FORVM, No. 247/248
Juli
1974

Topless US

Eindrücke von einer Reise durch die USA

Der Autor hat auf seiner Reise durch die USA Eindrücke gewonnen, die sich von dem üblichen lackierten Bild einer Demokratie mit kleinen Fehlern unterscheiden. Diese unbefangene Radikalität macht seinen Bericht wertvoll, auch wenn die Redaktion nicht mit allen Thesen übereinstimmt. Die Watergate-Enthüllungen und die Infragestellung Nixons sind nicht mit den Leistungen einiger Journalisten zu erklären — das wäre tautologisch; es handelt sich vielmehr um einen Interessenskonflikt innerhalb der herrschenden Klasse, der diesen Meinungsspielraum erst ermöglicht.

1 Es gibt in Amerika keine Demokratie

Als ich in New York ankam, von wo aus ich die wundervolle amerikanische Landschaft von der Ost- bis zur Westküste durchstreifen wollte, warnte mich mein Freund M. Noch aber weigerte ich mich, ihm zu glauben, denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß ein ganzes Volk so durch und durch verdammt sein könnte. Im Lauf eines Monologs, der mehrere Tage dauerte, sagte er mir:

  • Was habe ich Ihnen gestern gesagt? Und Sie wollten mir nicht glauben, als ich Ihnen versicherte, daß wir seit 1933 im Ausnahmezustand der Notverordnungen leben! Die New York Times bestätigt es heute in ihrem Leitartikel. Aufgrund dieser Verordnungen hat Nixon alle Rechte und braucht nicht einmal den Kongreß zu konsultieren. So wurde ja auch der Vietnam-Krieg illegal begonnen, wenn auch der Kongreß nachträglich die Mittel bewilligt hat ... Sie reden von Demokratie ...Es gibt in Amerika keine Demokratie mehr, das ist passé. Wir befinden uns in einer Ära absoluter präsıdentieller Macht. Und niemand stellt sich dagegen, niemand kann sich dagegenstellen ... Es ist kein Faschismus, denn Faschismus ist etwas typisch Europäisches; es ist vielmehr ein autokratischer Absolutismus, gestützt auf FBI, CIA und die Armee. Ein Nixon und ein Breschnjew können sich miteinander so gut verständigen, weil sie einander so völlig gleichen. Sie reden von Pressefreiheit? Ist Ihnen bekannt, daß in den letzten Jahren sechsundzwanzig Journalisten in den Knast gewandert sind, weil sie sich geweigert haben, ihre Informationsquellen zu nennen? Und der Oberste Gerichtshof hat die Urteile bestätigt.
  • Liberale Zeitungen? In Amerika gibt es keine. Die New York Times ist eine Ausnahme, sie ist Ausdruck der Intellektuellen der Ostküste. Und dann, schauen Sie sich die Sache doch etwas näher an. Die Zeitung begnügt sich damit, die Fakten in allen Einzelheiten zu berichten. Aber sie bringt, zum Unterschied von Le Monde, keine Analyse der Fakten, keine Deutung der größeren Zusammenhänge, keine Kommentare ... Es gibt auch keine öffentliche Meinung. Niemand traut sich zu reden. Ihnen kann ich sagen, was ich auf dem Herzen habe, weil Sie ein Ausländer sind. Einem Amerikaner aber könnte ich es nicht sagen. Sobald ich auf politische Fragen zu sprechen käme, würde er die Unterhaltung abbrechen und weglaufen ...
