FORVM, No. 280/281
März
1977

Die Konsequenzen der Konsequenzen der Konsequenzen

Jedes Kraftwerk ist eine Bombe

Auf das unmißverständlichste habe ich davor zu warnen, die hier [*] wiederholt gemachte und als selbstverständlich gültig vorausgesetzte Unterscheidung zwischen kriegerischer und friedlicher Nutzung der Atomenergie weiter aufrechtzuerhalten. Die guten alten Zeiten der Eisenhowerschen Devise „Atoms for Peace“ (wenn sie „only for peace“ bedeuten soll) hat es niemals gegeben und wird es niemals geben. Nun, da wir alle, die wir Zeitungen lesen und Radio hören, wissen, daß es längst möglich geworden ist, mit Hilfe von zusätzlichen Anreicherungs- und Aufbereitungsanlagen in kürzester Zeit jeden Kernkraftreaktor in eine Atombombenwerkstatt zu verwandeln — sollten nun nicht auch die Staatsmänner davon endlich Kenntnis nehmen?

Machen wir uns nichts vor: Politiker, die solche zusätzlichen Anlagen anderen Staaten offerieren, sogar politisch-moralisch dubiosen Staaten, die das Know-how der Totalzerstörung als nationale Ehrensache, nämlich als Kriterium ihres Großmachtsstatus ansehen — ich sage: Politiker, die derartige Installationen anderen Staaten offerieren, die machen sich der Beihilfe zum eventuellen Genozid, um nicht zu sagen — diesen Terminus müßte man prägen — der Beihilfe zum „Globozid“ schuldig; also des enormsten Verbrechens, das überhaupt denkbar ist. Diese Männer sind um nichts weniger schuldig als ihre Väter, die vor 35 Jahren die Anlagen für Auschwitz und Maidanek angeboten und geliefert haben.

Zungenkuß
(Examensarbeit an der Kunsthochschule Kassel; als die Stadtzeitung in und um Kassel die Grafik veröffentlichte, wurde sie beschlagnahmt)

Und damit nicht genug. Denn es gibt Politiker, führende Politiker sogar, die nicht nur bereit sind, diese enormen Verbrechen indirekt zu begehen, sondern die sich, wie es vor kurzem öffentlich geschehen ist, mit dem Brustton der moralischen Empörung darauf berufen, daß Abmachungen, gleich welche, „servanda“, das heißt einzuhalten seien: wo wir moralisch denn hinkämen, wenn wir erst einmal damit anfingen, die Grundprinzipien des Geschäftsethos nicht mehr für heilig zu halten? Diese Männer, die sich in einer Situation, in der es um das Leben von Hunderttausenden, wenn nicht von Millionen geht, auf die angeblich moralische Notwendigkeit berufen, unter allen, selbst apokalyptischen Bedingungen, Geschäftsabmachungen einzuhalten, die wissen nicht was sie tun, die leiden an moral insanity.

Glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin in Hiroshima gewesen, und ich habe mit den dort gerade noch überlebenden Opfern gesprochen. Für diese Opfer und für deren morgige und übermorgige Nachfolger rede ich hier.

Der Gedanke, daß Männer, die einen so beschränkten Horizont haben, die also moralisch so beschränkt sind, daß sie auch in diesem Falle darauf bestehen, Abmachungen müßten eingehalten werden, auch Abmachungen, die als solche bereits unmoralisch sind — der Gedanke, daß solche Männer unser Schicksal, und nicht nur unser heutiges, sondern das aller kommenden Generationen in Händen halten, dieser Gedanke ist zum Wahnsinnigwerden.

Machen wir unsere Folgerung. Als moralisch kann heute nur derjenige gelten, der die möglichen und indirekten Konsequenzen seiner Handlungen, also die Konsequenzen der Konsequenzen der Konsequenzen seiner Handlungen pausenlos im Auge behält. Aus diesem Grunde haben wir Bürger der hochindustrialisierten Staaten dafür Sorge zu tragen, daß allein solchen Männern das Ruder der Politik anvertraut werde. Und wenn Männer an unserer Spitze stehen, die diesen moralischen Bedingungen nicht entsprechen, dann haben wir dafür zu sorgen, daß sie abtreten oder abgetreten werden.

[*Günther Anders machte diese Diskussionsbemerkungen in Marburg an der Lahn am 1. Februar 1977

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