Die Erinnerungen der Prive Friedjung
Prive Friedjung, Wir wollten nur das Paradies. Erinnerungen einer jüdischen Kommunistin aus der Bukowina; herausgegeben und bearbeitet von Albert Lichtblau und Sabine Jahn; Verlag Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1995, 338 Seiten, 298 Schilling.
Am Ende dieses Jahrtausends sind große Gesten bei der Beurteilung der Geschichte fehl am Platz. Sie war ihren „Liebhabern“, den Geschichtsphilosophen, nicht so gefällig, sich den Tendenzen entsprechend zu entwickeln, die sie wahrnehmen zu können glaubten. Weder ist der Weltgeist zu sich gekommen, noch hat sich die der Papierform nach überfällige Aufstiegsdynamik der Gesellschaft voll durchgesetzt.
Derartige Überlegungen sind jedoch sowieso Dünnbier. Von historischem Fortschritt kann man nur sprechen, wenn es den Menschen gelingt, ihr individuelles und kollektives Verhalten zueinander zu humanisieren. Unter diesem Blickwinkel stellt sich rasch heraus, daß allgemeine Wahrheiten fragwürdig sind, weil sie meist mit grober Abstraktion sowie der Unterdrückung von Einzelerfahrungen erkauft sind. Deshalb schadet es auf keinen Fall, den abstrahierenden historischen Überblick durch konkret beschriebene Einzelschicksale zu ergänzen.
Mit „Erinnerungen einer jüdischen Kommunistin aus der Bukowina“ von Prive Friedjung (geboren 1902 als zwölftes Kind einer streng religiösen jüdischen Familie in Zadowa), die unter dem Titel „Wir wollten nur das Paradies auf Erden“ von Albert Lichtblau und Sabine Jahn im Böhlau-Verlag herausgegeben wurden, liegt ein Musterbeispiel von erzählter Geschichte vor. Es bietet Spätergeborenen eine sinnliche Anschauung davon, aus welchem Elend die arbeitenden Menschen sich in diesem Jahrhundert trotz schwierigster Bedingungen und wiederholter Rückschläge aus eigener Kraft emporgehoben haben. Ein eindrucksvoller Beweis dafür, daß dabei Kommunistinnen und Kommunisten eine treibende Kraft waren und eine — wenn man so will — führende Rolle gespielt haben, ist auch Prive Friedjungs Lebenslauf.
Alle Stationen dieses Lebens, das über weite Strecken vom Kampf ums bloße Überleben geprägt war, erweisen sich in der rückerinnernden Darstellung als einzigartig. Besonders beeindruckend ist der Abschnitt über Leben und Erfahrungen in der Sowjetunion, die Prive Friedjung als Emigrantin erreicht hat, nachdem der Kommunistin und Jüdin 1934 in Wien jede Existenzgrundlage entzogen worden war. In Moskau steht sie vom ersten Tag an unter dem Eindruck von zwei Momenten: Das gesellschaftliche Leben ist geprägt von Arbeit für alle und allgemeiner Lernbereitschaft der Bevölkerung. Die Sowjetunion erscheint in den Augen Prive Friedjungs als Einheit von Baustelle und Schulhof.
Das Leben in der jungen Sowjetunion war allerdings mehr als hart. Normale Werktätige mußten neben der Hauptarbeit weitere Tätigkeiten übernehmen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Speziell in Moskau herrschte drückende Wohnungsnot. Prive Friedjung bewohnt mit ihrem Mann — einem Emigranten aus Ungarn, der die harten Lebensbedingungen nach dem Überfall der Nazi-Kapitalisten auf die Sowjetunion nicht überlebt hat — zunächst in einer Moskauer Großwohnung ein Zimmer, das über kein eigenes Fenster ins Freie verfügt.
Aufgrund der Notwendigkeit, ständig tätig zu sein, tritt der Terror, der sich auch in ihrer unmittelbaren Umgebung und der Familie ihres Mannes bemerkbar macht, in den Hintergrund. Im Brennpunkt steht bald die faschistische Gefahr: Speziell nach dem Überfall der Nazi-Wehrmacht auf die Sowjetunion wird sie vor allem auch von den Emigranten als alle anderen Faktoren überlagernde Lebensbedrohung empfunden.
Das Überleben während der Kriegsjahre gelingt der keineswegs privilegierten Emigrantin in Sibirien trotz einer kaum je gemilderten durchgehenden Hungerkatastrophe. Ihr waren alle Durchschnittsbürger ausgesetzt. Erst vor diesem Hintergrund kann man ermessen, was die Lebensmittelspende der Roten Armee für Wien am 1. Juni 1945 bedeutet hat. Es handelte sich um eine Gabe, die buchstäblich von den hungernden Mündern der „Russen“ abgespart war! Was den Sowjets nicht gerade den Respekt der Wiener Bevölkerung eingebracht hat: Bis heute heißt das Befreiungsmonument der Roten Armee auf dem Schwarzenbergplatz im Volksmund „Erbsendenkmal“!
Neben diesen Einzelheiten ist der Lebensbericht von Prive Friedjung eine eindrucksvolle Darstellung eines extrem schwierigen und gleichzeitig äußerst erfüllten Lebens. Seit ihrer Politisierung als junges Mädchen hat sie als einfache Kommunistin gearbeitet und gelebt, ohne höhere Funktionen anzustreben. Dennoch (oder gerade deshalb) war sie und ist sie bis heute äußerst lernbegierig: So schloß sie unter schwierigsten Bedingungen nach der Evakuierung aus Moskau in Sibirien ihr Studium ab. Kurz nachdem sie um 1970 aus der Partei ausgetreten war, begann sie, die marxistischen Klassiker zu studieren. Mit dem Effekt, daß sie 1985 in die Partei zurückgekehrt ist.
Im Klappentext des Bandes sind die Stationen von Prive Friedjungs Leben (ihr Name stammt übrigens aus einer Staatsbürgerschaftsehe mit dem „verlorenen Sohn“ einer prominenten sozialdemokratischen Wiener Familie der Zwischenkriegszeit) folgendermaßen zusammengefaßt:
Die jüdische Religion und die Ideologie des Kommunismus sind die beiden prägenden Erfahrungen im Leben der Prive Friedjung. Geboren 1902 in Zadowa in der Nähe von Czernowitz, waren die Kindheitsjahre der Tochter eines Schächters stark mit dem Judentum verbunden. Im Ersten Weltkrieg prägten die Flucht in das Gebiet des heutigen Österreich und erste Erfahrungen als Lohnarbeiterin das Leben der damals Vierzehnjährigen.
Zurück in der Bukowina, schloß sie sich der linken jiddisch-zionistischen und später der kommunistischen Bewegung an, erlebte Verfolgung und Gefängnis und flüchtete im Anschluß daran nach Wien (wo sie unter schwierigen Bedingungen lebte und sich der KPÖ anschloß). Obdachlos geworden, emigrierte sie 1934 in die Sowjetunion, holte dort ihre fehlende Bildung nach und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Deutschlehrerin. Die Heirat mit einem ungarischen Emigranten, stalinistischer Terror und die Geburt ihres Sohnes prägten diese Jahre. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte sie in Sibirien, wo sie Hunger und bittere Armut kennenlernte.
1947 kehrte sie nach Österreich zurück, arbeitete zunächst als Dolmetscherin, dann in der SMV, der späteren ÖMV/OMV. Nach mehr als fünfzig Jahren Abwesenheit begab sie sich 1992 auf Spurensuche in ihren Heimatort Zadowa.
So grau diese Auflistung klingt, so farbig sind die Bilder aus Prive Friedjungs Erinnerungsschatz.