  • Wie ist es so weit gekommen? Durch den Vietnam-Krieg. Reden Sie mir nicht vom Algerien-Krieg. Wir haben in Vietnam Verbrechen begangen, unsere Hände sind rot von Blut. In Vietnam ist die Armee sich des Ausmaßes ihrer Macht bewußt geworden; da hat sie sich des ganzen Landes und aller Institutionen bemächtigt. Auch die Hochschulen sind ihr ganz unterworfen. Sie denken nur noch an die Staatshilfe und an die Armeekontrakte bei Forschungen. Was die Studenten betrifft, so hat die Protestbewegung, die 1964 begann, sich totgelaufen. Wieso? Die Antwort ist einfach. Weil Amerika seine Truppen aus Vietnam abgezogen hat. Also ist die Jugend wieder brav geworden ... Im ganzen Land rührt sich kein Widerstand. Der Senat? Gewiß, da gibt es einen alten Mann von 76 Jahren, Sam Ervin, einen alten Juristen und Politiker, der hat auf den Tisch gehaut und gesagt: „Jetzt ist es genug, mit all dem muß jetzt Schluß sein.“ Im allgemeinen sind die Abgeordneten keine Volksvertreter, sondern Vertreter von Wirtschaftsgruppen ... Das gleiche gilt von den Arbeiter- und Gewerkschaftsorganisationen. Das ist eine alte Geschichte. Man kann sie bis zum Jahrhundertbeginn zurückverfolgen. Upton Sinclair hat darüber Endgültiges gesagt. Die Polizei hat seinerzeit die Gewerkschaften zerschlagen. Heute braucht sie nur fortzufahren und dasselbe Prinzip anzuwenden: Sie infiltriert, spaltet und sprengt schließlich alle Widerstandszentren, Gewerkschaften, Radikale, Schwarze Panther, sogar die Hippies ... Warum diese Apathie der Öffentlichkeit? Ich will es Ihnen sagen. Die Leute haben Angst. Angst, den Posten zu verlieren, Angst um das Brot, Angst um die Sicherheit, immerfort Angst. Selbst jene, die die Krise der dreißiger Jahre nicht erlebt haben, wissen, wie sie war. Ich erinnere mich noch sehr gut; den ganzen Broadway entlang haben die Leute die Hand ausgestreckt und gebettelt. Die Machthaber nützen diese Angst aus. Die Angst, den amerikanischen Lebensstandard zu verlieren ...
  • Wie wird es ausgehen? Auch das will ich Ihnen sagen. Auf kurze Sicht, davon bin ich überzeugt, wird es zu einem Arrangement zwischen Demokraten und Republikanern kommen, es ist schon in Vorbereitung. Warum? Weil beide daran interessiert sind. Die einen wie die anderen wollen das System erhalten und, wenn sie an der Macht sind, die Privilegien genießen, die mit der Präsidentschaft verbunden sind. Meiner Meinung nach ist Watergate nur eine banale Episode im Kampf zwischen dem Kapitalismus des Ostens und dem des Westens und des Südens ... Auf längere Sicht aber erwarte ich einen Krieg, einen dritten Weltkrieg. Er wird bereits vorbereitet. Nur ein Krieg kann die Kriegswirtschaft retten. Und wenn der Krieg da sein wird, dann werden die Leute zu verstehen beginnen und mit diesem Regime, mit dieser Gesellschaft Schluß machen.

