Queers for Palestine – Ein Versuch ein Paradoxon zu Begreifen
Die grausame Enthauptung Ahmad Abu Murchijehs, von seinen Mördern live gestreamt, ehe sie seine Leiche in der Nähe des Hauses seiner Familie ablegten, demonstrierte einige der Methoden, die genau ein Jahr und einen Tag später im Pogrom des 7. Oktober gegen die israelische Bevölkerung gerichtet wurden. Abu Murchijeh wurde zum Opfer dieses Verbrechens allein weil er schwul war. Das geschah nicht in Gaza, sondern in der Stadt Hebron, unter dem angeblich so viel liberaleren Patronat der Palästinensischen Autonomiebehörde (PLO), von der manche jetzt hoffen, dass sie auch im Gaza-Streifen die Macht übernimmt. Abu Murchijeh floh zwei Jahre zuvor nach Israel, um sein Leben zu retten, und wartete zum Zeitpunkt seiner Ermordung auf seinen Asylbescheid. Unklar ist bis heute, ob er vor seiner Ermordung aus Israel entführt und nach Hebron verschleppt wurde, ob er unter falschen Versprechungen von Aussöhnung dorthin gelockt wurde, oder ob er sich freiwillig inkognito dort aufhielt, um Vertraute zu besuchen.
Während es in allen Zeiten Gender, Sexualitäten und Beziehungsmodelle außerhalb der dominanten Norm der cis-hetero-monogamen romantischen Zweierbeziehung gab, ist unserer Zeit die Konstruktion von Queerness als Identität eigen. Diese Form von Queerness existiert nur in Negativität zu der abgelehnten Norm. Mit den zunehmend hohen Raten queerer Selbstidentifikation in jüngeren Generationen ist derzeit allerdings eine Lockerung dieser repressiven Norm zu beobachten und damit auch eine langsame Bewegung hin zu einem Zustand vor der Erschaffung von Queerness als Kategorie, in der Sexualität und Gender nicht als Identität festgeschrieben waren und somit fluider sein konnten, ohne das Ego in Frage zu stellen. Die Auflösung der Norm bedingt die Abschaffung ihrer Negation in Queerness, also einen drohenden Identitätsverlust in der Erfüllung des eigenen politischen Programms. Mit Jaques Lacan gesprochen, stehen hier ausgegebenes Ziel (Sturz der Norm) und wahrhaftiger Zweck (Erhaltung der queeren Identität) einander gegenüber. Das geheime Begehren ist daher nicht eine Veränderung der Verhältnisse und Normen, sondern die Performance ihrer Subversion.
Queerness als Identität bedeutet auch, dass sie nicht etwas eigenes ist, sondern eben etwas, mit dem man sich selbst identifiziert. Queerness wird dadurch, im Sinne Melanie Kleins, zu einem internen Objekt, zu einem internalisierten Anderen. Judith Butlers performative Auffassung von Queerness, also etwas, das man tut, steht dem nur auf dem ersten Blick entgegen. Letztlich verlangt Queerness immer nach einer Abgrenzung zur wahrgenommenen Norm. Das ist es, was Julia Kristeva meint, wenn sie von Identitäten als Totalitarismus spricht. Als psychoanalytische Praktikerin ist sie der Überzeugung, dass das Individuum und seine Freiheit das Primat gegenüber der konstruierten Gruppe einnehmen müssen (wobei zu hinterfragen wäre, welche Glaubenssysteme neben der Psychoanalyse noch in diese Einschätzung hineinspielen). „Eine Gruppenidentität anzunehmen“, sagt sie, „führt in eine Sackgasse. Und jene, die die französische Philosophie als Aufforderung dazu interpretiert haben, liegen damit komplett falsch.“
In einer gewagten Rochade übertragen nun manche Proponentïnnen der Queer-Theory die Abjektifikation, also die Verächtlichmachung, des queeren Körpers, von Judith Butler in Bodies that Matter ausführlich dargelegt, auf den palästinensischen Körper. Hier wird eine Projektion des eigenen (queeren) Anderen auf das fremde (palästinensische) Andere vollzogen. Tatsächlich beschreibt Kristeva in ihrem Standardwerk zu Abjektifikation, Pouvoirs de l’horreur, diese als Reaktion auf die Gefahr eines Zusammenbruchs der Symbolischen Ordnung im Sinne Lacans, durch den Verlust der Möglichkeit der Abgrenzung zwischen dem Selbst und dem Anderen. Schließlich ist Abjektifikation das vielleicht radikalste Begehren nach Abgrenzung, also dem Etablieren einer In-Group und einer Out-Group.
