FORVM, No. 417-419
Oktober
1988

Ein fauler Hund

Friedrich Torberg, wäre er nicht schon 1979 gestorben, hätte kürzlich seinen Achtzigsten begangen. Beides reizte die österreichische Kulturwelt zu exzessivem Feierjubel, was das FORVM mit berechtigtem Stolz auf seinen Gründer erfüllt — Frank Tichy, Salzburger Pädagoge und Autor eines Buchs über China (J&V 1985) räumt ihn uns fleißig wieder herab.

Seine Briefe sind voll mit köstlichen Betrachtungen, beißendem Spott, selbstironischer Beweihräucherung, faustdickem Tratsch und im allgemeinen ein Vademekum zum erfolgversprechenden Aufbau von Intrigen. Leider sind bislang nur die langweiligen Briefe veröffentlicht worden. Sein Nachlaß, testamentarisch der Wiener Stadtbibliothek vermacht, enthält noch tausende Blätter hervorragender Briefkunst. Doch auch hier stößt man wieder auf die typisch Torbergschen Halbwahrheiten. In seinem „Nachruf zu Lebzeiten“ widmet er seiner Leidenschaft, nächtens Unmengen von Briefen zu schreiben, einige bescheiden klingende Bemerkungen:

... in seinen Briefen nahm er niemals auf die Nachwelt Bedacht, immer nur auf den Partner. Jeder einzelne Brief, auch der nebensächlichste an den unwichtigsten Empfänger, stellte für ihn eine Herausforderung dar, der er sich nicht minder gewachsen zeigen wollte als literarischen Herausforderungen, welcher Art immer.

Der manische Briefschreiber Torberg hatte aber sehr wohl mit einem Auge auf die Nachwelt geschielt. Von allen Briefen hob er sorgfältig Durchschläge auf, ordnete sie in Dutzenden von Ordnern und Mappen, von Telegrammen fertigte er Abschriften an, und vor Erfindung des Kopierapparates schrieb er alle Briefe ab, bevor er sie aus irgendwelchen Gründen aus der Hand gab. Später, in der FORVM-Zeit, mußten seine Sekretärinnen die immer wieder korrigierten Briefe oft mehrmals schreiben, ehe sie abgeschickt werden durften. Ist es denn also heute noch legitim, ohne dieses umfangreiche Material, das so sorgfältig komponiert worden ist, den homo torbergensis zu beplaudern?

Die Gutgesinnten und die Schlechtgesinnten

Die differenzierte Analyse war nicht sein Metier. Er sah die Welt in einfacher Schwarz-Weiß-Sicht: hie Feinde — da Freunde. Seine Freunde hatten daher auch ihre liebe Not mit ihm, in zweierlei Hinsicht: Meist fiel er über sie her mit seinen hanebüchenen Vorurteilen und sie hatten es schwer, ihn mit ihren Gegenargumenten nicht zu beleidigen; und er versuchte immer wieder, sie in seine Frontstellungen einzubeziehen.

Torbergs Weltsicht war sehr einfach. Entsprang das seiner Faulheit, sich mit Problemen mehrschichtig auseinanderzusetzen, oder der Unfähigkeit, analytisch zu denken? Gleich wie, er hat die Welt gerne in ein „wohlwollendes Lager“ und ein „übelwollendes Lager“ [1] eingeteilt. Er sprach vom „gemeinsamen Lager“, [2] „unserer Sache“ oder „nostra res“, [3] wenn er gegen den „Urfeind“ [4] antrat. Er dachte in Begriffen wie „Gutgesinnte“ und „Schlechtgesinnte“ [5] und war stets bereit, Intrigen anzuzetteln, Bosheiten zu versprühen oder zur literarischen Hinrichtung zu schreiten, wenn jemand gegen den antikommunistischen, den jüdischen oder den Torbergschen Stachel löckte.

Aufgeräumt in Hollywood
Fotos aus „Erinnerung an F. T.“, Edition Atelier

Er verwendete gerne ausgesprochen kriegerisches Vokabular, wenn es um die Bekämpfung der Feinde ging. Er sprach vom „propagandistischen Terraingewinn gegen die Kommunisten“, [6] vom „verbliebenen Fähnlein der alten Landser“, [7] wichtigen „Kampfmitteln“ [8] und „militanten Kräften“ [9] schon in der Planungsphase des FORVM und verteidigte seine Linie später so, daß er nicht ein „Journal of Opinion“, sondern eines „of fight und critisism“ [10] gegründet habe. Seine Lust am Streit bekräftigt er in einem Bericht über sein Intrigenspiel um die österreichische Staagsbürgerschaft Bertold Brechts und seine Attacken gegen Gorttfried von Einem: dies stelle wohl „einen der heilsamsten Wirbel dar, die ich bis jetzt angezettelt habe“ [11]

Er versuchte ziemlich hemmungslos, Leute wie Manès Sperber, Arthur Koestler, Hans Wallenberg, François Bondi, Klaus Dohrn, Melvin Lasky oder Fritz Thorn in seine heftige und Jahrzehnte dauernde Fehde mit Hilde Spiel auf seine ausschließliche Seite zu ziehen. Er blitzte bei allen ab. Von dem in London lebenden Jugendfreund Fritz Thorn, der für das FORVM gelegentlich über bildende Kunst schrieb, forderte er eine Loyalitätserklärung, die dieser sofort ablehnte. Melvin Lasky, dem Gründer und Herausgeber der deutschen Kulturzeitschrift „Der Monat“ stellte Torberg die kategorische Gewissensfrage, ob denn Hilde Spiel in dieser Zeitschrift überhaupt publizieren dürfe, da sie doch nicht in den Reihen der prononçierten Kalten Krieger stünde. [12]

Melvin J. Lasky

In seinen kürzlich posthum erschienenen „Lebenserinnerungen“ schreibt Hans Flesch-Brunningen [13] über die

bereits historische Fehde, samt Klatsch und Gegenklatsch, samt Zornausbrüchen und Verleumdungen:

Die Fehde hatte sich augenscheinlich in den USA, auf dem intrigenfördernden Broadway, entwickelt und wurzelte durchaus im Ideologischen, da Torberg ein fanatischer Kommunistenverzehrer war, während sich Peter [14] und Hilde im Bereich dieser kaum eindeutig zu entscheidenden Frage einen klaren Blick bewahrt hatten.

