radiX, Aussendungen
Juni
2002
Zeev Sternhell:

Faschistische Ideologie

Diese Woche ist erstmals eine deutsche Übersetzung von Zeev Sternhells Arbeit über die faschistische Ideologie erschienen, die 1976 zum ersten mal auf Englisch herausgekommen ist. Der emeritierte Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Autor von „Maurice Barres et le nationalisme francais“ (1972), „Ni droite, ni gauche. L’ideologie fasciste en France“ (1983 und „Die Entstehung der faschistischen Ideologie“ (1999) beschäftigt sich dabei bewußt nur mit der Ideologie des Faschismus und nicht mit dem Faschismus als Herrschaftssystem. Auch der deutsche und österreichische Nationasozialismus wird nur am Rande gestreift, da Sternhell diesen für eine Sonderform des Faschismus hält, die nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ etwas eigenes darstellt.

Im Mittelpunkt von Sternhells Untersuchung steht somit der italienische und französische Faschismus und seine rechten wie linken Wurzeln. Insbesondere legt er ein Augenmerk auf die Rolle von (ehemaligen) Radikalen Sozialisten und Anarchosyndikalisten in der Entstehung der faschistischen Ideologie, die er nicht nur einfach als Produkt der Rechten betrachtet, sondern in ihrer antibürgerlichen, antiparlamentarischen und antiliberalen Ausrichtung auch mit Elementen der radikalen Linken verbindet. Ohne den Beitrag den ehemalige Sozialisten wie Mussolini oder ehemalige Anarchosyndikalisten wie Georges Sorel oder Roberto Michels — die ohne Umweg über die „politische Mitte“ von der radikalen Linken zur radikalen Rechten wanderten — zum Entstehen des Faschismus geleistet haben, wäre nach Sternhell das Neue an der faschistischen Ideologie genau so wenig denkbar, wie seine Faszination bei den ArbeiterInnen und „kleinen Leuten“.

Der „revolutionäre“ Faschismus speiste sich nach Sternhell auch aus Elementen der Radikalen Linken und sah das Revolutionäre Subjekt nur nicht mehr im Proletariat, sondern in der Nation, sah die Welt in einem globalen Kampf zwischen „proletarischen Nationen“ und „bourgeoisen Nationen“ und sah in der Expansion Italiens einen „Kolonialismus einer proletarischen Nation“.

Wie kurz der Weg von der radikalen Linken zum Faschismus war, ist erschreckend, hat aber leider nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Gerade für aktuelle Diskussionen über den Antisemitismus in der Linken, den Antiimperialismus oder die verkürzte Kapitalismuskritik der Antiglobalisierungsbewegung ist die Debatte um den linken Anteil an der Entstehung des historischen Faschismus unumgänglich. Das Buch von Sternhell ist insofern auf für all jene Pflichtlektüre, die seiner Analyse nicht in jedem Detail zustimmen, aber in eine Diskussion über die Ideologie des Faschismus einsteigen wollen und sich nicht mit einer Domitroffschen Le(h)rformel begnügen.

Faschistische Ideologie
Eine Einführung

Berlin, 2002. 128 S.
Verbrecher Verlag
Politisches Buch
ISBN-Nr. 393584302X

Preis: EUR 12,30

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