FORVM, No. 246
Juni
1974

Durchs wilde Kurdistan

50 Jahre Volkskrieg
Schraffiert: kurdisches Gebiet. Punktiert: Ölvorkommen

1 Ein Volk in 5 Teilen

Mehr als 50 Jahre nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches ist seine Konkursmasse immer noch nicht liquidiert. An einem Brennpunkt imperialistischer und nationalstaatlicher Interessen hätte nach dem Ersten Weltkrieg auf einem Gebiet von rund 400.000 Quadratkilometern ein selbständiges Kurdistan entstehen sollen. Kontinuierliche Unterdrückung seit 1920, als ihnen im Vertrag von Sèvres Selbstbestimmung versprochen worden war, kostete die Kurden — deren Sprache dem Persischen (Farsi) verwandt ist — eine halbe Million Tote, Tausende zerstörte Dörfer und immer neue Waffengänge, wie jetzt wieder im Irak.

Nach den Bestimmungen des Artikels 62, Abschnitt III, des Vertrages von Sèvres sollte eine von der britischen, französischen und italienischen Regierung ernannte dreiköpfige Kommission innerhalb von sechs Monaten „die lokale Selbstverwaltung für die überwiegend kurdischen Gebiete östlich des Euphrats, südlich der armenischen Grenze und nördlich der türkischen Grenze zu Syrien und Mesopotamien“ vorbereiten. Falls die kurdische Selbstverwaltung anschließend vom Völkerbund akzeptiert würde, sollte die Türkei in einem separaten Vertrag mit den Alliierten ihre Ansprüche auf das betreffende Gebiet definitiv aufgeben. Gegen einen freiwilligen Zusammenschluß des Gebietes mit einem unabhängigen Kurdenstaat im Mossul-Wilayet (dem heutigen Irakisch-Kurdistan) wären sodann von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs keine Einsprüche erfolgt (Artikel 64). [1]

Der Vertrag von Sèvres blieb allerdings ein Stück Papier. Großbritannien trieb zur Wahrung seiner imperialistischen Interessen eine Politik des divide et impera, wie bereits im Iran jahrzehntelang erprobt. Durch Bestechung und wechselweises Ausspielen der Stammesfürsten war in Persien die Entwicklung einer Zentralgewalt bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts von den Briten verhindert worden. In den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches sollte diese Taktik nach demselben Konzept weitergespielt werden. Als sich im Sommer 1920 die arabische Bevölkerung des Irak gegen die Mandatur Englands in blutigen Kämpfen zur Wehr setzte, importierten die Briten erstmals einen arabischen Fürsten aus Syrien namens Feisal, der sich im August 1921 selbst zum „König des Irak“ krönte. Um ihn bei der Stange zu halten, versprach man ihm Südkurdistan (Mossul- Wilayet), wo es ab 1922 wiederholt Zusammenstöße zwischen Kurden und englischen Truppen gegeben hatte. Zur Beruhigung der Situation holten die Briten schließlich den im indischen Exil lebenden Kurden-Scheich Mahmud zurück und setzten ihn — mit Zustimmung Feisals — als „Gouverneur von Kurdistan“ ein. Das diplomatische Ränkespiel hatte ein Ziel: die Bewahrung und den Ausbau der britischen Erdöl-Interessen im heutigen Nordirak.

Die politische Entwicklung im Mossul-Wilayet war den Intentionen der Mandatsmacht allerdings zuvorgekommen. Zwei Monate vor der Ankunft Mahmuds hatte sich die aus dem antibritischen Widerstand hervorgegangene „Partei für die Unabhängigkeit Kurdistans“ unter dem Kurden-General Yamulki konstituiert, und wenige Tage vor dem Eintreffen des von den Briten gekürten Kurden-Gouverneurs wurde die kurdische Nationalfahne in Sulaimani, der Hauptstadt des Gebietes, offiziell gehißt.

Mahmud wurde anfangs den Erwartungen der Briten durchaus gerecht: gegen die Versprechung eines unabhängigen Kurdistans durch die Engländer verfolgte er die aufgeklärte kurdische Intelligenz und besonders Yamulki und seine Unabhängigkeitspartei. Erst als die Briten einige Kurdenstämme gegen ihn auszuspielen begannen, wurde er hellhörig. Im November 1922 ließ er sich zum König von Kurdistan ausrufen und mobilisierte seine Armee gegen die Mandatsmacht. Im März 1923 bombardierten englische Flugzeuge Sulaimani, im Juni 1924 schließlich eroberten anglo-irakische Truppen die Stadt und annektierten sie an den Irak. Da sich der kurdische Widerstand gegen die Briten nicht brechen ließ, veranlaßte der Völkerbund 1925 eine Volksabstimmung unter den Bewohnern der betroffenen Gebiete. Die Kurden von Sulaimani und Kirkuk sprachen sich dabei gegen einen Anschluß an den Irak aus, die Arbil- und Mossul-Kurden für einen Anschluß bei gleichzeitiger Autonomie-Garantie.

Im Dezember 1925 bestimmte der Völkerbund in einer Resolution schließlich den Anschluß Süd-Kurdistans an den Irak, mit der Auffordetung an den Mandatsträger England, die Selbstverwaltung der irakischen Kurden zu garantieren. Dieser Grarantieschein wurde von Großbritannien prompt deponiert, das Problem eines unabhängigen Süd-Kurdistan damit zu den Akten gelegt.

