FORVM, No. 291/292
März
1978

Niemandsland

Vom Handarbeiter zum Kopfarbeiter

Irgendwann hatte Klein gemerkt, daß es nichts half, einfach nur immer wieder davonzurennen. Aufatmend aus einem Fabriktor zu gehen und sich einzubilden, es habe sich mit dem Kündigen die Welt verändert, als fange jetzt wirklich ein ganz anderes Leben an. Zwei Schritte vom Tor dachte er doch schon mit absoluter Sicherheit daran, daß er wieder in ein anderes Fabriktor hineinmußte. Seine Neuanfänge waren ja im Grunde nur Szeneriewechsel gewesen. Kaum hatte er sich an einem anderen Arbeitsplatz zurechtgefunden, kaum hatte er die in seiner Nähe Arbeitenden mit Namen gekannt, war ihm schon vorgekommen, es seien in Wirklichkeit nur die Kulissen ausgetauscht worden, er aber am alten Platz geblieben. Spätestens wenn er den Weg zur Arbeit auswendig kannte, war alles wie vorher. Und er wußte auch, ein-, zweimal noch den Unternehmer wechseln, dann würde man beim Betrachten seiner Lohnsteuerkarte, beim Begutachten seines als arbeitswillig sich anbietenden Körpers sicher heftige Bedenken haben. Das ist anscheinend einer, der es nirgends aushält. Dem paßt nichts. Dem kann nichts recht gemacht werden. Der ist noch nicht so weit, daß er alles in Kauf nimmt, daß er schon froh ist, überhaupt Arbeit zu haben. In so einen steckt man nur unnötig die unergiebigen Wochen der Anlernzeit hinein, und wenn dann wirklich etwas aus ihm herauszuholen wäre, steht er schon wieder im Personalbüro und verlangt den restlichen Lohn.

Ein-, zweimal hätte Klein nur noch zu wechseln brauchen, dann hätte man seine Unzufriedenheit sicher einmal eine Zeitlang mit Arbeitslosigkeit kuriert. Außerdem gab es im Ort nicht so viele Arbeitsmöglichkeiten, als daß er bis zum Erreichen des Rentenalters jedesmal hätte wechseln können, sooft ihm seine Unzufriedenheit über den Kopf wuchs. Sich seine von Arbeit freie Zeit durch einen langdauernden Fahrweg noch mehr zu verkürzen, hielt er ohnedies für eine Verrücktheit, die er keinesfalls mitmachen wollte. Sollte er sich mitten in der Nacht in einen Autobus unter lauter mißmutige Menschen setzen, die nur die Müdigkeit davon abhielt, vor lauter Hilflosigkeit dem Nächstbesten den Hals umzudrehen? Und erst zu einer Zeit nach Hause kommen, wo jede Vorstellung, was er mit dem Abend anfangen sollte, von vornherein auf die Kalkulation von zwei, drei Stunden reduziert war? Bevor er sich auf solche Blödheiten einläßt, sagte Klein, halte er es noch eher in der Vogler-Fabrik aus, wo er nach der Vormittagspause in dieser museumsreifen Bude ohne etwas zu sagen einfach wieder gegangen war, sich nicht einmal die zwei Stunden Fässerrollen hatte auszahlen lassen. Oder er gehe lieber zurück zum Hinger und frage, ob er die Schlosserlehre, wovon er ja immerhin zwei Jahre hinter sich gebracht hatte, nicht noch einmal anfangen und zu einem Abschluß bringen könne, alles sei seine eigene Schuld gewesen, würde er zum Hinger sagen, und er bäte um Verzeihung, daß er sich damals mit dem Rücken in die Ölwanne gelegt habe, heute könne er ja auch schon mehr Standfestigkeit garantieren, um nicht, nachdem er zweimal hintereinander eine Welle zu kurz abgeschnitten habe und auch noch frech geworden sei, um nicht auf eine darauf folgende Ohrfeige gleich quer durch die Werkstatt zu segeln und ausgerechnet in der Ölwanne zu landen.

Irgendwann merkte Klein einfach, daß es nichts half, sich immer wieder auf das Abenteuer einer Kündigung, einer Stellensuche, eines scheinbaren Neuanfangs einzulassen. Aber wenn er sich vorrechnete, daß er nun schon drei Jahre beim Fehrenbach war, ausgeharrt hatte, als müsse dann irgendeinmal die Belohnung dafür kommen, dann kam ihm das auch nicht gerade vernünftig vor. Und wenn er seinen Vater sagen hörte, nun sei er also doch noch vernünftig geworden, dann schien ihm diese Beständigkeit schon wieder ganz verrückt zu sein. Er sah doch am Vater, wohin dessen Vernünftigkeit geführt hatte. In den Schrebergarten. In eine stumpfsinnige Gleichförmigkeit, in der dem Vater schon die Tatsache, daß der Veilchensamen gut aufgegangen war, wie ein halbes Glück vorkam.

Manchmal, wenn sich Klein während der Jausenpause im Vorraum des Klos beim Rauchen umsah, wenn er wirklich zuhörte, was dort geredet wurde, und vor allem, wenn er sich selber genauso mitreden hörte, dann hatte er ganz deutlich das Gefühl, daß sich etwas ändern mußte. Da waren um ihn herum ja fast nur mehr verkrüppelte Menschen. Mehr oder weniger, und je älter sie waren, um so mehr verkrüppelte Menschen, die nach der Arbeit nach Hause gehen, den restlichen Tag vergehen lassen oder ihn irgendwie wegarbeiten würden. Es war ein ganz entsetzlicher Gedanke für Klein, einmal genauso wie die meisten aus dem Fabrikstor zu gehen, nicht einmal mehr besonders froh darüber, daß es endlich Abend geworden war, herauszugehen aus der Fabrik und nichts mehr vor sich zu haben als das Alltägliche, einen weiteren Arbeitstag und noch einen und ein Wochenende dazwischen und ein wenig Urlaub, der um war, bevor man sich an ihn gewöhnen konnte, einen bewußtlosen Schritt nach dem anderen, wozu man keinen besonderen Antrieb mehr brauchte, weil man ohnedies wie von selbst lief, im Laufen war, ohne daß man dorthin wollte, wohin man lief, man sich aber anscheinend auch nichts anderes mehr vorstellen konnte.

