FORVM, No. 95
November
1961

Seine Majestät der Leser

Jacques Hannak läuft Sturm gegen die moderne Massenpresse. Er nennt sie „Wechselbalg“ und „Talmiware“, „Reizmittel niedrigster Kategorie“, gedruckte „Lärmorgie“ und „Opium des Volkes“ ; sie gehöre zur „Pathologie unseres Zeitalters“.

Sein Streitruf ist zugleich Grabgesang, Klagelied und Leichenlitanei für einen älteren, laut Hannak besseren und charaktervolleren Zeitungstyp, den der Parteipresse — nicht nur der sozialistischen: der Grabredner betrauert ebenso, daß auch auf der Gegenseite „das katholische Grundkonzept durch die publizistische Entartung ... stark gelitten“ hat.

Die brüderliche Sympathie für die gleichfalls dahinsiechende weltanschauliche Konkurrenz enthüllt die Wurzeln des Hannak’schen Hasses. Mehr noch als die laute Aufmachung, die Balkenlettern und die Photos stört ihn, daß den sogenannten Boulevardzeitungen das scharf umrissene politische und weltanschauliche Glaubensbekenntnis fehlt, die bedingungsiose Ergebenheit zu einem Dogma. Er sagt das offen: „Die Nullifizierung der Gesinnung, die Preisgabe jedes geistigen Credos ist das Ergebnis.“

Die Zeitung als Katechismus

Jacques Hannak will, daß wir alle „glauben“ sollten an irgend etwas, es müsse ja nicht unbedingt der Sozialismus sein.

Doch was heißt, in der Politik, „glauben“? Hier möge das Wörtchen gefälligst eine bloße Vermutung ausdrücken, nur soviel und nicht mehr. Glauben heißt hier: nichts wissen. Natürlich sind wir — Einzelmenschen wie Menschengruppen — sehr oft gezwungen, auf Grund von bloßen Vermutungen zu handeln und die Tat vor das Wissen zu setzen. Diese Not tritt täglich an uns heran, weil Nichtstun meist noch verhängnisvoller scheint als unsicheres Wagnis. Doch Hannak (und nicht nur er) macht die Not zur Tugend, zum moralischen Postulat, zur metaphysischen Verpflichtung — das ist es, was er da „Gesinnung“ nennt: eine festgefügte (wie immer gefärbte, doch unverrückbare) Weltanschauung als Leitschnur alles Handelns, die unerschütterliche Anhänglichkeit an eine illusionäre politische Doktrin — ein Logiker würde sagen: zu einer unzulässigen Verallgemeinerung.

Die Verfälschung und Vergewaltigung des Wörtchens „glauben“ in der Politik ist uralt. Sie hat mehr Leid und Unheil angerichtet als alle physische Notzucht der Weltgeschichte zusammengenommen. Woran haben die Menschen da schon alles geglaubt! An Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, an die Göttin der reinen Vernunft, an die Mission des britischen Empire, an Marx und Lenin, an Blut und Boden, Führer und Reichskanzler, an den Endsieg, an die klassenlose Gesellschaft und an das Paradies der Werktätigen. Gläubig stiegen sie zuerst auf die Barrikaden und dann aufs Schafott. Gläubig ließen sie sich auf den Schlachtfeldern zweier Weltkriege (und unzähliger Kriege vorher) hinmetzeln, gläubig kämpfen, schuften und hungern sie sich dem Glaubensziel des Kommunismus näher. Die Geschichte ließ diesen Gläubigen keine Gnade zuteil werden. Das grausame Experiment an hundert Generationen lebender und sterbender Menschen bewies, daß der Glaube im Diesseits nicht selig macht. Sie haben Opfer um Opfer gebracht, Blut und Tränen vergossen, sind millionenfach elend zugrunde gegangen — an ihrem Glauben. Kein Wunder, wenn jetzt der Glaube in ihnen zugrundegeht — auch in den Herzen jener, die Zeitungen lesen.

