FORVM, Günther Anders-Archiv
Mai
2024

Woher die Monster kommen

F. C. hat Günther Anders: Wir Eichmannsöhne ins Portugiesische übersetzt,
mit einem Nachwort versehen und in Brasilien herausgegeben.
Für uns hat er sein Nachwort ins Deutsche übersetzt,
um es hier in beiden Sprachen zu präsentieren.

Das portugiesische Original des Nachworts findet sich dort:
De onde vêm os monstros

In einem Brief vom 12. Oktober 1965, in dem es um einen möglichen Besuch bei seinem Freund Günther Anders ging, schrieb Herbert Marcuse Folgendes:

Ich muss Sie sehen und mit Ihnen klagen – Ihnen auch nicht verhehlen, dass ich über Ihre „Eichmannsöhne“ wütend war. Das geht nicht. Wir können es uns nicht mehr leisten, goodie-goodies zu sein und an das Gefühl und den Verstand gefühls- und verstandloser Bestien zu appellieren. Da ist alles Argumentieren schon Kompromiss, ja Verrat an denen, die von den Bestien umgebracht worden sind – und die Eichmannsöhne werden es mit Begeisterung wieder tun, wenn sie die Chance bekommen (was wahrscheinlich ist). Sie sind ein kompromissloser Mensch – dafür habe ich Sie bewundert. Verschenken Sie sich nicht, indem Sie an die Henker Liebesbriefe schreiben … Günther: wir (Sie auch?) sind alt. Verwenden wir die Zeit, die wir noch haben, nicht mit tiefem und gütigem Verstehen für die, die mit dem Grauen im Bunde sind … Wofür wir unsere Zeit verwenden sollen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. [1]

Nós, filhos de Eichmann: carta aberta a Klaus Eichmann tradução e posfácio „De onde vêm os monstros“: Felipe Catalani. Editora Elefante: São Paulo 2023. 112 páginas

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der heutige Leser dieses offenen Briefes an den Sohn von Adolph Eichmann ein ähnliches Gefühl wie Marcuse hat: Anders’ Appell an den jungen Klaus Eichmann erscheint in der Tat an verschiedenen Stellen unangebracht. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass Anders zu dieser Zeit bereits mit einer anderen emblematischen Figur der Bestialität unserer Zeit korrespondiert hatte – oder der Monstrosität, wie er zu sagen pflegt –, nämlich mit Claude Eatherly, einem der US-amerikanischen Piloten, die an der Mission zum Abwurf einer Atombombe auf die Stadt Hiroshima beteiligt waren und der damals relativ berühmt für seine psychische „Krankheit“ wurde, die ihn dazu veranlasste, kleine Diebstähle und Raubüberfälle zu begehen, um bestraft zu werden, während er gleichzeitig zum Nationalhelden erhoben wurde, so dass seine (wirkliche) Schuld als pathologischer Fall von guilt complex behandelt wurde – wir sollten uns daran erinnern, dass insbesondere in den USA jede Kritik an Atomwaffen als Angriff auf die nationale Sicherheit gewertet wurde (und wird). Es war sein Verhängnis, in einem überwachten psychiatrischen Militärkrankenhaus interniert zu sein, und damit verbot man ihm die Erfahrung von Schuld und Reue – was wiederum mit der Einsicht in die Ungeheuerlichkeit der Tat, an der er beteiligt war, verbunden war. Erst in der Korrespondenz mit Günther Anders, der ihm seine Gebote für das Atomzeitalter geschickt hatte und der ihm schrieb: „Weiter bleiben Sie dazu verurteilt, als krank zu gelten, statt als schuldig“, [2] fand er jemanden, der seine Schuld, d.h. seine Verantwortung anerkannte – etwas, das es dem ehemaligen Piloten ermöglichte, sich klinisch zu erholen und sich dann gegen das zu engagieren, woran er teilgenommen hatte, nämlich den nuklearen Völkermord, dessen Bedrohung der Wiederholung seit 1945 fortdauert.

