FORVM, No. 222
Juni
1972

Rohstoffplünderung

Zur politischen Ökonomie der 3. und 1. Welt

I. Mobilisierung der Wachstumsreserven

Das hervorstechende Merkmal der ökonomischen Rückständigkeit Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist die gewaltige Diskrepanz zwischen den aktuellen Bedürfnissen der Menschenmassen und dem Angebot aus eigener Produktion sowie aus erwirtschafteten Importen an Gütern und Dienstleistungen zur Befriedigung dieser Bedürfnisse. Während die Menschen in den Entwicklungsländern ihre Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnraum, Gesundheit, Ausbildung, Trinkwasser, Kanalisation, Abfallbeseitigung usw. ständig reproduzieren, und zwar als Folge des Bevölkerungswachstums in rasch steigendem Umfang, reproduzieren große Massen von ihnen nicht oder nur zu einem geringen Teil die Güter, die zur Befriedigung dieser Bedürfnisse benötigt werden: Versteckte und eine zunehmende offene Arbeitslosigkeit gehören zur sozialen Realität so gut wie aller Entwicklungsländer. [1]

Die Diskrepanz zwischen Grundbedürfnissen und Güterproduktion der Gesellschaft läßt sich nur dann dauerhaft ausgleichen, wenn die Menschen in die Lage versetzt werden, ihre schöpferischen Fähigkeiten in produktiver Tätigkeit zu entfalten. Im Arbeitskräftepotential liegt die bedeutendste Wachstumsreserve der Entwicklungsländer.

Produktives Arbeiten vollzieht sich im Einwirken des Menschen auf die Natur. Je günstiger die Naturbedingungen, desto produktiver kann die Arbeit sein, desto weniger Arbeitszeit muß auf die Herstellung der Güter verwandt werden, die das physische Existenzminimum sichern, und desto mehr Arbeitszeit steht der Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums und damit der Hebung des Lebensniveaus zur Verfügung.

In Ländern mit nur schwach entwickelten Produktivkräften und einem hohen Anteil der Primärproduktion am Nationaleinkommen, ist die Abhängigkeit der Arbeitsproduktivität von den Naturbedingungen besonders ausgeprägt. Das mögliche Entwicklungstempo hängt somit entscheidend ab von den zur Verfügung stehenden Naturreichtümern und der Art ihrer Nutzung. Wenn auch zwischen den Entwicklungsländern hinsichtlich des Anteils und der Qualität der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche und der Ausstattung mit Rohstoffvorkommen große Unterschiede bestehen, so verfügen doch alle Entwicklungsländer in ihren Naturreichtümern über große Wachstumsreserven.

Voraussetzung für die Mobilisierung des Wachstumspotentials ist, daß die wirtschaftspolitischen Entscheidungsinstanzen des Entwicklungslandes sich tatsächlich von dem Ziel leiten lassen, die Kluft zwischen den Grundbedürfnissen der Gesellschaft und dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt zu schließen und daß sie bereit und in der Lage sind, die sozialen Schranken zu beseitigen, die der Mobilisierung der Reserven entgegenstehen.

Damit aus dem potentiellen ein tatsächliches Wachstum der Güterproduktion wird, bedarf es der Umsetzung der Wachstumsreserven Arbeitskraft und Naturreichtum in Wachstumsfaktoren durch deren Kombination im Produktionsprozeß: Im Agrarsektor sind unter fortschreitender Ausnutzung der Naturbedingungen — etwa durch Be- und Entwässerung, Urbarmachung fruchtbarer Böden, Aufforstung zur Eindämmung der Bodenerosion — die Produkte zu erzeugen, die für die Versorgung der Menschen notwendig sind, bzw. die Produkte, für die im Außenhandel die benötigten Subsistenzmittel eingetauscht werden können, wenn dadurch im Entwicklungsland Arbeitszeit eingespart wird. Eine große Zahl von Arbeitskräften ist zur Erschließung und Förderung der Bodenschätze einzusetzen. Vor allem aber muß es zu einer produktiven Kombination von Arbeitskraft und agrarischen wie bergbaulichen Rohstoffen in den der Urproduktion nachgelagerten Verarbeitungsstufen kommen, sollen die beiden zur Verfügung stehenden Wachstumsfaktoren zu einer umfassenden ökonomischen Entwicklung beitragen.

