FORVM, No. 282/283
Juni
1977

Medienwahn!

Das österreichische Filmförderungsgesetz und seine Aussichten

Warum hat Österreich keinen Film? Weil es kein Filmgesetz hat. Und was hat Österreich, wenn es ein Filmgesetz hat? Eine Filmförderungsanstalt. Mit dieser Ankündigung erregt das Handelsministerium, in dem derzeit ein Entwurf zum Filmförderungsgesetz ausgeschwitzt wird, die Hoffnungen der österreichischen Cineasten und beschwichtigt unangenehme Fragen nach Höhe und Modus der Subventionen. Es ist, als ob man einem Embryo den Titel Hofrat verleihen würde, damit die Mutter um die Geburtenbeihilfe geprellt werden kann.

Zwar bedeutet der Plan einer Filmförderungsanstalt den Sieg der „unabhängigen Filmemacher“ über die „kommerzielle Branche“ und auch über das Handelsministerium. Das ist aber ein Pyrrhussieg. Ursprünglich hatte die „Branche“ (die Relikte des österreichischen Filmkapitals) staatliche Subventionen verlangt, die sich strikt nach dem Maßstab des kommerziellen Erfolgs richten sollten: Je mehr ein Film in den Kinos verdient, desto mehr sollte er — wenn überhaupt — subventioniert werden.

Ein klarer Anachronismus: Die wenigsten Spielfilme machen heute Geld. Deshalb wurde die westdeutsche Filmförderung geändert. Deshalb akzeptiert nunmehr auch das Handelsministerium den jahrelang abgelehnten Vorschlag der Unabhängigen, die Verteilung der Subventionen einer selbständigen Institution, nämlich der „Filmförderungsanstalt“ und ihren drei Kommissionen, zu überlassen.

Der kommerzielle Erfolg als Kriterium der Filmförderung: dahinter steckte die feine Absicht, die Unabhängigen, die keine Kontakte zum Verleihapparat hatten, draußenzuhalten. Die Branche ist ein enger Klüngel von Leuten, die ihr sterbendes Gewerbe gegen Außenseiter abschließen. Das funktioniert nicht mehr. Heute gehören in der BRD Unabhängige wie Kluge, Sinkel, Wenders, Schlöndorff, Faßbinder, Herzog, Sanders zur Branche. Kommerzielle Kinos spielen Filme wie „Lina Braake“, „Angst essen Seele auf“, „Herz aus Glas“. In Österreich haben sich einige unabhängige Filmemacher am Rande des ORF etabliert.

Die österreichische Filmbranche — rund 60 Produktionsfirmen, die hauptsächlich von TV- und Werbefilmen leben — leidet unter der Wirtschaftskrise. Seit 1975 schrumpft die Produktion. Die verstaatlichte Wien-Film, die größte Produktionsfirma Österreichs, macht mit ihren „internationalen Koproduktionen“ (zuletzt „A Little Night Music“, „Man Behind The Iron Mask“) anscheinend schlechte Geschäfte. In drei Jahren mußte siebenmal das Stammkapital erhöht werden. Das Stammkapital der Wien-Film wuchs von 20 Millionen Schilling (Jänner 1974, als Robert Jungbluth und Heinz Lazek die Geschäftsführung übernahmen) auf 55 Millionen (September 1976, Drehbeginn der Koproduktionen) und im März 1977 auf 155 Millionen.

Auf einer Generalversammlung der Wien-Film im März 1976 übte ein Vertreter des Finanzministeriums Kritik: „Der Alleingesellschafter Bund hat in den letzten Jahren immer wieder Kapitalerhöhungen vorgenommen, die hinsichtlich der Ertragsgestaltung der Wien-Film GmbH wirkungslos geblieben sind. Insbesondere ist nicht einmal auch nur eine Annäherung an die Kostendeckung zu erkennen, die Verlustentwicklung hat vielmehr im Jahr 1975 ein Ausmaß und eine Schnelligkeit angenommen, die der Alleingesellschafter nicht mehr hinnehmen kann, zumal Budgetmittel nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung stehen und für diese vor der Volksvertretung Rechenschaft abgelegt werden muß.“

In diese Bresche soll die Filmförderungsanstalt springen: Das Finanzministerium, für die Wien-Film zuständig, versucht „durchzudrücken, daß subventionierte Filme in den staatseigenen Ateliers gedreht werden“, obwohl sie dort teurer kommen (Die Presse, 3. Mai 1977).