Wenn Anders in Eatherly eine „Gegenfigur zu Eichmann“ [3] sieht (obwohl beide in ihren Taten Zwillingsfiguren sind), dann deshalb, weil der Autor der Antiquiertheit des Menschen trotz seines „Katastrophismus“ einen Horizont in Bezug auf die „Plastizität der Gefühle“ des Menschen pflegt, an den er die menschliche Vorstellungskraft knüpft – die zur Zeit der „prometheischen Gefälle“ hinter dem zurückblieb, was der Mensch hervorbringen kann, d.h. seiner technischen Fähigkeit. So sehr, dass es technisch möglich wurde, Hunderttausende von Menschen zu ermorden, obwohl gerade diese Tat die menschliche Phantasie übersteigt – und gerade weil solche Taten die menschliche Phantasie übersteigen, werden sie möglich, und nicht trotz dieser Diskrepanz zwischen Handeln und Vorstellen: das ist der enge Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Barbarei von Auschwitz und Hiroshima und dem Punkt, den der Zivilisationsprozess der kapitalistischen Moderne erreicht hat. [4] Wenn es jedoch so etwas wie einen „Humanismus“ (wir verwenden den Begriff trotz der Verwirrungen, die er hervorrufen kann) bei dem Autor gibt, der überall „Antiquiertheiten“ sah, so war dies mit der Veränderbarkeit des Menschen verbunden, mit anderen Worten, mit seinem unbestimmten Charakter – genau wie in Brechts Leitmotiv, der gegen jede Naturalisierungen der menschlichen Laster war. [5] In dieser Spannung zwischen dem Pessimismus der Intelligenz und dem Optimismus der Praxis sah Ludger Lütkehaus in Anders „diesen Doppelcharakter von ontologisch-axiologischem Nihilisten und rigorosestem Anti-Nihilisten in seinem Engagement“. [6]

Zurück zum Brief von Marcuse. Zu seinem Freund in Kalifornien sagt Anders, es sei ein großes „Missverständnis“:

„Dieses Missverständnis rührt ausschließlich daher, dass wir in zwei ganz verschiedenen Welten leben (ich z. B. in einer völlig judenlosen) und zu ganz verschiedenen Publikümern sprechen. Kein Mensch hier in Europa wäre auf den Gedanken gekommen, meine Eichmannsöhne als goodie goodiehaft aufzufassen, im Gegenteil, ich bin berüchtigt als rachsüchtig – so verschieden können identische Texte in verschiedenen Milieus wirken. Dazu kommt, dass der Brief ja nur zum Schein an Eichmanns Sohn gerichtet war, dass ich die Bestialität als die heutige Situation hinstelle.“ [7]

Wenn die Briefform für Anders eine sehr wichtige literarische Gattung war, dann deshalb, weil er buchstäblich den adressierten Text par excellence darstellt. In diesem kurzen Buch gibt es eine ständige Interpellation an den Leser und die Verwendung des Pronomens „wir“. Aber (und das gilt auch für die Korrespondenz mit Eatherly) die Adressaten sind auch die allgemeine Öffentlichkeit. Und wie Anders oft betont, sind seine Gesprächspartner keine Philosophieprofessoren und Studenten, sondern ein Publikum, das so vielfältig ist wie die Anti-Atomkraft-Bewegung selbst, zu der „Ärztinnen aus Indonesien, protestantische Theologen aus Deutschland und Amerika, Gewerkschafter aus Indien, buddhistische Priester aus Japan, Kernwissenschaftler aus den diversesten Ländern und Studenten aus Afrika“ [8] gehören. So kann Wir Eichmannsöhne auch als eine zusammengefasste Version einiger seiner Hauptthesen gelesen werden, die er in anderen, umfangreicheren Werken entwickelt hat.