Hilde Spiel zeichnet in ihren Roman „Lisas Zimmer“ einen bezeichnenden Ausschnitt dieser New Yorker Intrigenszene nach. Der Roman könnte im Klartext auch heißen: „Friedrich Torberg und seine Freunde.“ Torberg tritt in der fiktiven Person des „dicken Fleming“ auf, Wilhelm Schlamm als Talberg und Erich Maria Remarque als Bothe. Flemings Auftritt bei einer Party läßt an Deutlichkeit nicht zu wünschen:

... er trug eine geistesabwesende Miene, als habe er bis jetzt an einem Meisterwerk gearbeitet und sei, noch umsponnen von seinen Gedanken, hierher geeilt. Dennoch verbrachte er, wie jedermann wußte, seine Tage im Schlaf oder Müßiggang, schrieb nicht viel und dies des Nachts oder in den Morgenstunden. [15]

Doch der dicke Fleming ist nur zu einem Teil Torberg, der andere Teil dieser Figur ist Torbergs enger Freund Klaus Dohrn — Legitimist, „Berufskatholik“, [16] wie Torberg ihn zu nennen pflegte, und Publizist. Aber, wie es im Roman heißt, „obgleich er wenig veröffentlichte, schien er immer Geld zu haben“. Klaus Dohrn werden enge Beziehungen zu amerikanischen Geheimdiensten nachgesagt. Über Fleming-Torberg-Dohrns schriftstellerische Arbeit liest man weiter:

Seine Bücher aber enttäuschten und hörten schließlich zu erscheinen auf. Statt dessen wurden seine Rezensionen und literarischen Polemiken immer boshafter. [17]

Nun, Hilde Spiel war wirklich nie sehr eingenommen von Torberg und liefert hier sicher eine polemisch-fiktive Überzeichnung. Doch Manès Sperber war ein guter Freund Torbergs, jedenfalls ein wohlmeinender, denn der Briefwechsel der beiden liest sich wie das Protokoll einer psychotherapeutischen Beziehung zwischen dem Arzt Sperber, der es gut meint mit seinem Torberg. „Torberg“, redet Sperber auf ihn ein wie auf einen Kranken, „seien Sie kein Trotzkopf, stellen Sie das Gedicht nicht an eine conspicuous Stelle.“ [18] Torberg wollte ein provokantes Gedicht als Motto für seinen Band „Pamphlete — Parodien — Post Scripta“ setzen, um „weiten Kreisen der Umwelt das Fürstlich Torberg’sche General-Leckmichimarsch zu erteilen“. [19] Auf Sperber scheint Torberg gehört zu haben, nennt er ihn doch seinen „Wunderrabbinatskandidaten“, „einer der wenigen, denen ich überhaupt noch zuhöre“. [20]

Furor polemicus

Sperber hatte nicht viel übrig für Torbergs verbissene Fehden um dessen messianischen Antikommunismus willen:

Ich bin gegen Ihren Furor polemicus ... seien Sie auch nicht Karl Kraus, sondern der begabte Schriftsteller Friedrich Torberg, dem seine Bücher schreibt keiner, wenn er sie nicht schreibt. [21]

Einen ähnlichen Ratschlag erhält er von seinem Freund Martin Herz, einem amerikanischen Karrierediplomaten, der vor dem Zweiten Weltkrieg einige Zeit in Wien verbracht hatte und nach dem Kriege von 1945-1949 Politkommissär an der Wiener US-Botschaft war:

Not auf den guten alten Thomas Mann kleffen, but to try to be a Thomas Mann ... yourself. [22]

Auf Torbergs Vereinnahmungsversuche antworten jedenfalls alle ablehnend. Sperber kühl auf Torbergs Forderung nach „Abbruch des Verkehrs“ [23] mit Hilde Spiel und Robert Jungk:

Meine Beziehungen zu Jungk und zu Hilde Spiel sind wenig inhaltsreich und von geringer Bedeutung für beide Seiten. Die Frage des Brechens ist daher auch unbedeutend. Doch wichtiger als brechen ist es, die Wahrheit zu ergründen und, wenn es möglich ist, zu helfen, daß alles mit Anstand bereinigt wäre. [24]

Gegenüber Salcia Landmann entwickelte Torberg Haßgefühle von unglaublicher Schärfe. Er nennt sie „Gottesgeisel“, [25] „Saujüdin“ [26] und „Jauchenjüdin“ [27] und möchte Sperber eine Kompizenschaft aufdrängen, an der „Abschlachtung“ [28] der Landmann teilzunehmen, beruft sich auf Gerschom Scholem, Robert Neumann, Adorno und andere, die alle bereit wären, sich zitieren zu lassen. Doch Sperber ist wenig beeindruckt von soviel Diffamierungsaufwand und spielt nicht mit. Er habe das Buch nicht gelesen, „daher schiene es mir nicht richtig, mich als Zeugen zu zitieren“. [29] Wieder einmal fügt er väterlich streichelnd seinen ethischen Vorbehalt gegen Torbergs Rundumschlag hinzu:

Natürlich sind Sie ein sehr begabter Polemiker; es ist ja auch wahr, daß ich Ihre Polemiken mit (wahrscheinlich unanständigem) Genuß lese, aber trotzdem ist mir vor all dem bange. Es ist, wie ich im FORVM geschrieben habe, immer peinlich, an die grinsenden Goschen auf der Galerie zu denken.

An Arthur Koestler richtet Torberg das ganz hinterhältige Ansinnen, den Herausgeber des „Monat“, Melvin Lasky, zu veranlassen, daß Hilde Spiel den Auftrag erhält, Thomas Mann und Berthold Viertel zu verteidigen, wenigstens sollte sie provoziert werden, sich zu den beiden zu bekennen, um damit ihm, Torberg, die Möglichkeit einer Entlarvung Spiels als „Fellowtraveler“ zu geben. [30] Koestler antwortete auf Torbergs zwei Seiten langen Brief lakonisch mit zwölf Zeilen und erbat die Ermächtigung, den Brief einfach pauschal an Lasky weiterzugeben.

Cynthia mit Ehemann Arthur Koestler
gemeinsam den Tod gesucht

Als alle Versuche, Lasky über Dritte zu beeinflussen, Hilde Spiels Mitarbeit am „Monat“ zu kompromittieren, [scheitern], schreibt er einen acht Seiten langen Brief an diesen selbst. Dieser Brief kann als ein Meisterwerk der denunziatorischen Literatur, der rufmörderischen Polemik in die Literaturgeschichte einsortiert werden, und wenn solches als literarisches Genre noch nicht anerkannt ist, so kann Torberg das Verdienst seiner Anerkennung sicher dereinst für sich buchen, wenn auch diese Dokumente einmal veröffentlicht werden können. Er beginnt sein Unterfangen, indem er sich auf „unseren guten Freund Arthur Koestler“ [31] bezieht. Dann lügt er unverblümt, Koestler hätte ihn gefragt, ob „Der Monat“ schon seinen Roman „Die zweite Begegnung“ rezensiert hat. Als Torberg verneint hätte, sei Koestler fuchsteufelwild geworden und hätte angeboten, etwas zu unternehmen, was Torberg verschämt ablehnen mußte.

