FORVM, No. 119
November
1963

Schreiben heißt identisch sein

Schwierigkeiten bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben

Der verdienstvolle Leiter des Deutschen Taschenbuch-Verlages, Heinz Friedrich, sammelt im Auftrag der Nymphenburger Verlagshandlung (München) Antworten deutschsprachiger Schriftsteller auf die Frage, welchen „Schwierigkeiten beim Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben“, sie sich ausgesetzt sehen. Herbert Eisenreich, der zuletzt in FORVM, Heft X/111, Betrachtungen über die Freud’ der Wiener an einer „schönen Leich“ anstellte, hat uns seine Antwort freundlicherweise zum Vorabdruck überlassen. Das Buch wird voraussichtlich im Frühjahr 1964 erscheinen.

Bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben, begegnet der Schriftsteller (wie eh und je) nur einer einzigen Schwierigkeit, nämlich: dem eigenen Ich.

Grammatikalisch kennen wir die Wahrheit auch im Plural; im tieferen Sprachverstand aber wissen wir, daß irgend eine von mehreren Wahrheiten nicht mehr die Wahrheit, sondern eben nur mehr eine Wahrheit ist, eine Wahrheit zweiter Qualität, wofür wir besser sagen sollten: etwas Richtiges, etwas in sich oder in irgend einer Relation Stimmendes. Den Reichen geht es materiell gut und den Armen materiell schlecht: das ist eine solche Wahrheit; aber daß es die Wahrheit sei, wird außer einigen bundesdeutschen Intellektuellen wohl niemand mehr auf der Welt behaupten wollen. Wahrheit, wenn wir auf den blasphemischen Gebrauch des Wortes verzichten, gibt es nur eine, die allumfassende, die allgültige, die kosmische Wahrheit: das Grundgesetz allen Werdens, Seins und Vergehens, unter dem das Gänseblümchen ebenso steht wie die Milchstraße, ein Kieselstein ebenso wie der Mensch. Man mag einwenden, das sei etwas äußerst Vages, diese Wahrheit. Nun, ohne die ahnungsvolle Gewißheit von der Existenz und dem Walten dieser Wahrheit hätte es nie und nirgends noch einen Dichter gegeben, und wir täten dann nur gut daran, ein Frage- und Antwort-Spiel wie dieses hier bleiben zu lassen und auf die Bäume zurückzukehren.

Wahrheiten — zum Beispiel der Bevölkerungszuwachs seit der Jahrhundertwende, oder der Fehlschlag der sowjetischen Agrarpolitik — können, bei entsprechender Fütterung mit Daten, von jedem besseren Elektronengehirn ermittelt und festgestellt werden; ja, solche Maschinen werden oft sogar schneller und besser als jeder Kopf herausfinden können, welche von zwei oder mehreren rivalisierenden Thesen — etwa bezüglich der öffentlichen Bautätigkeit in Zeiten der Hochkonjunktur — sich eine Wahrheit nennen darf. Die Wahrheit, die wir hier meinen, die ganze Wahrheit aber, welche unendlich mehr und etwas sehr anderes ist als die Summe aller Wahrheiten, die ganze Wahrheit aber stellt sich nur im Durchgang durch den Menschen dar, sie kann nicht synthetisch erzeugt, nur lebend erlebt werden. (Im Jargon der Theologie: Der einzige Gottesbeweis bin ich selbst.)