Marcuses Verärgerung liegt vielleicht vor allem darin, dass der Text den Eindruck erweckt, Anders würde Eichmann fast entlasten. Dieser Gefahr bewusst, legt der Autor Wert darauf, zu erklären, wovon er spricht, und schreibt deshalb an Klaus: „Ich fürchte, dass Sie meine Argumente als Entlastung Ihres Vaters begrüßen“, und warnt zugleich: „Kein schlimmeres Missverständnis wäre denkbar“. [9] Warum aber kann man beim Lesen dieses Textes diesen (falschen) Eindruck gewinnen? Weil sich die Spannung zwischen individueller Schuld (Verantwortung) für ein monströses Verbrechen und dem sozialsystemischen (also unpersönlichen) Charakter desselben Verbrechens durch diesen offenen Brief an Klaus Eichmann zieht – und generell durch alle Arbeiten Anders’, die sich dem widmen, was wir den Strukturwandel des Konformismus nennen können. Aber wenn wir hier von „Konformismus“ sprechen, sollten wir nicht das traditionelle Bild des Kontemplativen im Gegensatz zum Handelnden vor Augen haben, oder den bequem im Sessel sitzenden Bourgeois, der eines Romans von Zola oder Balzac würdig ist. Vielmehr geht es um die Situation, in der (wie Anders in seinem Essay über Becketts Warten auf Godot schreibt) „das Tun zu einer Variante der Passivität geworden ist“. [10] Mit anderen Worten: Es geht darum, zu erkennen, wie diese neue menschliche Form der Tätigkeit funktioniert, die Aktion und Arbeit vermischt und nichts weniger als „die größten Drecksarbeiten der Geschichte“ [11] ermöglicht hat.

In dieser Situation scheint die „Bosheit“ (die so etwas wie individuelle Schuld ermöglichte), nachdem es zu einem System geworden ist, einer anderen Zeit anzugehören. Deshalb sagte Hannah Arendt auch, es sei unangemessen zu sagen, Eichmann sei ein „grausamer“ Mensch gewesen. Die Erkenntnis dieses Phänomens war auch der Frankfurter Schule nicht fremd: Adorno betonte in einer Vorlesung über Moralphilosophie, dass es, wie Horkheimer formulierte, „keine guten oder schlechten Menschen mehr gibt. Die objektiven Möglichkeiten der moralischen Entscheidung sind geschrumpft“ [12] – was letztlich die Antiquiertheit der Moralphilosophie selbst implizierte. Obwohl Kants Ambitionen in seiner Kritik der praktischen Vernunft eher normativ als deskriptiv waren, war zu diesem Zeitpunkt im 20. Jahrhundert zu beobachten, dass die materiellen und sozialen Voraussetzungen der moralischen Autonomie als Leitfaden für das Handeln verschwanden, d. h. das Wort „Individuum“ in seinem eigentlichen modernen Sinn schien sich auf nichts mehr zu beziehen. Diese brutale Reduktion des Individuums auf seine soziale Funktion hatte auch Kafka gespürt, der, das kommende Jahrhundert vorwegnehmend, es einer der Figuren in Der Prozess in den Mund legte: „Ich bin zum Prügler angestellt, also prügle ich.“ [13]

Die Frage, die Anders’ Untersuchung leitet, ließe sich also in Begriffe übersetzen, die nicht die des Autors sind: Was bildet die Subjekte der subjektlosen Herrschaft? Was sind die Mutationen der Seele in diesem „aktiv-passiv-neutralen Mit-Tun“, das durch ein „medial-konformistisches Prinzip [14] funktioniert? Weit davon entfernt, die Verantwortung der Individuen, die an den größten Gräueltaten des 20. Jahrhunderts beteiligt waren, einfach auflösen zu wollen, will Anders zeigen, dass Eichmann in gewisser Weise die Spitze des Eisbergs eines enormen Systems der Kollaboration ist, in das sich die moderne Gesellschaft verwandelt hat. Das Problem ist nicht nur, dass sich die Menschen an dem Grauen „die Hände schmutzig machen“, sondern auch, dass sie dies tun, während sie „unschuldig“ bleiben, weil sie aufgrund der unendlichen Vermittelbarkeit sozialer Prozesse psychologisch nicht mehr in der Lage sind, das Ergebnis einer Handlung als „das ihre“ zu erkennen. Deshalb ist die „Einsicht in das schuldlose Schuldigwerden, in die Indirektheit der heutigen Verstrickung, die entscheidende, die unentbehrliche Einsicht unseres Zeitalters.“ [15] Dieser Brief an Klaus Eichmann ist sicherlich ein Beitrag zu dieser Einsicht, die, wie sein Freund Herbert sagen würde, den Moment der „Großen Verweigerung“ vor Augen hat.