Verrat, Gesinnungslosigkeit, Charaktermangel? Ich würde es geistige und politische Reife nennen. Man kann alle Leute eine Zeitlang zum Narren halten, und einige Leute die ganze Zeit, aber nicht immer und ewig alle Leute. Jetzt haben es die Leute satt. In der Politik glauben sie (selbst wenn sie nach außen hin anders tun) innerlich nur noch wenig, nicht viel mehr als das, was ihnen durch persönliche Erfahrung über jeden vernünftigen Zweifel bewiesen wurde. Und am wenigsten glauben sie an das, was Politiker die „große“, die „heilige“ Sache nennen — an die modernen Ersatzreligionen.

Gerade seine Weltanschauung gebärdet sich gerne als Wissenschaft, doch Hannak spürt nicht, wie sehr sein Glaubenseifer mit der wissenschaftlichen Entwicklung in Konflikt gerät — mit einer Entwicklung, die in der modernen Industriegesellschaft durch tausend Kanäle selbst den intelligenten Gewerbeschüler beeinflußt. Wenn ich hier „Wissenschaft“ sage, meine ich freilich nicht deutsche Philosophie oder sonstige metaphysische Spekulation. Das zählt nicht zum Wissen, das gehört zu Hannaks Reich. Ich meine auch nicht die Wunschträume von Parteitheoretikern. Ich meine erwiesene, erprobte Kenntnis.

Wer mit solcher Wissenschaft in Berührung kommt, dem wird sofort der Zweifel, des Glaubens Erbfeind, als oberstes Gebot eingetrichtert; den wird gelehrt, daß jede Vermutung durch das Experiment erhärtet werden muß, und daß auch viele Experimente noch kein sicheres Wissen garantieren. Selbst so „felsenfeste“ Erkenntnisse wie die der Newton’schen Physik und der Euklidischen Geometrie wurden über den Haufen geworfen. Das „ewig gültige“ Gesetz der Erhaltung der Masse gilt nicht mehr, der Raum ist gekrümmt, die „Gerade“ nicht länger die einzige „kürzeste“ Verbindung zweier Punkte, und die Zeit nur eine Funktion des Raumes. Äußerste Skepsis wurde zur Quelle des Fortschritts. Wer soll da noch glauben, oder gar schwören?

Keinem echten Wissenschaftler wird einfallen, seinen Schülern den Treueid auf seine Lehre (sei sie noch so bewiesen) abzunehmen wie weiland der Lehnsherr dem Gefolgsmann. Keinem Autokonstrukteur, Waschmittelchemiker oder Elektroingenieur kommt der Gedanke, seine Autokonstruktion, seine Waschmittelzusammensetzung oder die Schaltung seines Fernsehapparates für Gehilfen und Lehrlinge zum „Credo“ zu machen, mit der lebenslangen Verpflichtung, anderen Ideen als ,„Abweichung“ und „Ketzerei“ entgegenzutreten. Das ist der Hauptgrund dafür, warum heute die Weltanschauungen so schlecht sind, und die Autos, Waschmittel, Fernsehapparate so gut — und einer der Gründe, warum intelligente Menschen Parteiblätter nur ungern und nebenbei lesen.

Hannak trauert anscheinend den Zeiten nach, da jeder mit dem deutschen Gruß, mit dem Dollfuß’schen Schwurfinger oder mit der geballten Faust grüßte, da an jedem Rock die Abzeichen von Parteien und Fronten funkelten, da selbst die Farbe von Hemden, Krawatten und Socken „Gesinnung“ verriet. Die Zeiten sind vorbei. Auch „Rote“ können heute Schwarz tragen, ein Braunhemd macht noch keinen Nazi, und die Hahnenfeder keinen Heimwehrmann. Charakterlos? Nein, die Leute sind zur Vernunft gekommen, und es hat weiß Gott lang genug gedauert. Daß Hannak glaubt, man sollte ihnen auf dem Umweg über Zeitungen abermals ideologische Unvernunft einimpfen, ist sein erster großer Irrtum.

