FORVM, No. 268
April
1976

Von Thieu zu Ho

Sieg der vietnamesischen Revolution — II. Teil
Wiederaufbau im Holzverarbeitungsbetrieb „Thong Nhat“ in Vinh:
Aus Ziegelbruch wird der Fußboden einer neuen Werkshalle gebaut

5 Wo die Revolution stark war

Die Befreiungsbewegung verfolgte in der letzten Phase des Thieu-Regimes gegenüber der Politik Saigons folgende Ziele:

  • Sicherung der bei Abschluß der Pariser Verträge von der Provisorischen Revolutionsregierung (PRR) kontrollierten Gebiete gegenüber den ständigen Angriffen und militärischen Störungen durch Thieus Militär. Dabei mußte sie zum Teil Gebietsverluste hinnehmen, die erst Ende 1974 und Anfang 1975 wieder ausgeglichen werden konnten.
  • Die soziale Stabilisierung im eigenen Bereich und dessen infrastrukturelle Erschließung, und zwar nicht nur, um damit eine sichere soziale Basis für die Verteidigung gegen Saigon zu schaffen, sondern auch um für die Landsleute im Saigoner Herrschaftsbereich zu zeigen, daß eine sozial gerechte Ordnung und eine Sicherung der Lebensbedingungen nach den Vorstellungen der Befreiungsbewegungen tatsächlich erreichbar ist.
  • Schließlich setzte sich die PRR immer wieder öffentlich für die Verwirklichung des Pariser Abkommens ein. Damit profilierte sie sich gegenüber der Bevölkerung als die Kraft, die sich nun entschlossen für die Beendigung ständiger militärischer Bedrohung und für die Verwirklichung des Friedens einsetzte. Sie entsprach damit der Friedenssehnsucht der Masse der Bevölkerung.

Dieses Verhalten muß vor dem Hintergrund anhaltender Unsicherheit im Saigoner Herrschaftsbereich gesehen werden, in dem Thieus Terrormaschine zur innenpolitischen Disziplinierung weiter auf vollen Touren lief. Hier, am Verhältnis von Freiheit und Unterdrückung, Sicherheit und ständiger Bedrohung, setzte auch die nächste Forderung der PRR an: in allen Reden, Erklärungen und Artikeln wies sie immer wieder auf die Notwendigkeit hin, die demokratischen Rechte und Freiheiten herzustellen und zu sichern. Diese Forderung enthielt in dreierlei Hinsicht Sprengkraft: Zunächst bedeutete ihre Verwirklichung das Ende der Thieuschen Einheitspartei, die er vorläufig noch durch ein Parteiverbot abgesichert hatte und die wichtigstes politisches Organisationsinstrument in der innenpolitischen Auseinandersetzung und für einen Sieg bei den ausstehenden Wahlen sein sollte.

Nicht nur, daß sich bei Durchsetzung demokratischer Freiheiten andere Parteien gründen würden, nicht nur, daß Kritik an der Saigoner Regierung und die Forderungen der Befreiungsfront offen hätten vorgetragen werden können, die Forderung nach Verwirklichung demokratischer Rechte war auch ein direktes Eintreten für jene, die Träger einer „Dritten Kraft“ in Südvietnam sein konnten. Diese Politik erwies sich so als ein Bestandteil weitsichtiger Bündnispolitik, als Vorwegnahme einer „Links-Mitte-Kooperation“.

Schließlich kontrastierte die hochbrisante Forderung nach demokratischen Freiheiten mit dem Terror, der die wichtigste Stütze Saigons angesichts von Elend und Massenarbeitslosigkeit war. Die politischen Gefangenen hätten entlassen werden müssen, womit die politischen Kader nicht nur der Befreiungsfront, sondern auch der Dritten Kraft erheblich gestärkt und die Einschüchterung durch die stets drohende Gefahr der Verhaftung und Folterung aufgehoben worden wären. Die zentrale politische Strategie der PRR lag damit offen. Sie beruhte auf dem Vertrauen in die Stärke der eigenen politischen Argumente als dem Ausdruck der wichtigsten Interessen der Masse der Bevölkerung. Dem entsprach auch die Bereitschaft und das Angebot, das Gespräch mit den Saigoner Armee-Einheiten in Gang zu setzen, um auf diese Weise im Sinne „nationaler Aussöhnung“ auch das zentrale Repressionsinstrument Saigons nicht aus dem angestrebten Demokratisierungs- und Politisierungsprozeß auszuklammern.

Ganz im Geiste der Versöhnungsbereitschaft ist auch das Zehnpunkteprogramm gehalten, in dem die Provisorische Revolutionsregierung Anfang April 1975 die Grundsätze über die Normalisierung des Lebens in den befreiten Gebieten aufstellte. Danach schließt die Beseitigung des institutionellen Rahmens der früheren Herrschaft nicht aus, daß ehemalige Mitarbeiter der Thieu-Administration zum Aufbau einer neuen Verwaltung mit herangezogen werden; demokratische Freiheiten werden zugesichert, eine Politik „der nationalen Versöhnung und Eintracht“ zum zentralen Gebot gemacht. Im Rahmen der unabdingbaren Forderung nach Loyalität gegenüber der neuen Ordnung steht es den Einwohnern frei, ihren Interessen nachzugehen.

Die Strategie der PRR griff somit an den zentralen Widersprüchen der Kompradorenherrschaft an und wendete sie als eine Produktivkraft für die nationale und soziale Befreiung. Der Zusammenbruch Saigons hat die Richtigkeit dieser Strategie bestätigt.

