Zum Tod von Ernest Mandel*
Ernest Mandel starb am 20. Juli im Alter von 73 Jahren in Brüssel an Herzversagen.
Er nahm noch am 14. Weltkongreß der 4. Internationale teil, beteiligte sich an den Diskussionen und referierte selbst vor dem Kongreß.
Mandel war seit 1946 gewähltes führendes Mitglied der 4. Internationale, der er einen wesentlichen Teil seines politischen Lebens als Trotzkist, Revolutionär und marxistischer Wissenschaftler gewidmet hatte.
Ernest Mandel wurde 1923 in Frankfurt/Main geboren, er mußte in früher Jugend mit seiner Familie vor der Nazidiktatur nach Belgien emigrieren. Er war schon in früher Jugend im Widerstand und in der trotzkistischen Bewegung tätig. In Antwerpen wurde er von den Nazibehörden verhaftet. Mehrere Gefängnisse und das KZ Buchenwald hat er überlebt.
Sofort nach Kriegsende nahm er seine politische Tätigkeit in der 1938 von Leo Trotzki gegründeten 4. Internationale auf. In Brüssel lehrte er an der Université Libre. Nach Deutschland durfte er erst 1972 — und da nur unter strengen Auflagen — zur Verteidigung seiner Dissertation nach Berlin an die Freie Universität einreisen. Es war ihm aber verboten, den Geltungsbereich des Grundgesetzes, die damalige Bundesrepublik, zu betreten. War es die bürgerlich-konservative Angst vor dem scharfen Kritiker des Kapitalismus und Imperialismus, die trotz allen Reichtums in den fortgeschrittenen Ländern des Westens soviel Elend und Not über zwei Drittel der Menschheit brachten.
So wurde über Ernest Mandel viele Jahre lang Einreiseverbot in die USA, die Schweiz, Frankreich, Australien und besonders gründlich in die Bundesrepublik Deutschland verhängt.
Ernest Mandel hat aber nicht nur den Kapitalismus kritisiert, er war auch — in der Tradition Leo Trotzkis — einer der schärfsten Kritiker des Stalinismus. Seine Kritik bezog sich nicht nur auf die bürokratische Schreckensherrschaft Stalins, er bezog in seine Kritik auch die nachstalinistische Periode der Erstarrung und Stagnation des Systems ein.
Für die StalinistInnen in Ost und West war Ernest Mandel nichts weiter als ein „exponierter Politökonom des Linksradikalismus der Gegenwart“.
In seinem Buch „Das Gorbatschow-Experiment — Ziele und Widersprüche“, sah er in Glasnost und Perestroika noch die Hoffnung auf eine politische Revolution gegen die Bürokratie, die von der ArbeiterInnenklasse ausgelöst werden könnte. Gorbatschows Experiment analysierte Mandel als Ergebnis des Widerspruchs zwischen den progressiven Kräften und den konservativen Strukturen der Sowjet-Gesellschaft. Gorbatschow ist gescheitert. Die politische Revolution kam nicht zustande. Die kapitalistische Restauration hat begonnen. Der Jelzinismus ist die konterrevolutionäre Machtergreifung des korruptesten Teils der Bürokratie, eine neue Form bonapartistischer Herrschaft.
Ernest Mandel war kein Dogmatiker, er war auch kein Apologet eines „reinen Trotzkismus“. Für ihn war wesentlich, die Lehren von Marx und Engels auf die Gegenwart anzuwenden. Er hat unter anderem den Begriff des „Spätkapitalismus“ geprägt, in dessen Epoche ein ökonomischer Druck zur Beschleunigung der technologischen Erneuerung entsteht. (Es sei hier nur an die auf die Überproduktion an Konsumgütern auf dem Gebiet der Elektronik und der Unterhaltungsindustrie verwiesen, die zu einem verstärkten Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt führt und die Widersprüche des Kapitalismus auf Weltmaßstab verschärft.) Wir erleben — nach dem Zusammenbruch der osteuropäischen nachstalinistischen Staaten — nicht das Ende der Geschichte und das Entstehen einer neuen Weltordnung, sondern im Gegenteil neue Krisen, Massenarbeitslosigkeit und verheerende Kriege.
Das unterscheidet auch „den Trotzkismus“ von allen anderen Antistalinismen; der Trotzkismus — besser: revolutionäre Marxismus — hat als Ziel die Überwindung des Kapitalismus, die Errichtung einer Gesellschaft ohne Unterdrückung durch eine privilegierte Klasse oder Schicht, in der die Gleichheit aller möglich ist. Erst in dieser Gesellschaft wird bewußtes soziales, ökonomisches und ökologisches Handeln möglich sein.
„Durch die Anerkennung, die ihm geistig offene Fachleute zollten, auf jedem Gebiet, in dem er sich zu Wort meldete“ (»Frankfurter Rundschau« 22. Juli 1995, Nachruf auf Ernest Mandel), schlugen ihm andererseits Ignoranz und offener Haß entgegen. Das war auch in öffentlichen Diskussionen im Fernsehen zu beobachten. Den beschönigenden Worten seiner bürgerlichen Kritiker, Apologeten des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie, wie dem deutschen Historiker Michael Stürmer oder dem französischen Politologen Alfred Grosser hielt er offen die Widersprüche des kapitalistischen Systems entgegen. Ernest Mandel trat kompromißlos gegen die Ausbeutung der ehemaligen Kolonien, gegen Imperialismus und rassistische Unterdrückung in der Welt mit den scharfen Argumenten des Wissenschaftlers und Revolutionärs auf.
Eine ganze Generation der studentischen Jugend, viele hellhörige Intellektuelle — besonders nach 1968 — haben aus Mandels Schriften gelernt und aus seinen Diskussionsbeiträgen neue Erfahrungen und Kenntnisse geschöpft. Ernest Mandel hat unzählige Diskussionen in Universitätenshörsälen geführt, auch in Wien war er kein Unbekannter.
Mit dem Tode von Genossen Ernest Mandel ist ein Leben voll wissenschaftlicher Arbeit und unermüdlichen politischen Kampfes zu Ende gegangen.
*) Dieser Artikel stammt aus: »Die Linke« 2.8.1995. Wir danken für die Nachdruckerlaubnis.