Die Uneinigkeit der irakischen Kurden über ihre Zukunft hatte wesentlich zu dieser Niederlage beigetragen. Die archaische Feudal- und Stammesstruktur erlaubte keine langfristige Koordination des Kampfes — ein Manko, unter dem die kurdische Befreiungsbewegung bis in die jüngste Zeit zu leiden hatte. Dennoch markieren die Kämpfe ab 1920 eine Wende im Selbstverständnis der Kurden: waren es früher stets vereinzelte Stämme, die — bei kurzfristigen Koalitionen — entweder einander oder die fremden Usurpatoren bekämpft hatten, so bildete sich nun so etwas wie Solidarität im Kampf um nationale Befreiung heraus. Dieser Prozeß sprengte zum ersten Mal die ausschließliche Abhängigkeit der Kurden von Stammesbindungen und Partikularinteressen der Clan-Oberen. Feudalherren und Bourgeoisie gerieten außerdem bei ihren Versuchen, durch Kollaboration mit den herrschenden Staaten ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, in Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, die heute noch in den kurdischen Gebieten zu 80 Prozent aus Bauern besteht. Im Kampf gegen den Subkolonialismus von Systemen, die ihrerseits selbst kolonial bis halbkolonial verfaßt waren, mußte die Auseinandersetzung um nationale Freiheit bei den Abhängigen die Dimension von Klassenkämpfen gewinnen, oder, wie Mao Tse-tung es formulierte: „Wird ein nationaler Kampf geführt, dann kommt der Klassenkampf in der Form des nationalen Kampfes zum Ausdruck; darin äußert sich eben die Identität der beiden.“ [2] Der größte Feind des kurdischen Unabhängigkeitskampfes war denn auch, neben den europäischen Imperialmächten auf der einen und den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches bzw. dem Iran auf der andern Seite, die Gesellschaftsstruktur des kurdischen Volkes selbst.

2 Blutbad unter Bergtürken

Die Führung im Kampf um nationale Unabhängigkeit lag lange Zeit in Händen des opportunistischen Kleinbürgertums und der Feudalherren. Sie verließen sich stets lieber auf die Versprechungen der imperialistischen Großmächte als auf die Mobilisierung der Massen. So scheiterte auch die Sache der Kurden in der Türkei. Nach dem Vertrag von Sèvres hatte Kemal Pascha (Atatürk) alles darangesetzt, die kurdische Frage im Sinne Rest-Osmaniens zu lösen. Anfangs konnte er die kurdischen Führer durch Appelle an ihre traditionellen, vorab religiösen Wertbindungen und durch Hinweis auf den Kampf gegen die Besatzungsmächte zum Stillhalten bewegen. Sein Sieg im türkisch-griechischen Krieg erreichte den Lausanner Vertrag vom 24. Juli 1923 — von der Errichtung eines kurdischen Staates war hier nicht mehr die Rede. Die anschließende gewalttätige Türkisierung Kurdistans provozierte eine Reihe von Aufständen, die allein bis 1930 eine Viertelmillion kurdischer Zivilisten das Leben kosteten. Selbst das Wort „Kurde“ wurde von Atatürk per Dekret verboten, in der offiziellen türkischen Sprachregelung ist bis heute von „Bergtürken“ die Rede.

Die drei bis fünf Millionen [3] türkischen Kurden sind die Parias des Landes geblieben. Ökonomisch beherrscht von einer schmalen Schicht türkisch-kurdischer Grundbesitzer, wird im Hinterhof des Armenhauses am Bosporus ein Bruttosozialprodukt pro Kopf von 200 DM jährlich erzielt — ein Fünftel des an sich schon mageren Landesdurchschnitts. Die Analphabetenrate liegt bei 75% (übrige Türkei 45%), die Lebenserwartung beträgt kärgliche 45 Jahre. Von 1.200 Dörfern verfügen zwei über elektrischen Strom. Auch industriell sieht die Zukunft der türkischen Kurden nicht eben lichtvoll aus: ganze zwei Industriebetriebe wurden beispielsweise in der rund 500.000 Einwohner zählenden Provinz Diyarbakir seit Atatürk angesiedelt, in den letzten 20 Jahren geschah überhaupt nichts. Lediglich auf den Erdölfeldern von Batman, den reichsten Vorkommen der Türkei, wurde investiert — zum Nutzen jener in- und ausländischen Kapitalisten, die in der höher entwickelten Westtürkei ihre Profite machen.

Einzig auf dem Bausektor sind Fortschritte bemerkbar: Kasernen in fast jedem größeren Dorf und gut ausgebaute strategische Straßen wie etwa die „CENTO-Pakt-Straße“ Sivas—Erzincan—Erzurum—Iranhodudu zur iranischen Grenze, für viele ostsüchtige Westler übrigens auch der Weg in iranisch-afghanische Hitze und zur politischen Bewußtlosigkeit.