Momentan konnte Klein sich noch etwas ganz anderes vorstellen. Das ging ganz leicht. Viel leichter als sich am Sonntagabend den Platz am Fließband vorzustellen. Viel leichter als sich vorzustellen, ein Leben lang Arbeiter bleiben zu müssen. Eine Fabrik, schien ihm, war keine Zukunft. Das war eine Durchgangsstation. Bestenfalls eine Durchgangsstation. Als ihm beim Fehrenbach als Ausgleich für den mageren Lohn eine Lebensstellung in Aussicht gestellt, angedroht worden war, hatte er es sofort mit der Angst bekommen. Warum sollte er gerade in diesen Hallen, zwischen diesen Maschinen, Werkstücken und Arbeitenden sein Leben verbringen? Daß er nun schon so lange hier war, länger als an allen früheren Arbeitsplätzen, bedeutete ja nicht, daß er sich als auf dem richtigen Platz gefühlt hätte. Das war einfach ein Ausharren gewesen. Weil sich bis jetzt noch nichts Besseres ergeben hatte. Ein Warten: Ein ständiges Warten darauf, daß jetzt gleich Schluß ist damit.

Lange hatte er sich ja eingebildet, außerhalb der Fabriksmauern werde etwas geschehen. Wenn etwas geschehen würde, dann ohnedies nur außerhalb, hatte er gemeint, weil die Fabriksmauern ja überhaupt alles auszusperren schienen, was mit Arbeit nichts zu tun hatte. Es konnte einfach niemand herein, um zu sagen: Hallo, Georg, laß den Krempel jetzt liegen, draußen steht mein Hubschrauber, wir sind dahin. Niemand konnte plötzlich hinter ihm stehen und zu sprechen anfangen, und Klein mußte sich gar nicht umdrehen, mußte gar nicht richtig zuhören, um zu wissen, man komme ihn jetzt holen, man habe ihn schon eine Weile heimlich beobachtet und finde es grotesk, daß er hier sein Leben vertue, in Nizza liege eine Zwölfmeterjacht für eine Kreuzfahrt durch alle erfreulichen Meere der Welt bereit, eine Jacht voll mit interessanten, phantasiebegabten Menschen, die ihn schon lange kennenlernen wollten. Wenn ihn schon wirklich jemand von hinten anredete, dann war es immer nur ein Kollege oder ein Vorarbeiter, der ihn zurückholte von den heißen Deckplanken, auf denen er gerade noch ausgestreckt gelegen war, in einem flimmernden Licht, neben einem braunen, mit winzigen Schweißperlen glänzenden Körper.

Schon seit einiger Zeit konnte er eher schon nicht mehr so wie früher dran glauben, er gehe eines Abends weg und dann geschehe etwas, und wenn er heimkäme, dann nur mehr, um den Koffer zu packen, wenn er dann überhaupt noch drauf anstünde auf das, was er zu Hause in den Koffer packen konnte. Wenn er trotzdem noch manchmal daran dachte, dann war das nur mehr eine ganz vage Hoffnung aus Gewohnheit, die er eben noch nicht losgeworden war. Eine jugendliche Spinnerei, sagte er, aber jetzt ist er erwachsen. Und er kann doch nicht warten, bis er vielleicht alt und grau ist. Oder bis er endlich vergessen hat, daß er wartet. Oder bis nach dem Tod endlich das schönere Leben anfängt, die ausgleichende Gerechtigkeit hereinbricht. Er habe sich jetzt selber lange genug zugeschaut, meinte er, und es werde langsam Zeit, die Geduld zu verlieren.

Die Frage war nur: Wie kam man aus den Fabriken heraus, ohne wieder in eine andere hinein zu müssen? Was mußte man tun, um sich heraußen halten zu können? Tellerwäscher und Schuhputzer gab es auch keine im Ort, um sich von da aus zum Milliardär hinaufarbeiten zu können. Wenn es noch lange so weiterging, dachte er, würde er doch wieder einmal von Kündigung reden müssen.

Manchmal kamen ihm seine Wünsche selber schon wie ein Mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand-Rennen vor, mit der Hoffnung, endlich doch einen Durchlaß zu erwischen.

Immer öfter versuchte Klein sich aufzuzählen, was ihn von den anderen Arbeitern unterschied, von denen, die anscheinend nichts dagegen hatten, ihr Leben lang Arbeiter bleiben zu müssen, die zumindest keine Versuche machten, das zu ändern, sondern es hinnahmen wie das Wetter. Es schien ja ganz ungehörig zu sein, wirklich etwas anderes zu wollen, und es sich nicht nur mit einem resignierenden Unterton in der Stimme zu wünschen, oder Totospielen für das einzig mögliche Rezept zu halten. Hoffnungen, die Klein aussprach, sollten sofort wieder mit nach unabwendbarem Schicksal klingenden Sätzen erledigt werden: Es ist halt nicht so; kannst nichts machen. Dabei war ständig von Menschen die Rede, die es zu etwas gebracht hatten, dauernd hörte Klein von Menschen, die mit nichts angefangen hatten und jetzt über eine Rolls-Royce-Flotte verfügten, aber wenn Klein nur davon redete, daß er garantiert nicht lebenslänglich in einer Fabrik herumfuhrwerken werde, dann kamen Handbewegungen: Jaja, red nur. Wenn er von seiner Zukunft redete, dann nahm man ihn einfach nicht ernst. Wenn er gesagt hätte, jetzt spart er einmal drei Jahre, dann sucht ersich eine zum Heiraten, schafft sich zwei Kinder an und tritt als förderndes Mitglied in den Fußballverein ein, dann wäre er sofort ganz ernst genommen worden. Aber er hat ja den Hang zum Höheren, spottete Robert, der Bruder. (Was ihm natürlich auch nichts nützen würde, war Robert überzeugt.) Wie kam Klein denn dazu, auf einmal höher hinauszuwollen? Woher nahm er denn die Berechtigung? Er ist doch nie etwas Außergewöhnliches gewesen. An ihm ist doch nie etwas gewesen, daß man hätte meinen können, es stehe ihm etwas Besonderes zu.

Alle hatten längst vergessen, daß er einmal als genieverdächtig gegolten hatte oder zumindest als außerordentlich begabt. Das war schon lange her und gar nicht mehr wahr. Mit drei, vier Jahren, noch bevor er hatte lesen können, hatte er alle seine Bilderbücher auswendig gekonnt, hatte er den Text, der unter den Bildern stand, beim Anblick der Bilder fehlerlos herunterbeten können: Beim Purzel läutet jemand an. Ja macht doch auf dem kleinen Mann. Was wünschet denn der kleine Held? Drops, von oben, für das Geld. Noch heute hatte Klein einige dieser Bilderbuchstrophen im Kopf. Die damals noch unverheiratete Schwester des Vaters war vor Entzücken nicht aus dem Kopfschütteln herausgekommen und hatte ihm ständig neue Bilderbücher gebracht, um seinem Kopf Nahrung zu geben und auszuprobieren, wann sein Genie an eine Grenze stoßen würde. Aber es war an keine Grenze gestoßen, weil es damals nicht genug Bilderbücher gegeben hatte.

