Weg und Ziel, Heft 4/1995
Oktober
1995

Joseph Roth

Soma Morgenstern, Joseph Roths Flucht und Ende. Erinnerungen; herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ingolf Schulte; Verlag Dietrich zu Klampen, Lüneburg 1994, 330 Seiten, 503 Schilling.

Dem donaumonarchischen Kronland Galizien entstammt eine Reihe von Schriftstellern, ohne deren Schaffen die europäische Literatur und Geisteswelt ärmer wäre. Dazu zählt Joseph Roth (1894-1939), aufgewachsen im ostgalizischjüdischen Milieu, wo die deutschsprachige Poesie und philosophische Aufklärung einstmals eine bessere Heimstatt hatte als an der und rund um die Wiener Universität. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag dieses überragenden Erzählers (Flucht ohne Ende), scharfsinnigen politischen Feuilletonisten und Seismographen der faschistischen Barbarei inmitten des Fortschritts hat der zu Klampen Verlag begonnen, mit dem Erinnerungsband Joseph Roths Flucht und Ende die Werke seines Freundes Soma Morgenstern (1890-1976) zu edieren. Ein Verlagsprojekt, dem Erfolg zu wünschen ist. Soma Morgenstern teilt mit Joseph Roth Herkunft, soziale Intelligenz und Exilschicksal. Wer an Innenansichten Österreichs während der zwanziger Jahre und des österreichischen Exils im Paris der dreißiger Jahre interessiert ist, wird den vorliegenden Erinnerungsbericht mit einigem Gewinn lesen. Wer mehr über Joseph Roth, einen Jahrhunderterzähler, der in seinen besten Partien ohne weiteres den Vergleich mit Joyce oder Brecht, Hemingway oder Musil aushält, wissen will, ist mit den gänzlich unpathetischen und sentimentalitätsfernen Erinnerungen Soma Morgensterns gut bedient. Mag Joseph Roth für manchen Zeitgenossen und Nachgeborenen unliebsame k.u.k.-Marotten gehabt haben, es wäre erst noch ein Streit darüber zu führen, ob der Autor des Radetzkymarsches nicht mehr hellsichtige politische Intelligenz besessen hat als notorische politische Bescheidwisser. Soviel ist gewiß und wird durch die vorliegenden Erinnerungen noch einmal erhärtet: Dieser ostjüdische Migrant quer durch Europa gehört in diejenige Reihe österreichischer Schriftsteller, die Franz Grillparzers Diktum, wonach der abschüssige Weg von der Humanität zur Bestialität über die Nationalität führt, ernst genommen haben. Wenn Soma Morgenstern von Joseph Roth sagt, dieser sei ein „sehr österreichischer Schriftsteller“, so ist damit wohl gemeint, daß dessen Poesie Milieu und Welt in einem atmet, daß in der eigenartigen Verschränkung von Urbs et Orbis, von Stadt und Erdkreis österreichische Literatur in diesem Jahrhundert Vernunft verteidigend Epoche gemacht, und daß die ostjüdische Intellektualität und Imaginationskraft dieser Verschränkung erst ihre Pointe verliehen habt. Wie denn Pointensicherheit eine Qualität ist, die nicht zuletzt Soma Morgenstern mit seinem Freund und Generationsgenossen Joseph Roth verbindet. Bekanntlich ist der gute Stefan Zweig ein Bewunderer von Freud gewesen. Roth, als Zeitgeistkritiker von wohltuend frechem Witz, konnte es nicht lassen, seinem Helfer in so manchen finanziellen Nöten gegenüber in „grausamer Taktlosigkeit“, wie Morgenstern sich erinnert, anzumerken: „Zur Erfindung seiner Therapie wird Freud auch ein materielles Motiv geholfen haben. Ich bin, wie Sie wissen, kein Bewunderer von Karl Kraus. Aber seine Definition der Psychoanalyse als ,die Kunst, von einem Patienten ein ganzes Jahr zu leben‘, ist treffend.“

Morgensterns flott geschriebene Erinnerungen an Joseph Roth, an das Ostgalizien um die Jahrhundertwende, das Wien der zehner und zwanziger Jahre, an das Berlin am Vorabend des Hitlerfaschismus und das Paris der Exilzeit verdienen es, gelesen zu werden. Und mit einiger Spannung wird man dem nächsten Band in der Reihe Werke in Einzelbänden entgegensehen dürfen. Bekanntlich verband Soma Morgenstern, der nach seiner Flucht aus Österreich 1938 über Paris schließlich im New Yorker Exil landete, wo er 1976 verstarb, nicht nur eine enge Freundschaft mit Joseph Roth. Der fürs Frühjahr 1995 angekündigte Band „Alban Berg und seine Idole“ berichtet von seiner Freundschaft mit diesem prominenten Repräsentanten der „Schönberg-Schule“. Keineswegs nur für die österreichische Leserschaft dürfte aufschlußreich sein, was Morgenstern über seine Erfahrungen mit Hanns Eisler und Anton Webern, Theodor W. Adorno und Ernst Krenek, Hermann Broch und Elias Canetti, Ernst Bloch und Robert Musil im Wien der zwanziger und dreißiger Jahre zu erzählen hat.

Ich bin kein Biograph, und nicht einmal ein richtiger Autobiograph. Eigentlich sollte das, was ich seit Jahren schreibe, den Titel haben: Ein Leben mit Freunden. Aber leider kann ich diesen Titel nicht verwenden, weil ich zu der unglücklichen Generation gehöre, die in einer Flut von Weltgeschichte verunglückte, aus der nur einige ihr Leben gerettet haben, aber keinesfalls ohne Schaden davongekommen sind.

Morgensterns Notizen aus dem beschädigten Leben ebenso wie seine Romantrilogie Funken im Abgrund notieren auf jeden Fall weit über ihrem bisherigen Bekanntheitsgrad.

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