2 Schöne und häßliche Amerikaner

In Kalifornien bestätigte mir ein anderer Radikaler, J., diese Einschätzung, zog jedoch eine apokalyptische Schlußfolgerung:

  • Sie sagen, es gibt in den Vereinigten Staaten eine freie Presse, die Informationen verbreitet, ohne Repressalien befürchten zu müssen? Die ganze Presse war schon vor den Wahlen über Watergate im Bild, hat aber darüber geschwiegen. Eine freie Justiz? Ich bezweifle es. Eine öffentliche Meinung? Jedermann denkt, daß Immoralität zur Politik gehört, und wer sich erwischen läßt, ist selber schuld. Was einen vorsätzlich ausgelösten Krieg betrifft, so glaube ich nicht daran. Aber die Regierung tut alles, um für den Druck zu sorgen, der notwendig ist, um die Notverordnungen aufrechtzuerhalten. Die Lösung? Man muß mit unserem Lebensstandard Schluß machen. Dann wird das amerikanische Volk die Welt und ihre Probleme begreifen.

Einen dritten fragte ich: Wie ist es zu erklären, daß alles zugleich gekommen ist — der Watergate-Skandal, die Energiekrise, die Inflation, die Dollar-Baisse, die Demokratiekrise?

  • Genau das ist unsere Tragödie,

sagte er. Damals sah ich aber erst die Spitze des Eisbergs.

Ich weiß nicht, ob Alsop recht hatte, als er mit sibyllinischer Miene verkündete, man werde erstaunt sein, wenn man eines Tages den wahren Grund kennen werde, warum plötzlich eine Informationswoge den Damm der Geheimhaltung überflutete (Newsweek, 25.Juni 1973). Es war doch reiner Zufall, daß der Chefredakteur der Washington Post am 17. Juni 1972, als er in die Redaktion kam und vom Watergate-Einbruch erfuhr, zwei junge Reporter, Bob Woodward und Carl Bernstein, mit den Recherchen bertraute; die beiden machten ihre Sache so gut, daß sie zehn Monate später den Pulitzerpreis „für besondere Verdienste um die Öffentlichkeit“ erhielten. Die anderen Zeitungen zögerten lange, obwohl sie bereits im Juli 1972 voll im Bilde waren; sie zogen es zunächst vor zu schweigen, und eine Umfrage ergab, daß 93 Prozent der Zeitungen für die Wiederwahl Nixons waren (The Progessive, Juni 1973).

Es ist kein Zufall, daß die beiden jungen Journalisten, im Bewußtsein einer gewissen Autonomie der Presse, so gute Arbeit geleistet haben. Es ist auch kein Zufall, daß sich ein (vom Präsidenten ernannter) Bundesrichter, Sirica, fand, der als Vorsitzender der Washingtoner Grand Jury eine solche Autorität, eine solche Unabhängigkeit und eine solche Entschlossenheit an den Tag legte. (Das gleiche läßt sich von Bundesrichter Byrne in Los Angeles nicht sagen: ihn bedrängte die Verteidigung derart, daß er gezwungen war, zuzugeben, im Ellsberg-Prozeß sei er zweimal von einem Abgesandten des Präsidenten aufgesucht worden, der ihm einen wichtigen Posten versprochen hätte, so daß ihm nichts übriggeblieben sei, als Ellsberg freizulassen. Und auch nicht von Richter Richey in New York, der über Aufforderung von Persönlichkeiten, die dem Weißen Haus nahestanden, das Schadenersatzverfahren gegen das Wahlkomitee der Republikanischen Partei bis nach den Wahlen verschleppte.) Es ist immer das gleiche: ein kleiner Richter rettet die Ehre seines Standes.

Die Öffentlichkeit verfolgte die Affäre zuerst mit amüsiertem Erstaunen, sogar mit zynischem Lächeln, dann mit Verblüffung und schließlich mit Empörung. Mary McCarthy hatte also recht, als sie feststellte, der Bericht „wurde der gesamten Bevölkerung des Landes auf demokratische Weise vorgesetzt, und sie antwortete mit sofortigem Verständnis, wie in einer Versammlung“ (Observer, 17. Juni 1973). In allen Kleinstädten, die ich passierte, brachten die armseligen Lokalblätter (in diesem Punkt unserer Regionalpresse gleichend) auf der ersten Seite Berichte über den „Skandal“, die „Komödie“ oder die „Geschichte“ von Watergate. Die Massenmedien erfüllten von Mai 1973 an ihre Pflicht. Nach der ersten Woche der Hearings im Senat wurden die drei Fernsehketten, welche die Sitzungen vollständig übetrugen, mit Protesten von Hausfrauen überschwemmt, die tagsüber ihre gewohnten Unterhaltungsprogramme haben wollten; also beschlossen die drei Sendernetze, die vollständige Berichterstattung zwar fortzusetzen, aber sich darin abzuwechseln.