Es war Torberg schon lange ein Dorn im Auge, daß sein literarisches Werk im „Monat“ bis April 1952 völlig übersehen worden war. „Der Monat“ war, wie später auch das FORVM, ab 1950 über den „Kongreß für kulturelle Freiheit“ vom CIA finanziert worden und von Torberg sofort als Komplizenunternehmen in seinen Kampf gegen die fellow traveler eingestuft worden. Von Komplizen erwartete er auch eine entsprechende Würdigung seiner selbst. So wendet sich Torberg auch an den Berliner Publizisten Hermann Linden und beschwert sich, daß „der ‚Monat‘ als einzige unter den ernstzunehmenden Zeitschriften in deutscher Sprache mich beharrlich ignoriert“, ja im Mai-Heft 1952 habe Hans Weigel in seinem „Brief aus Wien“ eine Reihe Namen österreichischer Autoren angeführt, „und bringt es tatsächlich fertig, den meinen auszulassen“.

Ein fauler Hund

Hermann Broch hat mit der ihm eigenen analytischen Unerbittlichkeit bei Erscheinen von Torbergs Roman „Die zweite Begegnung“ [32] sofort den Finger in Torbergs größte Wunde gebohrt und die „journalistische Direktheit“ von Torbergs Arbeitsstil angekreidet. Brochs Brief an Torberg vom 7. Februar 1951 enthält die wahrscheinlich unangenehmeste Kritik, die Torberg je von einem befreundeten Autor hat einstecken müssen. Das dürfte auch der Grund sein, warum dieser Brief immer schamhaft von der Publikation ausgeschlossen blieb.

Anläßlich des zehnten Todestages von Hermann Broch (31. Mai 1961) hat Torberg in der Mai-Nummer 1961 des FORVM die Briefe Brochs an ihn aus den Jahren 1942-1951 veröffentlicht. In einer Vorbemerkung dazu schreibt Torberg:

Sollte da und dort der störende Eindruck entstehen, als hätte sich dieser briefliche Kontakt (und die langjährige Freundschaft, die ihm zugrunde lag) auf einer für mich ungebührlich schmeichelhaften Basis abgespielt und als wäre ich bei der Nutznießung dieser Partnerschaft allzu gut weggekommen, so ist das nicht meine Schuld, sondern die Schuld Hermann Brochs.

Da besagter Brief aber wenig schmeichelhaft für Torberg ausfiel, ist er im FORVM genausowenig abgedruckt wie in der Ausgabe von Broch-Briefen (von Robert Pick) 1957, in der (von Paul Michael Lützeler besorgten) „Kommentierten Werkausgabe“ von 1981 und einem Abdruck von Briefen in der „Neuen Rundschau“ Nr. 4, 1951. In der von den Nachlaßverwaltern 1981 herausgegebenen Sammlung von Briefen „In diesem Sinne ...“ fehlt der Brief ebenso. Also ganze vier Publikationen mit Briefwechsel Broch-Torberg haben den Brief sorgfältig ausgelassen:

Broch bestätigt Torberg einen „tadellosen, sauber geschriebenen Roman“ hingelegt zu haben, das verstehe sich nach 20jähriger schriftstellerischer Tätigkeit von selber, „aber zum Artistischen habe ich Dir zu offenbaren, daß Du ein fauler Hund bist“. Er wirft Torberg vor allem mangelnde „Sublimierung“ vor. Daß Torberg mit einem „neuen Romantypus“ im journalistischen Reportagestil exerimentiere, nehme er einem Torberg nicht ab, „denn im Grunde bist Du ein konservativer Schriftsteller“. Daher ist die „Unsublimierung ... eben glattwegs Faulheit“. [33]

Aus dieser Kritik an der künstlerischen Untiefe des Romans erfolgt ein vernichtendes Verdikt:

... es ist ein anti-kommunistisches Buch, und es überzeugt nicht. Du hättest mit den gleichen Mitteln, nur mit ganz kleinen Verschiebungen, ebensogut ein kommunistisches Buch schreiben können, und es hätte gleichfalls nicht überzeugt.

Im nächsten Brief vom 29. März 1951, den Torberg im FORVM wohl publiziert, dessen Tragweite der Argumentation der Leser aber ohne Kenntnis des vorhergehenden Briefes nicht zu erkennen vermag, präzisiert Broch seine Vorbehalte gegen die „Reportagemethode“. Es fehle der „Zweiten Begegnung“ an „Zeitenbreite“ wie an „Zeitentiefe“. Damit meint er die faktische Leere, in der sich die Liebesgeschichte von Martin Dub und Wera Kirsanowa ereignet, und den kaum erkennbaren sozialen und politischen Hintergrund, vor dem sich die kommunistische Machtergreifung in der Tschechoslowakei abspielt, die Martin und Wera zur Flucht zwingt.

Es ist anzunehmen, daß Torberg durch den großen Erfolg von Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ zu diesem Thema angeregt wurde. Das Thema der Unfreiheit in kommunistischen Staaten, der Grundakkord für alle Kalten Krieger, sollte der Tantiemenbringer der Nachkriegszeit werden. So hoffte zumindest Torberg, denn neben Koestlers Abrechnung mit dem Sowjetsystem waren auch die Memoiren des abgesprungenen GPU-Generals Walter Krivitski [34] und das aufregende Buch „Out of the Night“ von Jan Valtin [35] große publizistische Erfolge in den vierziger Jahren.

Torberg las diese Bücher während seiner New Yorker Exilzeit. Über „Sonnenfinsternis“ äußert er sich gegenüber Koestler in ziemlich anbiedernder Weise, indem er zu dem ihm eigenen Mittel greift, eine vertrauliche Komplizenschaft mit dem Erfolgreichen aufzubauen. Er lobt Koestlers Gleichsetzung der totalitären Regime in Spanien und der Sowjetunion, legt diesem auch gleich ein „Amoklaufen“ gegen linke Positionen in den Mund, die seinen, Torbergs, Bestrebungen gleichen würden. [36] Doch Koestler bleibt unbeeindruckt. Torberg hat der dichten Koestlerschen Erfahrung mit der kommunistischen Bewegung und den Zuständen in der Sowjetunion nichts gleichwertiges entgegenzusetzen. Koestlers Methode ist auch nicht die des „Amoklaufens“, sondern er versteht es, sein Material für sich sprechen zu lassen, ohne der Lust des Fanatikers zu geifernden Seitenhieben zu erliegen.