Wenn Besuch dagewesen war, hatte Klein immer die Bücherstapel herbeischleppen und „vorlesen“ müssen, und der um drei Jahre ältere Bruder, der schon richtig lesen konnte, hatte eine Wut gehabt, weil dann um den Kleinen so ein Getue war, während man sein Lesen als eine Selbstverständlichkeit hinnahm. Klein werde sich „spielen“ mit der Schule, hatte die Tante prophezeit, aus ihm werde was werden. Aber gleich beim ersten Zeugnis war alles nicht mehr wahr gewesen: er hatte nicht einmal lauter Einser gehabt. Sofort gab es keinen Grund mehr, ihn vorzuzeigen. Die Tante wurde schwanger und heiratete und hatte von da an ihre eigenen Kinder zum Loben. Und der Bruder, der Klein immer schon als Vorbild für Reinlichkeit und Bravsein hingestellt worden war, wurde auch noch das Vorbild für Gescheitsein, weil Robert sogar in der vierten Klasse nur einen einzigen Zweier nach Hause gebracht hatte. Dafür hatte Klein immer öfter rote Sätze in den Heften stehen, die vom Vater unterschrieben werden mußten. Bereits in der zweiten Klasse die erste „Betragennote“, weil Klein monatelang diese Sätze selber unterschrieben und weil er behauptet hatte, der Lehrer wisse etwas nicht.

Es hatte ein Diktat gegeben, und Klein hatte das Wort Wasserwaage ohne Doppel-A geschrieben. Er hatte gewußt, daß man Waage mit zwei A schrieb, aber er war sicher, im Bilderlexikon, in dem er ständig las und das ihm die Welt, von der im Ort nicht viel zu sehen war, erklärte, eine Wasserwaage ohne Doppel-A gelesen zu haben. Tatsächlich war dort ein Druckfehler gewesen, aber Klein wußte damals noch nicht, daß es Druckfehler gab. Der Lehrer hatte das fehlende A angestrichen, und als er das Diktat wiederholte, um festzustellen, ob die Schüler etwas dazugelernt hatten, hatte Klein, im Bewußtsein, der Lehrer habe sich bei seiner Verbesserung geirrt und im Lexikon stünde die Wahrheit, hatte er wieder nur „Wasserwage“ geschrieben. Was glaubst du, warum ich dir das beim erstenmal angestrichen habe? wurde Klein gefragt. Wasserwaage schreibe man mit einem A, beharrte Klein, der Lehrer wisse es halt nicht. Zwei Ohrfeigen. In die Ecke. Aber man schreibt es wirklich nicht mit Doppel-A, sagte Klein dort. Vorladung des Vaters. Der Vater mußte sich extra einen Tag dienstfrei nehmen, um sich dieser Schande aussetzen zu können.

Dabei flog dann auch die Unterschriftenfälscherei auf. Der Vater, der sich sonst nie an den Kindern vergriff, sondern das von der Mutter erledigen ließ, war außer sich. Dazu noch zwei Wochen Hausarrest: Und wenn in dem Scheißlexikon hundertmal was anderes steht! Der Vater interessierte sich nicht für Kleins Beweis, und dem Lehrer wagte Klein nichts mehr zu beweisen.

In den folgenden Jahren wurden „Fleiß: Befriedigend“, „Äußere Form der Arbeiten: Genügend“ zu einem Standard, den er nicht mehr unterschritt. Nur noch in Singen, Zeichnen und Turnen ein sicheres „Sehr gut“. Daß er phantasievolle Aufsätze schrieb, konnte die Scharten nicht auswetzen. Außerdem war auch seine Phantasie nicht immer günstig, weil er dadurch oft das Thema verfehlte. Mit einem Zeugnis in der Tasche zögerte er das Nachhausekommen immer so lange hinaus, bis er sicher war, mit dem langen Ausbleiben alles nur noch schlimmer gemacht zu haben. Und immer wieder der Bruder als Vorbild. Als ob es nicht genügt hätte, daß der Bruder größer war. Mit Ingrid, der jüngeren Schwester, die brav und sauber wie Robert war, wurde Klein nicht verglichen, weil nach der Meinung der Eltern Mädchen von Natur aus brav und sauber und überhaupt ganz anders als Buben waren. Mit Klein hatte man nur Sorgen.

Mit ihm mußte man sich genieren: Er zog den Dreck regelrecht an. Es war ein Rätsel, von wem er das haben könnte. Dauernd kam sich jemand beschweren, weil er frech war. Und im Kopf hatte er nur Blödheiten und nicht das Lernen. Selbstverständlich war er dabei, als im Stinek-Wirtshaus mit einem Schilling an einer Schnur Tischfußball gespielt wurde, was die Gendarmerie zu einer gewaltigen Betrugsaffäre aufblies. Und als aufflog, daß die Kirschen, die ein paar Hauptschüler an Gaudenz, die Schnapsbrennerei, verkauft hatten, im Prasser-Garten gestohlen worden waren, hatte natürlich auch Klein nicht unter den Tätern gefehlt.

Als Klein in der letzten Klasse der Hauptschule ohne ersichtlichen Grund beinahe die ganze Klasse überflügelte und es sogar im Betragen auf ein „Sehr gut“ brachte, hieß es, ihm sei jetzt endlich der Knopf aufgegangen. Allerdings hatten die guten Noten dann nichts mehr bedeutet, weil in der Werkstatt des Hinger Schulzeugnisse keine Rolle spielten, wie auch überhaupt mit Ausnahme der Grundrechnungsarten alles, was Klein in der Schule gelernt hatte, dort ganz nutzlos war.

Er wurde Lehrling, wie fast alle aus der Klasse, zog mit Lehrlingen herum und redete über dasselbe wie sie. Nichts schien an ihm besonders zu sein. Nichts extra zu loben. Und erst recht dann nicht mehr, als er die Lehre hinschmiß und Hilfsarbeiter wurde und mit den Hilfsarbeitern herumzog. Und dann schon überhaupt nicht mehr, als er anfing, aus den Fabriken wegzurennen, in die ihn hineinzubringen man alle Hebel und Verwandten in Bewegung hatte setzen müssen.