6 Warum sich Thieu zurückziehen mußte

Thieu war durch seine militärische Konfrontationsstrategie gezwungen, einen erheblichen Anteil der Regierungsausgaben (53 Prozent für Militär, 6,8 Prozent für Polizei u.ä. im Jahre 1973) und der ausländischen Hilfeleistungen in militärischen Gütern und Aufwendungen anzulegen. [1] Kriegskosten und -folgen bildeten ein zusätzliches und gravierendes Hindernis für den wirtschaftlichen (Wieder-)Aufbau. Um die erforderlichen großen Waffenlieferungen immer wieder von den USA zu erhalten (wo angesichts von Krise und Stagnation durchaus eine Kürzung der Auslandsausgaben erwünscht war!), mußte immer wieder die „Aggressivität der Kommunisten“ nachgewiesen werden. Militärische Provokation der PRR und großes öffentliches Lamento über deren Reaktionen gehörten also zum Teil seiner Handlungsstrategie.

So war ein Teufelskreis eingeleitet: immer mehr Waffen, immer mehr Ausgaben für Militär, dadurch immer weniger Möglichkeiten wirtschaftlicher Entwicklung, was wiederum verstärkte soziale Unruhe bewirkte und gesteigerte Repression erforderte. Ende 1974/Anfang 1975 bekam dieser Prozeß durch zunehmende Zersetzung der Moral der Saigoner Truppen eineneue Qualität. Auch in der Armee herrschte das System der Korruption, dessen Nachteile sich vorwiegend bei den in der Hierarchie Letzten, den einfachen Soldaten, niederschlugen. Die Desertationsraten waren entsprechend hoch, die Kampffähigkeit der Truppen gering. Diese Situation veranlaßte die Armee, den Landkrieg — ähnlich wie die USA unter Nixon — mehr und mehr auf einen technischen Krieg durch Luftwaffe und Artillerie umzustellen. Diese Umstellung hieß für Thieu wiederum Verteuerung der Kriegführung, die er nur mit höheren Zuschüssen der USA durchsetzen konnte.

Da der Kongreß sich angesichts der Perspektivlosigkeit der Thieuschen Politik weigerte, Mittel in ein Faß ohne Boden zu gießen, hatte sich das Pentagon bereits um Abhilfe bemüht, indem es sich ermächtigen ließ, die Preise für die gelieferten Kriegsgüter herunterzusetzen. Im Haushaltjahr 1973/74 konnte es diese sogar auf 8,9 Prozent senken, [2] so daß offizielle Militärhilfe in Höhe von beispielsweise 100 Millionen Dollar in Wirklichkeit einen Wert von mehr als einer Milliarde Dollar hatte. Dieser Unterstützung durch das Pentagon — sicher mit Billigung der Administration betrieben — waren jedoch Grenzen gesetzt. Sie belastete das Budget des Pentagon selbst erheblich. Andererseits war offensichtlich, daß durch Inflation und Stagnation in den USA, durch die großen Belastungen des staatlichen Budgets, durch daraus folgende Engpässe in der Zahlungsbilanz und durch die bereits erfolgte starke Kürzung der „Auslandshilfe“ die politische Durchsetzung einer Sanierung Thieus immer schwieriger wurde. [3]

Thieu war auf das schwerste bedroht. Er konnte sich einerseits nicht an die Spitze der Anti-Korruptionskampagne stellen. Denn die Loyalität seiner Anhänger beruhte gerade auf der Absicherung ihrer Privilegien durch systematische Korruption. Andererseits führte dieses System mit allen seinen Folgen zur Auflösung der Gesellschaft im Saigoner Machtbereich. In dieser Situation beschloß Thieu, den Druck auf Washington zu erhöhen, um sich größere Unterstützung zu verschaffen. Sein Hebel hierfür: er erteilte nicht nur den Befehl zu verlustreichen Abwehrkämpfen, sondern verfügte auch weitreichende strategische Absetzungsbewegungen.

Bereits 1974 ist zwischen Saigon und Washington die Möglichkeit der Gebietsarrondierung durch Räumung einiger nördlicher Provinzen erörtert worden. Die Ursachen hierfür können vermutet werden: Das „Leopardenfell“ gab Saigon zwar die Möglichkeit, den wirtschaftlichen Aufbau im Bereich der PRR ständig zu stören, es brachte aber gleichzeitig die Kräfte Saigons in Schwierigkeiten, da die Guerilla-Strategie sehr wirksam gegen Kerne solcher Störelemente eingesetzt werden konnte. Die Frage der Gebietsarrondierung durch strategischen Rückzug mußte deshalb unter dem Gesichtspunkt des gegenseitigen Kräfteverhältnisses, und zwar nicht etwa nur militärisch, sondern gerade auch unter dem Aspekt der sozialen Verankerung in der Bevölkerung entschieden werden.

Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Saigoner Bereich schien Thieu nun das Leopardenfell nicht mehr zu seinen Gunsten nutzbar zu sein. Die Gegenaktionen der Befreiungskräfte gewannen an Stärke und Gefährlichkeit. Thieu gab — anscheinend ohne Washington noch einmal zu konsultieren — den Befehl zum Rückzug aus Teilen des Hochlandes und aus Quang Tri, aus Provinzen also, die ohnehin nur noch partiell unter seiner Kontrolle waren. Die als planmäßige Absetzbewegung gedachte Operation geriet zwischen den Flecken des Leopardenfells jedoch zu panischer Flucht. Androhung und teilweise Praktizierung der Taktik der verbrannten Erde bewirkten trotzdem Flüchtlingsströme, und zwar nicht nur derer, die mit Saigon kollaboriert hatten und Träger von Korruption und Terror gewesen waren, sondern auch derer, die Beschuß und Bombenangriffe durch die zurückgehende Saigoner Armee befürchteten. [4]

Das Ausmaß des sozialen Zusammenbruchs zeigt sich darin, daß die Selbstauflösung der Saigoner Militärverbände oftmals schneller verlief als die Angriffsbewegungen der Befreiungsarmee. [5] Sie übernahm vielfach Gebiete, in denen die militärische Kontrolle und die Administration Saigons zu existieren aufgehört hatten. Diese Feststellung mindert natürlich in keiner Weise die Bedeutung der Befreiungsarmee und ihrer militärischen Aktionen. Aus der beabsichtigten begrenzten Frontbereinigung Saigons wurde für die Befreiungsfront eine glänzende Bestätigung ihres politischen Rückhaltes in der Bevölkerung.

