FORVM, No. 184/I
April
1969

Rosa Bär, roter Drache

Kannst du eine Frage nicht lösen? Nun gut, dann untersuche doch ihren gegenwärtigen Stand und ihre Geschichte! ... dann findest du auch die Methode zur Lösung der Frage.

Mao Tse-Tung

Dieser Artikel basiert auf (kritisch gelesenen) Meldungen und Kommentaren der westdeutschen beziehungsweise internationalen Presse; die nicht besonders ausgewiesenen Zitate stammen daher. Wer die Berichterstattung zwischen dem 2. und 19. März 1969 verfolgt hat, stieß auf ebenso bös gemeinte wie dumm formulierte Äußerungen. Ein einziges Beispiel. Am 7. März, 19.45 Uhr, sagte der Nachrichtensprecher (sic!) des Zweiten Deutschen Fernsehens: „Der Machtanspruch des gelben Riesen scheint nun keine Grenzen mehr zu kennen.“ Die ZDF-Redaktion hat offenbar den gelben mit dem weißen Riesen verwechselt.

Der Vorfall

Am 2. März 1969 stießen chinesische und russische Grenztruppen aufeinander; der Zwischenfall ereignete sich auf der Insel Chen-pao (russisch: Damanski), die zwischen Chabarowsk und Wladiwostok im Fluß Ussuri liegt.

Nach Darstellung Moskaus handelt es sich um eine „Grenzverletzung der chinesischen Einheit“: Etwa 200 Mann seien auf das Territorium der Sowjetunion vorgedrungen und hätten das Feuer eröffnet; die russischen Verluste wurden auf 35 bis 40 Gefallene und über ein Dutzend Verwundete beziffert.

Nach Darstellung Pekings sind „sehr viele vollbewaffnete Soldaten mit vier gepanzerten und sonstigen Fahrzeugen“ auf das Territorium der Volksrepublik China vorgedrungen und haben „Geschütz- und Gewehrfeuer“ eröffnet; „viele chinesische Grenzwachen“ seien gefallen. Das Feuergefecht soll vier Stunden gedauert haben.

Jede Seite beschuldigt die andere, daß ihre Grenzpatrouillen unberechtigt auf Chen-pao patrouilliert hätten, und jede Seite nimmt für sich das Recht in Anspruch, vom eigenen Ufer auf Patrouille nach und auf Chen-pao zu gehen (der Ussuri war zum Zeitpunkt des Vorfalls zugefroren).

Am 14. März richtete Peking eine Protestnote an Moskau: Zwischen dem 4. und 12. März hätten russische Panzer, Huschrauber und Soldaten weitere Grenzverletzungen begangen; Ort des Geschehens sei wiederum Chen-pao gewesen.

Am 15. März entbrannte ein neuerliches Feuergefecht: es soll zehn Stunden gedauert haben, zeitweise ein Artillerieduell, und fand ebenfalls auf Chen-pao statt.

Bisher ist jedesmal militärisch Ruhe eingetreten, mag sie auch desto lauter in politische Empörung umgeschlagen sein. Es fragt sich jedoch, ob diese Ruhe nicht trügt, ob sie nicht irgendwie bald einem elementaren Sturm weichen wird.

Die VR China schließt den Casus belli nicht aus, hat aber den Truppen befohlen, „keine Einfälle auf russisches Gebiet zu unternehmen und keine Auseinandersetzungen zu provozieren“, indes auch, „sich im Falle eines Angriffs nicht zurückzuziehen“.

Rechnet die Sowjetunion den Krieg ein? Schon einmal gab es einen „Zwischenfall“, nämlich 1937 den an der Marco-Polo-Brücke, der acht Jahre Krieg zur Folge hatte. Die Rolle Japans spielt heute Rußland.