Also nirgendwo eine Vergangenheit, die zu einer besonderen Zukunft berechtigt hätte.

Die Zukunft, die der Vater für ihn ausersehen hatte, hatte Klein ja vertan, als er aus der Schlosserlehre davonlief. Einen Beruf erlernen und dann zur Eisenbahn gehen, war für den Vater das beste Rezept, sein Leben hinter sich zu bringen. Ein Rezept, das schon bei Robert versagt hatte. Nach der abgebrochenen Handelsschule, die Robert gegen den Widerstand des Vaters und mit der Unterstützung der Mutter begonnen hatte, und nach einem weiteren Jahr als Lastwagenbeifahrer war Robert zum Militär gegangen; jetzt, als Nachschubunteroffizier konnte Robert auch schon wieder die Eltern besuchen, ohne mit dem Vater über die angeblich verlorenen Möglichkeiten in Streit geraten zu müssen. Immerhin war Robert im Staatsdienst, also in klaren Verhältnissen, in bestimmten Abständen würde er befördert werden, er hatte geheiratet und für den Vater zwei Enkelkinder gezeugt, und hielt seine Laufbahn auch schon für ein sicheres Rezept, das dem Bruder verschrieben werden konnte. (Aber so oft, meinte Klein dazu, könne man ihn gar nicht herunterschneiden, als er sich da nicht doch noch lieber immer wieder aufhängen würde.)

Als Klein die Schlosserlehre angefangen hatte, hatte der Vater ihm alle früheren Kränkungen verziehen und hatte geglaubt, wenigstens mit dem jüngeren Sohn werde also alles gutgehen. Er ist eben doch der Vernünftigere von den zweien, hatte der Vater gemeint. (Die Schwester zählte, was einen Beruf anlangte, sowieso nicht: irgendwann würde sie heiraten und aus.) Dabei war es Klein ziemlich blöd vorgekommen, genau dorthin zu rennen, wohin der Vater vorausgelaufen war. Der Vater hatte getan, als würde er Klein damit weiß Gott was vererben. Aber wenn es sich nur um einen Beruf handelte, dann war darauf leicht zu verzichten. Wenn es ein Grafentitel wäre, hatte Klein gemeint, mit riesigen Ländereien dahinter, dann wäre das eine vernünftige Sache. Oder als Gewerbetreibender mit dem Beruf dem Sohn auch die Werkstatt, die Kundschaft und die Arbeiter zu vererben, wäre auch noch ein verständlicher Wunsch gewesen. Aber dem Vater gehörte die Eisenbahn nicht. Als Klein nach Hause kam und erklärte, er gehe dem Hinger keinen Schritt mehr in die Werkstatt hinein, hatte der Vater sich aufgeführt, als hätte Klein tatsächlich eine Millionenerbschaft ausgeschlagen. Wozu hatte er Söhne in die Welt gesetzt, wenn er jetzt keinen auf der Eisenbahn „unterbringen“ konnte. Überhaupt war es dem Vater ganz unverständlich gewesen, daß man aus einer Lehre davonlaufen konnte.

Auch als Klein berichtet hatte, daß ihn der Hinger geohrfeigt habe, daß er in die Ölwanne geflogen sei, hatte den Vater nicht einsichtig gemacht. Der Mensch müsse eben einiges einstecken. Einstecken können. Das bringe ihn nicht gleich um. Überhaupt ein junger Mensch. Der müsse erst gebogen werden. Dem müsse das Wilde heruntergeräumt werden. Der müsse erst zu einem anständigen Menschen gemacht werden. Eben. Die Lehrzeit müsse man eben aushalten. Die gehe vorbei. Eineinhalb Jahre nur noch durchhalten, dann Militär und dann: Eisenbahn. Wegen einer Ohrfeige könne man nicht alles aufs Spiel setzen. Zugegeben, recht sei es nicht vom Hinger gewesen. Das Züchtigungsrecht stehe den Eltern zu. Der Vater erzieht sich seine Kinder schon selber. Aber trotzdem. Auch die Ölwanne sei kein Grund, jetzt den großen Herrn zu spielen und zu sagen, da gehe ich nicht mehr hinein. Sei der Sohn denn von allen guten Geistern verlassen, daß er sich einbilde, der Hinger komme tatsächlich aus der Werkstatt heraus und bitte um Verzeihung, damit ihm der Lehrbub wieder hineingeht? Lehrlinge kriege der Hinger in Massen, wenn er wolle. Der stehe auf einen bestimmten doch nicht an. Reden könne er mit dem Hinger, gestand der Vater zu, bestenfalls reden. Damit so was in Zukunft nicht mehr vorkomme.

Klein fand es selber ziemlich verrückt, die zwei Jahre Lehrzeit als zwei vertane Jahre wegstreichen zu müssen, zwei Jahre umsonst den letzten Dreck gespielt, gekuscht zu haben, ohne daß nun dafür irgendeine Belohnung in Aussicht stand. Aber wenn er zwei Stunden zurückdachte, wie er sich aufgerappelt hatte und in der Werkstatt gestanden war, grinsenden Gesellen gegenüber und einem Hinger, der ein Gesicht gemacht hatte, als erwarte er jetzt noch ein Um-Verzeihung-Bitten von Klein, ein „Entschuldigung-Herr-Chef“, weil ihn der rotzfreche Lehrbub so in Rage gebracht, ihm die Ohrfeige regelrecht abgebettelt habe, wenn Klein daran dachte, daß sogar die beiden anderen Lehrlinge gegrinst hatten, dann war es ihm ganz unmöglich, sich vom Vater etwas einreden zu lassen und noch einmal in diese Werkstatt hineinzugehen.

Er konnte doch nicht einfach vergessen, wie es gewesen war, mitten in der Werkstatt zu stehen, und das dreckige Öl lief ihm den Rücken hinunter. Er war einen Moment wortlos dagestanden, dann hatte er langsam zu gehen angefangen, ging immer schneller werdend aus der Werkstatt, auf den Hof, riß das Rad vom Ständer, schwang sich im Laufen hinauf, der Hinger tauchte im Tor auf, fuchtelte mit den Armen, schrie irgend etwas, aber Klein schüttelte so heftig den Kopf, daß er nichts verstand, und er fuhr hinaus auf die Straße, jetzt ist Schluß, dachte er, jetzt ist Schluß, jetzt war es zu viel, sich schlagen lassen, das war zu viel, und die beiden Arschlöcher haben noch gegrinst, und demnächst werden sie selber durch die Werkstatt geprügelt, wenn man jetzt nicht gleich etwas unternimmt, dann reißt das ein, dann glaubt der Hinger, ohne Prügeln nicht mehr auskommen zu können, da redet man von modernen Zeiten, vom Atomzeitalter, und in den Werkstätten herrscht noch immer die Prügelstrafe, herrschen noch immer mittelalterliche Zustände, aber bei mir, dachte Klein, ist er jetzt an den Falschen gekommen, bei mir nicht, Herr Chef, wozu gab es denn eine Gewerkschaft? Die Gewerkschaft würde dem Hinger Feuer aufs Dach setzen, würde ihm einheizen.