3 Das Volk hat Angst

Das Ganze war kein Ausdruck von Feindseligkeit gegen Nixon und die republikanische Regierung. Die Wahrheit ist, daß jenseits der traditionellen politischen Kämpfe zwischen Republikanern und Demokraten etwas die Überzeugung jedes Amerikaners, die selbst der Vietnam-Krieg nicht hatte erschüttern können, ins Herz getroffen hatte. Gewiß, jeder Amerikaner war gewohnt, von der Demokratie und den Grundwerten der Nation zu sprechen: er mochte daran glauben oder auch nicht, jedenfalls war es ein beruhigender Mythos. Plötzlich aber mußte der Amerikaner feststellen, daß hinter dieser beruhigenden Fassade nichts Reales war, nur Lüge, Intrige, Arroganz und Verachtung für ihn von seiten des Mannes, den er alle vier Jahre wählt und dem er in blindem Vertrauen die Staatsführung überläßt.

Es waren nicht in erster Linie die Demokraten, die sich empörten. Männer wie Muskie und McGovern rieten sogar zur Mäßigung. Es galt, das System zu retten. Das war die Solidarität der Politikerkaste. Sprach McGovern: „Wir müssen Nixon helfen, im Interesse seiner Funktion.“ Seltsame Toleranz! Am meisten empörten sich die Republikaner. Senator Brooke: „Der Präsident ist zumindest verantwortlich für die Männer, die mit ihm arbeiten und die er zu diesem Zweck ausgewählt hat. Er kann seiner Verantwortung auf keine Weise entgehen.“

Zur gleichen Zeit begann man in der Presse immer häufiger von einem Absetzungsverfahren (Impeachment) zu sprechen. Sam Rosenman erklärte: „Der Präsident muß abdanken oder abgesetzt werden“ (Los Angeles Times, 17. Mai 1973) und fügte hinzu, die Affäre bestätige nur, was manche argwöhnten, die Öffentlichkeit aber nicht wußte: daß die Lüge als Machtmittel diene. Kennedy habe über Kuba gelogen, Johnson über Vietnam, und Nixon lüge aus Gewohnheit über alles. Die empörten Leserbriefe wurden immer zahlreicher. Am 18. Juni 1973 konnte ein Journalist bereits schreiben: „Der Präsident klammert sich an seine letzte Verteidigungslinie, allein mit einem Häuflein Männer, die in naher Zukunft zwischen ihm und dem Gefängnis werden wählen müssen“ (Newsweek).

Das Volk selber aber rührte sich nicht. Es gab nicht die kleinste öffentliche Kundgebung, nicht die geringste Erklärung einer Gewerkschaft, nicht die geringste öffentliche Petition als Zeitungsinserat, wie es sonst üblich ist. Niemand ging auf die Straße. In einem Land, wo „picketing“ die Regel ist (manchmal dauert so was bis zu zwei Jahren), war nichts zu sehen. Die Leute waren vorsichtig, sie kommentierten im privaten Kreis, hüteten sich aber, es in der Öffentlichkeit zu tun. Manchmal schoben sie falsche Begründung vor: Wenn Nixon abgesetzt würde, wäre Agnew sein Nachfolger, und das wäre noch schlimmer. Also — nichts zu machen ... Es war nichts zu machen, weil sie sich daran gewöhnt hatten, nichts zu tun.

4 Militär industrieller Wasserkopf

Einer der besten Beobachter der amerikanischen Politik ist I. F. Stone. Er hat zu wiederholten Malen unterstrichen, daß „die größte Gefahr für die Freiheit Amerikas im Präsidenten und im Präsidentenamt liegt“. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef, Parteiführer und oberster Befehlshaber in einer Person ist, verfügt über die größten Machtvollkommenheiten; während frühere Präsidenten (Eisenhower und Kennedy) diese Macht dazu verwendeten, den „industriell-militärischen Komplex“ zu bremsen, gebraucht Nixon sie, um die Machtbefugnisse der Power Elite noch zu erweitern, gestützt auf das unter Roosevelt 1933 eingeführte und immer wieder erneuerte Verordnungsrecht. Seit dem Korea-Krieg zählten die über die ganze Welt verstreuten und mit Atomwaffen ausgerüsteten amerikanischen Streitkräfte nie weniger als drei Millionen Mann; 50 Prozent der Budgetausgaben für Forschung und Entwicklung dienen militärischen Zwecken. Ist der Kongreß in der Lage, sich den exorbitanten Vollmachten des Präsidenten zu widersetzen? Er könnte es, aber er tut es nicht, so überwältigend ist „die Vereinigung der Leitung der Außenpolitik und des Oberbefehls über die stärkste Armee der Welt in der Hand des Präsidenten“. Daher konnte der Präsident sich das Recht anmaßen, illegal den Krieg in Viernam zu beginnen, wohl wissend, daß der Kongreß ihn nicht desavourieren würde (The New York Review of Books, 19. April 1973). Abdankung des Kongresses, zugleich auch Abdankung des amerikanischen Volkes.