Die Grenze

Unweit Chabarowsk, der größten Stadt in Sowjet-Fernost, mündet der Ussuri in den Amur; beide Flüsse — der Ussuri in Südrichtung zum Chankasee, der Amur in Westrichtung zur Mongolischen Volksrepublik — markieren nicht unbestritten den Grenzverlauf zwischen der VR China und der USSR.

In nördlicher Parallele zum Amur, nachdem sie das „Autonome Gebiet der Juden“ durchquert hat, erreicht die Transsibirische Eisenbahn den Verkehrsknoten Chabarowsk (wo auch die einzige Brücke über den Amur führt), dort wendet sie sich in östlicher Parallele zum Ussuri gen Wladiwostok. Als direkte Schienenverbindung Moskaus mit seinem pazifischen Flottenstützpunkt ein strategischer Nerv, umgeht die Amur-Ussuri-Grenzbahn im weiten Bogen die chinesische Nordostprovinz Heilungkiang, deren Name „Schwarzer Drachenfluß“ das Aquivalent für „Amur“ ist; der Umweg wäre ab Tschita via Pinkiang (früher: Harbin) nach Ussurisk beträchtlich abzukürzen. Etwa in Höhe der Station Bikin liegen etliche Inseln im Ussuri, unter ihnen Chen-pao, was „die Kostbare“ heißt.

Welchem der beiden Staaten gehören diese Inseln? Laut den Verträgen von 1858 und 1860, die Zar und Himmelssohn miteinander schlossen, bildete die Mitte der Ströme Amur und Ussuri die Grenze; da aber die Fahrrinnen, je nach Wasserstand, wechselten, gerieten Schiffe der einen oft unter Beschuß der anderen Macht. Deshalb schloß die Sowjetunion in den dreißiger Jahren einen neuen Vertrag — freilich nicht mit der Republik China, sondern mit dem von Japans Gnaden errichteten Kaiserreich Manchukuo: Fortan sollte die jeweilige Fahrrinne die Grenze bilden und beiderseits benutzt werden dürfen. Für Schiffe war das Problem aus der Welt — der USSR wegen ihrer Amur-Flottille zustatten —, für die Inseln entstand es erst; denn diese rechneten, abermals je nach Wasserstand, bald zum einen, bald zum anderen Territorium. Welchem Staat also gehört die Insel Chen-pao an (zumal der Ussuri vereist, seine Fahrrinne mithin undefinierbar ist)?

Rußland, ob zaristisch oder kommunistisch, pocht auf das Recht der damaligen Verträge; China, ob Sprecher Pekings oder Taipehs sich äußern, verwirft jene Verträge als Unrecht. Nach völkerrechtlicher Übung, so der Wiener Ordinarius Alfred Verdross, hat „der Gebietsnachfolger ... nur in bestimmte Verträge des Gebietsvorgängers einzutreten. Bleibt der Gebietsvorgänger erhalten, dann bleiben auch die von ihm abgeschlossenen Staatsverträge aufrecht ... Geht hingegen der Gebietsvorgänger unter, dann erlöschen auch die von ihm abgeschlossenen zweiseitigen Staatsverträge ... Von diesem Grundsatz bestehen jedoch einige Ausnahmen: Vor allem zeigt uns die Staatenpraxis, daß Staatsverträge von Gebietsnachfolgern häufig stillschweigend erneuert werden ... Eine allgemein-völkerrechtliche Pflicht zur Erfüllung der vom Gebietsvorgänger begründeten Vertragspflichten besteht jedoch nur in drei Fällen: Zunächst wird in der Regel anerkannt, daß Staatsverträge, die das übernommene Staatsgebiet betreffen, zum Beispiel Grenzverträge, Verträge über Flüsse und Verkehrswege auch den Gebietsnachfolger belasten (radizierte Verträge)“ ... [1]

Das Jus gentium scheint auf den ersten Blick gegen die VR China zu sprechen. Indessen ist bereits umstritten, „ob ein Bundesstaat, der durch Zusammenschluß von souveränen Staaten entstanden ist, in die von diesen Staaten abgeschlossenen Staatsverträge eintritt“. [2]

Erst recht wird zu bestreiten sein, ob ein Staat (China), dessen widerrechtlich abgetrennte Gebietsteile ihm rechtlich aufs neue zufallen (manchurische Provinzen), in Verträge dieser Gebietsteile mit Dritten eintreten muß.