Kurdische Intellektuelle spielen heute eine wesentliche Rolle in der militanten türkischen Links-Opposition, wie Springers Welt vom 25. Mai 1971 leicht beunruhigt konstatierte. Die sozialistische türkische Arbeiterpartei wiederum setzte sich auf ihrem Kongreß im Jahre 1970 ausdrücklich für die Rechte der unterdrückten Minderheit ein. In der Linken insgesamt wächst die Erkenntnis, daß das Kurden-Problem nicht nur eine Frage der Nationalitätenpolitik, sondern vielmehr Ausdruck parakolonialer Unterdrückung durch die herrschende Klasse ist. Die Antwort auf diesen Erkenntnisprozeß stellte sich von seiten der Kurden postwendend ein: bei den Parlamentswahlen im Oktober 1973 hatten die Kurdengebiete eine Wahlbeteiligung bis zu 90 Prozent zu verzeichnen — nirgends sonst in der Türkei lag sie so hoch. Dabei „mußten die tonangebenden Großgrundbesitzer, die für Demirels Gerechtigkeitspartei bisher noch jede Wahl gewonnen haben, eine Niederlage hinnehmen, die einem Erdrutsch glich“. [4]

Freilich laufen die Kurden, so sie auf den Weg parlamentarischer Reformen bzw. die linke Republikanische Volkspartei setzen, Gefahr, genauso verschaukelt zu werden wie von ihren kleinbürgerlichen und feudalen Führern nach 1920. Noch spielt im NATO-Staat Türkei das Militär im Verbund mit den besitzenden Klassen die wichtigste Rolle, [5] und immer noch gilt die Drohung des Generals Gürsel, der 1960 erklärte: „Wenn die unverbesserlichen Bergtürken nicht ruhig bleiben, wird die Armee nicht zögern, ihre Städte und Dörfer zu bombardieren und zu zerstören. Es wird ein solches Blutbad geben, daß es sie verschlingen wird — sie und ihr Land!“ [6]

3 Sowjets verkaufen & Kurden für Öl

Nach der Niederlage der Kurdenaufstände in den zwanziger und dreißiger Jahren erwuchsen starke Autonomiebestrebungen erstmals wieder im Gefolge des Zweiten Weltkriegs, diesmal in Iranisch-Kurdistan. 1941 hatten Truppen der Anti-Hitler-Koalition, Engländer und Sowjets, den Iran besetzt. Die dadurch bewirkte Schwächung des Teheraner Regimes brachte nicht nur dem iranischen Proletariat bedeutende Erfolge in Arbeitskämpfen, vor allem in der Öl-Branche. [7] Auf sowjetischem Einflußgebiet bildeten sich 1945 bzw. 1946 zwei unabhängige Republiken — die demokratische Republik Azarbaidjan und die Kurden-Republik von Mahabad. Beide Republiken wurden von Truppen der Teheraner Zentralregierung und letztlich mit Billigung Stalins zerschlagen. Die kurdische (und azarbaidjanische) Republik war — in dieser Region nicht ungewöhnlich — Opfer des Erdöl-Pokers geworden. In Verhandlungen zwischen dem Botschafter der UdSSR, Sadtschikow, und dem iranischen Ministerpräsidenten Qawam al-Saltane war es am 5. April 1946, knapp zweieinhalb Monate nach Ausrufung der Kurden-Republik, zu folgender Vereinbarung gekommen:

  1. Die Truppen der Roten Armee räumen vom 24. März an das gesamte Gebiet Irans binnen anderthalb Monaten.
  2. Der Vertrag über die Gründung einer gemischten sowjetisch-iranischen Erdölgesellschaft wird vor Ablauf einer Frist von sieben Monaten (vom 24. März an gerechnet) dem iranischen Parlament in der 15. Legislaturperiode zur Bestätigung vorgelegt werden.
  3. Die Azarbaidjan-Frage als innere Angelegenheit Irans wird von der iranischen Regierung zusammen mit der azarbaidjanischen Bevölkerung auf friedlichem Wege geregelt werden. [8]

Die kurdische Frage war in dem Abkommen nicht einmal erwähnt worden. Das hinter dem Rücken der national-kurdischen Führung von Mahabad und dem sozialistischen Regime von Azarbaidjan ausgehandelte Ölgeschäft sollte sich allerdings für Stalin als ungedeckter Wechsel erweisen — das Öl blieb in der Hand der von Großbritannien beherrschten Anglo-Iranischen Ölgesellschaft.

Die am 22. Jänner 1946 ausgerufene autonome kurdische Republik mit der Hauptstadt Mahabad wurde am 16. Dezember 1946 von der iranischen Armee ohne Widerstand besetzt und aufgelöst. Der Staatschef, Qazi Muhamad, hatte unter sowjetischem Einfluß den Einmarsch der iranischen Truppen akzeptiert. Der gegenwärtige Führer des kurdischen Widerstands im Irak, Mulla Mustafa Barzani, der mit 3.000 irakischen Stammeskämpfern zur Unterstützung der Republik nach Mahabad gekommen war, und Qazi Muhamad waren von den Sowjets ausdrücklich gewarnt worden, gegen den — auch von den USA gebilligten — Einmarsch der persischen Armee Widerstand zu leisten. [9] Für Qazi Muhamad machte sich dieser Attentismus nicht bezahlt. Er wurde von einem persischen Militärgericht kurzweg zum Tode verurteilt und am 31. März 1947 gehängt. [10]

General Barzani

Der rasche Zerfall der Mahabad-Republik lag keineswegs allein in der militärischen Schwäche der Kurden begründet. Uneinigkeit zwischen den Stämmen und die fehlende Repräsentanz der Unterklassen in der politischen Bewegung trugen wesentlich zum Kollaps bei. Muhamads Partei bestand im wesentlichen aus Stammesführern, Großgrundbesitzern und Theologen. Soziale Reformen wurden während der Regierungszeit nicht in Angriff genommen, lediglich auf dem Kultur- und Schulsektor waren einige Aktivitäten zu verzeichnen.

