Radikalität und Rabianz
Wer heute mit „der Suchmaschine“ nach „alternativen Medien“ sucht findet seitenweise sehr rechte, auf die eine oder andere Art völkische „Gemeinschaften“ beschwörende, die „Lügenpresse“ schmähende, verschwörungsversessene etc. Medien – ganz sicher aber nichts von dem, was wir einmal als „alternative Medien“ bestimmt haben wollten.
„Wir“: Das waren in den unseligen 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts beispielsweise wir in der VAZ – Vereinigung alternativer Zeitungen und Zeitschriften. Auf deren Homepage prangte die Losung „Es gibt keine Öffentlichkeiten – es sei denn, wir bilden sie!“ Zum Denkmal versteinert prangt die Losung auf vaz.contextxxi.org noch immer.
Zum Verständnis des Schlamassels, in dem wir uns heute befinden, ist ein Verständnis des Schlamassels in jenen 1990er Jahren – nicht nur beim hier vorliegenden „Medienthema“ – durchaus vonnöten: So ziemlich sämtliche „Weichenstellungen“ in die rechte Richtung fanden etwa in diesem Jahrzehnt statt.
Da ist bei den „Rechten“ ziemlich viel ziemlich gut gelaufen, während bei den „Linken“ ziemlich viel ziemlich schief gelaufen ist.
Die „Rechten“ haben es verstanden, sich zur „Bewegung“ hochzujazzen und hochjazzen zu lassen – und zwar (1.) durchaus durch jene Medien, die sie sei’s gleichzeitig, sei’s hinterher als „Lügenpresse“ verunglimpften und (2.) auch durch Anleihen bei den – überwiegend doch eher „linken“ – „neuen sozialen Bewegungen“ etwa der 1970er bis 1990er Jahre. Eine dieser Anleihen ist eben der „anti-herrschaftliche“ Gestus und ein Label wie „alternative Medien“. Auch sind die Rechten – und selbst die Verschwörungstheoretiker – bei allen sonstigen Defekten nicht dermaßen darauf versessen, sich voneinander abzugrenzen und einander zu bekämpfen, wie die diesbezüglich eher katholisch gestrickten linken Sekten. Der Erfolg der „neuen“ Rechten beruht wohl zu einem erheblichen Teil darauf, sich bei aller auch dort vorhandenen Sektenvielfalt großzügiger aufeinander zu beziehen, einander zu empfehlen, interessant zu machen und sich wechselseitig bestätigend darzustellen.
Bei den „Linken“ hingegen ist seit den unseligen 1990er Jahren eine geradezu inverse Entwicklung zu verzeichnen. In diesem Jahrzehnt sind zunächst einmal – beachtlicher Weise ohne allzu große Verzögerungen auch in Wien – interessante, radikal gesellschafts- also kapitalismuskritische Initiativen entstanden. Die Beschränktheit der nichtradikalen, in hergebrachten politischen Fahrwassern von „Arbeit, Wirtschaft, Wachstum“ schippernden Gruppierungen und Konzepte wurde gegen Ende des Jahrhunderts auch allzu deutlich erlebbar und eine Radikalisierung dringend notwendig. Diese Notwendigkeit ist seither nicht geringer, die abzuwendende Not gewaltig größer geworden.
Diese Initiativen fanden es zum Teil angebracht, von vornherein ihren je eigenen Zirkel samt eigenem Publikationsorgan zu gründen. Zum anderen Teil kam es zu selbst für linke Verhältnisse exzessiven Spaltungen und weiteren Ausdifferenzierungen mit konsequenter Ausdifferenzierung der publizistischen Aktivitäten. Deren Früchte sind zu einem guten Teil heute wieder zusammengesammelt bei Context XXI (unter: contextxxi.org) zu besichtigen und nachzulesen. Nachzulesen sind dort auch die Mikrohistorien der teils sehr erbitterten Dispute und Spaltungen.
Akademisierungen, Differenzierungen und Spaltungen
Einen nicht geringen Anteil an dieser „Invertierung“ der „Linken“ hat auch deren Akademisierung, also das – menschlich verständliche – Streben linker Theoretikerinnen in –manchmal recht gut, meistens doch eher lausig remunerierte und prekäre – akademische oder para-akademische Marktnischen, die es gegen alle Anfechtungen – nicht hauptsächlich von „rechts“ sondern hauptsächlich aus den benachbarten Marktnischen – zu behaupten gilt.
Die Bewohner des gallischen Dorfes haben sich’s zeitweilig zur Hauptaufgabe gemacht, einander aus dem Dorf zu jagen. Und hintennach beklagen sie sich d’rüber, dass es so still ist im Dorf.