Klein stellte sich vor, wie er mit einem Menschen von der Gewerkschaft zurück in die Werkstatt kommt, und der Hinger sieht sie kommen und möchte am liebsten noch schnell die Ölwanne beseitigen, um behaupten zu können, es sei ja gar keine Ölwanne da, also könne auch kein Lehrling in eine Ölwanne geflogen sein, die Hände möchte sich der Hinger schnell noch bandagieren lassen, um sie treuherzig ausstrecken zu können und den Gewerkschaftsmenschen zu fragen, ob die Gewerkschaft denn wirklich glaube, daß ein Mensch mit verbundenen, schmerzgepeinigten Händen sich auch noch an einem Lehrling vergreifen könne, aber der Gewerkschaftsvertreter würde mit einem Finger gegen die Brust des Hinger stoßen, würde ihn mit einem Finger wortlos durch die Werkstatt stoßen, bis zur Ölwanne stoßen, kurz zögern und ins angsterfüllte Gesicht des Hinger grinsen und dann den Hinger in die Ölwanne hineinstoßen ...

Klein stieg vom Rad und ging ins Gebäude der Arbeiterkammer hinein, dort hatte die Gewerkschaft ihr Büro, und ihm schien, daß der mit poliertem Granit verkleidete Bau regelrecht die Kraft und die Macht der Gewerkschaft ausdrückte, gleichzeitig kam er sich mit seiner ölgetränkten Blauen in diesem Bau nicht so recht am Platz vor, zögernd klopfte er an, eine Frau über einer Schreibmaschine sah ihm entgegen, als habe Klein sich in der Tür geirrt, als sei noch nie ein solcher Mensch zur Tür hereingekommen. Er möchte den Gewerkschaftsvertreter sprechen, sagte Klein, und die Frau schüttelte den Kopf, der Herr Gewerkschaftssekretär sei jetzt nicht zu sprechen, sagte sie, jetzt seien keine Sprechstunden, ob er denn nicht lesen könne, deutete sie mit einem lackierten Finger zur Tür, dort stehe doch angeschrieben wann Sprechstunden seien, groß und deutlich stehe das angeschrieben, sie möchte wissen, stieß sie die Luft durch die Nase, wozu man Schilder mit genauen Anordnungen aufhänge, wenn dann jeder hereinkomme, wie es ihm passe.

Aber es ist dringend, sagte Klein, er möchte den Herrn Sekretär sofort sprechen, worum es gehe? Klein drehte sich um und deutete auf seinen Rücken, der Alte, sagte er, hat mich in die Ölwanne geschmissen, welcher Alte?, na der Hinger, Bau- und Portalschlosserei Hinger. Aha, sagte die Frau, ja, aber ihr sei noch immer nicht klar, was er da wolle. Klein schaute die Frau an. Die sah doch nicht gerade blöd aus. Warum begriff sie nicht? Er wolle einfach mit dem Gewerkschaftssekretär sprechen, sagte er, das sei doch ein Fall für die Gewerkschaft. Naja, sagte die Frau, sie glaube das eigentlich nicht, und außerdem seien jetzt keine Sprechstunden. Klein stand da und gab keine Antwort, kopfschüttelnd erhob sich die Frau, ausnahmsweise, erklärte sie, sie werde also fragen, ob der Herr Sekretär Zeit habe, und verschwand in einer Tür.

Klein überlegte, ob er sich mit seinem öligen Zeug auf einen der beiden Polstersessel setzen sollte, die offenbar für wartende Besucher da waren, aber da kam die Frau schon heraus und deutete mit dem Kopf, und als Klein im Büro des Gewerkschaftssekretärs stand, dachte er sofort, der Hinger ist ja ein armer Hund gegen die Gewerkschaft, der Hinger kann von so einem Büro nicht einmal träumen, das Büro des Hinger war bloß ein Verschlag, nicht viel weniger dreckig und ölig als die Werkstatt. Also was ist los, fragte der Sekretär, wo brennt es. Klein führt noch einmal seinen Rücken vor, berichtete, was geschehen war, aber seltsamerweise schien den Menschen hinter dem wuchtigen Schreibtisch nicht so sehr die Ohrfeige und die Ölwanne zu interessieren, als das, was vorher gewesen war. Er habe sich beim Abmessen geirrt, sagte Klein, zweimal habe er eine Welle zu kurz abgeschnitten. Ja, sagte der Sekretär, und dann? Dann hat der Chef gesagt, berichtete Klein, dann habe ich gesagt, worauf der Chef gesagt hat, und dann habe ich noch gesagt, und dann eben ... Und was stellst du dir vor, daß ich jetzt tun soll, wollte der Sekretär wissen. Klein starrte ihn an. Dieser Mensch wußte nicht, was er tun sollte? Das war doch nicht möglich. Da gab es doch nur eins zu tun, und das mußte dieser Mensch doch wissen. Wer denn sollte es wissen, wenn nicht die Gewerkschaft. Und wer weiß, wie es wirklich gewesen ist, breitete der Sekretär die Arme aus, erzählen kannst du mir bald was. Klein stand da und ließ sich anschauen, ob er überhaupt Gewerkschaftsmitglied sei, wollte der Sekretär plötzlich wissen. Ja, sagte Klein, der Vater hat mich einschreiben lassen.