Die Auflösung der Saigoner Herrschaft war exemplarisch. Die von Washington ausgehaltene Kompradorenbourgeoisie hatte keines der elementaren Bedürfnisse der anderen Klassen der vietnamesischen Gesellschaft befriedigen können und am Ende nicht einmal mehr die der eigenen Klasse. Nicht die fehlenden Rüstungsgüter bewirkten ihren Untergang, auch nicht einige falsche Dispositionen von Politikern und Militärs, sondern der Verlust jeglicher sozialer Basis. Es war einfach niemand mehr da, der die Kanonen zur Verteidigung der neokolonialistischen Herrschaft bedienen wollte.

7 Es gab kein Blutbad — nur Umerziehung

Für den Fall des „kommunistischen Sieges“ hatten westliche Politiker und Medien ein Blutbad der Rache in Südvietnam vorausgesagt. Doch für die FL und die PRR war die im Pariser Akommen vereinbarte Politik der „Nationalen Versöhnung“ zentraler Bestandteil einer in den befreiten Gebieten bereits damals praktizierten Politik. Auf die „vorweggenommene Bündnispolitik“ und das Zehnpunkteprogramm vom April 1975 wurde schon hingewiesen. Diese Politik änderte sich auch bei der schließlich vollständigen Machtübernahme nicht.

Das Blutbad fand nicht statt. Vielmehr wurden für die ehemaligen Träger des Saigoner Regimes Umerziehungslehrgänge organisiert, die ihnen die Ursachen ihres Zusammenbruchs und die Grundlagen der Politik der Befreiungsbewegung vermitteln sollten. Soweit man weiß, wurde die mit der Erklärung vom 1. April 1975 zugesicherte Möglichkeit, sich nach der Befreiung wieder in den sozialen Prozeß eingliedern zu können, wenn die Kompradoren bereit sind, die Politik der PRR zu unterstützen und die Gesetze einzuhalten, auch in die Tat umgesetzt.

Freilich hatte diese Politik der „nationalen Versöhnung“ tiefliegende Ursachen und beruhte auf einer seit vielen Jahren konsequent betriebenen Politik der Integration und der Berücksichtigung von Interessen der Klassen, sozialen Schichten und religiösen und politischen Richtungen: die ethnischen Minderheiten wurden als gleichberechtigt respektiert und behandeit (der große Anteil der „Montagnards“ bei der Einleitung des Zusammenbruchs im Kampf um Ban Me Thuot veranschaulicht dies), [6] die religiösen Gruppen wurden nicht angetastet und Religionsfreiheit in den befreiten Gebieten praktiziert, [7] und schließlich verstanden sich die Befreiungsbewegung und ihre Armee immer als Bestandteil der Bevölkerung, nicht als deren Herrenschicht. Ihre Maxime hieß deshalb Hilfe, nicht Unterdrückung des Volkes. [8] Handwerkern und Händlern wurde eine Funktion in der neuen Gesellschaft zuerkannt, ebenso der nationalen Bourgeoisie. [9]

Die ihr von der FNL gesetzte Perspektive war freilich nie die einer kapitalistischen Gesellschaft und sah für die nationale Bourgeoisie keine führende Rolle vor. Es handelt sich vielmehr um begrenzte und kontrollierte Aktivitäten, die sich der Planung des Aufbaues einer sozialistischen Gesellschaft unterordnen. Unversöhnlicher Klassengegner blieb nur die Kompradorenbourgeoisie, deren Existenzgrundlage die Kollaboration mit den imperialistischen Mächten ist, wirtschaftlich: Transaktionen und Spekulationen. Doch auch hier ist der Feind nicht personalisiert und als solcher verfolgt worden, sondern es gilt die Lösung, die Funktion dieser Kompradoren zu liquidieren. [10]

Die Praktizierung dieser Politik hat konkrete Voraussetzungen, die bei Verallgemeinerung einer solchen Strategie zu berücksichtigen wäre:

  • Die Schwäche der nationalen Bourgeoisie — nur etwa zwei bis drei Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung sind im industriellen Sektor tätig [11] — hatte es ihr nie ermöglicht, sich gegen die imperialistischen Kolonial- und Vormächte durchzusetzen. Sie hatte deshalb nie die reale Perspektive einer eigenständigen kapitalistischen Entwicklung.
  • Der völlige soziale Zusammenbruch des Thieu-Regimes, das eben keiner Klasse in Südvietnam mehr eine Zukunftsperspektive weisen konnte.
  • Ferner gehört zu den Voraussetzungen für die Politik der nationalen Versöhnung, daß die PRR ihre Politik bereits in den befreiten Gebieten hatte demonstrieren können, ihr Angebot deshalb glaubhaft war.
  • Schließlich konnte die PRR fest auf die im Befreiungskampf eingespielte und dort bewährte Zusammenarbeit und Hilfe der „großen Basis“ Nordvietnam rechnen. Diese trug wesentlich dazu bei, erste Engpässe in der Versorgung zu überwinden und Kader für eine Aufbauorganisation und soziale Hilfe zur Verfügung zu stellen. [12]

Die im Befreiungskampf entwickelte Politik hatte zu einer Situation geführt, in der eine äußerste Zuspitzung sozialer Konflikte vermieden werden konnte. Unterdrückungsmaßnahmen hätten die Mobilisierung der wichtigsten Produktivkraft Arbeit für die Entwicklung der neuen Gesellschaft nur behindert.