Der Präsident bewegt sich und handelt in einem regelrechten Vakuum, ohne Risiko einer Kontrolle von seiten des Volkes oder einer wirksamen Zensur durch den Kongreß. Daher nicht nur dieser Machthunger, sondern auch die Entstehung einer machiavellistischen Auffassung von der Wahrnehmung der Angelegenheiten des amerikanischen Volkes und aller Völker der Welt, solange sich im Volk und in den großen Institutionen des Landes kein Widerstand zeigt. Die New York Times vom 7. Juni 1973 veröffentlichte ein in dieser Hinsicht besonders vielsagendes Dokument der Regierung Nixon. Es stellt einen der Schlüssel zu der Affäre dar. Im Juli 1970 billigte das Weiße Haus, unter dem Eindruck der Studenten- und Straßenunruhen, der Aktivitäten der Schwarzen Panther, der öffentlichen Verbrennung von Einberufungsbefehlen und der Publikation aus seinem geheimsten Sektor einen Plan zur Verstärkung der inneren Sicherheit mit verschiedenen halblegalen Mitteln (Kontrolle und Bespitzelung der Bevölkerung). Das FBI, damals noch unter der Leitung Hoovers, wies den Plan zurück (nicht, weil Hoover ein Liberaler gewesen wäre, sondern weil nicht er es war, der den Plan vorgeschlagen hatte). Also beschloß das Weiße Haus, einen eigenen Geheimdienst ins Leben zu rufen. Als Senator Ervin davon Kenntnis erhielt, erklärte er, dieser Plan von 1970 „verrate eine Gestapo-Mentalität“. Jedenfalls war es dieser spezielle Geheimdienste des Weißen Hauses (die Plumbers), der am 3. September 1971 in Los Angeles einen ersten Einbruch organisierte, und zwar bei Ellsbergs Psychiater, und einen weiteren in der Nacht vom 16. zum 17. Juni 1972 in Washington, in das Watergate-Gebäue.

So wurde ein neuer Stil der Machtausübung geboren, „in der Manier der Orangemen“, [*] eine Mannschaft, die erfüllt war vom Geist des Ku-Klux-Klan. Nixon selbst hatte diese spezifische Atmosphäre der Konspiration und der Korruption geschaffen, so daß seine Mitarbeiter den Eindruck erhielten, sie dürften sich aller Mittel bedienen, um seine Wiederwahl sicherzustellen (das Budget des republikanischen Wahlkomitees erreichte die phantastische Höhe von 50 Millionen Dollar!).

Es genügte ein an sich ganz banaler Zwischenfall, um dem Kongreß und der Justiz zu Bewußtsein zu bringen, daß der oberste Machthaber diesmal zu weit gegangen war. In der Folge begann dieser und jener zu sprechen, der eine aus Rachsucht, der andere, um dem Knast zu entgehen, und die beiden wichtigsten Agenturen des Landes, FBI und CIA, um von ihrer eigenen Mitverantwortlichkeit abzulenken. Es begann die Treibjagd, der Nixon, den Nacken immer mehr gebeugt, das Lächeln immer mehr gezwungen, standzuhalten sucht.