Mulla Mustafa Barzani und seine Krieger hatten sich nach dem Einmarsch der iranischen Armee zu befreundeten Stämmen in die Berge zurückgezogen. Im Mai 1947 spitzte sich die Situation für die Truppe bedrohlich zu. Die irakische Regierung hatte Barazanıs Revolte von 1945 nicht vergessen und rüstete zum Schlag gegen die Aufständischen. Der Rückweg in den Irak war versperrt. Barzani entschloß sich zur Flucht in die Sowjetunion. Mit 500 gut bewaffneten Begleitern bewältigte er in einem vierzehntägigen Gewaltmarsch 350 km in nahezu unpassierbarem Gebirgsland ohne nennenswerte Zwischenfälle, doch unter dauerndem Druck iranischer bzw. türkischer Truppen. Erst nach elfjährigem Asyl in der Sowjetunion konnte Barzani in seine Heimat zurückkehren — als General Kassem 1958 die Bagdader Monarchie gestürzt hatte, inhaftierte Kurden und Kommunisten freiließ und die Kurden-Frage im Irak in einem befriedigenden Sinn zu regeln versprach.

Kassems antiimperialistische Außen- und Ölpolitik — der Irak trat aus dem Bagdad (CENTO-)Pakt aus und verstaatlichte im Dezember 1961 die Ölfelder zu 99% — veranlaßte die Kurden, mit ihren Autonomie-Forderungen abzuwarten. Doch als Kassem schließlich auf die kurdischen Selbstverwaltungsbestrebungen mit dem Vorwurf reagierte, die Kurden würden von der CENTO unterstützt, und im September 1961 mit Angriffen der Armee und der Luftwaffe auf das Barzan-Gebiet begann, organisierte Barzani den Volkskrieg. Trotz Waffenmangel und den Terrorangriffen der irakischen Luftwaffe auf die Zivilbevölkerung hatten die kurdischen Partisanen bis zum August 1962 den größten Teil Kurdistans unter ihre Kontrolle gebracht.

Die kurdischen Großgrund-Besitzer allerdings, die damals auch die Demokratische Partei Kurdistans (DPK) dominierten (heute steht sie unter Führung Barzanis), schlugen sich im Kampf auf die Seite der irakischen Regierung. Die Mehrheit des Zentralkomitees der DPK in Bagdad hatte schon im April 1961 beschlossen, gegen Kassem keine Waffengewalt anzuwenden. Wohl aber dingten einige kurdische Großgrundbesitzer Söldner, um die Volkserhebung zu bekämpfen.

4 Wetterfahne KP

Eine besonders opportunistische Politik in der Kurdenfrage verfolgten die irakischen Kommunisten. In einem Bericht ihres Zentralkomitees vom März 1962 heißt es: „Die KP leugnet die Gewalttätigkeit Kassems in Kurdistan nicht. Trotzdem dürfen die Kurden gegen die Regierung Kassems nichts unternehmen. Denn die Politik des Irak ist unabhängig, d.h. von Kolonialmächten unabhängig.“ Außerdem pflege der Irak gute Beziehungen zur UdSSR. [11] Je nach Bedarf, d.h. je nach dem Verhältnis der KP zum Regime und je nach den Beziehungen des Regimes zur Sowjetunion, wurden die kurdischen Widerständler als „hoffnungslose, isolierte nationalistische“ Bewegung, als „Agenten des Imperialismus in Kurdistan“, oder als „patriotische und antiimperialistische Kräfte“ qualifiziert. [12] Bei schwankendem politischem Barometer ließen sich die widersprüchlichen Einschätzungen der KP in der Kurdenfrage nicht einmal zeitlich genau trennen.

Die Kommunisten, die bereits unter Kassem, vor allem aber nach dessen Sturz und Hinrichtung durch die Baathisten teilweise blutig verfolgt wurden, verfügten allerdings über eine Richtschnur, die Entscheidungen auch in diffizilen Fragen leicht macht. Zum 40. Jahrestag der Gründung der KP Iraks, die seit Mitte 1973 durch ein Abkommen mit der Baath-Partei die „Nationale Front“ bildet, wurde erklärt: „Unsere Partei hat immer an der Verteidigung der Vorhut der kommunistischen Weltbewegung, der KPdSU, der Partei Lenins, als einem untrüglichen Kriterium für den Internationalismus der Kommunisten festgehalten.“ [13]

Das Muster der Auseinandersetzung der Kurden mit dem Kassem-Regime lag auch allen folgenden Konflikten im Irak zugrunde. Ob zum Amtsantritt von Oberst Aref (1963), General Aref (1966) oder General Hassan al-Bakr (1968) — immer fanden anfangs Autonomieverhandlungen statt, anschließend aber Zwangsumsiedlungen, Angriffe der irakischen Luftwaffe und kriegerische Auseinandersetzungen. Daß sich Barzanis Partisanenarmee Peschmarga (etwa: „vor uns der Tod“) trotz weitgehend fehlender Unterstützung von außen faktisch ein ganzes Jahrzehnt auf dem Stand von rund 40.000 Mann halten konnte, ist nicht nur auf ihre Überlegenheit im Berggelände bzw. auf Waffen- und Munitionsgewinn bei Auseinandersetzungen mit der irakischen Armee zurückzuführen: die Demokratische Partei Kurdistans, der politische Arm der Bewegung, konnte sich fest in der kurdischen Bevölkerung verankern.