Wenn nun so und so viele Menschen, gewiß glaubwürdig, versichern, sie hätten sich noch nie als einen Durchgangs-Ort der Wahrheit empfunden und also noch nie die Wahrheit erlebt, dann einfach deshalb, weil sie sich nie dazu bereitet haben, ein solcher Ort des Durchgangs zu sein; im Gegenteil: in dem ewigen Strömen der Wahrheit liegen sie nicht als ein Filter, sondern als ein Wehr. Ihre Ideologie und ihre Affekte stehn rund um sie als ein Panzer, wo es doch gälte, ganz und gar offen zu sein. Sie wollen Sieger sein, und wären’s doch erst als Besiegte; doch eben dazu, sich besiegt zu geben, um wahrhaft zu siegen: eben dazu fehlt es ihnen an metaphysischem Mut. Sie setzen der Wahrheit, welche gegen sie anbrandet, irgend eine von vielen Wahrheiten entgegen, sie sind reaktionär (katholisch, buddhistisch, liberal, atheistisch, kommunistisch, nationalistisch, internationalistisch, bürgerlich, proletarisch, aristokratisch, weiß, gelb, schwarz, usw. usw.) in einer panischen Notwehr gegen das einzig Notwendige, Notwendende: gegen das Eins-Sein mit allem was lebt; gegen die Identität mit dem Kosmos.

Und so und so viele andere drehn, von ihrer Ideologie und von ihren Affekten dazu befohlen, so lang an den Schräubchen des Filters, welcher sie sind, bis die noch hindurchströmende Wahrheit dahinter herauskommt, verfälscht oder gemindert oder aufgebauscht und jedenfalls unwahr; und diese Menschen sind mehr des Teufels als jene, welche die Wahrheit nur stauen und in eine Ableitung drängen. Jene leugnen Gott; aber diese arrangieren sich mit ihm, in dem schlechthin unbegreiflichen Optimismus, er werde schon mittun bei ihren Halbheiten.

Der Mensch, solang er nicht spricht, ist nur für sich selbst verantwortlich; beim Schriftsteller aber, da er eben spricht, nimmt die Verantwortlichkeit weltweite Dimensionen an (auch wenn er nur einigen Millionen oder einigen hundert Lesern oder überhaupt keinem Leser zugänglich wird; denn nicht das lauschende Ohr, sondern immer nur der artikulierende Mund macht den Schriftsteller [um sinngemäß mit Gütersloh zu reden]). Und eben deshalb darf man — wie es hier geschieht — Rechenschaft von ihm fordern, wie nicht einmal von einem Parlamentarier in der bestfunktionierenden Demokratie. Ihm — und wahrscheinlich wirklich nur ihm — darf, ja muß man die Gretchen-Frage stellen.

Die meisten Leute glauben zwar, und auch die meisten Schriftsteller glauben, ein Werk der Literatur sei das allerpersönlichste Dokument, das individuellste Zeugnis, das subjektivste Bekenntnis; so wie Gott den großen (faktischen) Kosmos nach seinem Willen und gleichsam nach seinem Ebenbild geschaffen hat, so schaffe der Schriftsteller einen kleinen (fiktiven) Kosmos nach seinem Willen und gleichsam nach seinem Ebenbild. Gewiß, das geschieht sehr oft, und deshalb gibt es so viele schlechte Literatur. Auch der Schriftsteller — denn auch er ist nur ein Mensch — macht sich meistens nicht zum Filter im Strömen der Wahrheit, sondern zu einem Wehr. Auch er umgibt sich mit einem Panzer aus Ideologie und Affekten, oder, noch schlimmer: er stellt den Filter seinen ideologischen und affektiven Bedürfnissen entsprechend ein, er manipuliert sich selbst. Große, konstant gültige Literatur aber entsteht nur dort, wo einer imstande ist, sich selber zum Filter zu machen im Durchstrom der Wahrheit; wo einer, zumindest für die Zeit da er spricht, sich jeder Ideologie und aller Affekte entledigt hat (auch wenn sie ihn vorher und nachher beherrschen und quälen wie irgend wen sonst oder schlimmer); wo einer sich öffnet wie eine einzige Wunde, um nicht einmal mehr durch die eigene Haut vom Kosmos getrennt zu sein. Dann aber repräsentiert sein Werk nicht mehr ihn (gewissermaßen den Privatmann Cervantes, Goethe, Tolstoi), sondern einfach: die Wahrheit.

