Wiener Theaterbummel
Ein Stück dieses spätherbstlichen Theaterbummels ist schon abgespielt, von denen am Burgtheater gibt es noch Vorstellungen - die Termine im Jänner 2025 sind am Ende der jeweiligen Besprechung angeführt. Was Jürg von seinen übrigen Erlebnissen hier berichtet, mag die betreffenden Bühnen besonders
empfehlen: Das Theater SCALA in der Wiedner Hauptstraße 106 und
das Kabinetttheater in der Porzellangasse 49, dessen Prinzipalin
hier einen Ehrenplatz findet.
Üblicherweise wird bei einem Intendanzwechsel ungefähr die Hälfte des künstlerischen Personals entlassen oder weggeekelt. «Die halbe Suppe ausleeren», habe das ein gewesener Burgtheaterdirektor einst genannt. Er selber bestritt zwar später, das so gesagt zu haben. Aber der beschriebene Vorgang ist allgemein vertraut. Für die Wunschkinder der neuen Leitung will ja schliesslich auch Platz (und Geld) vorhanden sein. Vor allem kann man so deutlich machen: Jetzt brechen neue, bessere Zeiten an. Dank mir. Da agierte der neue Burgherr Stefan Bachmann umsichtiger und weit weniger eitel. Nicht nur, dass er sich mit Entlassungen und Neueinstellungen eher zurückhielt (von 71 Mitgliedern des Ensembles sind 14 neu). Er konnte so auch eine ganze Anzahl von Produktionen seines Vorgängers im Repertoire behalten, was zweifellos eine grössere Vielfalt und Buntheit des Angebots bedeutet. Und für mich die Möglichkeit, ein paar verbummelte Aufführungen nachzuholen.
Ein Sommernachts-Angsttraum
Was für ein Unterschied zu Niavaranis Sommernachtstraum im «Theater im Park»! Der Wald, in dem sich auf der Burgtheaterbühne die Menschen verirren, verträumen, verfehlen und schliesslich einigermassen wiederfinden, besteht hier aus ganzen vier Bäumen, und selbst diese sind marod. Dazwischen liegt Autoschrott herum, wie nach einer schrecklichen Überschwemmung. Finsternis überall, ganz die gegenwärtige Klima- und Weltsituation, zum Fürchten. Entsprechend depressiv agieren hier die Figuren, ob Mensch, ob Elfe; sogar die einfältigen Handwerker proben ihr für die Fürstenhochzeit geplantes Stück nur halbherzig, sie sind sich ihrer Sache keineswegs sicher.
Gespielt wird hier in der Inszenierung von Barbara Frey durchwegs hervorragend. Viele verkörpern zwei Rollen, Männlein und Weiblein in bunter Mischung, auch Männlein spielendes Weiblein und Weiblein darstellendes Männlein, alles durch- und übereinander. Ein Gesamtlob für alle. Hätte ich trotzdem ein Zweiglein zu vergeben, bekäme dieses der Zettel (Oliver Nägele). So einen wunderschön an der Welt leidenden Mimen bekommt man selten zu sehen.
Und bei aller Depressivität hat die Aufführung etwas seltsam Tröstliches. Sie vertraut, mitten in dieser kaputten Welt und ihrem flügellahmen Personal, auf die Kraft der Phantasie. Solange diese noch lebt, ist die Welt nicht verloren. Oder ungefähr so. — Vorstellung im Jänner: Freitag, 17., 19:30
Hamlet
Und die meisten Toggenburger fanden,
endlich hätten sie das Stück verstanden.
So bedichtete einst Erich Kästner eine imaginierte Hamlet-Aufführung, in welcher der Darsteller des Vater-Geistes sturzbetrunken zur Unzeit auf der Bühne erscheint, und in seinem Schwips die Vorstellung völlig durcheinanderbringt. An dieses Poem musste ich beim Besuch dieser kurzweiligen und lustigen Aufführung denken.
Da ist kein Geist auf der Bühne, sondern deren dreissig, da steht kein Hamlet, sondern fünf, da wird in Rollen hinein- und wieder herausgeschlüpft, da spritzt man lustvoll mit Theaterblut herum, direkt aus den Tüten, Tag der offenen Tür, sozusagen. Da ist nichts zu spüren von der Hochkultur-Andacht, mit der das Stück oft zelebriert wird. Die Spielenden sind mit sichtlicher Freude dabei, und gespielt wird grossartig. Gut, am Schluss braucht es ein wenig Murks, damit die Geschichte zu Ende erzählt werden kann. Aber aufs Ganze gesehen ist die erste vom neuen Intendanten verantwortete, von Karin Henkel inszenierte Produktion ein grosser Spass. Und zu verstehen gäb’s auch hier für Kästners Toggenburger überhaupt nichts.
