz. Ihre Sätze und Redewendungen, ihre Phrasen und Begriffe setzen sich durch ständiges Wiederholen und Abspulen in Szene und somit auch durch. Es wird so geredet, also reden wir so.

Wir trainieren, ohne eigens zu üben. Diese Gewöhnung in Permanenz prägt uns und wir können nur mit großer Anstrengung und Mühe aussteigen, wenn überhaupt. Es gilt also, so zu sprechen und so zu schreiben, erstens, um subjektiv den Anschluss zu wahren, und zweitens, um objektiv den Anschluss immer wieder zu bestätigen. Zugehörigkeit, also Hörigkeit, ist obligat. Der Einzelne konstituiert sich als treues Glied der Sprachgemeinschaft und die Sprachgemeinschaft konstituiert sich wiederum über diese Treue stets aufs Neue. Es ist der Prozess einer praktizierten Affirmation, die nicht einmal auf Zustimmung oder gar Bekenntnis angewiesen ist. Jene vollzieht sich synthetisch hinter dem Rücken bornierter Akteure. Normative Schreibweisen und Redewendungen sind elementar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Betätigung meint Bestätigung. Von Staaten und Gesellschaften, die sich eben eine Sprache zugelegt haben, wird das auch vorausgesetzt, ohne es wirklich regulieren oder gar verordnen zu müssen. Diese Sprache manifestiert sich nicht nur, sie multipliziert sich in den Äußerungen des Alltags, in Geschäft und Schule, Politik und Freizeit. Und die Digitalisierung hat diese Multiplikationen noch einmal potenziert.

Die Sprache der Autorität regiert immer nur dank der Kollaboration der Regierten, das heißt mit Hilfe sozialer Mechanismen zur Produktion jenes auf Verkennung gegründeten Einverständnisses, das der Ursprung jeder Autorität ist.

(Pierre Bourdieu, Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tauschs (1982). Mit einer Einführung von John. B. Thompson. Übersetzt von Hella Beister. 2. erweiterte und überarbeitete Auflage, Wien 2005, S. 107)

Anders ginge es gar nicht; jede Kommunikation würde misslingen. Und diese Kollaboration ist eine, die nicht nur über die Sprache erfolgt, sondern die in der Sprache bereits angelegt und vorgegeben ist. Der große ideelle Hegemon ist die gemeinsame Sprache. Sie ist Ausdruck des determinierenden Regulativs. Kein Bereich wird verschont. Verständnis setzt Einverständnis. Dieses Einverständnis ist keine Frage der Entscheidung. Im Normalfall ist hier nichts zu scheiden, sondern einzulösen. Die gesellschaftlichen Bedeutungen des Vokabulars sind vorgegeben, nur bedingt formbar. Jeder Zugriff auf ein Wort ist ein Zugriff des Wortes auf den Nutzer.

Die Sprache muss zwangsläufig immer auch Code sein. Stets muss sie Terme (als Elemente von Mengen) aufstellen und praktisch eindeutige (mengenlogische und mengenbildende) Relationen zwischen ihnen definieren, also eine identitätslogische Dimension von Eindeutigkeit umfassen und instituieren.

(Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie. Übersetzt von Horst Brühmann (1975); Frankfurt am Main 1990, S. 400)

Jede Bezeichnung setzt etwas für etwas anderes. Die Verwandtschaft mit dem Tausch ist offensichtlich. Identitäten werden behauptet, und wenn viele diesen Identifizierungen folgen, dann werden daraus Identifikationen. Der Gegenstand assoziiert sich nicht bloß, er bestimmt sich uns als solcher. Sprache ist apodiktisch. Das Sich-Durchsetzende erscheint (wie könnte es anders sein) als Regel und Gesetz. Diesen Worten sind wir verpflichtet, daher pflichten wir bei, sind ihre Advokaten. Es ist ein symbiotisches Verhältnis, das scheinbar alles Ambivalente negiert, eine eherne Zusammengehörigkeit, die einfach als gegeben und nicht als sozial konstituiert erachtet wird.

Das unbedingte Bedingte ist sie. Sprache setzt sich als unbedingt, obwohl sie bloß bedingt verwendbar ist. Sie ist also nicht für dieses und jenes geschaffen, sondern sie ist die Präformation des Gesagten. Sie greift ontologisierend ein, indem sie ihre Termini nicht nur territorial, sondern auch temporal erweitert, nach hinten wie nach vorn ausgreift. Ihre Gegenwart hält sie für allgegenwärtig. Auch übersetzen können wir lediglich etwas in der und in die uns zur Verfügung stehende Sprache. Doch wer sagt, dass diese dem angesprochenen Inhalt adäquat ist? Durch unsere Begriffe und Vorstellungen zwingen wir das zu Betrachtende mit schierer Gewissheit in ein Korsett, das dem Gegenstand überhaupt nicht zuträglich sein muss. Außerhalb ihres Anwendungsgebietes beginnen diese Termini zu wildern, sie sind eigentlich nicht kompatibel, tun aber so. Je weiter etwas entfernt ist, zeitlich (wie örtlich), desto mehr Zweifel sind angebracht. Wenn wir Aristoteles oder die Edda übersetzen, dann übertragen wir sie in unsere Worte, unabhängig davon, ob diese damals auch entsprechend gewesen wären. Wir eliminieren die historischen Schranken, unterstellen anderen Epochen unsere Kategorien, so als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Es herrscht eine temporale Kolonialisierung der Vergangenheit durch die Gegenwart. Und was für die Vergangenheit gilt, hat auch für die Zukunft zu gelten.