Verkauf amerikanischen Beuteguts nach der Befreiung in Da-Nang

8 Wiedervereinigung nicht total — der Süden im „demokratisch-nationalen Stadium“

Das Pariser Abkommen von 1973 bestätigt in seinem ersten Artikel auch die Einheit Vietnams. Es folgt damit der Feststellung, die bereits 1954 im Genfer Vertrag getroffen worden war. Artikel 15 des Pariser Abkommens sieht vor, daß die Wiedervereinigung schrittweise und mit friedlichen Mitteln erfolgen soll. Artikel 11 fordert schließlich, daß niemand wegen seiner Mitarbeit bei der einen oder anderen Seite verfolgt wird und die demokratischen Freiheiten gewährt werden sollen. Offensichtlich versteht der Norden wie der Süden Wiedervereinigungspolitik als Durchführung dieser Abkommen. Dementsprechend kann auch gegenwärtig nicht von einem „Schlucken“ des Südens durch den Norden die Rede sein, [13] wenngleich die Delegationsführer aus Nord und Süd beide Mitglieder des Politbüros der Kommunistischen Partei (Lao Dong) sind. [14]

Die Konferenz für die Vorbereitung der einzelnen Schritte für eine Wiedervereinigung des Landes wurde im November unter breiter Repräsentation der verschiedenen Kräfte und sozialen Schichten der Bevölkerung abgehalten. Nach den Berichten über die Konferenz [15] — die Beschlußdokumente liegen bisher nicht vor — sollen am 20. März 1976 Wahlen für eine Nationalversammlung abgehalten werden, die dann als konstituierende Versammlung eine gemeinsame Verfassung ausarbeitet. Vor der Wiedervereinigung sollen also Wahlen stehen. Anscheinend soll auch die ausgearbeitete Verfassung einem Volksentscheid unterworfen werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, daß nach bisherigen Stellungnahmen eine sehr offene Regelung in bezug auf aktives und passives Wahlrecht getroffen werden soll. Wahrscheinlich werden nur die hohen aktiven Parteigänger Thieus keine Möglichkeit erhalten zu kandidieren. Die Erstellung eines Wahlverzeichnisses wird mühselig sein.

Scheint so die politische Wiedervereinigung Vietnams nur noch eine Frage der Zeit, so werden weder von Nord noch von Süd die politischen, sozialen und ökonomischen Differenzen zwischen beiden Landesteilen verschleiert. Die Außenministerin der PRR, Frau Nguen Thi Binh, charakterisierte dies so: „... der Norden ist dabei, den Sozialismus aufzubauen, während wir nach 30 Jahren Krieg eine nationale, demokratische und fortschrittliche Regierung einsetzen müssen. Die unmittelbaren Aufgaben in beiden Ländern sind so nicht die gleichen.“ [16]

Truong Chink, der Leiter der nordvietnamesischen Delegation auf der Konferenz zur Vorbereitung der Wiedervereinigung in Saigon, erklärte die Unterschiede: Die Wirtschaft beruhe im Norden auf dem staatlichen und auf dem kollektivierten Sektor, im Süden käme dazu noch der staatlich-private, der privatkapitalistische und der private (gemeint sind wohl Handwerker und kleine Händler). Die soziale Struktur im Norden sei gekennzeichnet durch die Arbeiterklasse, die Bauern in den Kollektiven und durch die sozialistische Intelligenz. Im Süden komme dazu noch die Kleinbourgeoisie, die nationale Bourgeoisie, die Kompradoren und feudale Elemente. Bauern und Kleinbourgeoisie machten hier die Mehrheit der Bevölkerung aus. Im Norden sei der Marxismus-Leninismus die herrschende Ideologie, im Süden spielten auch die neokolonialistische Ideologie der USA und feudale Vorstellungen eine Rolle. [17]

Diese Feststellungen verweisen darauf, daß die politische Wiedervereinigung Vietnams nur einen — wenn auch sehr wesentlichen — Bestandteil des Wiedervereinigungsprozesses darstellt, der in seinen vielfältigen Aspekten gleich mit der Befreiung Saigons begonnen hat, der auf sozio-politischer und ökonomischer Kooperation beruht und der mit der formalen Wiedervereinigung sicher noch nicht abgeschlossen sein wird. Für diesen Prozeß wird es entscheidend sein, wieweit es möglich ist, eine aufeinander bezogene Kooperation beider Landesteile einzuleiten, die nicht nur die schweren Folgen des Krieges, sondern auch den Zustand der Unterentwicklung zu überwinden vermag, den koloniale und neokoloniale Herrschaft diesem Lande aufgezwungen haben.

9 Neuaufbau: Bourgeoisie wird zugelassen

Korruption, Desorganisation, Hunger, Flüchtlingselend und Arbeitslosigkeit ließ das zusammenbrechende Saigoner Regime zurück, dazu eine Jugend, die größtenteils nichts weiter gelernt hatte, als mit dem Gewehr umzugehen. Die sich auflösende Saigoner Armee machte auch diese „arbeitslos“. Die PRR stand vor fast unlösbaren Problemen, zumal in der aufgeblähten und verslumten Viermillionenstadt Saigon. Hilfe konnte sie nur von ihren Verbündeten und von Nordvietnam erwarten. Der sonst so auf Humanität erpichte kapitalistische Westen leistete keine nennenswerte Hilfe. Die US-Regierung belegte Vietnam mit einem Embargo und verbot es zunächst sogar karitativen Organisationen wie den Quäkern und den Mennoniten, Hilfe aus eigenen Mitteln zu leisten. [18] Von den in Paris einst in Aussicht gestellten und nach 1973 nie gezahlten Unterstützungsgeldern für den Wiederaufbau ist auf seiten der USA keine Rede mehr.