Kurdische Kämpfer (Peschmarga, die „Todgeweihten“)

In ihrem Programm vom 1. Juli 1970 [14] vertritt die DPK die Autonomie für Kurdistan und eine „Festigung der nationalen Einheit im Irak“ (Artikel 7). Vor allem aber hat die Partei Konsequenzen aus der Haltung der Feudalherren im Widerstandskampf gezogen. Sie unterstützt ausdrücklich das irakische Landreform-Gesetz von 1970, das „die vollständige Beseitigung der Feudalverhältnisse ... gewährleistet“, und betont in einer besonderen Bestimmung für die kurdischen Bauern den Kampf um die „Abschaffung aller Beschränkungen und Privilegien in der Rinder- und Schafzucht, wie des feudalen Weiderechts, der Abgaben und anderer Feudallasten“ (Artikel 16).

Seit 1967 wurden in den befreiten kurdischen Gebieten systematische Kampagnen gegen das Analphabetentum geführt, 200 Grundschulen, eine Oberschule und 75 Notschulen eröffnet. Ein Dutzend Krankenhäuser entstand, aus Sicherheitsgründen meist in Höhlen und Hütten. Dabei kommen auf die 1,2 Millionen Einwohner der befreiten Gebiete nur zwei Vollmediziner, die jedoch medizinisches Personal und Sanitäter ausgebildet haben. [15] Der wichtigste Fortschritt wurde in der Grundreform erzielt: der Großgrundbesitz ist ausgemerzt, das Land wurde den ehemaligen Pächtern und den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt.

Andererseits kam der kurdischen Befreiungsbewegung die heterogerie innenpolitische Konstellation des Irak zugute. In Kämpfen gegen die ausländischen Ölgesellschaften 1950 und 1952 wie im Kampf gegen das Ancien régime und König Feisal II, der 1958 in der bislang blutigsten Revolution im Mittleren Osten gestürzt und von General Kassem abgelöst wurde, ist die Klassenauseinandersetzung wesentlich vorangetrieben worden; trotzdem blieb ihr auf politischer und wirtschaftlicher Ebene ein dauerhafter Erfolg versagt. Die verschiedenen Fraktionen der Baathisten, die Kommunisten und mehrere Militärcliquen überboten einander zwar ständig an revolutionärer Rhetorik und ‚‚sozialistischen“ Enunziationen, während sie in Wirklichkeit erbittert gegeneinander intrigierten und kämpften.

5 Es geht ums Öl

Seit 1958 werden die Geschicke des Irak im Innern vom Militär bestimmt. Trotz eines ständig steigenden Öleinkommens — Ende der sechziger Jahre rund 400 Millionen Dollar jährlich, gegenwärtig mehr als das Zehnfache — wurden weder in der Landwirtschaft, in der Industrie noch auf dem Erziehungs- und Ausbildungssektor größere Erfolge erzielt. Lediglich der Militärhaushalt kann mit beeindruckenden Wachstumsziffern aufwarten. 1958/59 betrugen die Verteidigungsausgaben rund acht Prozent des Bruttonationalprodukts, bis 1965/66 wuchsen sie in schönem Gleichschritt mit dem Bruttonationalprodukt um die Hälfte, 1969/70 hatte sich ihr Anteil auf etwas mehr als zehn Prozent eingependelt — während der nationale Reichtum, verglichen mit 1958/59, nominell um das Zweieinhalbfache gewachsen war. [16] Das vermehrte Rüstungspotential — 90 Prozent der Ausrüstung sind heute sowjetischer Herkunft — wurde an zwei Fronten benötigt: in der seit 1969 intensivierten Grenzauseinandersetzung mit dem Iran zum einen und im Kampf gegen die Kurden und die auf kurdischem Gebiet liegenden Erdölgebiete auf der andern Seite. Besonders Großbritannien war daran interessiert, die irakische Verfügungsgewalt über die im Norden gelegenen Erdölfelder aufrechtzuerhalten. 1963 lieferte England dem Baath-Regime, mit dem es wegen dessen striktem Antikommunismus sympathisierte, schwere Waffen und Munition und half bei der Ausbildung irakischer Offiziere. Daraufhin sprengten kurdische Partisanen zwei Öl-Pipelines der britischen IPC bei Kirkuk in die Luft. Barzani drohte mit weiteren Maßnahmen gegen die Ölfirmen, mit deren Unterstützung der Irak seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Kurden führte. [17]

Das Ölproblem ist heute der springende Punkt im irakisch-kurdischen Konflikt. In der von den Kurden beanspruchten Provinz Kirkuk werden gegenwärtig 50 Millionen Tonnen Erdöl jährlich gefördert — zwei Drittel der irakischen Gesamtproduktion. Am Streit um dieses Gebiet scheiterte auch das Abkommen, das am 11. März 1970 zwischen der irakischen Regierung und der DPK geschlossen worden war. In diesem Abkommen war den Kurden wieder einmal feierlich die Autonomie versprochen worden, über die strittigen Gebiete sollte spätestens 1971 eine Volksabstimmung stattfinden. Binnen vier Jahren hätte der Autonomieplan durchgeführt werden sollen; obwohl kurdische Minister dem Bagdader Kabinett angehörten und die Kurden seit März 1971 relative Freiheit in ihrer kulturellen, politischen und vor allem in der publizistischen Tätigkeit genossen, blieb das mit vielen Vorschußlorbeeren versehene Abkommen Makulatur. Im März 1974 begann der Krieg von neuem. Al Bakr hatte den Konflikt mit dem Aufbau einer arabischen Nationalgarde im Kurdengebiet, mit der Zwangsumsiedlung Tausender Bewohner der Region Kirkuk und einer gezielen Arabisierungspolitik vorbereitet.