Und eben, weil die Wahrheit erst im Durchgang durch den Menschen erkennbar und nachlebbar wird, schreibt der wahrheitsgetreue Schriftsteller doch wieder nur von sich: aber eben nicht yon einem isolierten Ich, sondern von sich als von einem Teilhaber am Ganzen, und damit schon vom Ganzen selbst. Das Ich, dieser Radaubruder, hat aufgehört, gegen Wahrheit, Ordnung, Notwendigkeit zu revoltieren und eigene Gesetze zu erlassen, es hat sich, im Gegenteil, zur Verfügung gestellt, es will schon nichts mehr für sich, hat keine Absichten, keine Ideen mehr: es hat jetzt den wertneutralen Charakter eines Werkzeugs, es ist gewissermaßen nur noch eine Arbeitshypothese. Es steht jetzt nicht mehr im Weg, sondern macht sich nützlich.

Dem muß vorausgegangen sein der unablässige Versuch, sich selbst in den völligsten Einklang mit den Dingen zu setzen, kurz: lebensgerecht zu handeln. (Doderer nennt das: die einem vom Leben zugewiesene Charge akzeptieren.) Aber muß erst lang bewiesen werden, wie wenig Lust und Mut wir dazu haben? wie wenig wir einverstanden sind, wie viel wir ändern wollen? wie anders wir uns die Welt und das Leben meist denken, als sie tatsächlich sind? Das Jakobinertum in unserm Ich wird niemals müde, Meinungen gegen Fakten, Gesinnungen gegen die Realitäten zu werfen, und der Schriftsteller, der hier — aber wirklich nur hier! — nicht unverzüglich und radikal Partei ergreift, wird niemals imstande sein, die Wahrheit zu schreiben.

Manche Schriftsteller sagen: Es ist schwierig, heute die Wahrheit zu schreiben, weil man die Gesellschaft nicht mehr analysieren, ihre Mechanismen nicht mehr bloßlegen kann; weil die materiale Welt nicht mehr überschaubar ist; weil es innerhalb der Gesellschaft keine Verbindlichkeiten mehr gibt; weil dies und weil das noch. Ich glaube, die einzige Sache, für die der Schriftsteller sich zu interessieren hat, ist der Mensch, mit seinen Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen, zur Würde und zur Gemeinheit, zur Liebe und zur Feigheit; und diese eine Sache, der Mensch, ist die einzig und ewig konstante Sache auf dieser Welt. Und diese eine Sache kann ihm, dem Schriftsteller, nicht entfremdet werden, außer durchs eigene Ich. Keine Soziologie, keine politische oder wirtschaftliche Wissenschaft kann ihm auch nur den Abglanz der Wahrheit vermitteln, die er im Menschen erfährt, und zwar in dem Menschen, der er selber ist. Denn bei schweigendem Ich strömt die ganze Wahrheit in ihn ein, alle Tendenzen der Epoche sind dann in ihm vorhanden und wirksam, und in der nüchternen Darstellung seines eigenen Kampfes ums Heil gibt er nolens volens das treueste Zeit-Bild.

Ich möchte also sagen: Die einzige Schwierigkeit bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben, besteht (wie eh und je) nur darin, daß der Schriftsteller zugleich auch versuchen muß, die Wahrheit zu leben. Es darf ein Mensch, der des Wortes mächtig ist, keine Lage schweigend verlassen: dies fiele zu leicht, dies gälte nicht vor dem Gotte. Und gar zu dem, den er liebt, doch nicht für fähig hält, ihn zu fassen, darf er ja nicht reden wie zu einem Kinde oder unansprechbaren Schüler. Denn nicht darauf kommt es an — obwohl es uns darauf ankommt; aber: was wissen wir von dem, was wir eigentlich wissen sollten? —, gerade von diesem da und in eben diesem Augenblicke verstanden zu werden, sondern einzig darauf, zu sagen, was nur jetzt oder nie mehr, und nur von uns und von keinem andern gesagt werden kann.

A. P. Gütersloh: „Eine sagenhafte Figur“, Wien 1946
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