Seufzend griff der Mann zum Telefon und redete hinein, daß man ihn mit dem Hinger verbinden solle, und während er wartete, sah er Klein nicht an, sondern lauschte angestrengt in den Hörer hinein und rückte zwei Bleistifte, die auf dem Tisch lagen, näher zusammen, wieder weiter auseinander, näher zusammen, ah, meine Verehrung, Herr Hinger, schrie er dann plötzlich, so daß Klein zusammenzuckte, und der Sekretär hatte ein breites Lächeln auf dem Gesicht, wie es dem Herrn Hinger gehe, wollte er wissen, danke, man lebt, meldete er seinerseits, und dann lachte er ausgiebig, offenbar hatte der Unternehmer Hinger einen für die Gewerkschaft passenden Witz gemacht, also Herr Hinger, sagte der Sekretär und wurde langsam doch ein wenig ernster, ich habe da so einen Buben von Ihnen da, sagte er, drehte sich mit einem Ruck zu Klein und hielt die Telefonmuschel zu, wie heißt denn eigentlich?, wollte er wissen, Klein, heiße ich, sagte Klein, also den Klein, sagte der Sekretär, und der erzählt mir da so Geschichten, so Räubersgeschichten, sagte er und fing, während er zuhörte, immer mehr zu grinsen an, jaja, sagte er, jaja, und plötzlich wußte Klein, daß es eine Verrücktheit gewesen war, hierherzufahren und sich alles mögliche einzubilden, und er drehte sich um, ging schnell hinaus und rannte die Treppe hinunter.

Als er unten beim Rad stand, wußte er nicht, wohin er jetzt sollte. Unmöglich, dem Hinger noch einmal hineinzugehen, der ihn triumphierend empfangen würde, ihn vor den anderen Lehrlingen, die vielleicht wieder grinsen würden, niederbrüllen würde, was er sich denn eigentlich einbilde, zu einer Gewerkschaft zu rennen, ihn bei der Gewerkschaft anzuschwärzen. Der Vater konnte Klein zureden, soviel er wollte, konnte vom Drohen ins An-die-Vernunft-Appellieren, wie er sich das vorstellte, verfallen, Klein ging nicht mehr zum Hinger zurück. Eine Weile glaubte er noch, in einer anderen Schlosserei unterzukommen, die Lehre dort abschließen zu können, immerhin gab es vier Schlossereien im Ort, und dann glaubte er, zumindest sagte er nichts dagegen, daß der Vater glaubte, eine andere Lehrstelle zu finden, denn schließlich war es egal welche, wenn man nachher sowieso zur Eisenbahn ging, vorteilhaft sei natürlich ein Beruf, in dem man später auch pfuschen gehen könne, wenn man dienstfrei habe, Maurer, Installateur, Elektriker, Fliesenleger, aber es war Ende Oktober, und da hatten sich natürlich schon alle Unternehmer mit Lehrlingen eingedeckt, erst im nächsten Jahr wieder, hieß es überall, und es kam, selbstverständlich, nicht in Frage, daß Klein so lange nichtstuend zu Hause blieb, herumlungerte, wie das genannt wurde, und auf lauter blöde Gedanken kam, vielleicht auf den Gedanken kam, daß ein Leben, ohne arbeiten zu gehen, durchaus zu ertragen war, und kurze Zeit später stand Klein zum ersten Mal in einer Fabrik und fand, Hilfsarbeiter, Angelernter zu sein, sei in Wirklichkeit viel besser als Lehrling zu sein, auch wenn zu Hause immer behauptet worden war, Hilfsarbeiter seien das Letzte.

In der Fabrik wollte niemand mehr aus ihm einen anständigen Menschen machen, niemand drohte ihm an, ihm noch ein Benehmen beizubringen, wie eine Erlösung kam es ihm vor, nicht ständig einen dauernd von Materialverschwendung redenden Meister neben sich zu haben, der täglich behauptete, an den Lehrlingen noch zugrunde zu gehen, nicht mehr den heimtückischen Witzen der mit einem seltsamen Humor ausgestatteten Gesellen ausgesetzt zu sein. In der Fabrik erwartete niemand mehr von ihm, daß er mit dem Gruß am Morgen, mit einem lockeren, fröhlichen Schritt und einem freundlichen, aber ernsthaften Gesichtsausdruck seine Freude am Arbeiten kundtue, in der Fabrik gab es anderes, wonach man beurteilt wurde, Arbeitstempo, Stückzahlen, eine Weile war es für Klein wirklich eine Wohltat, daß niemand sich für ihn selber, sondern daß man sich nur für seine Arbeit interessierte, und vor allem hatte er auf einmal so viel Geld, wie er noch nie gehabt hatte, die sogenannte Lehrlingsentschädigung hatte man ja nicht einmal richtig Geld nennen können, und wenn er in den Akkord käme, würde er bald noch mehr haben. Als es im Sommer darum ging, den dann schon nicht mehr so günstig beurteilten Platz in der Fabrik gegen eine Lehrstelle zu vertauschen, kam Klein sich schon viel zu erwachsen für eine Lehre vor, einfach unvorstellbar war es ihm, sich mit siebzehn Jahren wieder wie ein Vierzehnjähriger, sich überhaupt wieder wie ein Lehrling behandeln lassen zu müssen, und so blieb er Hilfsarbeiter, wechselte er nur mehr die Firmen und hatte keine Aussicht mehr, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und zu einer ordentlichen Zukunft zu kommen.

Es war für die meisten wirklich ganz unverständlich, daß Klein auf einmal glaubte, für etwas Besseres auserkoren zu sein. Dieses Unverständnis war wiederum für Klein ziemlich unverständlich. Wahrscheinlich war er an den Leuten zu nahe dran, meinte er, als daß sie hätten merken können, was an ihm dran war. So mußte es Jesus ergangen sein, als er plötzlich anfing, Wunder zu tun, nachdem er jahrelang nur irgendein Einheimischer, der Sohn eines Zimmermanns gewesen war. Gut, sagte sich Klein, ich bin nicht Jesus. Sonst würde er selber das Wunder tun und nicht drauf warten. Aber er war auch nicht irgendwer. Es gab doch wirklich genug, meinte er, das ihn von denen unterschied, mit denen er am Morgen durchs Fabrikstor ging, unter denen er im Garderoberaum hastig in die Blaue kroch, und neben denen er am Band stand. Schließlich hatte er sich nicht wirklich daran gewöhnt, Arbeiter zu sein. Auch nach acht Jahren nicht. Das hatte vielleicht nur eine Zeitlang so ausgesehen. Das hatte er manchmal für kurze Zeit ein wenig vergessen. Aber wirklich abgefunden hatte er sich nie, er hatte nie gedacht: Schicksal. Während die anderen, kam ihm vor, die ihn einfach für ihresgleichen hielten, ja eigentlich gar nichts anderes sein wollten. Denen war doch anscheinend egal, was sie taten. Wenn nur die Marie stimmte. Und wenn Klein über Arbeiter geredet hatte, als gehöre er gar nicht dazu, dann hatte er doch wirklich ganz deutlich gespürt, daß er nicht dazu gehörte.