In dieser Situation mußte es für die PRR vor allem um die Sicherung der Versorgung bis zur nächsten Ernte und die Ausnutzung aller Produktivkräfte zur Befriedigung der elementaren Bedürfnisse gehen. Da von den sieben Millionen Einwohnern der großen Städte des Südens mindestens zwei Millionen arbeitslos sind und nach Ansicht eines Mitgliedes der PRR die Rekultivierung von ½ Million Hektar Brachland im Delta und die Pflege der Reiskulturen sofort mehr als eine Million Arbeitsplätze bot, [19] wurde sofort eine große Kampagne zur Umsiedlung von Flüchtlingen, Arbeitslosen und Soldaten aufs Land gestartet. Wer ging, erhielt eine Hilfe in Form von Lebensmitteln und Geld. Trotzdem war die Rücksiedlung bisher nicht befriedigend.

Der Sicherung der Produktion für die elementaren Bedürfnisse dienen auch die Anstrengungen der Regierung, alle bestehenden Produktionsmöglichkeiten auszunutzen. Wie die Pariser Zeitung Libération berichtet, kontrolliert der Staat gegenwärtig bereits 60 bis 70 Prozent der Produktion und Verteilung von Verbrauchsgütern. Zusätzlich fordert die PRR jedoch auch die nationale Bourgeoisie, Kleinindustrielle, Handwerker und Kleinhändler auf, „entsprechend der Linie und der Politik der Regierung“ ihre Aktivitäten zu entwickeln. Eigentum und Nutzung des gesetzlich festgelegten Gewinnes werden durch den Staat garantiert. [20] Solche zusätzliche Produktion wird auch dringend benötigt, um all diejenigen zu versorgen, die im Rahmen der großen sozialen und infrastrukturellen Projekte arbeiten.

Der Unterschied zu der bisherigen kapitalistischen Wirtschaftspolitik Saigons, wo die kaufkräftige Nachfrage und die Höhe des staatlichen Etats das Ausmaß an Arbeitslosigkeit und Elend bestimmten, ist offensichtlich. Die PRR versucht, durch soziale Mobilisierung und Anregung von Selbstorganisation gleichzeitig alle dringenden Probleme in Angriff zu nehmen. Ausweitung der schulischen Ausbildung, Ausbau des Gesundheitswesens laufen parallel zur Kriegsschädenbeseitigung und dem Eisenbahn- und Straßenbau.

Die Aufforderung an nationale Bourgeoisie und Handwerker ändert aber nichts daran, daß die wirtschaftliche Entwicklung der Planung und Kontrolle der Regierung unterliegt. Neben vielen Produktionsstätten wurden die Geldinstitute verstaatlicht und eine Währungsreform durchgeführt (500 alte Piaster wurden gegen einen neuen umgetauscht). Höchstbeträge und eine kurze Umtauschfrist von nur sieben Stunden beschränkten die Möglichkeit von Manipulationen und reduzierten den unter Thieu inflationär aufgeblähten Geldumlauf beträchtlich. Wenn auch angesichts der akuten Notlage der schwarze Markt noch nicht vollständig kontrolliert werden kann, so ist doch ein wichtiger Schritt zur Konsolidierung der Währung wie der Wirtschaftsplanung getan.

Freilich muß immer noch mit unmittelbarer Hilfe gegen die Not eingeschritten werden. Solitaritätskomitees verteilen Reis oder Brennstoffe. In solcher Situation kann private Verfügung über größere Vorräte nicht geduldet werden. Der in dem 14-Punkte-Programm angekündigte Kampf gegen die Kompradoren setzt hier an. Allen bisherigen Informationen nach scheint es der PRR zu gelingen, die aktuelle Notlage nach der Befreiung zu überwinden und den Anschluß an die kommende Ernte zu gewinnen.

10 China erbt Kompradoren von USA

In Asien ist der Vertrauensschwund, den die einst allmächtigen USA bei ihren Satelliten erfahren haben, offensichtlich. Die in Thailand, den Philippinen und anderswo herrschenden Kompradorenbourgeoisien wenden ihr Interesse einem Arrangement mit der VR China zu. Die Unterstützung Pakistans und Sri Lankas durch Peking und die Anbahnung guter Beziehungen zwischen China und dem Iran lassen erkennen, daß Peking zur Kooperation auf staatlicher Ebene, ohne Rücksicht auf unterschiedliche Gesellschaftssysteme, bereit ist.

Die Frage für diese Staaten mag sich etwa so stellen : Kann eine strikt neutralistische Außenpolitik, die dem Sicherheitsbedürfnis Pekings entspricht, dazu führen, daß die VR China mäßigend auf die Befreiungsbewegungen in diesen Ländern einwirkt, ihre Unterstützung beschränkt oder ganz einstellt, wie es erst jüngst wieder bei der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Thailand und China chinesischerseits gegenüber dem thailändischen Ministerpräsidenten offiziell zugesichert wurde? Für die südostasiatischen Kompradoren wird sich aber auch die Frage stellen, ob es möglich sein könnte, die Differenzen zwischen China und der UdSSR auszunutzen, um einen größeren politischen Spielraum zu erhalten. Sich auf Moskau zu stützen, hat für diese Staaten jedoch einen wesentlichen Nachteil: Moskau hat wenig Einfluß auf die dortigen Befreiungsbewegungen, da diese anders als beispielsweise in Indien vorwiegend auf China orientiert sind. Eine Orientierung der südostasiatischen Kompradorenregimes auf China im Rahmen einer neutralistischen Konzeption ist deshalb wahrscheinlicher, solange sie annehmen können, daß China ihnen ihr Überleben sichern kann.