Man spricht nicht, was man sprechen will, man spricht, was gesprochen werden soll. Sprache ist keine Gabe, sondern eine Gebung. Menschen treten als ihre Charaktermasken auf. Man entspricht Erwartungen und man erwartet Entsprechungen. „Man akzeptiert, sich akzeptabel zu machen“, sagt Bourdieu (Was heißt sprechen?, S. 84), der Auftritt nimmt die „Form einer vorweggenommenen Zensur an, einer Selbstzensur“ (S. 85). Es ist eine integrierte Zensur, die den nunmehr identischen Zensoren und Zensierten erst gar nicht auffällt. Stets geht es um die Wartung der Formen. Diese ist durchaus umfassend zu interpretieren, sie ist mehr als eine taktische Haltung, sie ist eine grundsätzliche Programmierung. Konform heißt nicht, dass man bloß dominante und angepasste Inhalte von sich gibt, sondern vielmehr der herrschenden Form entspricht. Dass man sich an die Form und die Formen hält. Bei allem, was man sagt, ist das Wichtigste, die Form zu wahren, sie zu bestätigen. Die Form ist indes verdichteter Inhalt, sie komprimiert und konzentriert das jeweils Elementare. Diese Form bestimmt wiederum auch die ihnen zulässigen und zuträglichen Inhalte. Aus der Form gefallen zu sein, ist einer der schlimmsten Vorwürfe, die einem gemacht werden können, dagegen ist jede inhaltliche Abweichung ein geringeres Vergehen. Inhalte mögen also schwanken, bedrohlicher wird es, wenn die Form selbst ins Schwanken gerät. Erst dann kann es wirklich zu Umbrüchen führen, die auch Brüche sind, nicht bloß einen Wechsel darstellen.

Besonders in der Sprache gilt es, die Form zu wahren. Gemeint sind hier in erster Linie soziale Gepflogenheiten und nicht Grammatik und Rechtschreibung.

Das Wort, und erst recht die Redensart, das Sprichwort und alle stereotypen oder rituellen Ausdrucksformen sind Wahrnehmungsprogramme; und die verschiedenen mehr oder weniger ritualisierten Strategien des täglichen symbolischen Kampfes gehen, genau wie die großen Kollektivrituale des Ernennens oder, deutlicher noch, der Zusammenprall der Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft im eigentlichen politischen Kampf, mit einem bestimmten Anspruch auf symbolische Autorität einher, auf die sozial anerkannte Macht, eine bestimmte Vorstellung von der sozialen Welt, das heißt von ihrer Gliederung, durchzusetzen.

(Pierre Bourdieu, Was heißt sprechen?, S. 100)

Es geht nicht nur um die Sprache, es geht um den gesellschaftlichen Gebrauch der Sprache. Der Gebrauch folgt dem durchgesetzten Brauch, dies eben so und nicht anders vorzutragen. Wir sprechen, wie wir es gelernt haben zu sprechen. Ob wir wollen oder nicht, wir betreiben Traditionspflege. Wir folgen hier einer gewissen Automatik, die wir in ihrer unmittelbaren Praxis gar nicht hinterfragen können. Wir singen also ihre Lieder. In der Sprache exerzieren wir für die bestehende Ordnung. Vergessen wir auch nicht, dass Formierung und Formation militärische Begriffe sind. Der Konsens ist die Bedingung sprachlicher Herrschaft, Dissens nur als Ausnahme möglich. Zu unterscheiden ist Letzterer auch von den Varianten des Konsenses, die sich sehr wohl klassenmäßig, schichtenspezifisch, milieubedingt oder szeneaffin äußern und ihre jeweiligen Akzente setzen. Sie sind identitär bedingt und werden pluralistisch gepflegt, sie variieren aber bloß den herrschenden Duktus, der in all seinen Emanationen ein bürgerlicher ist und auch nur ein solcher sein kann. Der konjunkturelle Wechsel der Phrase macht noch keine Transformation, er ist lediglich Korrektur des Wortschatzes.

Worte sind Losungsworte und dokumentieren Abhängigkeiten. Wer permanent Losungsworte gebraucht, gibt zu verstehen, dass er einverstanden ist. Unsereiner spricht und unsereiner hört zu. Wir sind unter uns, auf Abweichung wird mit Verwunderung und Sanktion reagiert. Das Ritual wird als anerkannt vorausgesetzt. Anerkennung und Kenntnis der Sprache sind nicht eins. Die Anerkennung kann total sein, so dürftig die Kenntnis auch ist. Anerkennung ist keine Frage des Könnens, sondern des Handelns. Anerkennung vollzieht sich, Kenntnis erfordert Lehre und Lernen, also Bildung und Wissen. Der Elfenbeinturm als distanzierte Erhabenheit hat hier schon seine Meriten, geht es darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was ist.