Als Torberg seinem intimsten Freund in der Emigration, Willi Schlamm, über das eben fertig gewordene Manuskript der „Zweiten Begegnung“ berichtet, gibt er zu, wesentliche Schwierigkeiten mit den faktischen Koordinaten zu haben, an denen die Liebesgeschichte aufgehängt werden soll.

Ich habe jeden Überblick darüber verloren, wie weit diese Notizen [37] das ausdrücken, was ich ausdrücken will, wie weit sie einem politisch geschulten Leser akzeptabel und einem politisch ungeschulten verständlich sind, ob eine Art Weltbild aus ihnen hervorgeht, ob ihre sachlichen Requisiten richtig eingesetzt sind, ob ich die richtige Mischung aus Moralität, Polemik, Zorn und Witz zustandegebracht habe und die richtige Linienführung von der Naivität zur Reife etc.,

wendet er sich an Schlamm um Hilfe

da kannst Du mir aber ja helfen. [38]

Torberg merkt noch an, daß das Weltbild des Martin Dub weitgehend dem seinen entspricht.

Schlamm antwortet mit einer eingehenden Kritik erst ein Jahr später. Auch er kommt zu einem ähnlichen Schluß wie Broch: Der Autor müßte erst einmal seine Faulheit überwinden, um den wirklich großen Roman zu schreiben. Er bedauert, daß es

nur ein ausgezeichneter Roman wurde, wo es doch ein vollendeter hätte werden können.

Hätte ich Deinen Roman zum Redigieren gekriegt,

liest er Torberg die Leviten,

wäre mein Rat gewesen: Wunderbar, mein lieber Greenburger — und jetzt fangen wir zu arbeiten an nämlich am Jan.

Schlamm konzidiert, daß die Liebesgeschichte gut geraten sei, zu gut,

Du aber, mein Alternder, bist ein so informierter und intensiver Voyeur geworden, daß der erotische Unterbau Deines Romans den politischen Überbau überragt. — Die Wera kriegt den Autor ins Bett. So gut ist sie. [39]

Nachdem Walter Krivistki ermordet aufgefunden worden war, erfährt Torberg von Willi Schlamm, daß ihm der Fall ziemlich nahe gehe, da er den Exspion gut gekannt habe. Gleichzeitig lenkt Schlamm Torbergs Aufmerksamkeit auf „Out of the Night“, dessen Autor er auch kennt. „Ob alles darin wahr ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß alles darin wahr ist“, [40] glaubt Schlamm zu wissen. Doch auf Torberg macht „das Ganze ... trotzdem keinen guten Eindruck“, da er „absolut keinen Beweis und keine Nötigung dafür, daß und warum der Mann kein Kommunist mehr ist“ [41] sieht.

Wilhelm Schlamm

Torberg stellt seinen Roman „Die zweite Begegnung“ Ende 1949 fertig. Schlamm wie Broch verwenden sich für Torberg, um einen amerikanischen Verleger zu finden. Ein Vorvertrag mit Harpers scheitert aber ebenso wie Verhandlungen mit James Putnam. Torberg macht dafür „die Clique aus frustrierten und/oder fellowtravelnden Emigranten“ [42] verantwortlich, die in den meisten großen Verlagen als Lektoren für deutschsprachige Werke sitzen. Da steht er tatsächlich auf verlorenem Boden, denn die meisten jüdischen Intellektuellen waren links eingestellt, zumindest keine Antikommunisten von Torbergs Aggressivität. Für die Ablehnung bei Viking Press war Ben Huebsch verantwortlich. Gerade der aber hatte Franz Werfel, Lion Feuchtwanger und Bruno Frank in diesen Verlag geholt, und als er Gina Kaus’ neuesten Roman „Der Teufel nebenan“ nicht ins Programm nehmen konnte, lieh er ihr wenigstens Geld, damit sie nach Hollywood gehen konnte.

Die Verzweiflung des unbekannten Dichters

Hermann Broch gibt Torberg in dieser Situation zu verstehen, daß sein Buch eben doch nicht den Anforderungen des amerikanischen Marktes entspreche. Doch Torberg hält in halsstarriger Überschätzung seiner selbst an der Verschwörungstheorie fest: die roten Intellektuellen, die „direkten und indirekten KP-Schlieferln“, würden ihn „in unvorstellbarem Ausmaß kletten- und flechtenartig“ [43] umgeben.

Auch die anpassungsfähigen und geschäftstüchtigen Ungarn hatten den amerikanischen Dreh schnell durchschaut und ließen die Geldquellen für sich sprudeln. Torberg äußert sich in seinen Briefen darüber immer wieder mit unverhohlenem Neid, so daß Schlamm ätzend bemerkt: „Zieht man in Betracht, daß T. sich während dieser Zeit in Lebensgefahr, nämlich in Hollywood befand und von ungarischen Pygmäen umringt, in tiefster Verzweiflung auf eine artikulierte Kunde aus der Außenwelt wartete ...“ [44] Schlamm trifft damit, mit satirischer Überzeichnung, die existenziellen Probleme des europäischen Dichter-Adepten in seinen besten Schaffensjahren. Da hilft auch Schlamms herzmanovskischer Rat zur Rückbesinnung wenig: „Du wirst Dich schon hineinfinden, glaube mir. Ein Mensch, der was in Attnang-Puchheim das Umsteigen gelernt hat, sollte sich überall durchschlagen können, auch wenn die Lebensbahn eine noch so scharfe Kurve nimmt ...“ [45]

Zehn Jahre später, in New York, schlägt sich Torberg noch immer mit dem Problem der ungebührlich versagten Anerkennung herum:

Oder kannst Du Dir vorstellen, daß ein amerikanischer Autor, dessen standing, background und sogar success ungefähr dem von mir auf deutsch innegehabten gleichkäme, zehn Jahre lang im deutschen Sprachgebiet Europas leben würde, wo immer — ohne daß man von ihm überhaupt Notiz nimmt? [46]

Hier aber liegt auch Torbergs entscheidender Fehler. Er hält sich für einen erfolgreichen Autor, vergißt aber ganz, daß Leute wie Thomas und Heinrich Mann, Franz Werfel, Bertold Brecht, auch Hermann Broch und eine Reihe anderer ein wesentlich gewichtigeres Œvre aufzuweisen hatten, als sie in New York an Land gingen. Gina Kaus hatte schon fünf ins Englische übersetzte Romane vorzuweisen, von denen vor allem „Katharina die Große“ ein Riesenerfolg war, und zwei ihrer Romane waren schon verfilmt gewesen. Trotz dieser Erfolge hatte Viking Press ihren ersten in den Staaten verfaßten Roman abgelehnt, und zwar mit dem Hinweis, man habe gerade ein Buch von Werfel gekauft. Sie war sich in der Folge nicht zu gut, mit Drehbüchern ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als Torberg 1940 in Hollywood ankam, war sie auch in dieser Sparte schon sehr erfolgreich, und er konnte einige Wochen in ihrem Haus verbringen. Dafür machte er sich lustig über ihre Angepaßtheit an den American way of live, nannte sie „hollywoodisiert“ und „amerikanisiert“, [47] aber selbst weigerte er sich, auf die neuen Lebensumstände sich einzustellen.