Eine solche Zuwendung liegt durchaus im Interesse des chinesischen Sicherheitsdenkens. Gegenwärtig fürchtet die VR China nicht mehr einen amerikanischen Angriff. Das Sicherheitsproblem wird vor allem bestimmt von ihrem Verhältnis zur UdSSR, die sich im asiatischen Raum um den Aufbau eines Sicherheitssystems bemüht, das China seinerseits als eine Bedrohung wertet. Eine neutralistische Konzeption für den südostasiatischen Raum, die einerseits Moskau den Einfluß versperrt, andererseits nationale Befürchtungen einer Vorherrschaft Chinas den Boden entzieht, paßt deshalb gut in die stets vorsichtig operierende chinesische Außenpolitik.

11 Indochina als Modell für Überwindung der Zersplitterung in der Dritten Welt?

Für die Überwindung von Unterentwicklung und den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft sehen wir zumindest drei wirtschaftliche Essentials, die die Politik eines vereinten Vietnam entscheidend bestimmen dürften:

  1. Vietnam steht vor außerordentlichen Existenzsicherungs- und Aufbauproblemen. Es muß deshalb vermeiden, in Konflikte verwickelt zu werden, die nationale Ressourcen binden und von der Entfaltung der Produktivkräfte abziehen. Eine neutralistische Außenpolitik ist deshalb für Vietnam von vitaler Bedeutung für den sozialen und wirtschaftlichen Aufbau und nicht nur eine Beruhigungsfloskel für Kalte Krieger in Übersee.
  2. Vietnam kann auch bei effektivstem Einsatz der eigenen Produktivkräfte, vor allem also auch der Arbeitskraft der eigenen Bevölkerung, nicht auf die Nutzung international oder auf dem Weltmarkt abgebotener Technologie und Produktionsmittel verzichten. [21] Um trotzdem den Deformationen zu entgehen, die der Weltmarkt den armen Ländern bislang immer wieder durch asymmetrische Arbeitsteilung aufgezwungen hat, muß Vietnam versuchen, eine autonome, wenn auch nicht autarke Wirtschaft zu entwickeln. Das heißt konkret: Es darf seine Entwicklung nicht vom Weltmarkt abhängig machen und muß doch über den Verkauf mehr oder weniger verarbeiteter Rohstoffe die Devisen zum Kauf von Produktionsmitteln erlangen. [22] Ähnliche Wirkungen können auch „joint ventures“, also gemeinsame Unternehmungen mit ausländischen Firmen haben, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Pol der Sicherung der autonomen Entwicklung bleibt der Aufbau der Landwirtschaft und die darauf bezogene Entwicklung der industriellen Produktionen. [23]
  3. Schließlich muß Vietnam auf längere Sicht darum bemüht sein, seine Industrialisierung auf einen Wirtschaftsraum zu beziehen, der genügend groß ist, um die Entwicklung wichtiger Industriezweige mit fortgeschrittenen Technologien zu gestatten. Es ist fraglich, ob sich eine solche eigenständige Entwicklung in bezug auf den weitgehend autarken chinesischen Wirtschaftsraum durchsetzen könnte. Eine durch Kooperation hergestellte Eingliederung in die chinesische Sphäre würde zu sehr weitgehender Spezialisierung führen, die neue Abhängigkeit bewirken müßte. Es ist daher eher zu erwarten, daß sich Vietnam um eine eigenständige Entwicklung und Industrialisierung bemühen wird — in Kooperation mit den anderen indochinesischen Völkern. [24] Das kann durchaus im Sinne symmetrischer Arbeitsteilung zum gegenseitigen Vorteil erfolgen und hat nichts mit einem Herrschaftsdrang der Vietnamesen über die anderen Völker dieses Bereiches zu tun!

Die drei genannten Essentials stehen durchaus in Übereinstimmung mit einer neutralistischen Politik, die auf Kooperation im indochinesischen Bereich zielt, aber auch zusätzliche Kooperation mit anderen Staaten nicht ausschließt. Das könnte an die vietnamesische Tradition aus der Zeit des Befreiungskrieges anknüpfen, in der Hanoi es ausgezeichnet verstand, sich dem Konflikt zwischen der UdSSR und China zu entziehen und von beiden Unterstützung zu erhalten. Doch sucht Vietnam auch Unterstützung für seine Entwicklung im kapitalistischen Bereich, sofern eine Kooperation ohne asymmetrische Arbeitsteilung wie in der kolonialen und neokolonialen Phase möglich ist. [25] Die Beziehungen zu vielen Ländern können dazu beitragen, auch zeitweilige Abhängigkeiten an Engpässen der Entwicklung zu verringern.

Aus all diesen Überlegungen sind spektakuläre und schnelle Veränderungen der Konstellation im südostasiatischen Raum — mit Ausnahme der Umorientierung der bisherigen amerikanischen Satelliten auf Peking — nicht zu erwarten. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Phase des Wiederaufbaus und der Entwicklung in Vietnam ähnlich exemplarischen Charakter haben wird, wie der Befreiungskampf dieses Volkes, und zwar dann, wenn es in Indochina gelingt, über Landes- und ehemalige koloniale Verwaltungsgrenzen hinweg einen regionalen Aufbau zu organisieren.

(Abgeschlossen Mitte Jänner 1976)

[1Le Monde, 2. Oktober 1973

[2Le Monde, 1. Oktober 1974

[3Neben der Kürzung der Militärhilfe für 1974/75 durch den Kongreß von 1,4 Milliarden Dollar auf 700 Millionen Dollar wurde auch die Hilfe aus dem „Food for Peace“-Programm um 250 Millionen Dollar für 1975 und die folgenden Jahre gekürzt. Um die oppositionelle Haltung des Kongresses zu unterlaufen, soll die amerikanische Regierung besonders auf die Schaffung eines internationalen Konsortiums für multilaterale Hilfe für Südvietnam unter dem Patronat der IDA (International Development Association), einer Unterorganisation der Weltbank, gedrungen haben. Nach Gabriel Kolko soll Außenminister Kissinger im Juli 1973 von der Gewährung einer IDA-Hilfe an Saigon die Beitragszahlung der USA für den nächsten IDA-Haushalt (= 1,5 Milliarden Dollar) abhängig gemacht haben (s. G. Kolko, Watergate et le drame vietnamien, in: Le Monde diplomatique, September 1974, p. 6).