Gegenwärtig stehen den 40.000 Soldaten der Peschmarga rund 40.000 Soldaten der irakischen Regierung gegenüber, welch letztere jedoch über den Vorteil einer schlagkräftigen Luftwaffe verfügen. Die kurdischen Truppen sollen teilweise mit persischen Waffen ausgerüstet sein, auf jeden Fall erhält Barzani ideelle Unterstützung vom Iran. Teheran ist an diesem Konflikt interessiert, wohl aber nur bis zu einem gewissen Punkt, wo der Funke des Aufstands auf die Iran-Kurden überspringt.

6 Verwirrung der Bündnisse

In den von Kurden bewohnten Provinzen des Iran (West-Azarbaidjan, Kurdistan, Kermanshah) ist genügend sozialer Sprengstoff gelagert. Die Arbeiter in der Erdölproduktion von Kermanshah hatten z.B. den ersten großen Streik im Iran nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen [18] — auch heute kommt ihnen unter dem strikten Teheraner Zentralismus der wachsende Ölreichtum genausowenig zugute wie ihren Stammesbrüdern im Irak. So steht in den kurdischen Provinzen Nordwest-Persiens ein Arzt für 6.000 Menschen zur Verfügung, im Landesdurchschnitt 3.000, in Teheran jedoch 700. [19]

In der Türkei herrschen womöglich noch größere soziale Spannungen — so nimmt es nicht wunder, daß rechtsgerichtete europäische Kommentatoren zwar vorsichtig mit dem kurdischen Kampf im Irak sympathisieren, im übrigen aber befürchten, es stünde „im Belieben Moskaus ..., die CENTO-Pakt-Brücke Ankara—Teheran—Islamabad außerordentlich zu gefährden.“ [20]

In Wirklichkeit haben zumindest die Kurden des Iran und des Irak von der UdSSR kaum etwas zu erwarten. Mit beiden Staaten unterhält die Sowjetunion mehr oder weniger gute Beziehungen, in beiden Staaten ist sie an Erdöl und Erdgas interessiert. In der Türkei sind es die amerikanischen CENTO- und NATO-Interessen, die einer Veränderung des Status quo durch die Kurden entgegenstehen. Insgesamt haben weder die USA noch die SU ein deutlich artikuliertes Interesse, die Politik der „friedlichen Koexistenz“ in dieser Region zugunsten der Kurden aufs Spiel zu setzen.

Barzani ist Realpolitiker genug, einerseits Hilfe anzunehmen, woher immer er sie bekommt, andererseits seine Autonomieforderungen auf den Irak zu beschränken. Die stärkste Waffe im Kampf der irakischen Kurden ist jedoch der Volkskrieg, die Zermürbung der feindlichen Armee und die Bindung großer Truppenteile im eigenen Gebiet. Kassem, Aref I. und II. als auch Al-Bakr (vor dem Abkommen vom 11. März 1970) haben sich im Stellungskrieg ihrer Truppen gegen die Kurden politisch und militärisch übernommen. Das gegenwärtige Regime in Bagdad hat aus diesen Erfahrungen gelernt — bereits zwei Wochen nach Ausbruch der Kämpfe im vergangenen März führte es Friedensverhandlungen mit der DPK. Diese Verhandlungen waren allerdings ebenso vorauszusehen, wie man mit weiteren bewaffneten Auseinandersetzungen rechnen kann. Der irakische Sub-Kolonialismus, Produkt der unvollendeten Revolution der arabischen Massen, bindet damit nicht nur einen unentbehrlichen Teil der menschlichen und materiellen Ressourcen des Landes, er gefährdet auch eine antiimperialistische Position ganz allgemein. Denn dieser Antiimperialismus ist notgedrungen ein Spiegelbild der inneren Kräftekonstellation, er ist genauso zwiespältig und labil wie das Klassenbündnis zwischen Arbeitern, Bauern und Kleinbürgern, das in den verschiedenen Fraktionen der Nationalen Front und des Militärs seinen Ausdruck findet.

Im Konflikt zwischen den kapitalistischen Ölgesellschaften und den OPEC-Staaten hat der Irak zwar spätestens seit 1971 eine objektiv fortschrittliche Rolle gespielt. Andererseits hatte der Fortschritt in dem Moment ein Ende, da die Interessen der herrschenden Schichten in Mitleidenschaft gezogen wurden — seit Kassem hat der Irak seine Ölexporte in den Westen niemals ernsthaft gedrosselt, der teilweise Lieferboykott der arabischen Staaten Ende vergangenen Jahres wurde sogar, gemeinsam mit dem Iran, mit höherer Förderung durchbrochen.