Auch von stillschweigender Erneuerung irgendwelcher Grenzverträge, die das zaristische Rußland mit dem dynastischen China vereinbart hatte, läßt sich nicht sprechen, weil die Sowjetregierung deren Aufhebung schon der Chinesischen Republik 1920 in Aussicht stellte: „Verbrechen der Zaren, die wie wütende Bestien über China herfielen“ (Lenin 1900).

Zwar beließ man es bei dieser weniger juristisch als politisch verpflichtenden Deklamation, doch sind nach sowjetischem Völkerrecht die Verträge von 1858 und 1860 sowieso „erzwungene Diktate“; daher soll nunmehr die Übereinkunft mit Manchukuo herhalten — eine womöglich noch dürftigere Basis, um Gebietsansprüche gegen die VR China zu begründen.

Diese hat ihrerseits eine „stillschweigende Erneuerung“ inhibiert, weil sie bei Gelegenheit alle diesbezüglichen Abmachungen anfocht.

Was ım besonderen Chen-pao betrifft: Falls die zaristischen Verträge gelten sollen, könnte Peking sich sogar auf sie berufen, denn die Inseln im Ussuri wurden damals China zugeschlagen; ein für Moskau heute peinliches Kuriosum.

Die Vorgeschichte

Im Jahre 1689 vereinbarten Peking und Moskau den Vertrag von Heilungkiang (russisch: Vertrag von Nertschinsk); die militärisch unterlegenen Russen, die Schritt für Schritt nach Osten expandiert waren, bis sie 1637 am Pazifik standen, sagten Kaiser K’ang-hsi — „ein überzeugender Herrscher, den mit Kublai Khan zu vergleichen ... sich aufdrängt“ [3] — ihren Rückzug zu.

Im Jahre 1858, inzwischen hatte Gouverneur Murawjew seine Außenposten, Zar Alexander II. seine Küstenprovinz auf chinesischem Territorium errichtet, trafen sich Unterhändler in Holungkiang (russisch: Aigun) am Amur. Damals war das Reich der Mitte, als welches China sich verstand, durch die Opiumkriege nach außen, durch den Taipingaufstand im Innern geschwächt; Frankreich und Großbritannien hielten Kanton besetzt. Rußland forderte Amur und Ussuri als neue Grenzen, pro forma sollten die bis dahin chinesischen Gebiete nördlich des einen, östlich des anderen Flusses „unter gemeinsamer Verwaltung“ stehen; trotz seiner Lage ratifizierte China nicht.

Im Jahr 1860, inzwischen hatten die Alliierten auch seine Hauptstadt besetzt, mußte der Kaiser nachgeben: Der „Vertrag“ von Peking gestand Rußland — gegen das Versprechen der Vermittlung und des Beistands, das wohl erpreßt, doch niemals eingelöst wurde — die 1858 erhobenen Forderungen zu; übrigens ging nicht nur Wladiwostok an die Russen, sondern auch Hongkong (Kowloon) an die Engländer verloren. China mußte Millionen Quadratkilometer, ein Gebiet mehrfach größer als Westdeutschland, abtreten.

Alle imperialistishen Mächte versuchten in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, das Land möglichst zu einer Kolonie, mindestens zu einer Halbkolonie zu machen.

Die Franzosen nutzten Pekings Ohnmacht und drangen in seine südliche Interessensphäre ein: Indochina, seit über einem Jahrtausend politisch und kulturell an China gebunden (wovon allein die Sprache Vietnams ein beredtes Zeugnis gibt), geriet unter die Botmäßigkeit von Paris.