Obwohl Torberg das Glück hatte, in eine Gruppe von „ten outstanding antinazi writers“ aufgenommen zu werden, ein Visum durch das „Thomas Mann-Commitee für gefährdete Intellektuelle“ zu bekommen und einen einjährigen Vertrag bei Warner Brothers bei der Ankunft in der Tasche zu haben, konnte und wollte er diese Chance nicht nützen. Gina Kaus darüber in ihrer Autobiografie:

Ich habe gelegentlich mit Torberg, mit Leonhard Frank und mit Alfred Neumann über ihre Versuche in den Filmstudios gesprochen, und es war herzzerbrechend, wie hilflos diese hochbegabten Männer der ihnen fremden Aufgabe gegenüberstanden. [48]

Torbergs Berichte aus Hollywood geben auch genau dieses Bild wieder. Mit beißendem Spott macht er sich über den Alltag in Hollywood lustig, ist aber nicht bereit, über das Allernotwendigste hinaus Kontakt mit den Eingeborenen autzunehmen. Wie ein englischer Kolonialgentleman bewegt er sich nur unter seinesgleichen, verkehrt in den Häusern der Erfolgreichen, der Dieterles, Deutschs, Werfels etc., und hält sonst vornehme Distanz:

die Emigration ist sozusagen sexual-autark, und ich für meine Person habe z.B. einige europäische Versäumnisse gutgemacht. Was Du so auf der Gasse siehst, ist unbeschreiblich schön und gepflegt und gutrassig, jede schaut aus wie ein Filmstar (was ja auch beinahe jede werden will), aber mehr weiß ich nicht“, [49]

schreibt er an Arthur Stappler, den Bohemien und Freund aus Wiener Kaffeehaustagen und amourösen Nächten. Torberg träumt davon,

meine Vorstellung von Hollywood-Karriere zu verwirklichen: nämlich durch Verkauf einer Story auf einen Stoß so viel Geld zu verdienen, daß ich nach New York fahren kann. [50]

Er wollte sozusagen als „gemachter“ Schriftsteller in New York ankommen, um in den intellektuellen Kreisen zwischen Broadway und Fifth Avenue mit einem kräftigen „hoppla, da bin ich“ eine wesentliche Rolle spielen zu können. Doch es bleibt beim Träumen. Nicht, daß er keinen Erfolg gehabt hätte: Er schrieb in Hollywood immerhin sein wahrscheinlich bestes Werk, die Novelle „Mein ist die Rache“, und veröffentlichte es 1943 im Emigrantenverlag „Pazifische Presse“ des Ernst Gottlieb, außerdem auf spanisch in Buenos Aires und auf hebräisch in Tel Aviv.

Aber der große Coup wollte nicht gelingen. Nachdem Torberg im Frühjahr 1942 gemeinsam mit Franz Werfel die Filmstory „The Love and Hatred of Zora Pasha“, eine blutrünstige, exotische Schauergeschichte nach Hollywoodgeschmack, geschrieben hatte, erhoffte er sich die ersehnte „Riesenchance“, die 12-15.000 Dollar einbringen sollte „das Ende aller Sorgen“ [51] —, aber im letzten Augenblick platzte das Ding.

Er schöpft erneut Hoffnung, als endlich ein von ihm verfaßtes Drehbuch 1944 akzeptiert wird. Der Film „Voice of the Wind“, von Regisseur Arthur Ripley gedreht und von Rudolf Monter produziert, war ursprünglich als „sleeper“ geplant, wurde aber dann von „United Artists“ überraschend schnell gekauft und hatte in einem New Yorker Broadwaykino Premiere. Er spricht von „Sensationserfolg“, ist aber schon vorsichtig geworden:

und wie das in Hollywood schon ist, kann ich jetzt nur noch ins große Verdienen kommen — oder in gar keins. [52]

Mit dem Pech, das er nun einmal hat, platzt auch diese Seifenblase. Torbergs Frust in der Filmmetropole nimmt schon bald bedauernswerte Ausmaße an. Schon vor Ablauf seines einjährigen Vertrages bei Warner Brothers richtet er flehentliche Bitten an Schlamm, der mittlerweile stellvertretender Chefredakteur beim prestigereichen Magazin „Fortune“ geworden ist, ihm doch einen Job in New York zu verschaffen. New York, immer wieder New York. Schon als er angekommen war, verfiel er dem „Lichterglanz der Wolkenkratzer, Traum und Inbegriff von Stadt“. [53]

In den ersten Jahren in Hollywood verbringt er die meiste Zeit mit dem Abfassen von Drehbüchern für B-Pictures, die meist in der Versenkung verschwinden oder gar nicht produziert werden. Immer wieder will man von ihm eine „Mystery-Story“, „wofür ich weder Fähigkeit noch Neigung besitze“. Er bemüht sich hart, diese Forderungen zu erfüllen, aber er schafft es einfach nicht: „Die Unerquicklichkeit meiner Arbeit im Studio nımmt Dimensionen an, die es mir nachgerade unmöglich machen, das ganze mit Humor zu betrachten“. [54] Der Frust wird zur „Verbitterung“, [55] als der Vertrag mit Warner in Form eines glatten Hinausschmisses endet.