5 Formierte Gesellschaft

Im gegenwärtigen Stadium der Diskussion muß man sich jedoch fragen, ob die militärisch-industrielle Rechte, die sich Nixons bedient hat, riskieren wird, alles zu verlieren, nun, da Nixons Unfähigkeit feststeht. Denn in der Gleichung bleibt noch ein letzter Faktor: die Armee und der ganze von ihr repräsentierte militärisch-industrielle Komplex und die gesamte schweigende Rechte, die sich mit einer Absetzung Nixons, nicht aber mit dem Abbau der von ihm verkörperten Macht abfinden wird.

Die Frage ist, wie konnte der militär-industrielle Komplex in einem Vierteljahrhundert zum Herrscher des Landes aufrücken? Wie konnte er in so kurzer Zeit zu einem wahren Goliath werden, mit unkontrollierter Macht? In dieser Hinsicht erscheint mir die Antwort von Sidney Lens („The military-industrial complex“, Pilgrim Press 1970) entscheidend. Da war der Zweite Weltkrieg, dann der kalte Krieg, dann der Vietnam-Krieg. Während dieser ganzen Zeit bestand eine sehr enge Kooperation der Armee mit der Industrie (die unmittelbar an dieser Vergeudungswirtschaft interessiert ist) und mit den Universitäten. Die Universitäten sind mit der Armee durch ein dichtes Netz von Forschungsaufträgen verbunden, die dazu geführt haben, daß die größten amerikanischen Institute mit militärischer Forschung befaßt sind. Aber diese Verflechtung wäre nicht möglich gewesen ohne Auswirkung auf den Kongreß, dessen Mitglieder allesamt ein Interesse daran haben, daß diverse Militärbasen in ihren jeweiligen Staaten errichtet werden. Sie wäre auch nicht möglich gewesen ohne den Gewerkschaftsverband AFL-CIO und ohne Manipulierung der öffentlichen Meinung.

So war jeder Amerikaner in einen Prozeß verwickelt, der an der Spitze zu einer ungeheuren Machtkonzentration und an der Basis zu einer völlig manipulierten und betäubten Bevölkerung geführt hat. Die Trennung zwischen Reden und Handeln erscheint somit total. Es herrscht ein „globaler Imperialismus“, der eine monolithische Macht und eine monolithische Meinung erfordert. In diesem Sinn hat Sidney Lens schon 1970 Watergate vorausgesagt. Sogar in Frankreich konnten das einzelne sehen, wie J. P. Malrieu (in „(Auto)critique de la science“, herausgegeben von A. Jaubert und J.-M. Lévy-Leblond, Le Seuil 1973, S. 163f.), der erklärte: „Die Militärkaste ist zu einem organischen Zweig der herrschenden Klasse geworden.“ Nixons Dean behauptet also mit Recht: „So ehrlich ich glaube, daß der Präsident mitschuldig ist, so glaube ich auch, daß er die Bedeutung seines Handelns falsch eingeschätzt oder nicht erkannt hat.“ Und wenn Nixon „die Bedeutung seines Handelns falsch eingeschätzt“ oder „nicht erkannt“ hat, wenn er, wie Wall Street Journal schrieb, „das politische System falsch verstanden“ hat, so lag dies in der Natur der Dinge. Watergate war kein Zufall, sondern erscheint als unausweichliche Folge einer durchaus wohlüberlegten Globalpolitik.

6 Ostküsten- gegen Spielerkapital

Gibt es tatsächlich, wie manche Leute behaupten und gewisse Anzeichen vermuten lassen, einen Konflikt zwischen dem Kapitalismus des Ostens und dem des Westens oder Südwestens? Es ist auffallend, daß es die Presse der Ostküste war, die den Anstoß zur Watergate-Untersuchung gegeben hat, und daß beispielsweise das Wall Street Journal ständig gegen den Watergate-Skandal und gegen den Vietnam-Krieg aufgetreten ist (gewiß, seine Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg scheint weniger durch Kriegsgegnerschaft an sich als vielmehr durch die Unergiebigkeit der Kosten dieses Krieges motiviert gewesen zu sein). Es ist jedenfalls zu unterscheiden zwischen dem klassischen, vorsichtigeren und gemäßigteren Kapitalismus des Ostens und dem kühneren, abenteuerlustigeren des Westens und Südwestens, der über große Ressourcen (Erdöl), unerschlossene Räume und neue, für die Armee arbeitende Industrien (Flugzeugbau, Elektronik, Kunststoffe) verfügt, sowie über eine Klasse von Politikern ohne „solide“ praktische Ausbildung (z.B. die Männer, mit denen Nixon sich umgibt) und eine öffentliche Meinung, die leichter beeinflußbar und formbar ist als die des Ostens.