Der Politikwissenschaftler und Westasien-Experte Hanns W. Maull ortet hier eine „Neuauflage orientalistischen Denkens“. Maull meint damit in erster Linie eine kulturrelativistische Extremposition, die es erlaubt, über die sexualisierte Gewalt des 7. Oktober hinwegzusehen, tatsächlich aber geht die Problematik noch tiefer, denn die Identifikation des abjektifizierten Körpers als palästinensisch ist keineswegs zwingend und wird karikiert von der Lebensrealität queerer Palästinenserïnnen, deren Leben, in Gaza und im Westjordanland wie jüdisches bedroht wird, weil sie queer sind. Dass diese Identifikation dennoch unhinterfragt so vollzogen wird, wurde lange in erster Linie durch ein wahrgenommenes Machtgefälle zwischen Israelïnnen und Palästienserïnnen legitimiert, in dem die palästinensische Position als die unterlegene identifiziert wurde. Zeitgenössischer ist die Erklärung der jüdischen Israelïnnen zu „weißen Kolonisatorïnnen“. Könnte man die ältere Deutung – sofern man diese auf die Palästinenserïnnen beschränkt und andere Staaten, die in ihrem Namen Krieg gegen Israel führen und geführt haben, ausblendet – noch mit realer militärischer Macht argumentieren, wird dem eigentlichen Kern dieser Annahme in seiner zeitgenössischen Deutung der Schleier entzogen.
Jüdische Israelïnnen werden nicht als indigen angesehen und der Zionismus wird nicht als die nationale Befreiungsbestrebung erkannt, die sie ist, würde das den Zionismus doch mit anderen dekolonialen Projekten in Verbindung bringen. Diese Möglichkeit dekolonialer Solidarität würde das manichäische Weltbild, das dem Antisemitismus inhärent ist, sprengen. So werden Jüdïnnen zu Internationalïstinnen, denen die nationale Selbstbestimmung verwehrt wird. In der philosemitischen Deutung wird daraus gelegentlich eine Avantgarde, welche die Überwindung des Nationalstaats präfigurieren soll. Dieser Antizionismus strotzt vor nur leicht verhüllten Tropen klassischen Antisemitismus. In ihm bilden Jüdïnnen ein mächtiges, parasitäres, wucherndes Kabal der Unterdrückung, von dem sich die palästinensische Bevölkerung befreien muss.
Dass sich diese Position auch in linken Kreisen so verfestigen konnte, lässt sich auf Bemühungen der Sowjet-Union zurückführen, der als autoritärer Imperial-Staat sehr daran gelegen war, die Deutungshoheit darüber zu haben, wer Unterdrücker, wer unterdrückt und wer Befreier war. Diese Haltung der Sowjet-Union geht zurück auf die Zeit Stalins, als Israel noch eine sozialistische Gesellschaft war, in deren Mitte Histadrut [Gewerkschaft] und Kibbutz standen. Realpolitisch gipfelte diese Feindschaft in einer Allianz mit Ägypten und Syrien, die Moskau 1967 mit fabrizierten geheimdienstlichen Informationen zu Kriegsvorbereitungen gegen Israel aufhetzte. Nach der militärischen Niederlage der arabischen Allianz innerhalb von sechs Tagen brach die Sowjet-Union die diplomatischen Beziehungen mit Israel ab und nahm aktiv an kinetischen Kampfhandlungen gegen Israel während des folgenden Abnutzungskriegs teil. Die Verbreitung klassisch antisemitischer sowie aktualisierter antizionistischer Propaganda in der globalen Linken war Teil des politischen Programms der Sowjets. Ihr ideologisches Zentrum war die Moskauer Patrice-Lumumba-Universität, die Alma Mater des PLO-Vorsitzenden Abu Māzen.
Neben der antisemitischen sowjetischen Ideologie ist, in entsprechend geprägten Gesellschaften, auch ein christlicher Antijudaismus für den Blick auf Israel entscheidend. Hier wird die alte antijüdische Erzählung, dass Jüdïnnen für Leid und Tod verantwortlich seien, aktualisiert, wobei „der Messias“ als Opfer durch „die palästinensische Bevölkerung“ ersetzt wird. Durch die Überidentifikation mit dieser, wird aus dem universellen Übel des Gottesmords das persönliche Übel „der Anderen die sind wie ich“. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn, in guter christlicher Tradition, Aktivistïnnen zum Martertod das Heilsversprechen „Palestine will set us free“ assoziieren. So geschehen etwa im vergangenen Februar bei der nach diversen Störaktionen abgebrochenen Hannah-Arendt-Leseperformance der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera in der Berliner Kunstinstitution Hamburger Bahnhof. Nebenbei bemerkt, die selbe Künstlerin, die 2018 in Madrid inmitten von Staub und Zigarettenstummeln eine Replik der KZ-Tor-Aufschrift Arbeit macht frei unter dem degoutanten Titel Surplus Value [Mehrwert] präsentierte.