Schätzungen über die Gesamtkosten des Vietnamkrieges für die USA reichen bis zu 383 Milliarden Dollar, davon rund 150 Milliarden Dollar für unmittelbare Kriegskosten, Militärhilfe an Südvietnam etc.; nach Schätzung des US-Handelsministeriums belaufen sich die Kosten für die Kriegsopfer auf 220 Milliarden Dollar

[4Edward Block, in den Jahren 1972/73 für die US-AID (Agency for International Development) im Bereich „Flüchtlingshilfe und -wiedereingliederung“ in Vietnam tätig, hat die gängige These über die Gründe des Flüchtlingsstroms im Frühjahr 1975 („Abstimmung mit Füßen gegen den Kommunismus“) widerlegt. Eigene Erfahrungen zugrunde legend nennt Block als Fluchtgründe: Panik, Anarchie in den von den Saigoner Behörden verlassenen Städten, Angst vor Kriegshandlungen, Hoffnung auf relative Sicherheit in den von Saigon kontrollierten Zonen, Furcht vor Bombardierung der von der PRR übernommenen Gebiete. Befürchtungen dieser Art waren voll gerechtfertigt, zumal Ban Me Thuot wie auch Nha Trang nach ihrer Befreiung von der Saigoner Luftwaffe bombardiert, Kontum und Pleiku zu „Feuer-frei-Zonen“ erklärt wurden. Bei der Beurteilung der Fluchtmotive sind auch die historischen Erfahrungen mit den Flächenbombardements der US-Luftwaffe im Anschluß an die Tet-Offensive (1968) und die Osteroffensive (1972) der Befreiungsfront mit zu berücksichtigen. So sind allein bei der „Rückeroberung“ von Hue 1968 Zehntausende, in Quang Tri 1972 25.000 Menschen unter B-52- und Artitlerieangriffen umgekommen (vgl. Edward Block: Why the Refugees?, in: Ramparts, Mai/Juni 1975, p. 6 ff)

[5Ein Indiz dafür, daß auch der Norden von dem Tempo des politisch-ökonomisch-militärischen Zusammenbruchs des Saigoner Regimes überrascht worden ist, scheint uns eine am 1. April 1975 (also unmittelbar nach der Befreiung Da Nangs) abgeschlossene Bilanz der Entwicklung Südvietnams seit dem Pariser Abkommen zu sein („The Thieu Regime put to the test, 1973-1975“, Hanoi 1975). Hier heißt es: „... Es ist sicher, daß die USA noch die finanziellen und materiellen Mittel haben, um das Überleben des neokolonialen Regimes in Saigon zu verlängern. Noch für lange Jahre wird an der neokolonialen Politik Washingtons festgehalten mit dem Zweck, solange wie möglich Bastionen in Vietnam und Indochina zu behalten, um soweit wie möglich die Befreiung der Völker Indochinas zu verzögern und aufs äußerste den Aufbau einer neuen Gesellschaft in den Ländern Indochinas zu behindern“ (a.a.O. ,p. 53). Vgl. auch eine Bemerkung der nordvietnamesischen Armeezeitung Quan Doi Nan Dan, zitiert in Le Monde, 4. April 1975

[6Thion, S.: Ho-Tschi-Minh-Stadt — zwanzig Jahre zu spät, in: Gallasch, B. (Hg.): Ho-Tschi-Minh-Stadt, Reinbek 1975, S. 128

[7S. den Bericht von J. E. Vidal: Socialisme et caodaisme à Tay Ninh, in: L’Humanité, 25. Juli 1975

[8Dies wird sehr deutlich in dem „Zehn-Punkte-Verhaltenskodex“ für die Kader und Mitarbeiter in den neu befreiten Gebieten Südvietnams vom 1. April 1975, abgedruckt im Bulletin der Botschaft der RSV in der DDR, Nr. 5, vom Mai 1975

[9Siehe die Erklärung der PRR vom 10. September 1975 „Die neuen ökonomischen Aufgaben der Revolution in Südvietnam“ im Bulletin der Botschaft der RSV in der DDR, Nr. 9/10, September/Oktober 1975. Hierin heißt es: „Die nationale Bourgeoisie, die kleinen Industriellen, die Handwerker und die kleinen Händler sind zu ermutigen und zu unterstützen, sich ökonomischen Aktivitäten zu widmen, die für sie selbst, das Land und das Volk gleichermaßen nützlich sind.“

[10Erklärung ... (s. Anm. 9): „Die Kompradoren-Bourgeois sind strengstens zu bestrafen, die bisher hartnäckig an der Spekulation und Warenhortung, am Wuchermarkt festgehalten haben, und damit der Produktion und dem Leben der Bevölkerung Schaden zufügen und den Elan der Gesellschaft hemmen.“

[11S. Buro/Dill: Warum Thieu stürzte, in: NEUES FORVM, Oktober 1975, S. 49

[12Nach Le Monde vom November 1975 haben die Hanoier Zeitungen auf die große Hilfe hingewiesen, die vom Norden in Form von Lieferungen seit dem Mai 1975 ergangen sind. Der Hilfebetrag soll die enorme Höhe von etwa 1,5 Milliarden französischer Francs haben. Auch für den Norden scheinen mit der Befreiung des Südens die Probleme erst zu beginnen. Zu der Belastung durch die fortdauernden Hilfeleistungen an den Süden kommt als weitere nicht zu unterschätzende Schwierigkeit: der Exodus vieler Kader (Beamte, Techniker, Mediziner, Lehrer usf.), die aus dem Süden stammen und seit Jahren im Norden gearbeitet haben (Le Monde, 4. April 1975).