Die Engländer, lange bestrebt, die Nordgrenze ihrer indischen „Besitztümer“ zu festigen, erzwangen Einfluß im Himalajagebiet, vor allem in Tibet.

Die Japaner annektierten 1895 Formosa, das seit 1683 chinesisch war, verwalteten es einstweilen als „Außenbesitz“ und verleibten es 1942 ihrem Mutterland ein.

Die Russen griffen, außer in Sibirien, auch in Zentralasien zu: Sie holten sich nach und nach erhebliche Teile von Sinkiang ...

Insgesamt ein Ausverkauf; die „Konzessionen“ und „Settlements“ in Chinas Städten nicht zu vergessen — am Shanghaier Bund: „No Chinese and Dogs Admitted!“

Jedoch, so „Der Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 17. März 1969: „Alle großen Kolonialmächte haben ihre im Zeitalter des Imperialismus gesammelten Territorien wieder preisgeben müssen — allein Rußland hielt seinen vollen Besitzstand. Auf die Schüsse am Ussuri druckte die Pekinger „Volkszeitung“ als Schlagzeile ein neues Völkersignal: ‚Nieder mit den neuen Zaren!‘“

Die Grenzregelung

Jene Jahrzehnte, als China aus allen Himmelsrichtungen angeschlagen wurde, hinterließen den „Gebietsnachfolgern“ komplizierte Grenzfragen; erst eine erstarkende Volksrepublik, die eine Vergangenheit kolonialen Erduldens geerbt hat, konnte politisch gelassen, diplomatisch geschickt an deren Lösung gehen. Immerhin erreichte sie nach und nach, daß Burma, Nepal, Pakistan, die Mongolische Volksrepublik und Afghanistan sich in jeweils beiderseitigem Interesse auf Vergleiche einließen, obwohl jeder dieser Staaten allein oder mit Hilfe eines Dritten sich hätte widersetzen können.

Es blieb, außer der USSR, noch Indien übrig, und tatsächlich entbrannten am 20. Oktober 1962 erbitterte Kämpfe an der chinesisch-indischen Grenze. Der Westen kritisierte, damals offener als heute, einen „unverhüllten und unprovozierten Angriff“ der VR China. Ein einzelner und einziger Mann hat „diesen Grenzkonflikt so genau wie eine ‚Krankengeschichte‘ zu untersuchen“ gewagt, um aus „Tatsachen Schlüsse zu ziehen“ — der Amerikaner Felix Greene. Er hat das Wort: [4]

War Chinas Haltung gegen Indien ‚aggressiver‘ als gegen Burma, Nepal und Pakistan? Oder war im Gegensatz zu den anderen Ländern Indien nicht zu Kompromissen bereit gewesen? In dieser Beziehung sind die Unterlagen eindeutig. China hat zweifellos eine freundschaftliche Regelung auf dem Wege über Diskussion und gegenseitige Anpassung angestrebt und vorgeschlagen, daß beide Parteien vorläufig an dem Status quo festhalten sollten, wie er 1959 bestand, als die Zusammenstöße begannen. Indien hat sich zu allen Zeiten darauf versteift, daß seine Hauptansprüche anerkannt werden müßten, ehe die Diskussionen aufgenommen würden. Jeder, der die Unterlagen studiert, kann keinen Zweifel daran haben, daß Indien und nicht China einer Regelung durch beidseitigen Kompromiß im Wege stand.

Aber welche Partei hat angegriffen?