Hollywood war von Anfang an eine seelische Tortur für Torberg. Darüber können auch die satirischen Bemerkungen und witzigen Histörchen, die ein Torberg immer zu erzählen weiß, nicht hinwegtäuschen. Seine erste Enttäuschung drückt er noch in bitterer Ironie aus:

Die Garbo hat sich sehr verändert, ich sah sie gestern ın einem Obstgeschäft hinterm Pult sitzen, sie war klein und dick und hatte Goldzähne, aber nicht viel. [56]

Hollywood ist für ihn „eine nur oberflächlich verkappte Goldgräbersiedlung“, [57] wo ein aufrechter mitteleuropäischer Dichter nur mit unlauteren Kompromissen weiterkommen kann: „Es flimmert nur so von Verlogenheit ... und es ist nirgends kälter als unter der Jupitersonne.“ Und er resümiert schon bald:

Ich bin nicht in der Lage, die Erwägung, daß ich doch ‚schließlich und endlich‘ nach Amerika gerettet wurde, zur Grundlage meines Lebens und meines Verhaltens zu machen — denn dann müßte ich mir tatsächlich von jedermann auf den Kopf kacken lassen: weil ja auch das noch immer besser ist, als in einem Konzentrationslager zu sitzen. [58]

Daraus ergibt sich, „daß mir noch nie zuvor so leer, so schäbig, so unerquicklich zumute war wie jetzt und hier“. [59] Zur gleichen Zeit, als er Stappler rät, nach Amerika zu kommen, „leidenschaftlicher als zu irgend einem anderen Land“, gesteht er aber: „vor Hollywood ist mir z.B. unbeschreiblich mies.“ [60] Der Hinauswurf aus den Warner-Studios bringt ihn zu tiefgehenden Reflexionen, mit welcher „inneren Haltung“ man auf eine solche Situation zu reagieren habe. Er stellt sich die Frage moralisch: Soll er versuchen, sich den Wertvorstellungen der Filmindustrie anzupassen,

mich zu jener ‚Anständigkeit‘ erst dann zurückzubegeben, wenn ich sie mit einem durch Unanständigkeit erworbenen Batzen Goldes solider untermauern kann. [61]

Diesem elegischen Brief stellt er eine satirische Visitenkarte (siehe Abb.) Torbergscher Problembewältigung voran.

Während die Ungarn Ladislaus Fodor und Lajos Bus-Fekete oder Gina Kaus und Salka Viertel zwischen 700 und 1000 Dollar die Woche einstreifen, nimmt Torberg resignierend ein Angebot von Willi Schlamm an und geht für 100 Dollar Wochengage zu TIME nach New York, um mit Schlamm und Alfred Polgar eine deutschsprachige Ausgabe des marktbeherrschenden Nachrichtenmagazins für die Nachkriegsära in Deutschland zu basteln. Auch aus diesem Projekt wird nichts. Von der anhaltenden Erfolglosigkeit seiner literarischen Ambitionen und der Frustation aus seinen Lebensumständen ernsthaft bewogen, sucht er nun Mittel und Wege, aus dieser ausweglosen Situation herauszufinden. Er versucht, wie so viele andere Emigranten, bei den amerikanischen Informations- und Nachrichtendiensten unterzukommen. Es dauert allerdings von 1941 bis Mai 1944, bis das OWI (Office of War Information) ihn rekrutiert, dann allerdings hätte er den Dienst sofort antreten sollen. Er erhält den Posten eines „German Script Editors“ mit einer Jahresgage von 3800 Dollar, Überstunden extra, angeboten. Zuvor schon hatte er versucht, beim OSS (Office for Strategic Services, Vorgänger der CIA) zu landen, da hier die Aussichten, nach Europa abkommandiert zu werden, wesentlich besser waren.

Diese Jobs hätten vor allem Propagandaarbeit für nach Deutschland gerichtete Radiostationen und das Abfassen von Propagandaschriften bedeutet. Zur gleichen Zeit erhielt er jedoch das besagte Angebot von Willi Schlamm, beim Time/Life-Konzern einzusteigen, und weil für Torberg die Prioritäten immer noch im literarischen, wenigstens im journalistischen Bereich liegen, lehnt er das OWI-Angebot ab und geht nach New York.

Wilhelm Schlamm, wohl einer der erfolgreichsten Emigranten, die in der amerikanischen Publizistik Fuß fassen konnten, machte seinen Weg bis in die Direktionsetagen des Time/Life-Konzerns und wurde schließlich Freund und wichtiger Berater des sagenhaften Hery Luce, Gründer, Inhaber und jahrzehntelanger Chef des TIME-Nachrichtenmagazins. Luce wiederum hatte persönlichen Zugang zu mehreren Präsidenten, besonders zu Eisenhower. Schlamms Einfluß reichte bis in höchste amerikanische Regierungskreise, und dem ehemaligen Wiener KPÖ-Mitglied wird auch Mitarbeit beim OWI nachgesagt. [62]

Zahlreiche Emigranten waren zu dieser Zeit bei OWI und OSS beschäftigt. Die prominenten Mitglieder der „Frankfurter Schule“, Herbert Marcuse, Franz Neumann und Otto Kirchheimer entwarfen für den „Research and Analysis Branch“ des OSS umfangreiche Studien über das nationalsozialistische System, die den Amerikanern nach dem Kriege als Unterlagen für ihre Umerziehungs- und Wiederaufbauprogramme dienen sollten. Die linken Sozialwissenschaftler sahen in der Arbeit für das OSS die einzige Möglichkeit, aktive Beiträge für den Kampf gegen den Faschismus zu leisten. [63]

Es war durchaus nicht ehrenrührig, in dieser Zeit für die amerikanischen Agenturen zu arbeiten. Aber Torberg war sichtlich nicht mit der minderen Gage eines einfachen Mitarbeiters, der in irgend einem schäbigen Büro Analysen verfaßt, zufrieden. Auch nach der Ablehnung des Jobs, 1944, versuchte er von New York aus immer wieder, in einer gutbezahlten Stellung, möglichst in Washington, Fuß zu fassen. Aber bis zu seiner Rückkehr nach Wien scheint er nicht an die goldenen Fleischtöpfe der „government agencies“ herangekommen zu sein. Jedenfalls ist seine finanzielle Situation wieder einmal so prekär, daß er sich, als die Reise nach Europa Ende März 1951 endlich klappt, von Schlamm noch 200 Dollar ausborgen muß, und auch seine Frau kann er noch nicht mitnehmen. Er hat aber die feste Absicht,

eine gedeihliche, also auch dotierte Tätigkeit für den ‚Congress for Cultural Freedom‘ (via Koestler), oder für sonsteine semi oder sogar antisemi, d.h. offizielle Agentur [64]

aufzureißen. Dieser „Congress“ war eine geheime (covert) Kulturorganisation, die sozusagen als flankierende Maßnahme zum Marshallplan in der CIA gegründet worden war, um kulturelle Großveranstaltungen durchzuführen und Kulturmagazine in verschiedenen Ländern zu gründen. Die CIA war vor allem darauf aus, den kommunistischen Initiativen wie Weltjugendspiele, Weltgewerkschaftsbund und anderen propagandistischen Maßnahmen der Sowjets entgegenzuwirken. Schlamm kommentiert diese Pläne eher ironisch:

Ich würde es vorziehen, seinen Geist [65] die Fünfzigerstraßen von Manhatten heimsuchen zu sehen, als ihn einen amerikanischen Agenten in der Nachbarschaft der russisch besetzten Inneren Stadt simulieren zu wissen.