[1Brief von Herbert Marcuse an Günther Anders, 12.10.1965 in: Günther Anders, Gut dass wir einmal die hot potatoes ausgraben. Briefwechsel mit Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Helmuth Plessner. [Hsg. Kerstin Putz und Reinhard Ellensohn]. München: Beck, 2022, S. 113–114.

[2Günther Anders, „Off limits für das Gewissen: Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly“ in: Hiroshima ist überall, München: Beck, 1995, S. 212.

[3Ebd., S. XIX.

[4Obwohl Anders das Problem der „Diskrepanz“ zum Fluchtpunkt seines Gesamtwerks erhoben hat, ist dieses Phänomen etwas, das von verschiedenen Autoren der Periode identifiziert wurde: etwas, das zum Beispiel sowohl in Walter Benjamins Kommentaren zu den chemischen Waffen im Ersten Weltkrieg als auch in Hannah Arendts Analyse in Eichmann in Jerusalem vorhanden ist – sogar in ihrer Vita activa gibt es Aussagen, die der Diagnose in Die Antiquiertheit des Menschen sehr nahe kommen (wie wir in Briefen lesen, hatte Arendt mit Begeisterung Anders’ Essay über die Atombombe gelesen). Würde man Anders’ und Arendts Analysen des „Eichmann-Phänomens“ genauer vergleichen, so würde man sofort erkennen, dass es eine Analogie zwischen dem gibt, was Anders „Vorstellung“ nennt, und dem, was Arendt „Denken“ nennt. Auf jeden Fall ist auch für Arendt die „Diskrepanz“ bei Adolph Eichmann eklatant: An seiner verkümmerten Sprache (selbst zum Zeitpunkt seines Todes konnte er nur in Klischees sprechen) erkennt man seine Unfähigkeit zu denken, die weit hinter dem zurückblieb, was er tat.

[5Das „Entsetzlichste“ war in den Augen Brechts „das sich gleich Bleibende“ und „die Veränderbarkeit von Mensch und Welt“ war „die Grundthese seines Lebens“. Günther Anders, Mensch ohne Welt: Schriften zur Kunst und Literatur. München: Beck, 1993, S. 162.

[6Lütkehaus, Ludger. Schwarze Ontologie: Über Günther Anders [Ontologia sombria: sobre Günther Anders]. Lüneberg: zu Klampen, 2002, S. viii.

[7Brief von Günther Anders an Herbert Marcuse, 18.10.1965 in Günther Anders, Gut dass wir einmal die hot potatoes ausgraben, op. cit., S. 114.

[8Anders, Günther. Die atomare Drohung. München: Beck, 2003, S. 53.

[9Günther Anders, Wir Eichmannsöhne. München: Beck, S. 22.

[10Anders, Günther. Die Antiquiertheit des Menschen I. München: Beck, 2010, S. 218.

[11Paulo Arantes hat eine vertiefte Untersuchung des Begriffs der „Dreckarbeit“ durchgeführt, in der er auch in einen Dialog mit Hannah Arendt und Christophe Dejours tritt. Arantes, Paulo. „Sale boulot“. In: Arantes, Paulo. O novo tempo do mundo. São Paulo: Boitempo, 2014.

[12T. W. Adorno, „Probleme der Moralphilosophie (Vorlesungen)“, 22 dez. 1956. Theodor W. Adorno-Archiv.

[13Zitiert nach Günther Anders, Mensch ohne Welt, op. cit., S. 78.

[14Anders, Günther. Die Antiquiertheit des Menschen I, op. cit., S. 288.

[15Anders, Günther. Hiroshima ist überall, op. cit., S. xviii.