In der amerikanischen Presse wurde allgemein angenommen, die Chinesen hätten die Kämpfe begonnen. Indes wurde weiteres Licht auf die Sache geworfen durch einen Bericht der ‚New York Times‘ vom 19. April 1963, der sich auf eine UPI-Meldung aus Washington stützte: ‚General Maxwell D. Taylor, der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, deutete in einer geheimen Aussage vor dem Kongreß ... an, daß Indien möglicherweise die Grenzkämpfe mit dem kommunistischen China begonnen habe.‘

Auf die Frage, ob „die Inder tatsächlich mit dieser militärischen Operation begonnen“ hätten, antwortete Taylor: „Sie rückten in dem umstrittenen Gebiet vor“; Greene fügt hinzu: „Die weitere Aussage des Generals wurde aus der zur Veröffentlichung freigegebenen Niederschrift herausgestrichen.“ In Anbetracht dieses Umstands scheint Taylors Andeutung einem Eingeständnis gleichzukommen.

Es blieb übrig, die Grenzprobleme zwischen der VR China und der USSR zu regeln. Niemals hat Mao Tse-tung einen Zweifel gelassen, daß auch hier Ungerechtigkeiten auszugleichen, Korrekturen anzubringen wären; immer hat er den anderen wie sich selber Zeit gegeben. Seine gegenwärtig bemühte Äußerung von 1936 (gegenüber Edgar Snow), er sei entschlossen, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, bezieht sich auf den Okkupanten Japan, kaum auf die Sowjetunion.

Eine 1954 publizierte Landkarte verzeichnet zwar Gebiete nördlich des Amur und östlich des Ussuri als 1858/60 „sanktionierten Landraub“, doch werden Revisionswünsche nur indirekt angedeutet.

1962 beginnen schließlich Verhandlungen; sie enden schnell und ergebnislos, da Moskau den Grenzverlauf bloß „bestätigt“, Peking ihn auch „korrigiert“ wissen will.

Im Frühjahr 1964 erklärt Suslow, „daß es keine territorialen Fragen zwischen der USSR und der VR China gibt, daß die sowjetisch-chinesische Grenze historisch gebildet wurde“. Im gleichen Jahr erst reagiert Mao (gegenüber japanischen Sozialisten) energischer: „Ungefähr vor hundert Jahren wurde das Gebiet östlich des Baikalsees russisch, seitdem liegen Wladiwostok, Chabarowsk, Kamtschatka und andere Gebiete auf russischem Territorium. Wir haben für diese Liste noch nicht unsere Gegenrechnung präsentiert.“ Aber aufgerechnet wird auch jetzt nicht, obwohl sich inzwischen der ideologische Konflikt verhärtet hat.

Das Schisma

Die Parole „Nieder mit den neuen Zaren!“ ist nicht als unvorhersehbare Emotion, sondern als rationale Einsicht zu werten. Peking will die Moskauer Genossen anhalten, in des Wortes Doppelsinn: Daß sie aufhören, sich imperialistisch, daß sie anfangen, sich sozialistisch zu benehmen. Innerhalb des Ostblocks wurde der Vorwurf des Imperialismus zuerst 1949 erhoben — in einer Kominformresolution gegen Tito, die 1955 zurückgezogen wurde (eine frühere Resolution, Verurteilung des ideologischen Titoismus, blieb in Kraft).

Das Argument basierte auf der begründeten, von Russen und Chinesen gleichermaßen geteilten Sorge, Jugoslawien schere in westliche Bindungen aus. Zwei Jahrzehnte später kehrt die VR China dasselbe Argument, auf Grund derselben Sorge, gegen die Sowjetunion: Atomsperrvertrag, Verständigung mit den USA, Einkreisung; diese Gewichte wiegen schwerer. Niemand kann leugnen, daß Moskau sich mit Washington, und zunehmend mit dessen Verbündeten, zu arrangieren sucht — geschehe es auch auf Kosten Pekings.

Eine Politik des atomaren Patts seitens der USSR, die von vornherein das chinesische Potential einkalkuliert und einbringt, wäre immerhin möglich, wäre sogar (eine Internationale vorausgesetzt) realistisch, nur real ist sie nicht; der Kreml macht sie unmöglich. Fürchtet Rußland die Volksrepublik mehr als die Vereinigten Staaten?