Zur Pathologie der Pressekritik

Diesem entspricht sein zweiter, ebenso großer — seine Geringschätzung des Leserpublikums. Er hält es in der Mehrheit (repräsentiert durch die wachsenden Auflageziffern der Massenpresse) für dumm, mehr noch: für unmoralisch, zynisch und gemein. Er will den Lesern vorschreiben, was ihnen gefallen dürfe und was nicht. Er beklagt, daß ein Mörder wie Max Gufler mehr Interesse (und damit mehr Platz auf dem Titelblatt) findet als ein Bericht „Aus den Organisationen“, daß ein Fußballspiel mehr fesselt als eine Kinderheim-Eröffnung oder die Rede des Bürgermeisters. Dann spricht Hannak von „niedrigen Instinkten“, von „Reizmitteln niedrigster Kategorie“ und vom „Opium für das Volk“.

Doch was heißt „niedrig“? Wer hat die Instinkte, die in jedem Menschen wohnen, mit der Elle gegeneinander abgemessen, um festzustellen, wie hoch oder niedrig sie seien? Und mit welcher Elle? Und wurde diese Hannaksche Elle je nachgeeicht — es sei denn wiederum mit den plumpen, gichtkrummen Handspannen des ideologischen Vorurteils?

Hannak meint, es sei pathologisch, wenn man sich für Verbrecher mehr interessiert als für Politik, für Abnormitäten mehr als für die Norm, für Entgleisungen mehr als für die festgefahrenen Geleise. Er bezeichnet das verwegen — denn solches Interesse ist jahrtausendealt — als die „Pathologie unseres Zeitalters“. Demnach wäre es (zumindest in der Tendenz) krankhaft, wenn einer sich vor allem für Krankheiten interessiert, verrückt, wenn einer gern Verrücktheit studiert, und kriminell, wenn einer am liebsten Kriminalprozesse verfolgt.

Hannaks Logik hinkt. Wäre sie richtig, dann müßten die Ärzte allesamt selbst ins Krankenbett, die Psychiater in die Gummizelle und Richter wie Polizisten ins Gefängnis. Ihr Interesse an derlei Dingen war immerhin so sehr „pathologisch“, daß sie auf Grund dessen ihren Beruf wählten — und somit jedenfalls vehementer als die Neugier von Zeitungslesern (wobei natürlich jene Personen ausgenommen werden, welche solche Berufe nicht aus Berufung, sondern wegen Gehalts und Pension ergreifen).

Hannaks Maßstäbe sind zwar alt, aber sie sind unüberprüft und (vorerst) vielleicht auch unüberprüfbar. Es gibt keine anderen — wird er einwenden. Mag sein. Aber wo immer Menschen wohnen, sind die Ellen der Moral anders zugeschnitten, gebogen und gedreht. Das kann nicht verwundern: die meisten unserer Begriffe von „gut“ und „böse“, von „hoch“ und „niedrig“ sind auch heute noch aus den Bezirken des Glaubens erborgt. Bis in diese dunkle Angelegenheit mehr Licht kommt, bis echte, unbeeinflußte Forschung die menschliche Seele ausgeleuchtet hat, solange sollte auch Hannak das problematische „Messen“ von Instinkthöhe und Instinktniedrigkeit lieber unterlassen.

Er tut das nicht — und er verstößt damit gegen eines der obersten Prinzipien seiner Bewegung, gegen das der Freiheit. Mit dieser Freiheit ist es freilich oft ein Jammer. Wenn eine Bewegung „Freiheit“ sagt, meint sie meist ihre eigene. Kommt aber ein Außenseiter auf die Idee, diese Freiheit auch für die Masse der Einzelmenschen in Anspruch zu nehmen, dann wird er selbst von der „freiheitlichsten“ Bewegung umgehend als „Anarchist“ oder „Nihilist“ verschrien, als Förderer von „Zügellosigkeit“ und „niedrigen Instinkten“. Und wenn ein paar Zeitungsleser lieber den Bericht über eine Moritat aufschlagen als das Kommuniqué über den Ministerrat, dann rufen die Hannaks — zwar (noch) nicht nach dem Zensor, wohl aber nach einem „Erzieher“; und dann wird, erzieherisch, im Entwurf zu einem neuen Pressegesetz derlei Leservorliebe schnurstracks zum „niedrigen“ Trieb degradiert, zur verdammenswerten „Sensationslust“ und zum verächtlichen „Unterhaltungsbedürfnis“, dessen schimpfliche Befriedigung ausdrücklich von der „öffentlichen Aufgabe“ der Presse ausgenommen werden muß.