Sprache als Tausch

Nun hat sich vermutlich die rationale Haltung dem menschlichen Geist vornehmlich aus wirtschaftlicher Notwendigkeit aufgedrängt; es ist das wirtschaftliche Tagewerk, dem wir als Rasse die elementare Schulung im rationalen Denken und Verhalten verdanken – ich zögere nicht zu behaupten, dass die ganze Logik vom Muster wirtschaftlicher Entscheidung abgeleitet ist oder, um einen Lieblingsausdruck von mir zu verwenden, dass das wirtschaftliche Modell der Nährboden der Logik ist.

(Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1947), Tübingen 2005, S. 201)

Wir handeln nicht nur nach den Gesetzen des Markts, wir sprechen auch in der Sprache des Markts. Bürgerliche Kommunikation ist Austausch.

Kommunikationstheorie ist Theorie der vermarkteten Sprache. Kommunikation ist marktmäßig betriebenes Sprechen. Ihre Ware ist das Symbol. So, wie der Markt eine gigantische Ansammlung von Werterscheinungen, eine einzige große Warenhandlung, ist Kommunikation eine riesige Ansammlung von Symbolfunktionen, eine einzige große symbolische Aktion.

Ulrich Enderwitz spricht zu Recht von einer „Versprachlichung des Marktes“. (Totale Reklame. Von der Marktgesellschaft zur Kommunikationsgemeinschaft, Berlin (West) 1986, S. 7 f.)

Sprache wird nicht angewendet, sondern verwendet. Sie ist uns intus. Besonders im Alltag sind wir ihr völlig untergeordnet und ausgeliefert. Sprache speist sich hier aus den Redewendungen und Gepflogenheiten. Dass wir im Deutschen etwa für „handeln“ zwar zwei Bedeutungen kennen, aber nur ein Wort haben, ist bezeichnend. Die Geschäftswelt will jede Tätigkeit prägen, letztlich soll alles Tun auf sie ausgerichtet sein. Und alle sollen ihre Sprache sprechen, nicht nur in der Wirtschaft, sondern überall.

Der Bourgeois hat es um so leichter, aus seiner Sprache die Identität merkantilischer und individueller oder auch allgemein menschlicher Beziehungen zu beweisen, als diese Sprache selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist und daher wie in der Wirklichkeit, so in der Sprache die Verhältnisse des Schachers zur Grundlage aller andern gemacht worden sind. Z.B. propriété Eigentum und Eigenschaft, property Eigentum und Eigentümlichkeit, ‚eigen‘ im merkantilischen Sinn und im individuellen Sinn, valeur, value, Wert – commerce, Verkehr – échange, exchange, Austausch usw., die sowohl für kommerzielle Verhältnisse wie für Eigenschaften und Beziehungen von Individuen als solchen gebraucht werden. In den übrigen modernen Sprachen ist dies ganz ebenso der Fall.

(Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie (1845-46), MEW, Bd. 3, S. 212 f.)

Jedes Handeln schreit nach einem „Handel“, jede Idee soll zu einem „Geschäft“ werden. Den Nasenring der Sprache kann eins nicht einfach ablegen. Die spezifische Terminologie der Ökonomie ist so zum allgemeinen Wortschatz des bürgerlichen Alltags und seines gesunden Menschenverstands geworden.

Und dieser Prozess sprachlicher Okkupation ist noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, es scheint heute so, dass gerade die elementaren Krisen dazu führen, die Sprache noch mehr an die Kandare zu nehmen, Sprache geradezu fanatisch und aggressiv auftritt, sich ungemein ideologisch verschärft. Terminologische Abweichungen werden zum Gegenstand öffentlicher Korrektur. Das angewandte Sprachgut reduziert sich zusehends auf wenige Floskeln und Phrasen. Der Wortschatz ersäuft in den Worten des Werts, im dürren Geschwätz des Geschäfts. Sprache wird zum Gerede. Die leeren Formeln, die nichtssagenden Worte, die belanglosen Nullaussagen, die hinterhältigen Gemeinplätze, bedeutungsschwer gerade ob ihrer Nichtigkeit, sie betreten fortwährend die Felder der Kommunikation. Zweifellos wurde noch nie so viel geredet, insbesondere telefoniert (und gesmst), was aber nicht heißt, dass wir immer mehr zu sagen haben. Keineswegs. Die Sprache verarmt zu einer Betriebsanleitung von Small Talks, sie verzweigt sie nicht (mehr), sondern schrumpft ein auf Schlagworte.