II. Beschaffung der Produktionsmittel

Diese Aufzählung zeigt bereits, daß zur Ausnutzung der Naturreichtümer durch die menschliche Arbeit Produktionsmittel nötig sind. Je mehr davon zur Verfügung stehen und je entwickelter („produktiver“) diese sind, desto schneller kann die Lücke zwischen Bedürfnissen und Güterangebot geschlossen werden. Grundsätzlich stehen den Entwicklungsländern drei Möglichkeiten zur Beschaffung von Produktionsmitteln zur Verfügung:

  1. Das Entwicklungsland schafft sich selbst im Produktionsprozeß die benötigten Arbeitsinstrumente, beginnend mit einfachen Werkzeugen, die von Stufe zu Stufe verbessert und allmählich durch zunächst einfache, dann kompliziertere Maschinen ersetzt werden können. Der Nachteil liegt darin, daß für lange Zeit das Wachstumstempo äußerst gering sein wird; da jedoch für die arbeitenden Menschenmassen dieser Prozeß der Selbstversorgung mit Produktionsmitteln zugleich ein umfassender technischer wie ökonomischer Lernprozeß ist, kann für spätere Perioden mit einem raschen und vor allem stabilen Wachstum gerechnet werden.
  2. Das Entwicklungsland erhält vom Ausland Produktionsmittel, verbunden mit technischer Beratung, als Hilfe. Voraussetzung für die entwicklungspolitische Wirksamkeit dieser Art der Ausstattung mit Produktionsmitteln ist, daß die gelieferten Investitionsgüter uneingeschränkt in die Verfügungsmacht des Entwicklungslandes gelangen und daß die private, staatliche oder internationale Institution, die die Hilfe gewährt, keinerlei Anspruch auf das durch den Einsatz dieser Produktionsmittel im Entwicklungsland erzeugte Mehrprodukt erheben kann.
  3. Das Entwicklungsiand exportiert einen Teil seiner Rohstoffproduktion, um für den Erlös Investitionsgüter zu importieren, die in der nächsten Periode zur Erhöhung der Rohstofferzeugung und/oder zu deren Verarbeitung eingesetzt werden können. Hier kann nicht erörtert werden, nach welchen Prinzipien dieser Handel. abzuwickeln ist, damit dem Entwicklungsiand keine Wachstumsverluste entstehen. Es ist lediglich festzuhalten, daß die Rohstoffausfuhr die Industrialisierung des Entwicklungslandes auf der Basis der eigenen Naturreichtümer zu ermöglichen und nicht zu verhindern hat. (Diese Außenhandelspolitik darf nicht als Ausdruck von Autarkiebestrebungen mißverstanden werden; für viele heutige Entwicklungsländer wird es auch nach Abschluß der Industrialisierung vorteilhaft sein, einen Teil ihrer Rohstoffproduktion zu exportieren. Der Schwerpunkt des Exports wird aber, genau wie bei den heutigen Industrieländern, bei den aus den Rohstoffen erzeugten Fertig- und Halbfertigerzeugnissen liegen müssen.)

Die für das Entwicklungsland optimale Beschaffung der Produktionsmittel wird in der Regel in einer Kombination der drei genannten Möglichkeiten liegen.

III. Abhängigkeit von der 3. Welt

Wir müssen nun prüfen, welche Funktion die Rohstoffe aus der Dritten Welt in der Erhaltung des kapitalistischen Gesellschaftssystems und speziell in der Sicherung der Kapitalverwertung zu möglichst hohen Profitraten erfüllen.

Kapital kann nur Gewinne bringen, also verwertet werden, durch seine Verwandlung in Arbeitskraft und Produktionsmittel und deren Kombination im Produktionsprozeß. (Werden Gewinne außerhalb des Produktionsprozesses erzielt, etwa im Handel, im Kreditsystem oder durch Spekulation, so geschieht das allein durch die Aneignung eines Teils des in der Produktion geschaffenen Mehrwerts.) Wir fragen daher zunächst nach der Abhängigkeit der materiellen Produktion und der Reproduktion der Arbeitskraft in den kapitalistischen Industrieländern von den Gebrauchswerten der Rohstoffe aus der 3. Welt. [2] Eine Reihe von Autoren hat aus der Tatsache, daß

  • der Anteil der Rohstoffe am kapitalistischen Welthandel ständig sinkt,
  • der Anteil der Entwicklungsländer am Weltrohstoffexport zurückgeht und
  • der spezifische Rohstoffverbrauch der kapitalistischen Industrieländer kontinuierlich abnimmt

auf eine zunehmende technologische und biologische Unabhängigkeit der kapitalistischen Industrieländer von den Rohstoffen der Dritten Welt geschlossen. Die genannten Entwicklungstendenzen schließen jedoch nicht aus, daß es wichtige Industriezweige gibt, die ohne die reibungslose Versorgung mit Rohstoffen aus der Dritten Welt nicht produzieren können, da Substitute weder in der Form von gleichen Rohstoffen aus anderen Gebieten noch in der Form von synthetischem Material zur Verfügung stehen. Sie schließen ebenfalls nicht aus, daß die Konsumgewohnheiten breiter Massen sich auch auf den Verbrauch von Nahrungs- und Genußmitteln sowie anderer Rohstoffe (z.B. Erdöl) aus der 3. Welt erstrecken, diese Güter also heute einen festen Bestandteil der Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft darstellen, dessen Streichung die Gefahr sozialer Konflikte merklich erhöhen würde.

