FORVM, WWW-Ausgabe
Februar
2025

Wiener Theaterbummel

Wiener Volksoper, gescheit vergnüglich

Jürg Jegge

Zunächst ein Bisschen Operettentheorie. Zwischen Operette und Operette ist ein Unterschied wie zwischen Ambros und Gabalier. Da gibt es die aufmüpfigen, ironisch frechen Stücke, etwa von Offenbach. Oder die «Fledermaus». In diesem vielleicht populärsten Werk der Gattung wird eine Gesellschaft vorgeführt, in der jeder jeden belügt und betrügt, und jeder weiss, dass der oder die andere ebenfalls lügt, aber so spielt, als wäre es Wahrheit. Daneben gibt es aber auch das Gegenteilige, Stücke, die nichts in Frage stellen, sondern lediglich die Vorurteile und Klischees des damaligen kleinbügerlichen Publikums bedienen. Zum Beispiel und zum Ärger der Straussfans, der «Zigeunerbaron». Da wird grossartige Musik unterfüttert mit einer «lustigen» Geschichte voller Patriotismus, k.u.k. Kriegsbesoffenheit, gezähmten Zigeunern und begeisterten Untertanen.

Annette Dasch (Wirtin), Robert Palfrader (Der Kaiser)
© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dieses Bisschen war notwendig, weil es hier um das «Weisse Rössl» geht. Denn da stösst man nicht nur auf eine, sondern gleich auf beide Tendenzen. Da lachen die Österreicher über die dummen Deutschen und die Deutschen über die dummen Österreicher. Und alle miteinander amüsieren sich über den Sprachfehler eines Mädchens. Aber andererseits wird die heile Welt des Salzkammerguts ganz ordentlich ironisiert. Und die vermurkste Liebesgeschichte zwischen der Rösselwirtin und ihrem Oberkellner wird schliesslich durch den Kaiser höchstpersönlich entmurkst. Kraut und Rüben also, Gabalier und Ambros im Duett.

«Im weissen Rössl» in der Volksoper

Wie bringt man sowas auf die Bühne? Brav herunterspielen? Damit zementiert man nur die Klischees und bringt zudem das Feuilleton gegen sich auf. Ironisieren? Ironie ironisieren – eine schwierige, fast unmögliche Sache. Davon zeugen unzählige Verzweiflungstaten von Regisseuren. In der Volksoper hat man, scheint mir, einen gangbaren Weg gefunden. Inszeniert hat Jan Philipp Gloger, der Mann, der ab nächster Spielzeit das Volkstheater übernimmt. Wo die heile Welt besungen wird, verstärkt er die Ironie. Während die Touristen «Im Salzkammergut, da kammer gut lustig sein» trällern, wird hinter ihrem Rücken geputzt, werden die Betten gemacht, Abfall entsorgt. Gängige Klischees werden heruntergefahren. Das arme Klärchen (pfiffig: Julia Edtmeier) wird nicht mit Sprachfehler ausgestattet, sondern mit einem halt für viele unverständlichen schwäbischen Dialekt. Das verteilt sich besser. Und als Kaiser amtet Robert Palfrader, der Fernsehkaiser.

Palfrader ist zweifellos ein Atout der Aufführung. Er spielt nicht den Kaiser, er spielt den Palfrader, der den Kaiser spielt. In einer Szene bittet ihn der Urlauber Professor Hinzelmann (grossartig unpenetrant: Harald Schmidt) um ein Autogramm. Da steht dieser lange Lulatsch neben dem eher gedrungenen Palfrader und bemerkt erstaunt, im Fernsehen wirke Seine Kaiserlichkeit aber viel grösser. Und im Gespräch mit der Rösselwirtin (ebenso grossartig: Annette Dasch) erzählen sich Kaiser und Wirtin, wie sie sich immer wieder berufsbedingt verstellen müssten. Und wie ihnen beiden das zum Hals heraushänge. Schliesslich bittet die Wirtin um einen Eintrag in ihrem Album, worauf der Kaiser sehr schön zu Gehör bringt, was er gerade schreibt: «Schweige und begnüge dich, lächle und füge dich», doch Palfrader bemerkt daraufhin kopfschüttelnd: «So ein vertrottelter Text.»

Da ich mich darauf eingelassen habe, Namen der ProtagonistInnen zu bringen, wäre es höchst ungerecht, die andern Mitwirkenden nicht zu erwähnen: den Kellner Leopold (Jakob Semotan, kein Feschak, und eben deshalb glaubwürdig), den Fabrikanten Giesecke (in der von mir besuchten Vorstellung war das Einspringer Matthias Matschke, hervorragend grantelnd), Ottilie, seine Tochter (Nadja Mchantaf) und David Kerber (als Rechtsanwalt Dr. Siedler, beide zusammen schliesslich als Liebespaar), den schönen Schnösel Sigismund von Oliver Liebl, den schmalen, diensteifrigen Piccolo Christoph Stockers und Jennifer Pöll als Kathi. Erstaunliches leistet auch das (im Programmheft so betitelte) Ensemble, je nach Bedarf als Touris, Reiseleiter, Personal usw. unterwegs. Michael Brandstätter dirigiert mit Verve und Schmiss. Das klingt eher nach Berlin als nach Wien, aber das darf es auch. Schliesslich ist das Stück in Berliner Luft entstanden.

Meckmeck…

Zu meckern habe ich aber schon auch. Da muss gegen Schluss der Tricotagefabrikant Giesecke recht ausführlich einen Text des allzeit weisen Hans Magnus Enzensberger zitieren. Es geht, wer hätte das gedacht, um den Tourismus. Sehr schön, sehr kritisch und ziemlich daneben. Die Szene wird zum Tribunal, genauer: zum Volkshochschulkurs. Was dazu zu sagen ist, hat man ja eben gezeigt. Und was man nicht zeigen konnte, soll man nachträglich nicht predigen. Entschädigt wird man mit einer hübschen Schlusspointe. Die soll hier nicht verraten werden.

Die meisten Kritiken waren, wenn man so im Internet nachschaut, eher verhalten, die Begeisterung: endenwollend. Aber dem Publikum habe es gefallen,
sehr gefallen. Mir auch.