Prototypisch dafür könnte also der Small Talk stehen, die wohl häufigste Form des Miteinander-Redens. Günther Anders nannte ihn ein „tautologisches Tauschgeschäft“. (Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der industriellen Revolution, München 1980, S. 153) Da geht es hin und her, obwohl eigentlich nichts mehr hin und her geht. Er ist simulierte Kommunikation, wo das belanglose Geschwätz zum Um und Auf jeder Zusammenkunft wird. „Wie geht’s denn?“ „Aber geh! Es wird schon wieder!“ – Noch eindeutiger ist das bei der Interaktion via Gerät (z.B. Telefone, Netze). In ihrer Rationalisierung beschränken sie sich auf das Wichtigste, und das Wichtigste ist das Geschäft. Berührung wird durch Schaltung ersetzt. Und schnell soll alles vonstattengehen. Beschleunigung ist natürlich mit ein Grund, warum das Gespräch zum Small Talk wird, nur als Gerede, als Tratsch über die Bühne geht. Talking about the weather. Eine zugespitzte Form davon ist der Wordrap. Das Gesprächstempo hat sich in den letzten Jahrzehnten zweifellos um einiges erhöht. Es tendiert zu einem talkee-talkee, zum Kauderwelsch.

Die Ökonomisierung der Sprache drängt zum Small Talk, auch jene, die ihn gar nicht schätzen. Man tauscht Freundlichkeiten aus, indem man diese vortäuscht, eigentlich ist man nicht bereit, etwas zu geben und etwas zu nehmen. Da ist keine Empathie. Man ist zu. Dass der oder die andere etwas von einer oder einem haben will, wird als Zumutung, ja als Übergriff empfunden. Nur nicht berühren lassen und bloß nichts berühren. Man lässt nichts aus sich heraus, und man lässt nichts an sich heran. Es könnte ja gegen einen verwendet werden. Dabei lächelt man. Freundlichkeit ist ein dürftiges Surrogat für Freundschaft. Man verdächtigt den anderen, und man verdächtigt ihn zu Recht, weil man sich selbst als Verdächtiger und Verdächtigter kennt. Misstrauen ist eine zentrale Eigenschaft des Geschäftssinns. Man muss verdammt aufpassen. Vertrauen wird bestraft.

Sprache fängt uns ein und Sprache fügt uns zu. Wenn wir etwas können, „beherrschen“ wir es, wenn wir etwas tun, „arbeiten“ wir, wenn wir etwas begutachten, „bewerten“ wir es. Jede Wichtigkeit hat ihre „Wertigkeit“ zu haben, jedes menschliche Vermögen soll als „Humankapital“ übersetzt werden. Wenn etwa die Flucht vieler Ungarn im Herbst 1956 in einer Radiosendung als „Aderlass von Humankapital“ bezeichnet wird, merkt man, wie Sprache zuschlägt, ohne dass die Sprecher es merken. Kapitalistisches Vokabular muss herhalten, um menschliche Tragödien zu erörtern. Diese müssen unbedingt bemessen werden. Wo von Ressourcen anstatt von Talenten und Fähigkeiten gesprochen wird, sollten wir schon wissen, was Sache ist. Detto, wenn menschliche Kräfte und Energien „Kapital“ genannt werden. Da soll sich was verkaufen.

Wörter sind nicht unschuldig, wenn sie ‚naiv‘ in die gesellschaftlichen Kapitalverhältnisse miteinbeziehen, was diesen noch vor wenigen Jahren scheinbar entkommen musste. Ich denke an die Inflation des Wortes ‚Kapital‘, das von nun an die herrschende Denkweise bestimmt: ‚kulturelles Kapital‘, ‚Intelligenzkapital‘, ‚Bildungskapital‘, ‚Erfahrungskapital‘, ‚soziales Kapital‘, ‚natürliches Kapital‘, ‚symbolisches Kapital‘, ‚Humankapital‘ und vor allem ‚Wissenskapital‘ oder ‚kognitives Kapital‘.

(André Gorz, Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie. Aus dem Französischen übersetzt von Jadja Wolf, Zürich 2003, S. 59)

Der Slang des Marktes ist universell geworden. „Der Jargon wird praktikabel auf der ganzen Skala von der Predigt bis zur Reklame.“ (Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie (1962/64), Gesammelte Schriften 6, Frankfurt am Main 1998, S. 442)

Erziehung etwa ist eine Aufgabe, eine Anstrengung, eine Mühe, ein Erlebnis, sie aber als Arbeit zu definieren, zeigt, in welche Richtung sie zu gehen hat: Verwertbares Menschenmaterial soll sie erzeugen. Alles ist nur, wenn es in die Terminologie des Werts passt. Alles hat nur als etwas zu gelten, wenn man die Begriffe Kapital, Arbeit oder Wert an sie heften kann. Es ist schon gespenstisch, wenn Erziehung „Erziehungsarbeit“ und Trauer „Trauerarbeit“ heißt oder wenn menschliche Techniken, Künste und Hervorbringungen als Humankapital firmieren und schließlich das Ich noch zur Ich-Marke wird. Und von Werten wird sowieso andauernd geredet, um über das, was ihnen zugrunde liegt, den Wert, zu schweigen. Das Vokabelkomplott ist freilich kein Zufall. Auch wenn es nirgendwo strategisch geplant wurde, erfüllt es sich durch seine Anwendung. Seine galoppierende Gängigkeit führt zur Eingängigkeit. Die Ökonomifizierung der Sprache durch die Vokabel des Werts lässt uns sprechen wie aufgezogene Puppen des Kapitals, zusehends übrigens in einem schauderhaften Business-Denglisch.