Überhaupt scheint sich die Wirtschafts-, aber auch die Ernährungslage im Norden in einer überaus kritischen Phase zu befinden. (Die „Verbrannte Erde“, die Vergiftung der Böden, die Bombardierungsfolgen und die Vernichtung der als Proteinlieferanten unentbehrlichen Fischbestände stellen kurzfristig schwer zu überwindende Hindernisse dar; vgl. Il Manifesto vom 21. Juni 1975.) Aber nicht nur die Kriegsfolgen werden für die unbefriedigende Wirtschaftslage vor allem im Schlüsselsektor Landwirtschaft („Reis-Monokultur mit niedrigen Erträgen“, Vietnam Courier No. 19/Dezember 1973) verantwortlich gemacht. Mit frappierender Offenheit werden von nordvietnamesischen Politikern und Ökonomen die strukturellen Schwächen und Defekte benannt: Ausreichende, aber nicht voll genutzte Arbeitskraft, niedrige Produktivität, rasches Bevölkerungswachstum (zwischen 1954 und 1972 Anstieg um zehn Millionen), unsichere Agrarproduktion, unzureichende Lebensmittelversorgung, Mangel bei vielen Konsumgütern. Niedriger Produktionslevel, hoher Geburtenüberschuß und niedriges Nationaleinkommen zusammen können weder die Konsumbedürfnisse befriedigen noch eine gesunde Handelsbilanz garantieren.

„In short, the striking feature of North Viet Nam’s economy at present is that social labour and the economic potential have not been brought into full play, while social productivity is very low, accumulation from internal sources is non-existent and the people’s life is meeting with many difficulties“ (Le Duan: Probleme des sozialistischen Aufbaus in Nordvietnam, in: Vietnam Courier No. 23/April 1974, p. 6 ff, hier; p. 27).

Gerade der Übergang zu einer diversifizierten landwirtschaftlichen Großproduktion als Grundlage der industriellen Entwicklung des Landes ist ohne Mechanisierung undenkbar. Die Aufgaben der Landwirtschaft sind: Sicherung der Lebensmittelversorgung für die ganze Gesellschaft; Versorgung der Industrie mit Rohstoffen; Überschuß an Agrarprodukten für den Export zur Beschaffung moderner Technologie, und schließlich Freisetzung von Arbeitskraft für die Industrie. Spezialisierung und Diversifizierung der landwirtschaftlichen Tätigkeiten sind sowohl Ursache wie Folgen der Mechanisierung: Mechanisierung der Landwirtschaft ist nicht möglich ohne Entwicklung der nichtlandwirtschaftlichen Arbeit zwecks Absorption der Arbeitskraft, die durch die Nutzung von Maschinen freigesetzt werden. Andererseits ist auch Diversifizierung undenkbar ohne Mechanisierung, wodurch ja die notwendigen Arbeitspotentiale freigesetzt werden (vgl. Vietnam Courier, No. 19/November 1973, p. 17, und No. 30/November 1974, p. 8 ff). Daß dieser Kraftakt ohne ausländische Hilfe kaum bewältigt werden kann, ist offensichtlich. Und wenn eine Meldung der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. Juni 1975 zutrifft, zeigt sich Nordvietnam nicht uninteressiert an „joint ventures“ mit westlichen Regierungen und Privatunternehmen, wobei die Souveränität der Landes gesichert bleiben soll durch Vermeidung voller „Investitionsfreiheit“.

[13So der zynische Zeit-Redakteur Karl-Heinz Janßen: Der Norden schluckte den Süden, in: Die Zeit, 28. November 1975

[14Die genaue Zusammensetzung der Delegationen und die darin repräsentierten Kräfte sind im Bulletin der Botschaft der RSV in der DDR Nr. 9/10, September/Oktober 1975, S. 13 ff nachzulesen

[15Le Monde, 12. und 23. November 1975

[16Bericht über die Pressekonferenz in Algier in Le Monde, 8./9./10. Juni 1975

[17Nach Le Monde vom 19. November 1975

[18Vietnam International, Vol. IX, Nos 10/11, October/November 1975, S. 15; Le Monde, 20. November 1975

[19Le Monde, 17. Juni 1975

[20S. Anm. 9

[21Der Minister der PRR Nguyen Van Hieu stellt den Gesichtspunkt der Umwandlung der abhängigen in eine unabhängige Wirtschaft deutlich heraus. Vgl. L’Humanité, 16. Juni 1975

[22Zur Agrarfrage s. z.B. Le Duan und Pham Van Dong: Towards large-scale socialist agricultural production, Hanoi 1975

[23Juni 1975 machte die DRV Vorschläge an die Nachbarländer zur Kooperation, zur gemeinsamen Nutzung der großen Reichtümer und zur Bildung einer Art gemeinsamen Marktes. Siehe Le Monde, 16. Juni 1975, und Süddeutsche Zeitung, 18. Juni 1975

[24Zur Nutzung der im Meer liegenden großen Ölvorkommen ist Vietnam, um nur ein Beispiel anzuführen, auf Technologien angewiesen, die bisher nur von wenigen Ländern entwickelt wurden (USA, Japan, Frankreich, Italien, SU, China). Vgl. Vietnam International, Vol. IX, Nos 8/9, August/September 1975

[25Tokio unterschrieb in Hanoi bereits ein Wirtschaftshilfeabkommen über insgesamt 115 Millionen DM, wovon 70 Millionen nicht rückzahlbar sind (Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 1975). Frankreich gewährte einen Kredit über 229 Millionen Franc, dessen größter Teil für ein Stahlwerk verwendet werden soll (Le Monde, 9. Dezember 1975)

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