Der nationale Konflikt im Inneren schwächt nun die antiimperialistische Position des Irak noch mehr: Barzani und die Kurden zählen auf die Hilfe der USA [21] — die im Iran und in der Türkei gerade an der Unterdrückung der Kurden interessiert sein müssen.

Es ist das Dilemma und die Tragik der Kurden, daß ihr Gebiet zu einem Feld einander widersprechender und überlagernder Interessen geworden ist: nationale und wirtschaftliche Ansprüche der herrschenden Staaten, ihre außenpolitischen Konflikte, labile Bündniskonstellationen herrschender Klassen und Schichten, Kooperation und Konkurrenz der Supermächte — das alles in einem Bereich, dessen strategische Bedeutung nicht erst seit den Verträgen von Sèvres offensichtlich ist.

Für den politischen Manichäismus der europäischen Linken und Rechten ist das eine unerquickliche Situation. Die Linke sollte sich wenigstens nicht daran stoßen, daß die irakischen Kurden die Unterstützung der Vereinigten Staaten erwarten: auch Ho Tschi Minh erhielt Mitte der vierziger Jahre US-Unterstützung im Kampf gegen den japanischen Imperialismus, und in der Einleitung zur Verfassung der Demokratischen Republik Vietnam steht ein Passus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Flaschen und Schurken

Nixon — Reza — Barzani

Die Militärführung der kurdischen Nationalbewegung, die aus feudalen und reaktionären Elementen besteht, hat sich als unfähig erwiesen, eine Kampfstrategie zu entwickeln, welche die Verbündeten und die Feinde der kurdischen Massen klar herausstellt; man hat taktische den strategischen Überlegungen vorgezogen und die Augenblicksinteressen der Bewegung über die Grundinteressen des Volkes gestellt. Sie verstärken ihren Einfluß in der Partei umso mehr, je entschlossener die PDKI die Augen vor der blutigen Repression verschließt, welche die Kurden in Persien trifft, und sie schränken die Sozialreformen in Irakisch-Kurdistan ein, um weiterhin die „wohlwollende Neutralität“ Teherans zu genießen (offene Grenzen, Waffen).

Barzani und seine Leute haben die Flucht nach vorne angetreten, wie aus jenem traurigen Interview hervorgeht, das der General dem Reporter der Washington Post Jim Hoagland im Juni 1973 gegeben hat — das von der PDKI nur vage und vom Urheber gar nicht dementiert wurde —, in dem letztlich eine Orientierung der Kurden auf die Unternehmen des US-Imperialismus vorgeschlagen wurde.

Politique hebdo
14. März 1974

Kurden wollen Öl

Barzani hat die Regierung beschuldigt, die Bodenreform dazu auszunützen, um Araber in den umstrittenen Gebieten anzusiedeln und dadurch das ethnische Gleichgewicht zu verändern. Bagdad seinerseits ist nur widerwillig an die Durchführung des Abkommens vom 11. März herangegangen. Einige Bestimmungen, wie die Ernennung eines kurdischen Vizepräsidenten der Republik, sind einfach unter den Tisch gefallen, ebenso eine Zählung und Registrierung der Bewohner von Kirkuk, der viertgrößten Stadt des Landes.

„Meine Minister in Bagdad? Alles Flaschen“, erklärt der General jedem, der es hören will. „Die Regierung hat sie nicht einmal gefragt, als sie die Verstaatlichung der IPC beschloß, deren Ölquellen auf kurdischem Gebiet, in der Umgebung von Kirkuk, liegen.“

Seit einem Jahr konzentriert der Irak seine ganze Energie auf die Hebung seiner beachtlichen Bodenschätze. Die Ölreserven (fünf Milliarden Tonnen) gestatten eine Verdreifachung der Förderung (95 Millionen Tonnen 1973) in den nächsten zehn Jahren. Im Jahr 1980 wird der Irak Persien vom zweiten Platz der erdölexportierenden Länder des Mittleren Ostens verdrängen. Es gibt eine erstaunliche Koinzidenz mit Grenzzwischenfällen, in die bereits zweimal, Mitte Februar und Anfang März, die regulären Heere der beiden Länder verwickelt waren. Im Augenblick sind die Abgesandten des Generals beim Schah sehr aktiv.

André Thomas
Le Nouvel Observateur
18. März 1974

Großgrundbesitzer

Die feudalen kurdischen Großgrundbesitzer fürchten vor allem das Beispiel der Bodenreform in den arabischen Teilen des Iraks. Sie fordern außerdem ein Maß von Autonomie, das praktisch eine Loslösung ihres Landesteiles, in dem auch Araber wohnen, vom Irak bedeuten würde.

Hier treffen sich ihre Interessen mit denen des Schah-Regimes, das auf diesem Wege hofft, die Ölquellen von Kirkuk und Mossul unter seine Kontrolle zu bekommen. Mit im Spiel mit Waffenlieferungen und Finanzhilfen an die Kurden ist die Irak Petroleum Company (IPC), die von der jetzigen irakischen Regierung im Jahre 1972 als erster großer multinationaler Könzern völlig enteignet wurde.

Der Irak ist das Hinterland für Syrien nicht nur in militärischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. In beiden Ländern sind fortschrittliche Baath-Regierungen an der Macht, in denen auch Kommunisten vertreten sind. Beide Länder unterhalten gute Beziehungen zur Sowjetunion.