Woran wir, die damals „alternativen“ Medien, uns in den unseligen 1990er Jahren auch erschöpft haben: an „der Politik“, vorliegendenfalls also an „der Medienpolitik“. Unsere bei nüchterner Betrachtung doch ziemlich kreuzbraven, bürgerlich-demokratischen, republikanischen Forderungen und Entwürfe sind im benannten VAZ-Archiv zu finden. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass sie samt und sonders von sämtlichen in Betracht kommenden politischen Parteien nicht einmal ignoriert oder – wenn schon irgendwie gewürdigt – als „fundamentalistisch“ oder „radikal“ abgetan wurden. Wer sich’s antun mag, unsere alten Hadern nachzulesen, wird feststellen, dass sich auch unsere Warnungen und düsteren Prognosen betreffend die Zerstörung von „Öffentlichkeit“, die Ebnung des Feldes für die extremen Rechten usw. für den erwartungsgemäßen Fall unterlassener „radikaler“ Eingriffe als ziemlich buchstäblich zutreffend erwiesen haben. Schade ist nur, dass wir den Begriff „flooding the zone with shit“ damals noch nicht kannten – den Sachverhalt dagegen kannten wir schon.
Mit der Radikalität ist’s halt so ein G’wirx. Sie steht in generellem Verruf. Und es wurde in den letzten paar Jahrzehntchen fleißig eingeübt, gegen alle „Radikalität“ zu sein, komme diese nun von „Rechts“ oder von „Links“. Dieses Bekenntnis kann jeder dahergelaufene Bundeskanzler im TV genau so gut zum Besten geben wie die linke Nischenforscherin vom Nischeninstitut. Ich keiner der beiden Gruppen angehörender Depp weise aber das Attribut „rechtsradikal“ zurück: Rechte sind nicht „radikal“, sie sind rabiat.
Radikale Veränderungen und extreme Politiken
Alles, was die Rechten wollen, ist: (1.) weitermachen wie bisher und (2.) in den dadurch unvermeidlichen wenn nicht vorsätzlich mit fliegenden Fahnen herbeizuführenden Katastrophen auf der „Gewinnerseite“ stehen bzw. in dem zu erwartenden wenn nicht geradezu vorsätzlich herbeizuführenden Ozean des Elends oben schwimmen. Zu diesem Ende sind sie gewillt, alle „Nicht-Ihrigen“ von den (sei’s auch nur imaginierten) Rettungsinseln zurückzupushen, ersaufen zu lassen oder gleich zu ersäufen wie es ja ganz real alltäglich im Mittelmeer stattfindet. Der Rechte kann in seinem Ausagieren des vorgefundenen bzw. ansozialisierten Konkurrenzismus recht extrem sein – eben geradezu rabiat. „Radikal“ ist er nicht. Was wollte er denn an welcher Wurzel angehen? Wo er sich doch bloß an dem, was uns ohnehin irgendwie über den Kopf wächst, nach oben hangeln und nach unten treten will?
Was die Linken wollen ist: Die Gesellschaft so verändern, dass halbwegs alle Menschen halbwegs auskömmlich, ohne Not, friedlich, vernünftig, womöglich vergnügt usw. zusammenleben können. Für solche Zielsetzungen gibt’s im Kapitalismus, der uns historisch unterlaufen ist, keine Anhaltspunkte. Da geht’s nur darum, aus Geld mehr Geld, aus Häufchen Kapitals größere Häufchen Kapitals, aus Zahlen in Datenbanken größere Zahlen in Datenbanken zu machen. Dafür werden täglich Menschenopfer zu Tausenden erbracht. Um zu einem auskömmlicheren, friedlicheren, vernünftigeren, erfreulicheren Leben in Gesellschaft zu gelangen muss also der schnöde Kapitalismus ausgehebelt und umgekrempelt werden: um überhaupt Platz für derlei Zielsetzungen zu schaffen. Das wäre radikal. Und dringend notwendig.
Angesichts der Katastrophen, in die wir mit dem Kapitalismus taumeln, ist jede nicht-radikale Politik belanglos. Und jedes Medium, das sich aller Radikalität verschließt, ist demgemäß ebenso belanglos. Jedes andere Medium ist, richtig verstanden, alternativ. Das wären Minima, auf die „wir uns“ verständigen müssten. Und dann müssten wir noch – sei’s wieder, sei’s erstmals – lernen, auf dieser minimalen aber soliden Basis Diskussionen zu führen und uns dadurch nicht kleiner und uninteressanter, sondern größer und interessanter zu machen. Kleiner und uninteressanter machen wir uns, indem wir akademische, para-akademische oder auch „identitätspolitische“ Ausdifferenzierungen betreiben, die außer den unmittelbar Mitwirkenden niemanden interessieren.