Sintemal wir alles Richtung Kapital denken, sieht es so aus, als sei alles vom Kapital her zu denken, gar ihm entsprungen. Die sprachliche Zurichtung der Welt erscheint einmal mehr als Natur. Da treffen sich sogar Hausverstand und Wissenschaft, sowenig sie sich sonst auch mögen. Bestimmte Denker sprechen gar schon von „Zornbanken“ (Sloterdijk) und kommen sich in der Konventionalisierung ökonomischer Partikel auch noch originell vor. Vor allem im Kulturbereich gibt es Leute, die ganz selbstverständlich von einem „ästhetischen Mehrwert“ reden. Bereitwillig rapportieren sie den Jargon des Kapitals. Werte-Worte agitieren als Leittermini. Als solche werden sie akkreditiert. Die Gesellschaftsordnung ist auch eine Sprachordnung. Unser Sprechen gleicht einem täglichen Rapport. Tatsächlich geht es einmal mehr um die Ordnung, nicht um den Zusammenhang. Sprache ordnet ein und ordnet zu, wählt aus und drängt raus. Sprache ist die tägliche Fälligkeit, die uns Unauffälligkeit attestiert.

Die „neuen“ Wortzusammensetzungen, wahrliche Ungetüme unserer Zeit verdeutlichen eines: dass Bildung, Intelligenz, Kultur, ja der Mensch selbst nichts ist, wenn sich das alles nicht bewerten und in weiterer Folge kaufen und verkaufen lässt. Die Begriffe stehen nicht für Sache und Zusammenhang, sondern sie haben als knetbares Material der Verwertung zu dienen. Sie werden zu verbalen Gallerten des Kapitals. Als solche sollen sie wahrgenommen werden. Die ökonomische Maschinerie liefert die Matrizen für diese Betrachtungsweise.

Die Sprache, die heute unsere Inhalte in die Form zwingt, weil sie die Form in alle Inhalte zwingt, ist das Vokabular des Werts. Man sehe sich Wörter wie Wert, Ware, Arbeit oder Tausch – solo oder in Verbindung – an, die unsere Terminologie beherrschen und unsere Sprech- und Schreibweisen dimensionieren, d.h. prägen wie beschränken. Das Absurde ist nun: Je mehr sie verfallen, desto aggressiver wüten sie im ideellen Bereich. Sie tanzen den simulierten Reigen. Dass ihre Lebendigkeit ein Taumeln und Zuckeln ist, überspielen sie durch die Präpotenz des Auftritts. Die Ignoranz und Indolenz des Publikums tun dann ihr Übriges. Diesbezüglich befinden wir uns in einem Zustand allgemeiner Befangenheit, in einem Käfig der Form. Der Begriff Käfig ist übrigens nicht zufällig, vielmehr erscheint er uns als ganz ausgezeichnet, um unsere Sichtweise wie auch Aussicht zu bestimmen: Wir blicken durch die Gitterstäbe aus dem Gefängnis hinaus, aber wir kommen nicht aus ihm raus.

Sprache als Beschränkung

Unser aller Anschauungen werden formiert durch eine okkupierende Sprache, d.h. die Form bestimmt und setzt die Inhalte, die sich in ihrem Rahmen bewegen dürfen. Das ist zweifellos Funktion und Manko in einem. Sprache ist nicht etwas, mit der sich alles Mögliche ausdrücken lässt, sondern sie ist geschaffen für bestimmte Möglichkeiten. Sprache setzt also den Rahmen der Möglichkeiten, zu denken wie zu handeln. Nicht wir verfügen der Worte, sondern die Worte verfügen über uns. Sprache kontaminiert. Wenn wir etwas selbstbestimmt ausdrücken wollen, drücken sich durch das vorgegebene Vokabular die Worte des Werts durch unsere Sprache aus. Es ist zum Verzweifeln. Selbst in hellen Momenten stottern wir oft ein furchtbares Kauderwelsch zusammen. Was aber auch meint, dass diese Sprache nicht bleiben kann, sondern mittels Sprachkritik selbst aufzuheben ist. Günther Anders entwarf einst sogar eine schwarze Liste der demoralisierenden Worte (Ketzereien, München 1991, S. 130 ff.), ausdrücklich bestand er auf einer „Vokabelkritik“ (S. 136). „Jedenfalls müssen wir ununterbrochen die Vokabeln demaskieren. Die Kritik an der Sprache müsste eigentlich zum Hauptunterrichtsgegenstand gemacht werden. Aber welcher Lehrer kann das tun? Wer unterrichtet die Lehrer darin?“ (Günther Anders antwortet. Interviews und Erklärungen, Berlin (West) 1987, S. 151) Natürlich ist das vorerst ein gar frommer Wunsch, besteht doch unsere Ausbildung gerade darin, das Vokabular affirmativ anzuwenden, nicht kritisch zu hinterfragen. Sprachkritik ist unabdingbar, wobei diese keine gesonderte Spezialdisziplin darstellt, sondern selbst Teil des Sprechens und insbesondere des Schreibens werden muss. Permanent.