Man stelle sich nur einmal unsere „Wohlstandsgesellschaft“ mit ihrer sozialen Ruhe ohne Kaffee, Kakao, Orangen, Bananen, Gewürz , Tabak, Baumwolle, Benzin usw. vor — alles Waren, die ohne Einfuhren aus der Dritten Welt gar nicht oder nur in unzureichenden Mengen zur Verfügung stehen würden.

Es sei daran erinnert, welche Rolle die reibungslose Verfügbarkeit dieser Produkte in der Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Gesellschaftssystem spielt: Mit dem Hinweis auf die Knappheit von Kaffee, Südfrüchten usw. in den sozialistischen Ländern wird denen, die im Kapitalismus weder Macht noch soziale Geltung besitzen, die Zugehörigkeit zur überlegenen, ja optimalen Gesellschaftsordnung suggeriert. Vor allem in der BRD wird dieses Argument bis heute erfolgreich eingesetzt, um die Masse der abhängig Arbeitenden von den sozialen Errungenschaften der DDR abzulenken.

Besonders gravierend ist die technologische Abhängigkeit der kapitalistischen Industrieländer von den Erdöl- und Metallvorkommen der Dritten Welt. Der Import dieser Rohstoffe aus den Entwicklungsländern wies auch in den letzten Jahren große Wachstumsraten auf und steigt weiter an.

IV. Abhängigkeit vom Erdöl

Im Jahre 1967 waren die Industrieländer mit knapp 35 Prozent an der gesamten Erdölförderung der kapitalistischen Welt beteiligt, die Entwicklungsländer förderten also über 65 Prozent. Die Raffineriekapazitäten befanden sich dagegen zu 77 Prozent in den Industrieländern und nur zu 23 Prozent in den Entwicklungsländern. Der Anteil am Verbrauch von Rohöl und Erzeugnissen der ersten Verarbeitungsstufe ist jedoch noch stärker auf die industrialisierten Volkswirtschaften konzentriert, da diese auch den größten Teil der Raffinerieproduktion der Entwicklungsländer aufnehmen. Selbst die USA als größter Erdölproduzent der Welt können seit 1947 ihren Inlandbedarf nur durch ständig steigende Importe aus der Dritten Welt decken.

Der in den letzten beiden Jahrzehnten gewaltig gestiegene Erdölverbrauch der kapitalistischen Industrieländer — die BRD verbrauchte 1955 10 Millionen Tonnen, im Jahre 1970 dagegen 106 Millionen Tonnen — wird in Zukunft weiter stark expandieren. Die BRD wird im Jahre 1980 voraussichtlich 190 Millionen Tonnen Erdöl verbrauchen, das zu rund 95 Prozent importiert werden muß. Nach einer hypothetischen Berechnung der Europäischen Gemeinschaften wird der Einfuhrbedarf Nordamerikas, Westeuropas und Japans im Jahre 1980 bei weiterer starker Berücksichtigung der eigenen Kohlevorkommen ca. 1,2 Milliarden Tonnen Rohöl, bei einer auf Billigkeit der Energieversorgung ausgerichteten Politik — und zu dieser zwingt die internationale Konkurrenz — sogar über 1,6 Milliarden Tonnen betragen (gegenüber 360 Millionen Tonnen 1960; im Jahre 1966 entsprach der Gesamtverbrauch der EWG an Primärenergie einem Heizwert von nur 0,5 Milliarden Tonnen Rohöl!).

Dieses Defizit wird ganz überwiegend durch Erdölbezüge aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika ausgeglichen werden müssen. In diesen Gebieten lagern etwa 80 Prozent der bekannten nach heutigen Maßstäben wirtschaftlich nutzbaren Erdölvorräte der kapitalistischen Welt; in den Industrieländern befinden sich lediglich etwa 10 Prozent der Vorkommen. [3]

Da durch einen Ausfall der Lieferungen aus den Entwicklungsländern Energiewirtschaft und Verkehrssektor unmittelbar getroffen würden, deren Funktionieren besonders in hochindustrialisierten Ländern Voraussetzung jeder wirtschaftlichen Tätigkeit ist, kann die technologische Abhängigkeit der kapitalistischen industrieländer vom Erdöl der Dritten Welt nur als total bezeichnet werden.