Tatsächlich gäbe es manches zu fürchten. Die chinesischen Kommunisten sind längst dabei, den russischen in der dritten Welt — in sogenannten Entwicklungsländern, die besser Proletarische Nationen hießen — den Rang abzulaufen; sind längst daran, die Führung der Weltrevolution zu übernehmen. Die Frage ist, ob Moskau jedweden revolutionären Impetus der Sache oder des Rivalen wegen aufgegeben hat, ob es seinen Frieden mit der Welt oder seinen Unfrieden mit China haben will, wo nicht beides.

Als ein drittes Rom empört sich Moskau, wenn außer ihm andere Zentren der Lehre entstehen und aufstehen, seinen sozusagen katholischen Primat bestreitend; die Breschnew-Doktrin der eingeschränkten Souveränität sozialistischer Länder nebst ihrer nahezu faschistischen, jedenfalls imperialistischen Anwendung auf die Tschechoslowakei ist bisher das böseste Beispiel, was „Häretiker“ von diesen „Orthodoxen“ zu hoffen und zu fürchten haben.

Natürlich verurteilt die KPCh selber Prags eigenen Weg als Revisionismus, verteidigt aber das Recht einer jeden kommunistischen Partei eines jeden Landes, fern militärischem Zwang ihren eigenen Weg zu suchen; erlaubt sind verbale Einwände: Argument und Diskussion, Polemik und Verurteilung.

Die Pekinger wären die letzten gewesen, sich im gemeinsamen Interesse nicht mit den Moskauern zu solidarisieren — wären die Sowjets nur Leninisten geblieben; statt dessen schwenkten sie innen wie außen auf eine bürgerliche Linie ein. Dies feststellen, heißt noch nicht einmal Partei ergreifen. [5]

Irgendwer hat geschrieben, der momentane Grenzkonflikt erweise, wie wenig beiden Kontrahenten an Ideologie, wieviel mehr ihnen an Machtpolitik gelegen sei; nichts ist, was die VR China angeht, falscher. Die Chinesen haben seit 1958 die Tendenz einer Kommunisierung verfolgt, um genau im Sinne von Marx und Engels „auf die allmähliche Beseitigung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land“ hinzuwirken; eben dieser, ihr eigener Weg zum Kommunismus, der eigentlich die Route aller hätte sein sollen, ja müssen, wurde ihnen von den Russen bestritten. Man dürfte kaum fehlgehen, in der damaligen Praxis der VR China, endlich Kommunen einzurichten, den Hauptgrund, warum die USSR sogleich die Theorie annullierte, zu vermuten.

Der ideologische Bruch war perfekt; er war politisch bereits vollzogen, als Lin Piao 1965 die national-marxistische Lehre genuin international-maoistusch fortführte: „Wenn, im Weltmaßstab gesehen, Nordamerika und Westeuropa als ‚Städte der Welt‘ bezeichnet werden können, kann man Asien, Afrika und Lateinamerika die ‚ländlichen Gebiete der Welt“ nennen ... In einem gewissen Sinn befindet sich die gegenwärtige Weltrevolution auch in einer Lage, bei der die Städte durch ländliche Gebiete eingekreist sind ... Die sozialistischen Länder sollen es als ihre internationale Verpflichtung ansehen, daß sie den revolutionären Kämpfen der Völker in Asien, Afrika und Lateinamerika Unterstützung zukommen lassen.“ [6]

Aber tun diese Länder, vor allen die USSR, was sie tun sollen? „Der wesentliche Grund, weshalb die Chruschtschowschen Revisionisten gegen den Volkskrieg sind, ist der, daß sie nicht an die Volksmassen glauben und vor dem US-Imperialismus, dem Krieg und der Revolution Angst haben ...; denn der US-Imperialismus könnte wütend werden ..., und aus ihren herrlichen Träumen von der sowjetisch-amerikanischen Zusammenarbeit zur Weltherrschaft würde nichts werden.“ [7]