In letzter Zeit hatte Klein oft so geredet. Meistens, wenn er irgendwo in einem Nest der Umgebung, wo ihn niemand kannte, auf einem Kirtag oder sonst einer Tanzveranstaltung gewesen war. Meistens vor Mädchen. Da hatte er sich, wenn er sich als etwas ganz anderes ausgegeben hatte, doch wirklich als ganz anderer gefühlt. Und eine Behauptung, daß er eigentlich nicht arbeite, oder wenn schon, dann nur so, daß er sich eher aus Langeweile oder weil sein Freund, der Unternehmer, ohne ihn nicht auskommen könne, ein wenig in einem Büro aufhalte, diese Behauptung war ihm ja nie wie eine richtige Lüge vorgekommen, sondern eher wie etwas, das nur im Moment noch nicht wahr war, aber sicher bald wahr werden würde. Und war er dabei nicht immer so glaubwürdig gewesen, daß niemand es geglaubt, sondern es für absurd, für erlogen gehalten hätte, wenn er plötzlich gestanden haben würde, er sei nur Hilfsarbeiter? In Wirklichkeit nur Hilfsarbeiter?

Klein hat sich unterscheiden wollen. Und weil er sich unterscheiden wollte, hat er Unterschiede gesucht. Und weil er gesucht hat, hat er auch gefunden. Aber er merkte nicht, daß er sich erst änderte, langsam immer mehr veränderte, um auch dort Unterschiede finden zu können, wo zuerst gar keine gewesen waren.

Immerhin: er war zu einer eigenen Bildung gekommen. Er hatte sie sich selber verschafft. Eigenhändig, sagte er. Vor einigen Jahren hatte er ziemlich plötzlich angefangen, alles in sich hineinzufressen, was ihm nur einigermaßen brauchbar erschien. Einen Roman über die Entstehung des Reichsarbeitsdienstes genauso wie „Stahls Großes illustriertes Kräuterbuch“ und eine Broschüre übers Schnapsbrennen in Heimbetrieb. Fast alles hatte er gelesen, oder zumindest angefangen zu lesen, was es zu Hause im Bücherschrank gegeben hatte. Vorher war der Bücherschrank als ziemlich unnötiges Möbel herumgestanden, selten hatte jemand die quietschende Glastür aufgesperrt, er war einfach dagestanden als Erinnerung an den Bruder des Vaters, der im Krieg gefallen war und neben einigen SS-Uniformen eben auch den Bücherschrank hinterlassen hatte, auf den manchmal gedeutet wurde, wenn vom Bruder des Vaters die Rede war.

Klein konnte selber nicht sagen, was ihn plötzlich dazu gebracht hatte, über die Bücher herzufallen. Er konnte sich an keinen bestimmten Anlaß erinnem; ein beklemmendes Gefühl des Mangels war auf einmal da gewesen, ein Gefühl, etwas versäumt zu haben, nichts zu wissen, nicht genug zu wissen; als er las, daß der menschliche Körper zu vier Fünftel aus Wasser bestehe, war ihm vorgekommen, als habe er bis jetzt in der finstersten Unwissenheit gelebt. Der Mensch bestand zu vier Fünftel aus Wasser — und er hatte es nicht gewußt! Was wußte er noch alles nicht? Alles war ihm recht, was dieses ganz körperliche Gefühl, einen hohlen Kopf zu haben, ein Loch dort, wo hätte Wissen sein sollen, zudeckte. Am liebsten hätte er das ganze Lexikon auswendig gelernt, um zumindest das Wichtigste, wie er meinte, zu wissen. Den fassungslosen Eltern hat er auf einmal Vorwürfe gemacht, daß sie ihn nicht auf Schulen geschickt hatten. Ihn? Auf Schulen? Ja warum denn? Er hat doch, solange er zur Schule ging, nichts von der Schule wissen wollen. Das kam ihm auch schon wie ein Irrtum vor. In Schulen kam man ganz bequem zu einer Bildung. Man setzte sich hin, und alles ging von selber, schön langsam füllte sich der Kopf, während er jetzt nicht einmal wußte, was er in seinen Kopf hineinlesen und wo er das hernehmen sollte. War das, was der Onkel in seinen Bücherschrank gestellt hatte, genau das, was der Mensch wissen mußte? Kaum lehnte er sich befriedigt zurück, im Bewußtsein, nun schon ein wenig mehr zu wissen, war das Gefühl, vielleicht doch nicht alles nachholen zu können, sofort wieder da. Als er in einem Buch ein lateinisches Zitat las, das ohne Übersetzung dastand, meinte er, alles, was er sich zusammenlese, sei sowieso ganz sinnlos, weil ohne Latein werde er nie zu den Gebildeten zählen. Zum erstenmal kamen ihm die Gymnasiasten als Menschen vor, die ihm etwas voraus hatten.

Früher hatten er und seine Freunde sich immer versichert, nichts mit denen zu tun haben zu wollen, das waren, hatten sie gemeint, ja überhaupt nur lächerliche Figuren, die keine Ahnung von etwas hatten, weil sie nachts nicht unterwegs waren, in keine klassen Lokale gingen, sondern es sich von Mammapapa einfach verbieten ließen. Die waren einfach brav, geschneuzt und gekämmt und immer höflich, waren noch nie in einer Fut und redeten deppert. Hochdeutsch. Es war ein scharfer Schnitt zwischen den Lehrlingen und jungen Arbeitern des Ortes und den Gymnasiasten, und es gab kaum Berührungen. Wenn sie schon wirklich einmal zusammentrafen, in einem Kinovorraum, im Strandbad, dann waren die Lehrlinge noch lauter, noch handgreiflicher, noch lässiger als sonst, und verwendeten nach Möglichkeit überhaupt nur noch ordinäre Wörter, während die Gymnasiasten noch hochdeutscher, noch höflicher untereinander wurden. Wie er sich früher oft (und vergeblich) gewünscht hatte, an eines der Mädchen aus besseren Familien heranzukommen (an einem Mädchen hätte ihn die Wohlerzogenheit nicht gestört; die wäre ihr schon, hatte er gemeint, unter seinen Sprüchen und Handgriffen vergangen), so wünschte er sich jetzt manchmal, einen Gymnasiasten unter seinen Freunden zu haben, an dem er hätte feststellen können, was ihm selber an Wissen fehlte.