Der steigende Erdölbedarf der rasch wachsenden chemischen Industrie, deren gesamte Kunststoffproduktion (Plastik, Textilfasern) auf der Verfügbarkeit dieses Rohstoffs beruht, bestätigt diese Schlußfolgerung.

Daher ist es verständlich, daß sich die Erdölkonzerne mit staatlicher Unterstützung um eine Diversifikation „ihrer“ Ölquellen durch die Erschließung von bisher ungenutzten Vorkommen in den Industrieländern selbst, aber auch in anderen Entwicklungsländern bemühen, um das natürliche Monopol des arabischen Raumes zu brechen.

Was von den Erfolgsaussichten zu halten ist, wurde auf der jüngsten Rohstofftagung der Friedrich-Ebert-Stiftung wiederholt zum Ausdruck gebracht: „Wir müssen uns in der langfristigen Planung für die BRD und die EWG zunächst darauf einstellen, daß die Erdölversorgung primär von den Erdölverfügbarkeiten in den typischen Produzentenländern Afrikas und des Mittleren Ostens abhängig ist. Es gibt heute praktisch keine Ausweichmöglichkeit, denn in den politisch stabilen Gebieten ist kaum überschüssiges Produktionspotential vorhanden.“ [4]

V. Abhängigkeit von Metallen

Auch der in den Industrieländern ständig wachsende Bedarf an metallischen Rohstoffen kann wegen der Erschöpfung der ohnehin begrenzten eigenen Vorräte nur durch zunehmende Importe aus der Dritten Welt gedeckt werden. Die BRD importierte 1969 bereits etwa 45 Prozent (FE-Gehalt) ihres Eisenerzbedarfs aus Afrika und Lateinamerika; sie fördert kein einziges der für die Herstellung von Qualitätsstählen unentbehrlichen Legierungsmetalle. Die USA, früher bedeutendster Rohstoffexporteur der Welt, sind längst auch im Bereich der Metalle zum Nettoimporteur geworden. Aus eigener Förderung stehen ihnen lediglich Molybdän und Magnesium in ausreichenden Mengen zur Verfügung. So wird nach offiziellen Schätzungen der Nettoimport an Rohstoffen von jetzt 7 Milliarden Dollar auf rund 70 Milliarden im Jahre 2000 anwachsen. [5]

Die wichtigsten Metalle, von deren Einfuhr aus der 3. Welt die kapitalistischen Industrieländer zunehmend abhängig werden, sind Eisenerze, Ferrolegierungsmetalle wie Mangan, Wolfram, Chrom, Nickel, ferner Kupfer, Zinn, Zink und Bauxit als Ausgangsstoff der besonders rasch expandierenden Aluminiumproduktion.

Ferner sind alle kapitalistischen Industrieländer auf die Einfuhr einer großen Zahl von Metallen angewiesen, die zwar nur in ganz geringen Mengen gehandelt werden, deren Gebrauchswerte jedoch gerade für Industrie mit hoher Technologie wie Elektronik, Atomwirtschaft, Chemie, Rüstungs- und Weltraumindustrie nicht zu ersetzen sind. Der Bedarf der kapitalistischen Industrieländer an diesen „für die moderne Technologie unentbehrlichen Seltenmetallen“ wird im laufenden Jahrzehnt mit durchschnittlich 10 Prozent jährlich besonders stark ansteigen. [6]

Die meisten dieser Metalle zählen in den USA zu den sog. strategischen oder kritischen Materialien — Rohstoffe, die für die „Verteidigungsbereitschaft“ unerläßlich sind, überwiegend aber aus „politisch instabilen Gebieten“, nämlich der 3. Welt, bezogen werden müssen. Bereits 1955 mußten die USA den Bedarf an 38 dieser Materialien zu 80 bis 100 Prozent durch Importe decken, von denen drei Viertel aus der 3. Welt kamen. Die Abhängigkeit Westeuropas und Japans von den Vorkommen der Entwicklungsländer an Seltenmetallen ist sogar noch stärker.

VI. Rohstoffausplünderung

Jedoch sind die Rohstoffvorräte der 3. Welt nicht unbegrenzt.