Das Filmgesetz — und damit auch die Subventionen — wurde seit 1970 durch den Streit zwischen Unabhängigen und Branche blockiert, der sich politisch als Kompetenzstreit zwischen Unterrichts- und Handelsministerium fortsetzte. Der strittige Punkt: sollen mit staatlicher Förderung die Kommerzialräte Filme machen oder die Intellektuellen? Für die Branche steht fest, daß es intelligente Filme nicht gibt, nicht geben kann, nie geben wird. Unisono der Handelsminister: „Der österreichische Film kann wesentlich zum Fremdenverkehr beitragen.“

Im Unterrichtsministerium fungiert seit einigen Jahren ganz formlos eine Jury, die nichtkommerzielle Filmprojekte finanziert. Mit der Filmförderungsanstalt will man aber eine österreichische Spielfilmindustrie im großen Maßstab aus dem Boden stampfen: „Zehn international konkurrenzfähige Spielfilme im Jahr.“ Und das mit einem Budget von maximal 30 Millionen Schilling jährlich, einer Summe, die nicht einmal für zwei Spielfilme reicht.

Das Filmgesetz verkörpert eine reaktionäre Utopie. Der Kinofilm ist längst kein Massenmedium mehr. Das Kino entwickelt sich zum Reservat von Randgruppen, der Film zu einem Minderheitenmedium wie die Literatur. Das Kino bietet ein Asyl für Nonkonformisten, Rocker, Ästheten, die aus der Staatsmonopolkultur des Fernsehens ausbrechen wollen. In der Filmproduktion wird der Regisseur, Herrscher über die Studios, vom improvisierenden Filmemacher abgelöst. Neben der kommerziellen Filmindustrie mit ihren Porno- und Premierenkinos tauchen Cinematheken, Filmklubs und kommunale Kinos auf.

Laurens Straub vom westdeutschen Filmverlag der Autoren prophezeite dem jungdeutschen Film, der doch unter günstigeren Umständen agiert, ein schnelles Ende — es sei denn, „er setze sich rigoros vom Konzept der Massenunterhaltung ab und verfechte gezielte Besucherpolitik für Minoritäten, die dem Regisseur vertraut und überschaubar“ seien (Frankfurter Rundschau, 28. Jänner 1977).

Dem Staat bleibt nur die Rolle des Mäzens. Der österreichische Film kann keine fremden Märkte, höchstens Festivalpreise erobern. Die Serie der Autorenfilme im ORF beweist, daß der Film immer noch von Literatur und ihren Namen abhängig gemacht wird. Für einen wirklich neuen österreichischen Film wäre eine Kulturrevolution notwendig; in Sachen Schauspieler, Dramaturgie, Inszenierung und Thematik müßte man von vorn anfangen. Es geht nicht, daß Salonschauspieler Arbeiter spielen. Die ministeriellen Pläne sind natürlich ganz andere: Das Wiener Kulturleben von der Staatsoper bis zum Phantastischen Realismus soll auf die Leinwand projiziert werden.

Die österreichische Filmpolitik schwelgt im Medienwahn. Was an intellektuellem Mut fehlt, wird durch technologische Phantastik ersetzt. Der Jungbluth-Plan, die Bundestheater mit ORF und Wien-Film in einem Monopol zu konzentrieren, ist glücklicherweise ebenso in die Binsen gegangen wie die verschiedenen Versuche Kreiskys, mit Axel Springer, Bertelsmann, Ferenczy in Österreich einen Multi-Medien-Konzern aufzuziehen.

Jetzt sind die „internationalen Projekte“ der Wien-Film dran. Das amerikanische Kapital, das den Weltmarkt kontrolliert, investiert lediglich in renommierte Figuren wie Fellini und Bertolucci. Für die Wien-Film bleibt der Abfall: Lückenbüßer, die keine Marktlücke füllen. Wie im Projekt Austro-Porsche subventioniert man das ausländische Kapital, um inländische Arbeitsplätze zu retten. Das Resultat dieser Anstrengungen werden Subventionsruinen sein.

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