Mir scheint, daß aufgrund gewisser Widersprüche innerhalb der herrschenden Klasse Amerikas nach Beendigung des Vietnam-Krieges, das heißt im Augenblick des Übergangs von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, das amerikanische Volk — von allen Informationsquellen in bezug auf den Mechanismus der Institutionen abgeschnitten, seit langer Zeit manipuliert und konditioniert und sogar in vielen Fällen bereit, diese Manipulation willig hinzunehmen, belastet von den vielfältigen Problemen seines Alltagslebens wie Rassenspannungen, Arbeitsplatzsorgen, Verlangen nach hohem Lebensstandard, Großstadtkriminalität — plötzlich seine eigene Entfremdung entdeckt hat. Wird es daraus die Konsequenzen ziehen? Gewisse Reaktionen erwecken den Eindruck, daß es Angst hat vor Veränderungen, die einige im „amerikanischen Traum“ wurzelnde Überzeugungen erschüttern könnten. In jeder amerikanischen Schule gibt es allmorgendlich ein Fahnenzeremoniell: die Kinder leisten den Eid auf die Republik der Vereinigten Staaten, welche die Existenz einer „Gott und dem Grundsatz der Gerechtigkeit für alle ergebenen Nationen“ gewährleistet.

7 Barbarei wächst

Mein letzter Tag in Amerika. Man befragt mich über meine Eindrücke. Ich antworte:

  • Ja, es ist ein schönes Land, ob es nun die Natur oder die Stadt New York ist. In manchen Orten, durch die ich kam (Holzhäuser, Tankstelle, Kaffeehaus, Hamburgers, Hot dogs, jack-in-the-box, Huhn am Spieß, „Saloons“ und Oben-ohne-Girls), hatte ich den Eindruck, etwas schon Bekanntes wiederzufinden, bis mir aufdämmerte, daß es die Auferstehung von Faulkner-Romanen war, die ich gelesen, von Filmen, die ich gesehen hatte ...
  • Außerdem habe ich aus unmittelbarer Nähe die Barbarei gesehen, die jeden Augenblick aufbricht, diese Barbarei, die allen Bemühungen zum Trotz immer wieder hervorkommt: Rassengegensätze, zeitweilig durch die Polizei neutralisiert, aber nicht wirklich ausgemerzt; wachsende Kriminalität in den Großstädten, vor allem natürlich in New York, aber auch im übrigen Land, und unter den Verbrechen an erster Stelle Vergewaltigung, was vielleicht die Virulenz von women’s lib erklärt; Unsicherheit in den Städten, dreifach verriegelte und mit Sicherheitsketten versperrte Haustüren, Trillerpfeifen auf jedem Fensterbrett; Morde wegen zwanzig Dollar oder auch wegen nichts; mit einem Wort, Gewalttätigkeit und Aggression in allen Formen, auf allen Gebieten, auch in der Politik.
  • Die Watergate-Affäre ist eine ganz normale Erscheinung in einer Gesellschaft, die das Geld als Maß aller Dinge betrachtet. Daher ist das Vorhandensein einer intellektuellen oder geistigen Schicht, die ihren Glauben an moralische Werte beteuert, nur ein Alibi für die Machthaber. Und ich glaube nicht, daß der Verfall, dessen Zeugen wir sind, aufhören wird mit der Verständigung zwischen Russen und Amerikanern, die ja schließlich nur auf eine Teilung der Einflußsphären hinausläuft.

Der Artikel erschien zuerst in der französischen Zeitschrift Esprit.

[*Protestantische Kolonisatoren Irlands im 18. Jahrhundert

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)