Wollen wir die Möglichkeiten verändern, müssen wir auch die Sprache transformieren. Kritische Theorie versucht, der Sprache Grenzen zu dehnen und zu überschreiten. Dabei hat man Regeln und Gebräuche vorsätzlich außer Kraft zu setzen, gerade um das Unverstandene verständlich zu machen. Was aber auch geduldige und willige Leser voraussetzt, die kaum vorausgesetzt werden können.

Nur der genügt dem, was Sprache erheischt, der ihres Verhältnisses zu den Einzelworten in deren Konfigurationen sich versichert. Wie die Fixierung des reinen Bedeutungsmoments in Willkür überzugehen droht, so freilich der Glaube an die Vormacht des Konfigurativen ins schlecht Funktionelle, bloß Kommunikative; in Missachtung des objektiven Aspekts der Worte. In Sprache, die etwas taugt, vermittelt sich beides.

(Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit. S. 452.)

Laut Günther Anders gilt es,

die Sprache in einem solchen Maße zu beherrschen, dass wir in ihr über sie hinaus gehen können. Das ist leicht gesagt, aber wirklich gelingen kann das niemals. Schon deshalb nicht, weil sogar schon die Syntax der Sprache, auf die wir nicht verzichten können wie auf dieses oder jenes sinnlose Einzelwort, heimliche Aussagen über die Welt macht, und zwar Aussagen, die dem, was wir zu sagen wünschen, widersprechen.

(Günther Anders, Philosophische Stenogramme, München 1965, S. 126)

Unsere Sprache ist nicht das geeignete Mittel für das, was es zu sagen gälte. Die Enormität der Verhältnisse übersteigt deren aktuelle Kapazitäten, es ist deren „Beschränktheit; die unsere heutige Situation im buchstäblichen Sinne ‚unsäglich‘ macht.“ „Das ‚Gefälle‘ zwischen Sprache und Wirklichkeit tritt eben auch als geschichtliche Asynchronität auf.“ (Günther Anders, Sprache und Endzeit, § 34 bzw. 35; FORVM, Jänner-März 1990, Nummer 433-435. S. 19) Diese Asynchronität ist allgegenwärtig. So ist es ein nicht zu unterschätzendes Problem, in der Sprache des Werts gerade Wertkritik zu betreiben. Selbst in den fundiertesten Texten der Gesellschaftskritik tummelt sich Vokabular, das dieser entgegensteht. Wie sollte es auch anders gehen? Und doch ist dies zu bedenken und zu benennen, unermüdlich. Redundant haben wir zu sein!

Bei der Analyse des Spektakels muss in einem gewissen Maß die Sprache des Spektakulären geredet werden.

(Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels (1967), Berlin 1996, § 11, S. 17)

Schon um der Verstehbarkeit und der Aufmerksamkeit willen. Kritik wird in einer Sprache gesprochen, die für jene nicht geschaffen ist. Gesellschaftskritik verunglückt so des Öfteren an ihren sprachlichen Begrenzungen. Die Sprache ist jene der Warengesellschaft, wider sie in ihr zu denken, erfordert außergewöhnliche Anstrengungen, insbesondere Verstöße gegen Syntax und Grammatik, es erfordert die Findung neuer Wörter und die Sprengung alter Phrasen. Dem Bruch der Konvention ist freilich eine Schranke im Verständnis der Rezipienten gesetzt. So kommt das Helle oft sehr dunkel daher, auf dass es einen Hegel freuen könnte. Die Sprache des Werts ist so eingerichtet, dass wir uns mit ihr und in ihr des Öfteren täuschen. Und doch dient die Sprache des Täuschens, zu deren Gebrauch wir gezwungen sind, als Krücke zur Kritik des Tausches. Aus dieser prekären Situation gibt es kein unmittelbares Entkommen. Wer meint, man könne mit der Sprache alles sagen, wenn man sich nur auszudrücken verstünde, hat von der Sprache wenig verstanden.