So könnte der Welterdölverbrauch des Jahres 1971 aus den gegenwärtig sicheren und wirtschaftlich nutzbaren Reserven der ganzen Welt nur noch 36 Jahre lang gedeckt werden. Wenn auch durch die weltweite Prospektionstätigkeit die ausbeutbaren Vorräte ständig zunehmen — allerdings steigt auch der Verbrauch stark an, so daß bis 1980 mit seiner Verdoppelung gerechnet werden muß —, so bestehen bereits heute regionale Engpässe, die sogar die Versorgung der USA beeinträchtigen könnten: Die bekannten Erdölvorkommen Venezuelas, aus denen die USA 1970 115 Millionen Tonnen bezogen, haben sich in den letzten Jahren nicht mehr erhöht, so daß der Ausbau einer erdölverarbeitenden Industrie, der Energieversorgung und des Verkehrswesens in diesem Entwicklungsland die Führungsmacht der kapitalistischen Welt vor spürbare Versorgungsschwierigkeiten stellen würde.

In der Metallwirtschaft rechnet man bereits ab 1980 mit Versorgungslücken bei Blei, Zink und Nickel sowie bei einer Reihe von Seltenmetallen. [7] Der arbeitsteillige Aufbau einer eigenen Schwerindustrie in den Entwicklungsländern auf der Basis der eigenen Rohstoffe als notwendige Voraussetzung einer unabhängigen sozialökonomischen Entwicklung hätte eine Verknappung weiterer äußerst wichtiger Metalle, zum Beispiel von Eisen, Ferrolegierungsmetallen und Kupfer in den kapitalistischen Industrieländern zur Folge.

Nach Ausführungen des Vorstandsmitgliedes der Preussag AG, Dietrich Ernst, steht einer dem steigenden Bedarf entsprechenden Ausweitung der westdeutschen Kupferhütten-Produktion entgegen, daß „in Chile, Peru, Sambia und der Republik Kongo ... mit direkter oder indirekter Beteiligung des Staates verstärkt der Aufbau einer eigenen Kupferindustrie betrieben (wird), von der dann entscheidende Impulse zum weiteren wirtschaftlichen Wachstum der Länder ausgehen sollen ... Eine Steigerung der heimischen (westdeutschen — B. S.) Kupferproduktion in den nächsten Jahren ist nur in dem Ausmaße möglich, wie sich der Anfall von Rücklaufmaterial entsprechend dem steigenden Kupferverbrauch erhöht und wie es gelingt, zusätzlich ausländische Vorstoffe zu beschaffen.“ [8]

Das Großkapital ist aus diesen Gründen an dem reibungslosen Abtransport der Rohstoffe aus der 3. Welt, nicht jedoch an deren Verarbeitung zu Fertigprodukten im Förderland interessiert. Es hat ein Interesse an der unmittelbaren Verfügbarkeit über die Naturreichtümer und muß daher die Installierung von Machteliten in den Entwicklungsländern fördern, die die politische und militärische Absicherung der Rohstoffausplünderung garantieren. Die kapitalistischen Interessen verlangen, daß sich Art und Menge der zu produzierenden Rohstoffe an den Notwendigkeiten der materiellen Produktion in den Industrieländern orientieren und nicht an der Notwendigkeit, die Lücke zwischen Grundbedürfnissen und Güterproduktion in der 3. Welt zu schließen. An der Erschließung und Förderung von Rohstoffen, die zwar den Entwicklungsprozeß beschleunigen könnten, die jedoch von den Industrieländern nicht benötigt werden, wie zum Beispiel Kohle, hat das Kapital kein technologisch bedingtes Interesse.

nächster Teil: Das große Rohstoffgeschäft

[1Vgl. Der Pearson-Bericht, Wien—München—Zürich 1969, S. 82f.

[2Dieses Problem wurde von mir ausführlich behandelt in: Das Argument 11. Jg., 1969, Heft 51 und 53, Karlsruhe 1969. Die Quellen aller hier nicht belegten Angaben finden sich dort.

[3Der Fischer-Welt-Almanach 1972, S. 304 ff.; Der Tagesspiegel vom 8.12.1971 sowie europa + energie, Luxemburg 1967, S. 41ff.

[4Mineralische Rohstoffwirtschaft, Planung und Perspektiven, Hrsg. Friedrich-Eber-Stiftung, Bonn—Bad Godesberg 1971, S. 101; vgl. auch S. 14 und S. 35. In diesem Band kommen hauptsächlich führende Vertreter des westdeutschen Großkapitals sowie mit Rohstofffragen betraute Politiker zu Wort.

[5Ebenda, S. 86 und S. 90, sowie S. 24.

[6Ebenda, S. 70f.

[7Ebenda, S. 71.

[8Ebenda, S. 77.

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