Die Politik

Ein Rätsel, von der westlichen Presse zu lösen aufgegeben: Welchem der beiden Staaten kommt der Grenzstreit zugute? Über die VR China ist in diesem Zusammenhang wenig zu melden. Die Kulturrevolution dauert an, obzwar kaum spektakulär, der aufs Frühjahr einberufene Parteitag wirft sicherlich Schatten voraus, obzwar kaum solche, die gegenwärtig den Horizont verdüstern; eine Parallele zwischen dem Schußwechsel am Ussuri und der Berliner Präsidentenwahl, eine „Achse Peking-Bonn“ zu konstruieren (wessen die russische Presse sich nicht genierte), scheint absurd.

Über die USSR ist erheblich mehr zu vermelden. Die Konferenz des Warschauer Paktes stand bevor, von der Moskau eine Verurteilung des „Aggressors“ China erhoffte; dank rumänischer Initiative, denn Bukarest fürchtet das Schicksal Prags, ging sie ohne antichinesische Beschlüsse zu Ende. Eine „Gipfel“-konferenz der sozialistischen Staaten steht für Mai bevor, und die Sowjetunion erhofft wiederum, daß sie sich selber auf- und die VR China abwerten kann. Zumindest bis dahin ist seitens Rußlands eine Eskalation des Zwischenfalls auf der Chen-pao-Insel zu erwarten, diplomatisch oder militärisch.

Der Schritt Botschafter Zarapkins in Bonn, seiner Kollegen in Paris und Tokio — ein so fatales Novum in der Instruierung nicht-sozialistischer durch sozialistische Staaten über Interna, wie Schüsse auf Genossen eine Neuheit und ein Fatum sind —, läßt Weiteres, präziser: Weiterungen, ahnen.

Seit wann, die Frage wird eines Tages gestellt werden, beschießen Sozialisten ihre Freunde, seit wann rufen sie ihre Feinde an? Wehe, falls die Antwort lautet: Seit dem 2. März 1969.

[1A. Verdross, Völkerrecht, Wien 1959, S. 191 f.

[2A. Verdross, a.a.O., S. 191, Anm. 2.

[3H. Franke/R. Trauzettel, Das Chinesische Kaiserreich. Band 19 der Fischer-Weltgeschichte, Frankfurt/M. 1968, S. 282.

[4F. Greene, Listen, Lügen, Lobbies. China im Zerrspiegel der öffentlichen Meinung, Darmstadt 1966, SS. 288 u. 298. Die zwischen diesen Seiten stehende Diskussion der chinesisch-indischen Grenze (insbesondere der MacMahon-Linie) ist bei Greene nachzulesen.

[5Vgl. E. Sarkisyanz, Rußland und der Messianismus des Orients, Tübingen 1955, S. 403: „So paradox es auch erscheinen mag: Durch den Marxismus ist Rußland verbürgerlicht worden. Dies kann kaum nachdrücklich genug betont werden. Mit Recht stellte Fedor Stepun schon 1929 fest: ‚Aus dem Chaos der Revolution erhebt sich der neuzeitliche echte Bourgeois.‘“ Stepun ist gewiß kein Kronzeuge des Kommunismus, aber seinesgleichen spürt er. — Damit es der VR China nicht ebenso ergehe, wird die Kulturrevolution durchgeführt.

[6Lin Piao, Es lebe der Sieg im Volkskrieg (nach der Pekinger Übersetzung ins Deutsche). Zu anderen Charakteristiken des Schismas vgl. meinen Aufsatz: Dialektik in China. Mao Tse-tung und die Große Kulturrevolution. In: Große Mauer, Große Methode. Annäherungen an China, Stuttgart 1968, S. 163 ff.

[7a.a.O.

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