In diesen Jahren der Erfolglosigkeit baut sich Torberg ein umfangreiches Netz von Verbindungen zu Verlegern, Publizisten, Schriftstellern und anderen einflußreichen Leuten auf. Er versteht durch kumpaneihaften Ton, diese Personen in Beziehungsnetze einzuspannen, indem er seinen Amerikanismus, Antikommunismus und Antifaschismus zur gemeinsamen Sache erklärt. Diese Netze von Komplizenschaft baut er immer weiter aus, wird zu einem österreichischen McCarthy. Seine wichtigsten Gegner der ersten Zeit in Österreich sind Thomas Mann, Hilde Spiel, Perter de Mendelssohn, Hans Habe, Bertold Brecht, Bertold Viertel, Friedrich Heer und andere, die er in die Kategorie der fellow traveler einreiht.

Sein Kampf gegen Windmühlen

Torbergs Weg von der „Zweiten Begegnung“ zum „Süßkind“ ist der Weg aus der Realität in eine Fiktion der Torbergschen Art. Er baut sich zunehmend seine eigene Scheinwelt auf, weil er die reale politische und gesellschaftliche Entwicklung der Zweiten Republik nicht mitbekommt. Er bewegt sich nur mehr in seinen Cliquen, kämpft gegen alle rundum, die nicht seiner Meinung sind. Sein Realitätsverlust ergab sich aus den Frustrationen in Hollywood und New York. Immer wieder erhoffte er sich von den amerikanischen Stellen einen gut dotierten Posten, dürfte aber, seines weit verbreiteten Rufs als Tratschtante und Gschaftelhuber wegen, als zu unverläßlich eingestuft worden sein, um auf seinem militanten Antikomminismus eine Karriere aufbauen zu können.

Er hat seine Lektionen gelernt und ist gewillt, sie kompromißlos auszuspielen, und zwar kompromißlos — um eine Torbergsche Fügung zu gebrauchen. In der „Zweiten Begegnung“, die er ja gerne heranzieht, um seine politischen Erkenntnisse zu exemplifizieren, stehen einige Sätze über sein Demokratieverständnis, das eine erschreckende Tendenz erkennen läßt:

Die Demokratie muß sich darüber klarwer.den, daß sie mit Fußballregeln gegen ein Rugbyteam spielt. Sie muß aufhören zu spielen.

Torberg hat aus dieser Erkenntnis für sich das Recht abgeleitet, wo seiner Meinung nach die Demokratie versagt, den Feind zu erkennen, manipulativ, polemisch, intrigant, oder was für unfaire Mittel immer ihm einfallen wollten, korrigierend einzugreifen. Es ist zeitweise ein Kampf gegen Windmühlenflügel,

aber ich finde, daß man den Kampf gegen die Windmühlen selbst dann weiterführen soll, wenn ihre Flügel sich bereits in eine andere Richtung in Bewegung gesetzt haben. [66]

Wieder einmal macht er sich die Sache leicht. Wenn mir die linken Emigranten in den USA das Leben schon so schwer gemacht haben, werde ich ihnen in Österreich, wo ich Einfluß besitze, einen Kampf bis zur Denunzierung liefern. Er hat diesen Kampf bis zur intellektuellen Unredlichkeit geführt. Er hat sich in seine Gegner verbissen, sie jahrelang gepeinigt, aber er hat verloren. Was blieb? Brilliante Formulierungen, aber keine Substanz. Proteste, Pamphlete, Polemiken, aber keine inhaltliche Aufarbeitung irgendeines Problems.

So zeugen auch seine Romane von einem Gespür für das brennende Thema, das er im richtigen Augenblick aufgreift, dann aber einfach heruntererzählt, im Vertrauen auf sein sicheres Erzähltalent. Formal immer noch der „Hack- und Salattechnik“ [67] verhaftet — eine endlose „Tante Jolesch“. Hermann Broch hat Torberg schon früh durchschaut und ihm auch schonungslos seine Meinung gesagt. Er hat ihn frühzeitig gewarnt, sich das Leben zu einfach zu machen:

Seit dem ‚Schüler Gerber‘ nämlich hast Du immer nur das geschrieben, was Dich jeweilig thematisch gerade interessiert hat. Zuerst wars die Matura, dann waren es blöde Liebesgeschichten, dann der Hitler, jetzt sind es die Kommunisten. Natürlich sind das Dinge, die jeden von uns angegangen sind, und niemand kann Dir vorwerfen, daß Dich diese Dinge interessiert haben und interessieren. Dagegen ist Dir vorzuwerfen, daß Du sie via Kurzschluß einfach in die Dichtung überträgst, fast ohne Sublimierung.

Hermann Broch

Torberg hat nur wenigen Kritik je verziehen, aber auch nicht versucht, von seinen formalen Unzulänglichkeiten wegzukommen. Er blieb an der Oberfläche, perfektionierte seinen wendigen Sprachstil zu einer ätzenden Waffe. Sie zu schärfen diente sicher auch seine besessene Briefschreiberei. Statt in die „Zeitentiefe“ und „Zeitenbreite“ zu arbeiten, entwickelte er Betriebsamkeit und Umtriebigkeit, die zwölf Jahre lang das FORVM produzierte. Mit seiner Rückkehr nach Österreich als „Aprilscherz“ [68] des Jahres 1951 beginnt auch seine Phase der aktiven Kriegsführung um ihrer und seiner selbst willen.

Intellektuelle Faulheit und Unaufrichtigkeit, Genauigkeit im oberflächlich Sprachlichen, Schlampigkeit im Konzeptiven und in der Analyse. Ähnlich verhält sich seine FORVM-Kurve. Zuerst ein fulminanter Start, dann eine unendliche Reihe von Streitfällen und Affären, Klagen und Prozessen, schließlich das Aus durch die Geldgeber, die CIA-Organisation „Kongreß für die Freiheit der Kultur“ — Torbergs vehemente Verstrickung in seine Fehden und Gerichtsfälle wurde den Amerikanern zu viel. Er übergab die Zeitschrift — auch im FORVM hatte die Entwicklung ihn längst überholt — an Nenning, der das einen „noblen Abgang“ nennt.

