Gruß am Grab
Vor knapp vier Monaten, als wir Doderers siebzigsten Geburtstag feierten, schrieb ich über den verehrten Meister und geliebten Freund; und erzählte — recht plump, denn ich genierte mich, ihm das gewissermaßen ins Gesicht zu sagen — eine kleine, aber mein ganzes Leben bestimmende Begebenheit aus dem Jahre 1952. Wir trafen einander in Hamburg, und er, der nun wirklich erfolgreiche und anerkannte Schriftsteller, sagte zu mir, dem gleichsam stotternden und stolpernden Anfänger, plötzlich: „Ich weiß, Sie werden das alles einmal viel besser machen als ich.“ Ich glaubte das damals schon nicht, und ich glaube es heut’ noch viel weniger. Aber seit damals hab’ ich den Mut, meine Sache so gut wie nur möglich zu machen.
Und eben deshalb erzählte ich diese Geschichte hier, am Grabe Doderers, wieder: um daran zu erinnern, was dieser Dichter mit all seinen Werken eigentlich wollte: den Menschen das Leben lebbar machen. Was ich, damals in Hamburg, persönlich erfahren durfte, das kann jeder andre, als Leser, ja auch erfahren; nämlich: daß da jemand bereit war, an das Gute im Menschen zu glauben, und willens war, es — im genauesten Sinn des Wortes — herauszufordern.


