Das Ende
Am selben Ort und vielleicht sogar in demselben Zimmer und demselben Bett habe ich Boeckl und Doderer liegen gesehen. Nichts von Erhabenheit, nichts von Friede und Ruhe. Gemartert, abgekämpft, das waren sie. Als ich das Tuch von Boeckl hebe, sehe ich den Stumpf. Also auch noch verstümmelt. Sein Wunsch wurde erfüllt, er ist als ein Märtyrer gestorben, sein Gott war ihm nicht sehr gnädig aber dafür wurde vielleicht die Zahl der Seligen um einen vermehrt.
Doderer war nicht viel besser daran, wieder der kahle Raum, ein Wartezimmer, worauf? Der Tod ist ein gemeiner Konformist. Vor ihm kapituliert auch das Genie, es duckt sich, nachdem es bezwungen wurde und verschwindet bescheiden in der Anonymität. Die Opfer der Konzentrationslager und die von ärztlichen Künsten vergeblich Betreuten haben am Ende eine fatale Ähnlichkeit. Die grauen Bilder verderben mir das gewohnte Konzept der „schönen Erinnerungen“. Nur eines vergesse ich nicht, seine spontane und einzigartige ehrliche Herzlichkeit im Beisammensein, eine Herzlichkeit, die sich schon in der Begrüßung ausdrückte, gestenreich und von einer liebenswürdigen, chevaleresken Würde.
Meine Freundschaft zu Musil hat mich immer gehindert, Doderer so zu begegnen, mit ihm so zu verkehren, wie es sich ergeben hätte, wenn Musil eben nicht dazwischen gestanden wäre.
Es sollte uns allen bewußt sein, daß wir einen unersetzlichen Verlust erlitten haben, einen Verlust, der noch nicht abzuschätzen ist. Mit Doderer scheint mir nun endgültig eine Art und Form des Lebens und der Lebenshaltung vorbeigegangen zu sein, die sicher nicht klassisch war, aber von großer Distinktion, großer Vornehmheit und Noblesse.