Wieviel konsequenter wäre es, das große Wort „Freiheit“ einmal ehrlich und wörtlich zu nehmen, alle Leute das tun (und auch lesen) zu lassen, was ihnen selbst Freude macht — soweit dadurch die Rechte anderer nicht geschädigt werden: die Rechte, nicht die Einbildung anderer, nicht deren ideologische Vorurteile. Wie wäre es, jedermann nach seiner höchstpersönlichen Fasson selig werden zu lassen — nicht nach den vorgeschneiderten Fassonen weltanschaulicher Konfektion? Die Freiheit der Religion und der politischen Überzeugung, somit auch die Freiheit religiösen und politischen Irrens, ist den Menschen hierzulande bereits eingeräumt. Wir sollten ihnen endlich auch die Freiheit des eigenen Geschmacks schenken.

Die sogenannten „unabhängigen“ Zeitungen tun das, jede nach Art und Leserkreis, bisher noch am ehesten. In den Köpfen der Journalisten dieser Blätter dämmert langsam die — allen Parteiredaktionen von Natur aus unzugängliche — Erkenntnis, wer in Wahrheit der oberste Herr jedes Zeitungsschreibers ist: der Leser, und der Leser allein. Der Schreiber hat nur ihm zu dienen, niemand anderem. Er ist des Lesers Kundschafter, Botschafter und Berater zugleich, denn er wird von ihm bezahlt. Was den Leser interessiert, hat er auszuforschen, nicht was andere interessieren könnte. Was den Leser drückt, hat er zu verkünden — die Schmerzen anderer sind nicht die seines Auftraggebers. Und er hat den Leser zu beraten, nach bestem Wissen und Gewissen — nicht aber darzutun, was andere vom Leser haben wollen.

Deshalb muß er kein krummnackiger, speichelleckender Diener sein. Er kann die eigene Meinung bewahren und aussprechen. Doch darf er dabei nie vergessen, aus wessen Tasche er lebt, und daß er nicht zu befehlen, sondern zu bedienen hat. Wer Journalismus mit Reklame oder Propaganda verwechselt, wer dem Leser anderes liefert als dieser wünscht, betrügt und verrät seinen Kunden.

Das aber ist Hannaks großer Irrtum — daß er glaubt, der Leser sei für die Zeitungen da und nicht die Zeitungen für den Leser.

Hannaks dritter Irrtum entspringt einem alten, edlen Motiv, dem Erziehungsstreben seiner Bewegung, dem hohen Ziel, auch erwachsene Menschen zum Besseren weiterzuführen und weiterbilden zu wollen. Doch gerade dieses sozialistische Erziehungsideal mag, auf der Ebene der Journalistik, am meisten dazu beigetragen haben, die Lesermassen in die Arme der vielgeschmähten „Geschäftspresse“ zu treiben. Jedes Elternpaar und jeder Lehrer weiß, wie schwer schon sechzehnjährige Kinder zu „erziehen“ sind: die Kinder bocken, das Gegenteil wird erreicht, der Schaden ist oft größer als der Nutzen.

Auf Erwachsene muß derlei umso revoltierender wirken. Wer läuft nicht zur Konkurrenz über, wenn er, in Rotationspapier verpackt, tantenhaften Tadel einkauft und von den Schreibern des eigenen Blattes als schlecht, dumm, ungebildet, kurz als erziehungsbedürftig hingestellt wird? Derlei Parteidisziplin bringen heute nicht einmal organisierte Lehrlinge auf, geschweige denn volljährige Männer und Frauen. Sie werden vielleicht mit sich reden und sich überzeugen lassen, sie werden allenfalls dulden, daß man mit ihnen diskutiert, ja sogar streitet. Aber wer ließe sich freiwillig „erziehen“ und bezahlte dafür auch noch Geld — und sei es bloß den Zeitungsschilling.

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