Genau das ist mein Problem bei diesen beiden Shakespeare-Aufführungen. Beide machen Freude. Aber sie machen diese Freude vorwiegend denen, die das Stück bereits kennen. Die sich durch ehrfürchtige Aufführungen des betreffenden Werkes gegähnt haben. Die ihrerzeit mit Besprechungen und Aufsätzen im Deutschunterricht gelangweilt worden sind. Wer das Werk nicht bereits kennt, kennt sich da nicht aus. Der Zeitgeist wird bedient und wirkt so als Ausschlussmöglichkeit. Einverstanden, ein Theater ist keine Volkshochschule. Aber es soll auch nicht ausschliesslich für Menschen mit Maturationshintergrund spielen. So gern man sich das in diesen beiden Fällen gefallen lässt. — Vorstellungen im Jänner: Donnerstag, 2. und Donnerstag, 30., jeweils 19:30
Volpone
Es geht auch anders. Am eher mittelgrossen Wiener Scala-Theater in der Wiedner Hauptstrasse wurde «Volpone», eine «lieblose Komödie» des Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson gegeben (Inszenierung: Sam Madwar, Hauptrolle: Johannes Terne). Die Geschichte des alten, geizigen, reichen Fuchses, der mit Unterstützung seines Dieners Mosca der Umwelt grösste Hinfälligkeit vorspielt und so immer reicher wird, weil seine Artgenossen in der Hoffnung auf Erbschaft sich mit den aberwitzigsten Geschenken bei ihm lieb Kind machen wollen – diese Geschichte ist hierzulande vor allem durch Stefan Zweigs Fassung bekannt geworden. Aber was hier gezeigt wurde, war fernab von bürgerlich kultureller Gepflegtheit. Derb, gradlinig, ohne Zeitgeist-Chichi spielte man ganz einfach die Geschichte, und diese kam aufs Prächtigste über die Rampe.
Natürlich könnte man ein wenig herumbeckmessern. Es wurde da immer aus vollen Rohren geschossen, ein gewisser Rhythmus zwischen laut und leise, zwischen Tempo und Ruhe hätte dem Ganzen noch mehr Überzeugungskraft verliehen. Der Capitano war überhaupt immer am Brüllen, und der Mosca mimte sich durch die Szenerie, als wäre er der Moretti. Aber angesichts der Schnörkellosigkeit der Erzählweise und des lustvollen Ensemblespiels zerbröseln diese Einwände.
Grosser Nachteil: Das Stück ist bereits abgespielt. Übrig bleibt die Empfehlung, gut darauf zu achten, was sich hier in der oberen Wiedner Hauptstrasse (Hausnummer 106) auch künftig so tut.
Liliom
Eigentlich mag ich das Stück nicht besonders. Da erbauen sich (ursprünglich: kakanische) Intellektuelle am traurigen Schicksal von ein paar armen Teufeln. Kolonialismus im eigenen Land. Es ist sicher kein Zufall, dass die Erzählung vom Hutschenschleuderer, der die Menschen, die er liebt, auch brutal schlägt, schlagen muss, dass diese Erzählung in fast jedem Land, in dem sie inszeniert wird, auf dem der dortigen Bevölkerung vertrauten Rummelplatz angesiedelt ist, vom Budapester Stadtwäldchen über den Wiener Prater bis hin zum grossen amerikanischen Carousel-Paradies. Die Frau, die geschlagen wird und behauptet, es tue nicht weh, weil sie die Liebe dahinter spürt. Und dann dieses pseudoreligiöse Schwänzchen mit himmlischem Gericht und Sühne! Und zuguterletzt die Tochter, die, ganz die Mutter, ebenfalls von den Schlägen nichts spürt. Woraus der p.t. Zuschauer lernen kann: Wenn mir mal die Hand ausrutscht, kann das nicht so schlimm sein, und die geschlagene Frau ist selber schuld, wenn sie die Liebe der Hiebe nicht spürt. Na toll.
Und dann gerät man in diese neue Aufführung an der Burg. Inszeniert hat Philipp Stölzl, das ist der, der diesen Sommer in Bregenz den «Freischütz» in den Schnee gesetzt hat. Hier: Kein Rummelplatz, kein Praterkolorit, nur ganz zum Schluss ein Filmzitat auf einem Leintuch an einer Wäscheleine. Alle agieren auf einer Gstätten im Irgendwo, und sie agieren grossartig. Wie etwa Freund Hugo (Stefko Hanushevsky) die Geliebte Julie (Maresi Riegner) über den Tod ihres Lilioms trösten will und sich dabei immer hoffnungsloser im Dickicht gut gemeinter Belanglosigkeiten verheddert, das muss man einfach gesehen haben. Überhaupt Maresi Riegners Julie. Sie schluckt und schluckt, verteidigt ihren Geliebten bei allen Fährnissen, aber wie er tot daliegt, bricht alles Elend aus ihr heraus, und sie tritt ihn und tritt und kann gar nicht mehr aufhören – grosses, glaubwürdiges Theater.