Er fing an, Aussprüche in ein Heft zu schreiben, die in Zeitungen als Zwischenraumfüller abgedruckt waren. Sätze, die er allesamt für richtig hielt. Und dann die Unsicherheit, weil sich zwei dieser Sätze widersprachen. Und die Unsicherheit, die Unschlüssigkeit vor dem Drehgestell in der Papierhandlung, auf dem ein paar Dutzend Taschenbücher standen. Würde er, wenn er sich zufällig für ein bestimmtes Buch entschied, dann nicht vielleicht als einer dastehen, der keine Bildung hatte, weil Menschen mit einer Bildung dieses Buch nicht gelesen haben würden? Der Papierhändler, meinte er, mußte das ja beurteilen können. Sollte er sich ein lateinisches Schulbuch als Alibi kaufen, damit ihn dann das, was er auf dem Drehgestell zufällig erwischte, nicht mehr blamieren konnte? Was mußte ein Mensch, der zu einer Bildung kommen wollte, lesen? Was er las, war ganz zufällig. Die erste Ordnung brachte der Katalog einer Buchgemeinschaft. Hier waren Namen und Buchtitel in bestimmte Abteilungen eingeordnet: Gesellschaftsromane, Abenteuer und Krimi, Spannung und Unterhaltung, anspruchsvolle, moderne Literatur, Klassiker. Unterhaltung kam nicht in Frage. Kriminalromane auch nicht. Er hatte keine Lust, Jerry Cotton zwischen Buchdeckeln wiederfinden zu müssen. Anspruchsvolle Literatur würde noch das richtigste sein, meinte er.

Aber was er dann zu lesen bekam, verstand er nicht. Er verstand die Wörter, verstand die Sätze. Aber er konnte im ganzen keinen Sinn finden. Wovon war da eigentlich die Rede? Entweder war er zu blöd, oder dieser Kafka hatte sich einen Spaß erlaubt und hatte sich ein Rätsel ausgedacht, für das es keine Lösung gab. Gab es jemanden, der das verstand? Und was hatte der hinter sich gebracht, bis er endlich soweit war? Sicher ein Haufen Schulen und ein paar hundert Bücher. Hundert Bücher waren Klein damals noch als eine ganz gewaltige Menge vorgekommen. Zumindest war Klein nun klar, was Heidi, eine kurzdauernde Freundin, die ein paar Jahre älter als er gewesen war, damit gemeint hatte, als sie sagte, sie verstehe ein Buch nicht. Das Glasperlenspiel, konnte Klein sich erinnern, hatte das Buch geheißen. Er hatte sich so ein Buch damals nicht vorstellen können. Wie war es möglich, wenn Sätze dastanden, wenn es schwarz auf weiß gedruckt war, es nicht zu verstehen? Man konnte einzelne Wörter nicht verstehen. Das wußte er nur zu gut aus eigener Erfahrung. Aber dafür gab es ein Lexikon. Das Lexikon war lange Zeit für ihn noch das Sicherste, zu lesen und sich keine Minderwertigkeitsgefühle einzuhandeln. Auch das Bilderwörterbuch, in dem er schon als Kind gelesen hatte, mochte er gerne. Da war alles klar, alles lag da, war überschaubar, alles hatte seinen bestimmten Namen. Nichts änderte sich. Wie eine Welt war das, die stehengeblieben war, wie im Märchen vom Dornröschen.

Sich unter den Arbeitern aufzuhalten, wurde plötzlich zur Gelegenheit, ein wenig selbstbewußt zu werden. Unter ihnen konnte er sich ganz leicht sagen, schon eine gewaltige Bildung zu haben. Unter denen noch immer, sagte er sich. Da konnte ihm keiner mehr das Wasser reichen, war er sicher. Auch unter den Freunden, von denen er meinte, sie würden sowieso bald nur mehr ehemalige Freunde sein, war keiner, der an ihn herangereicht hätte. Die waren dort stehengeblieben, wo er sich gar nicht mehr richtig vorstellen konnte, jemals selber gestanden zu sein. Ihre Wirtshausgespräche langweilten ihn plötzlich, und wenn er mitredete, hatte er das Gefühl, daß jemand anderer sprach und nicht er selber. Und erst recht zu Hause. Der Vater fing an, ihn größenwahnsinnig und einen Hochstapler zu nennen. Die Mutter meinte, Klein spinne eben ein bißchen. Aber das würde sich schon wieder geben. Er sei eben noch jung. Klein war es gleichgültig, was sie sagten. Er nahm es höchstens als Beweis, daß sich mit ihm etwas geändert hatte, daß er weitergekommen war.

Einen Tag nur, meinte Klein, wenn sie ihn ins Bürogebäude lassen, einen Tag nur, dann würden sie merken, daß er am Fließband auf dem falschen Platz war, daß man dort draußen ein Angestelltentalent verkümmern ließ, unter Handgriffen, die jeder Gehirnhautentzündler genausogut, wenn nicht besser verrichten konnte, unter Arbeiten, für die ohne weiteres Maschinen erfunden werden könnten, die längst erfunden worden wären, wenn seine zwei Hände, die am Freitagabend bloß den Kollektivvertragsiohn plus maximal zwanzig Prozent Akkordprämie aus dem Lohnsäckchen schütteten, nicht billiger gewesen wären.

Manchmal, wenn Klein einen Angestellten der oberen Etagen des Bürogebäudes durch die Halle gehen sah, der sich aus irgendeinem Grund hierher verirrt hatte und der vorsichtig zwischen den Bandstraßen dahinstieg, um nicht irgendwo anzustreifen und einen Fleck auf dem Anzug mit hinauszunehmen, dann dachte Klein, jetzt schleicht er diesem Menschen nach, zerrt ihn hinter eine Maschine; ihn zu überwältigen, Anzug, weißes Hemd und Krawatte abzunehmen, selber aus dem Overall zu fahren und diesen Menschen hineinzustecken, ist das Werk eines Augenblicks, und dann befestigt er den gewesenen Angestellten am Fließband und geht selber vorsichtig zwischen den Bandstraßen auf den Ausgang zu, über den Hof und ins Angestelltengebäude, so kommt er ins Angestelltengebäude, anders anscheinend nicht, und er setzt sich an den Schreibtisch und fühlt sich gleich als auf dem richtigen Platz, und bis man bemerkt, daß da einer am Band ist, der nicht einmal den Hammer richtig halten kann, hat man auch gemerkt, daß Klein einen rundum brauchbaren Angestellten abgibt, auf den zu verzichten sich die Firma einfach nicht leisten kann.

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