Indes, man kann die Sprache nicht beherrschen, aber man kann Ergebenheit und Unterwerfung mindern, indem man diese geschickt gegen jene selbst ausspielt. Das ist wahre Kunst und hehre Aufgabe. Man muss der Sprache in die Parade fahren, sie muss über sich stolpern, sich gegen sich positionieren lassen. Warum sprechen wir, wie wir sprechen, warum schreiben wir so? Was hat uns zu dem gemacht, was wir darstellen? Diese Reflexion hat in der Formulierung (sowohl was den Prozess als auch das Resultat betrifft) einzugehen, will sie nicht in der Konvention untergehen. Es gilt, Sprache zu verrücken. Es gilt, die Form ideell ins Schwimmen zu bringen, sie zu enthärten, zu verflüssigen. Und selbstverständlich gilt es daher auch, gerade die Sprache immerzu zu historisieren, und das bewusst zu machen, das ist die Aufgabe: das Unsagbare zu sagen, ohne das Sagbare zu sprengen.

Kritische Theorie ist aber bloß mit Eingriffen in die Sprache machbar, nicht mit den gängigen Modi der Sprache selbst, sondern nur wider sie. Keine Metapher darf sich sicher sein. Der Kampf um die Sprache ist ein entschiedener Kampf gegen ihre Grenzen. Und doch darf das radikale Aufräumen nicht zu gründlich verfahren, will noch eine Botschaft übrig bleiben. Unterließe man alles, was man zu unterlassen hätte, verstieße man alles, was man zu verstoßen hätte, hätte man sich selbst bald ad absurdum geführt. Dann bliebe nur noch das Schweigen. Das Richtige baut also auch mit und auf dem Falschen, anders wäre es gar nicht möglich. Wir kommunizieren also in einem Raum, den wir zu dehnen, zu strecken, zu brechen und zu überwinden haben. Aber wir bewegen uns in ihm, auch wenn wir gegen ihn sind. Wir stehen nicht außerhalb, auch wenn alle gedankliche Anstrengung so tun muss, als ob sie könnte. Ohne das müsste man verzagen. Denn in Ansätzen kann sie auch! Es gibt eine Sprache, genauer gesagt Wortschätze, jenseits der Gitterstäbe. Sie wird nicht nur eine neue sein, aber sie wird frisch sein, weil sie frische Luft atmet. So wie in Schönbergs Zweitem Streichquartett in fis-Moll (1908).

Sprache als Emanzipation

Man sollte das Denken daher nicht einfach auf die Sprache reduzieren, aber klar ist doch, dass, will man über die Intuition hinaus eine Intention bewirken, man um die Sprache, mündlich, aber insbesondere schriftlich nicht herumkommt. Begriffe und Kategorien sind nicht einfach da, sie sind zu entwickeln, zu formulieren, zu definieren. Dazu bedarf es einer Textierung, die einigermaßen originell ist, um sodann als Besonderheit akzeptiert zu werden, im allerbesten Falle zu einem Common aufsteigen kann. Jede neue Regulierung bedarf des Regelbruchs. Sprache, die etwas taugt, muss werfen und verwerfen können, sie bedarf der Konstruktion wie der Dekonstruktion, um allgemein zu werden aber, bedarf sie auch und vornehmlich einer spezifischen Rekonstruktion.

Abschminken sollte man sich die Maske der Souveränität. Das ist Kinderglauben, auch „großer“ Schriftsteller, eine Eingenommenheit, die durch nichts gedeckt ist, aber der Selbsterbauung und der des Publikums schon ihre Dienste erweist. Doch das ist bestenfalls eine Verzauberung und schlechtestenfalls eine Droge. Souveränität ist kein Zustand, sondern eine jeweilige Setzung. Souveränität beginnt im Gegenteil erst dort, wo es gelingt, Abhängigkeiten und Involvierungen zu benennen. Ledige Selbstbehauptungen hingegen grenzen an Halluzinationen. Je kleiner wir uns geben, desto größer wir sind. Die Verrückung auch der Imagination ist Folge dieser Sprachkritik. Deren Verschiebungen sind Voraussetzung wie Bedingung gesellschaftlicher Emanzipation. Solange die Sprache wie ein Käfig wirkt, ist an Veränderung kaum zu denken, sie verheddert sich in der Reproduktion herrschender Werte und Worte.

Sprache ist stets mächtiger als ihre Sprecher. Doch sie ist nicht allmächtig und die Sprecher bloß ohnmächtig. Ziel kreativer Rede ist die Autonomie der Sprecher. So gering wir sie auch veranschlagen mögen, sie ist machbar. Unser unbescheidener Anspruch besteht darin, eben nicht die Sprache der politischen Ökonomie zu bedienen, sondern – soweit und sofern das möglich ist – eine Sprache der Kritik der politischen Ökonomie im Denk-, also im Schreibprozess zu entwickeln. Nur wenn man vor der Sprache erstarrt, erstarrt sie auch. Das ist zwar der zwangsläufige Umgang, aber auch der ist nicht unumgänglich. Mit der Sprache als Werkzeug der Lüge lässt sich auch Wahrheit sagen, sofern es gelingt, ihre Anwendung vom obligaten Gebrauch zu emanzipieren. Kaum jemand hat das so entschieden wie präzis ausgedrückt wie Guy Debord:

Die kritische Theorie muss sich in ihrer eigenen Sprache mitteilen. Diese Sprache ist die Sprache des Widerspruchs, die dialektisch in ihrer Form sein muss, so wie sie es in ihrem Inhalt ist. Sie ist Kritik der Totalität und geschichtliche Kritik. Sie ist kein ‚Nullpunkt des Schreibens‘, sondern seine Umstülpung. Sie ist keine Negation des Stils, sondern der Stil der Negation. In ihrem Stil selbst ist die Darlegung der dialektischen Theorie nach den Regeln der herrschenden Sprache und für den von ihnen anerzogenen Geschmack ein Ärgernis und ein Gräuel, weil sie in der positiven Verwendung der bestehenden Begriffe zugleich auch das Verständnis ihrer wiedergefundenen Flüssigkeit, ihren notwendigen Untergang miteinschließt.

(Die Gesellschaft des Spektakels (1967), § 204 und 205, S. 173 f.)

Dieses Flüssigmachen ist das Gegenteil der Schematisierung der Funktion wie etwa beim Gendern, das ja in der Aufstellung neuer Regeln brilliert, Vorschriften machen will, die Unwillen erzeugen, insgesamt aber den Zugang zur Sprache nicht fördert, sondern erschwert. Es geht vielmehr um eine gekonnte Entriegelung wie Entregelung der Sprache, nicht um die Konstruktion interessensgeleiteter Formulierungen. Es geht nicht darum, Begriffe oder Worte ihres aktuellen Kostüms zu entkleiden und neu anzuziehen, es geht darum, die historische Gebundenheit der jeweiligen Sprachwendungen zu thematisieren, zu dechiffrieren und letztlich spezifisch zu negieren. Sprache muss fließen. Ein Satz muss nicht nur sitzen, er muss auch stehen, liegen, laufen; er muss kräftig und zärtlich sein, apodiktisch und sensibel. Worum es nicht geht, ist Sprachgewalt. Letztlich muss jeder Text auch Luft lassen, nicht als Übergriff erscheinen, sondern Handreiche und Mit-Teilung sein. Es soll geschöpft werden können.

Kollidiert die Sprache an den Herausforderungen, wenn diese nicht mehr adäquat verarbeitet (nicht zu verwechseln mit „erfasst“ – das wäre zu viel verlangt) werden können? Wenn Worte und Begriffe anfangen, nicht mehr plausibel zu erscheinen, kommt es dann zu einem Kollaps der Sprache? Das ist wohl dann der Fall, wenn das Vokabular keinen Sinn mehr stiften kann, wenn die Phrasen hohl und leer werden, wenn Sätze nur als Vorsätze daherkommen und schal werden. Das wird eher gespürt als erkannt. Dann verliert der herrschende Jargon an Gewicht, er wird unglaubwürdig. Sein einst fester Boden zeigt Risse, wenn die Ausdrücke ausgedrückt sind. Wann aber erscheinen Phrasen und Floskeln als abgedroschen? Wann geben sie nichts mehr her, wann wird man ihrer überdrüssig? Wann zerbröckeln sie?

Möglicherweise jetzt! Wir sind in eine Phase eingetreten, wo diese Codes nicht mehr stimmig sind. Wo sie noch wirken, wirken sie, weil sie erdrückend sind, nicht, weil sie überzeugen. Je mehr sie noch versprechen, desto öfter versprechen wir uns. Indes war die kulturindustrielle Aufdringlichkeit noch nie so groß. Vielleicht auch deswegen, weil die gemeine Determinierung schwächer wurde, sodass nur noch Überdeterminierungen die nötige Hegemonie retten können. Die Chiffre ist porös, die Aussagen sind fragwürdig, so wuchtig sie sich auch in Szene setzen. Man braucht nur zu klopfen, schon brechen diverse Sager und Slogans in sich zusammen. Exemplarisch habe ich das an der Floskel „Und ja,“ (Der Standard, 8. August 2020, Album A 6) zu demonstrieren versucht.

Was ansteht, ist eine Sprachkritik, die die Konvention bewusst macht und sie auch bewusst sprengt. Denn freilich ist es ein Unterschied, ob wir Sprache auflösen oder ob sie sich auflöst, und doch ist Ersteres nur zu bewerkstelligen, wenn Letzteres eintritt, eine objektive Lage dies begünstigt oder gar fördert. Die Chance gilt es zu nutzen. Die Anstrengung muss freilich eine gemeinsame sein, keine einsame. Es geht nicht an, es sich in herkömmlichen Reden und Aussagen bequem zu machen. Der Kollaps der bürgerlichen Sprache, vor allem der Worte des Werts, ist, trotz aller gegenteiliger Manifestationen, eine Tatsache, die es bewusst zu machen gilt. Die Ideologie des grassierenden Vokabulars ist entschieden aufzuzeigen. Die Sprache, die wir pflegen sollten, ist nicht die Sprache des Spruchs, sondern jene des Widerspruchs. Wir müssen nicht nur sprechen, wir müssen auch wissen, womit und wovon wir reden, wenn wir etwas sagen wollen.

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