Nach der FORVM-Zeit beginnt er an seinem „Lebens-Werk“, dem „Süßkind von Trimberg“, zu schreiben. Es ist ein Kitschroman geworden. Er hat seine eigene Vorstellung von Realität ins Werk setzen wollen. Aber unter den Voraussetzungen, unter denen er angetreten war, konnte das Werk nicht viel mehr werden, als eine süßliche Hommage an das Torbergsche Dilemma, das Lied vom jüdischen Dichter, dem immer wieder die Widerwärtigkeit dieser Welt — die Welt der Goijim — den Erfolg vor der Nase wegschnappt. Und wie so oft, ruft einer aus: „Welch Material böte dieses Buch für einen Parodisten vom Format Torbergs!“ [69] Wieder einmal hatte er sich verschenkt. Wieder hat ihn die Faulheit — oder war es schon Ausgebranntsein? — um den Erfolg gebracht. Auch von Marcel Reich-Ranicki fühlt er sich verraten und verkauft:

Es wird Sie nicht überraschen, daß ich über Ihren Süßkind-Verriß betroffen und verbittert bin, daß ich mich — vollends nach unserer letzten Begegnung in Wien — von Ihnen düpiert fühle und daß Ihre gelegentlichen Sympathiebekundungen (mit denen Sie sich offenbar gegen den Vorwurf der Böswilligkeit abzusichern wünschen) die ganze Sache in meinen Augen nur noch schlimmer machen. [70]

Torberg hat diesen Brief nicht abgeschickt. Er war nun schon 64, hatte aus seinen Fehlern nichts gelernt, das Thema verspielt, so wie er schon die „Zweite Begegnung“ vertan hatte, weil er sich unbedingt in die Phalanx der Kalten Krieger schreiben wollte.

Der Politiker Torberg hat dem Schriftsteller Torberg immer und immer wieder ein Bein gestellt, das ist ihm, mit seinem Wort, nicht überzeugend mißlungen.

[1Torberg an Fritz Thorn, 25.10.1953

[2Torberg an Klaus Dohrn, 20.4.1953

[3Torberg an Dohrn, 23.4.1951

[4Torberg an Dohrn, 20.4.1953

[5Torberg an Wilhelm Schlamm, 3.2.1941

[6Torberg an Mike Josselson, 30.12.1953

[7Torberg an François Bondi, 13.1.1953

[8Exposé, Juli 1953

[9Ibid.

[10Torberg an Bondi, 14.1.1956

[11Torberg an Dohrn, 29.3.1952

[12Torberg an Melvin J. Lasky, 23.11.1952

[13Hans Flesch-Brunningen, Die verführte Zeit, Verlag Chr. Brandstätter, Wien — München 1988, S. 206

[14Peter de Mendelssohn war der erste Mann von Hilde Spiel, Hans (von) Flesch-Brunningen der zweite.

[15Hilde Spiel, Lisas Zimmer, dtv. TB 10264, S. 46

[16Torberg an Manès Sperber, 27.7.1962

[17l.c., S. 47

[18Sperber an Torberg, 2.7.1964 (cospicuous = auffallend, hervortretend)

[19Torberg an Sperber, 22.6.1964

[20Torberg an Sperber, 16.7.1964

[21Sperber an Torberg, 6.8.1960

[22Herz an Torberg, 25.7.1955

[23Torberg an Sperber, 20.5.1965

[24Sperber an Torberg, 27.5.1965

[25Torberg an Sperber, 19.3.1964

[26Torberg an Sperber, 24.11.1962

[27Torberg an Hellmut Jaesrich, 24.3.1964

[28Am Kesseltreiben gegen Salcia Landmann nahmen, von Torberg erfolgreich vereinnahmt, Hellmut Jaesrich und Fritz René Allemann, beide vom „Monat“, teil. „Gern geben wir Ihnen die unholde Salcia Landmann zum Abschlachten frei“, gestattet Fritz René Allemann am 17.2.1961. Jaesrich: „Die Abschlachtung Salcia Landmanns ist herrlich“, schreibt er an Torberg am 4.9.1961

[29Sperber an Torberg, 31.3.1964

[30Torberg an Koestler, 29.6.1951; „Fellowtraveler“ war die damals übliche Bezeichnung für Leute, die eine tolerante Haltung gegenüber Kommunisten einnahmen.

[31Torberg an Linden, 19.5.1952

[32S. Fischer Verlag 1950

[33Broch an Torberg, 7.2.1951

[34Pseudonym für Samuel Ginsberg

[35Pseudonym für Richard Krebs

[36Torberg an Koestler, 15.1.1951

[37sc. Notizen der Romanfigur Martin Dub

[38Torberg an Schlamm, 14.9.1949

[39Schlamm an Torberg, 1.9.1950

[40Schlamm an Torberg, 28.2.1941

[41Torberg an Schlamm, undatiert, wahrscheinlich März 1941

[42Torberg an Schlamm, 29.8.1950

[43Torberg an Schlamm, „dieses huius 1940“

[44Schlamm an Torberg, 28.1.1941

[45Schlamm an Torberg, 1.11.1940

[46Torberg an Schlamm, 29.8.1950

[47Torberg an Arthur Stappler, 15.6.1943

[48Gina Kaus, Und was für ein Leben ..., München 1979, S. 252

[49Torberg an Stappler, 15.6.1943

[50Torberg an Stappler, 20.1.1944

[51Torberg an Stappler, 15.6.1943

[52Torberg an Stappler, 12.6.1944

[53Torberg an Stappler, 15.6.1943

[54Torberg an Schlamm, 4.6.1941

[55Torberg an Schlamm, 5.10.1941

[56Torberg an Schlamm, 31.10.1940

[57Torberg an Schlamm, 17.10.1941

[58Torberg an Schlamm, 3.2.1941

[59ibid.

[60Torberg an Stappler, 20.1.1944

[61Torberg an Schlamm, 17.10.1941

[62Biographisches Handbuch der deutschen Emigration nach 1933, München, New York, London, Paris 1980, S. 650

[63Exil in den USA, Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945, Band 3, Leipzig 1979. Und: Zur Archäololgie der Demokratie in Deutschland, Band 1, hg. von Alfons Söllner, Frankfurt am Main 1986

[64Torberg an Schlamm, 19.3.1951

[65Nämlich Torberg, Schlamm an Torberg, 19.9.1951

[66Torberg an Dohrn, 28.5.1953

[67Hermann Broch an Torberg, 1951

[68Torberg an F. P. Hellin, 22.3.1951

[69Peter Wapnewski, Larven in altdeutschen Stilmöbeln, „Der Spiegel“, Nr. 29, 1972

[70Der Brief, datiert 31.3.1972, war bei der Torberg- Ausstellung in Bad Aussee in diesem Sommer ausgestellt.

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