Deutsche Volkszeitung
Düsseldorf
21. März 1974

[1J. C. Hurewitz: Diplomacy in the Near and Middle East, A documentary record 1914-1956, Princeton 1956, Vol. II, p. 82; zit. n. Hassan Arfa: The Kurds, London 1966, p. 30 f.

[2Mao Tse-tung: Ausgewählte Werke, Bd. 2, Peking 1968, p. 251. In dieser im November 1938 verfaßten Arbeit über die „Frage der Unabhängigkeit und Selbständigkeit in der Einheitsfront“ setzt Mao Tse-tung auf ein taktisches Konzept des Gleichgewichts und der Kooperation der Klassen. Es gehe darum, „den Klassenkampf dem heute geführten nationalen Kampf zum Widerstand gegen die japanische Aggression unterzuordnen. Befolgt man dieses Prinzip, dann muß der unabhängige Charakter der Parteien, Gruppen und Klassen gewahrt, ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit in der Einheitsfront erhalten bleiben ...“ Dieses Konzept mag sich unter Bedingungen bewähren, wo die herrschenden Klassen sich im Widerspruch zu den fremden Usurpatoren befinden und so im nationalen Widerstandskampf eine — zumindest partielle — Interessenidentität zwischen Unter- und Oberklassen entsteht. Die Entwicklung in vielen Ländern der dritten Welt, auch in Kurdistan, hat die Einheitsfront-Ideologie jedoch bald brüchig werden lassen. Die Dynamik der nationalen Kämpfe schlug stets auch in den Klassenbeziehungen durch, spätestens, wenn in Phasen der Intensivierung des nationalen Kampfes die herrschenden Klassen eine Politik des Attentismus oder offener Kooperation mit dem Gegner zu betreiben begannen, um ihr internes Gewaltmonopol nicht zu gefährden bzw. rechtzeitig abzusichern.

[3Die Angaben über die Gesamtzahl der Kurden schwanken zwischen sechs und 16 Millionen. In verschiedenen Staaten wie in der Türkei oder in Syrien werden die Kurden bei Volkszählungen nicht gesondert erhoben, in anderen, beispielsweise im Iran, werden offensichtlich zu niedrige Zahlen veröffentlicht. Mit Jemal Nebez: Kurdistan und seine Revolution, West-Berlin 1972, p. 7, kann man folgende Zahlen als Minimum angeben: Türkei 4 Millionen, Iran 3, Irak 2, Syrien ½, UdSSR ¼, in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ½ Million.

[4Peter Rhode: Selbst das Wort „Kurde“ ist verboten, in: Frankfurter Rundschau, 28. November 1973. Alle statistischen Angaben zur Lage der Kurden in der Türkei aus diesem Bericht.

[5Vgl. Lutz Holzinger: Schmalspurfaschismus, Türkei Ausverkauf einer nationalen Revolution, NF September/Oktober 1971

[6Rhode, a.a.O.

[7Hassan Nazari: Der ökonomische und politische Kampf um das iranische Erdöl, Köln 1971, p. 81-83

[8Dietrich Geyer: Die Sowjetunion und der Iran, Tübingen 1955, p. 65, zit. n. Nebez, a.a.O., p. 97f. Nach Arfa, a.a.O., p.95, hätte die SU mit 51% an der Gemeinschaftsunternehmung zur Ausbeutung des nordiranischen Öls beteiligt werden sollen, der Iran mit 49%.

[9William Eagleton jr.: The Kurdish Republic of 1946, London 1963, p. 97

[10Hassan Arfa, ein persischer Militär, der wiederholte Male iranische Truppen im Einsatz gegen Kurden geführt hat, erwähnt die Hinrichtung Qazi Muhamads ohne weitere Begründung (Arfa, a.a.O., p. 100). Muhamad, der mit der Teheraner Regierung in immer neuen Verhandlungen gestanden war, wurde völlig willkürlich zum Tode verurteilt, offenbar um die kurdische Bevölkerung abzuschrecken. Die Hinrichtung Qazi Muhamads — außer ihm waren noch zwei weitere Mitglieder der republikanischen Regierung zum Tod verurteilt worden — wurde öffentlich in Mahabad vollzogen, auf jenem Platz, wo die Republik ausgerufen worden war.

[11„Unsere Politik und unser Weg zur gerechten Lösung des kurdischen Problems im Irak“, Publikation der irakischen KP, März 1962 (arab.), zit. n. Nebez, a.a.O., p. 157

[12Belegstellen bei Nebez, a.a.O., pp. 157-159

[13Die Wahrheit, Organ der Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins, 30./31. März 1974

[14Facts about the Democratic Party of Kurdistan, publ. by the Foreign Relations Committee of the KDP, o.O., o.J.

[15Kurden: Vergessene Nation Verschwiegene Revolution, in: Pogrom, Nr. 9 (1971), Hamburg, p. 39

[16Statistisches Material aus: J. C. Hurewitz: Middle East Politics — The Military Dimension, New York—London 1969, p. 160, sowie Iran Almanac 1973, Teheran 1973, p. 118

[17Nebez, a.a.O., p. 174

[18Nazari, a.a.O., p. 82

[19Iran Almanac 1972, Teheran 1972, p. 535 bzw. pp. 502/511

[20So Paul Schulmeister in der Welt (Hamburg), 25. Mai 1971

[21Interview in der Welt, 15. Dezember 1973

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