An der Wurzel
Um wieder auf unser eigenes Feld – Medien, alternative – zurückzukommen: Statt kreuzbrave, „realistische“ Forderungen aufzuschreiben, auf die (1.) politisch wie eh und je gepfiffen wird und die (2.) heute noch unzulänglicher sind als sie’s schon vor dreißig Jahren waren, sage ich doch lieber, worum es wirklich gehen müsste, wenn’s denn relevant, also radikal sein soll. Also zum Beispiel:
- Es wird ja da und dort über Werbeverbote für Dies und Jenes diskutiert, da und dort werden sie sogar eingeführt: Flugreisen hier, fossile Kraftstoffe dort. Für Zigaretten gibt’s ja schon seit einer langen Weile ein Werbeverbot, für Spirituosen und Medikamente gibt’s Beschränkungen. Nunja, das sind ja alles halbe Sachen, Kinderkram. Viel interessantere Frage: Wer braucht überhaupt „Werbung“ für irgendwelche „Waren“? Außer denen, die damit beschäftigt sind, aus Zahlen in Datenbanken größere Zahlen in Datenbanken zu machen? Wüsstest du oder ich nicht, was wir essen oder anziehen, wie wir wohnen oder uns vergnügen wollten? Diejenigen, die es nicht wüssten, weil sie nur noch wissen, was sie wollen sollen, müssten es halt auf eigene Faust oder gemeinsam mit Anderen herausfinden. Was für eine Befreiung! Und was für eine Chance, die ganze gesellschaftliche Befassung mit Bedürfnissen, den Mitteln zu deren Befriedigung und deren halbwegs vernünftiger Produktion und Verteilung hübsch umzukrempeln! So etwas wie „Verzeichnisse“ soll’s geben dürfen – möglichst vergesellschaftete, nicht profitorientierte, aber auch nicht zwingend staatliche. Auf den Verpackungen soll d’raufstehen was d’rin ist – keine Symbolbilder, keine Comicfiguren sondern einfach nur „Spiralnudeln“ oder „Zuckerln mit Erdbeergeschmack“. Die Idee des generellen Warenwerbeverbotes wird, glaub’ ich, deutlich. Die Einzelheiten zu verhandeln wird sicher spannend.
- Ojemineh! werden gleich Etliche sagen, was soll ohne Werbung aus „den Medien“ werden? Naja: aus welchen Medien und wozu? Aus „unseren“ alternativen Medien wird nix anderes werden als schon (oder gerade noch) ist, weil bei „uns“ Finanzierung durch Werbung ohnehin – erraten: etwa seit dem Ende der unseligen 1990er Jahre – kein relevantes Thema mehr ist. Und sonst so? Vielleicht bräuchte es überhaupt eine Umkrempelung der Ressourcenzuteilung für „Medienproduktion“ in irgend einer vergesellschafteten, vernünftigen, demokratischen Form, durch eine demgemäß gebildete und verfasste Anstalt nach demgemäßen Regeln, über die zu verhandeln sicher ebenfalls spannend wird.
- Und noch sehr viel mehr braucht’s – nicht in irgendeiner phantastischen, fernen Zukunft sondern jetzt, ziemlich dringend: eine radikale Entprivatisierung, also andersherum Vergesellschaftung, all dessen, was „öffentlichen Raum“ heute gewissermaßen physisch bildet – was aber eben gerade nicht „öffentlich“ sondern schnöde privat ist. Das ist die gesamte Infrastruktur des Internets mit ihren Rechenzentren und Übertragungswegen, das sind Suchmaschinen, „soziale Netzwerke“, alle möglichen Up- und Downloadportale usw. usf. Auch dafür braucht’s geeignete, vergesellschaftete „Anstalten“, über deren Statuten zu verhandeln sicher ebenfalls nicht unspannend wird. Auf diesem Feld können vielleicht am ehesten Anleihen bei bereits bestehenden „Anstalten“, wie Wikipedia, Internet Archive usw., genommen werden.
Noch viel schärfer als vor 30 Jährchen gilt heute die seither zum Denkmal versteinerte Parole: „Es gibt keine Öffentlichkeiten – es sei denn, wir bilden sie!“ Sehr originell ist die Parole ja gar nicht, wo sie doch schon ziemlich sinngleich in der Internationalen ausgegeben wurde: „Es rettet uns kein höhres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun …“
Bis zu einer Umkrempelung der Verhältnisse etwa anhand obiger Punktation wird es alternative Medien wie wir sie verstanden haben wollen nur durch ihre Leserinnen und User geben. Wenn deren Kapazität und Interesse, diese Medien zu ermöglichen, nicht ausreicht, dann wird es sie nicht geben.
Zuerst erschienen in Malmoe #110, Magazin „Linke & Medien“, Jänner 2025