Und schliesslich Stefanie Reinsperger. Als Liliom. Den Einfall, den Liliom von einer Frau spielen zu lassen, halte ich nicht für zwingend, die Idee, ihn mit Stefanie Reinsperger zu besetzen, aber schon. Die Frau ist eine Wucht. Sie gibt einfach alles, und je länger sie spielt, desto mehr vergisst man, ob da eine Frau oder ein Mann oder was immer – hier steht ganz einfach ein Mensch, der leidet und Leid zufügt. Und dann, fast zum Schluss, die Szene, wo er nach sechzehn Jahren noch einmal auf die Erde zurückdarf, um sein mittlerweile gross gewordenes Kind Luisa (Fabia Matuscheck) zu sehen. Er will ihm einen Kartentrick zeigen und wird von ihm zurückgewiesen. Immer verzweifelter, immer hoffnungsloser steigert er sich in seinen Trick, bis ihm halt wieder die Hand ausrutscht. Aber es kommt weder zum Schlag noch zur Erklärung, dass das nicht weh getan habe. Julie tritt dazwischen und beendet die Szene. Mit diesem kleinen, brillanten Schwenker ist Molnars «Liliom» im Heute angekommen. Aber diese ganze Sequenz, die Verzweiflung Lilioms, das eher erstaunte Unverständnis Luisas, die Entschlossenheit Julies, so etwas nicht mehr zuzulassen – ich bin jetzt seit 65 Jahren interessierter Theaterbesucher, aber ich kann mich nicht erinnern, so eine himmelschreiende, abgrundtiefe Verzweiflung auf einer Bühne gesehen zu haben. — Sonntag, 12. 19:00, Donnerstag, 16. 18:45 (online), Freitag, 24. 19:30
Anekdote.
Sie hat zwar weder mit «Hamlet» noch mit dem «Sommernachtstraum» zu tun, wohl aber mit «Liliom» und mit Schauspiel-Engagements. Ein lieber, längst verstorbener Salzburger Freund, Walter Svarowsy, Schauspieler mit eher überschaubarer Karriere, wurde einmal vom damaligen Intendanten des Schiller-Theaters als Einspringer für die Rolle des Liliom nach Berlin geholt. Nach Beendigung des Gastspiels fragte ihn der Intendant, ob er an einer Festanstellung interessiert wäre und was er sich für diesen Fall als Gage vorstellen würde.
Walter nannte eine exorbitante Summe.
Der Intendant: «Unsere Höchstgage beträgt ungefähr die Hälfte dessen, was Sie da fordern. Wie kommen Sie überhaupt auf diese Summe?»
Walter: «Schauen Sie, ich bin ein so schwacher Schauspieler, dass ich nur etwa alle zwei Jahre zu einem Engagement komme. Und wovon bitte soll ich in der Zwischenzeit leben?»
Der Intendant grinste. «Sagen Sie doch gleich, sie sind nicht interessiert.»
«So kann man’s auch sagen», meinte Walter, setzte sich in seinen alten VW und fuhr zurück nach Salzburg.
Zum Schluss
Erst jetzt erreichte mich die Nachricht, dass Julia Reichert gestorben ist. Sie war Gründerin und jahrelange Leiterin des Kabinetttheaters in der Porzellangasse. Sie arbeitete, probte, inszenierte, spielte und wohnte in den Räumlichkeiten dieses kleinen, aber feinen Theaters in einem Fabrik-Hinterhof. Als Zuschauerin war man im wahrsten Sinn des Wortes bei ihr auf Besuch. Die Spezialität des Theaters waren Minidramen, gespielt mit Puppen, Gegenständen und Menschen. Bekannte Autoren wie H.C. Artmann, Margret Kreidl, Walter Kofler, Ferdinand Schmatz schrieben solche für sie. Nach der Vorstellung sass oder stand man herum, kaufte sich ein Glas Wein, schmierte sich ein Butterbrot und redete, bis sie am späteren Abend die Besucher bat, jetzt heimzugehen, weil, sie wohne ja hier und möchte auch schlafen.
Jahrelang führte sie so mit einem Trupp junger Menschen das Theater, mit keiner oder kleiner finanzieller Unterstützung.
Sie war ein lieber, grosszügiger, humorvoller, ideenreicher Mensch. Ende Oktober erlag sie einer mühsamen Krebserkrankung. Auf ihren Wunsch geht aber das Theater weiter.* Im neuen Jahr wird unter anderem Dürrenmatts «Romulus der Grosse» gegeben. Ciao, liebe Julia, und alles Gute Deinen nachspielenden Theaterverrückten!
* http://www.kabinetttheater.at/images/pdf/2025_VORSCHAU_ttt.pdf