Diese hartnäckigen Imaginationen von Macht und Strafe, wider die Realität, haben offensichtlich eine starke libidinöse Komponente. Mit Gilles Deleuze und Félix Guattari ließe sich argumentieren, dass queere Menschen, die in ihren weiterhin nicht durch den Anti-Œdipus befreiten, repressiven Gesellschaften marginalisiert, ausgegrenzt und verfolgt werden, eine Affinität für die Entwicklung solcher Phantasien haben. Die Psychologin Birgit Rommelspacher, bekannt unter anderem für ihre Beiträge zur Rassismus- und zur Antisemitismus-Forschung, zeigt auf, dass Rassismus von Es-Projektionen (Triebhaftigkeit, Animalität, Ursprünglichkeit), Antisemitismus aber von Über-Ich-Projektionen (Macht, Einfluss, Reichtum) bestimmt werden. Wenn queere Menschen in die Falle letzterer tappen, dann vielleicht aus dem gut nachvollziehbaren Wunsch nach Macht und Einfluss, um eine Gesellschaft, die sie nicht nur ausgrenzt, sondern selbst mit massiven Es-Projektionen sexueller Perversion belegt, zu reformieren.
Die Sehnsucht, Macht an sich zu reißen, ist immer auch die Sehnsucht nach einer repressiven Ordnung. Zur Apologetik des Hamas-Regimes, letztlich ein Ausdruck lustvoller Unterwerfung, ist es da freilich noch ein großer Schritt. Möglich macht diesen der pathische Charakter dieser Projektionen. Die pathische Projektion, nach Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die Projektion, die ihre eigene Reflexion ausschließt, hat durch die Abwesenheit dieses Korrektivs das Potential, sich wahnhaft ins Unendliche zu steigern. Es ist dieser Mechanismus, der zu dem immensen Furor führt, mit dem sich die Aktivistïnnen einsetzen.
Nicht ohne Ironie ist die Tatsache, dass die eigentliche Abjektifikation jene vollziehen, die ihre nicht selten sehr privilegierten und sehr weißen, im Falle der USA meist auch kolonialisierenden, queeren Körper wahlweise mit der Hamas und/oder der unter ihr leidenden palästinensischen Bevölkerung in eins setzen, eine gegen die jüdische Bevölkerung Israels gerichtete ist. Um ein Leben kann nur getrauert werden, schreibt Butler in Frames of War, wenn es als Leben (an)erkannt wird. Umso verstörender ist es, wenn Butler die Abjektifikation mancher Körper kritisiert, um sie mit geradezu sonderbar unreflektierter Gewalt gegen die der Israelïnnen, die am und nach dem 7. Oktober in brutalster Weise misshandelt, vergewaltigt, entführt und ermordet wurden, zu wenden. Der krasseste Ausdruck davon ist Butlers Zweifel an der Faktizität der Verbrechen des 7. Oktober. Die Negierung des geschehenen Verbrechens an Jüdïnnen ist die Wiederaufführung der Ur-Bewegung des schuldabwehrenden Antisemitismus und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Butler mit diesen Zweifeln zu Shoa-Leugnerïnnen gesellt.
Da in diesen Denkmustern Palästinenserïnnen und Israelïnnen notwendigerweise gegeneinander ausgespielt werden, führt diese Übung ohne Erkenntnisgewinn auch dazu, dass die Denkmöglichkeit queerer Jüdïnnen verunmöglicht wird. Folglich, argumentiert die Jüdïn Butler in Parting Ways auch, dass Jüdïnnen eine palästinensische Identität in sich aufnehmen müssten um gemeinsam mit Palästinenserïnnen in einem einzigen post-zionistischen Staat zu leben. Umgekehrt gilt das im Übrigen nicht: Palästinenserïnnen müssen sich keine jüdische Identität, sondern eine diasporische, zu eigen machen. Dieses Missverhältnis legitimiert Butler durch das Erheben der eigenen diasporischen jüdischen Identität sowohl zur moralisch richtigen, als auch zum eigentlichen Kern jüdischer Identität überhaupt. Kurzum: in einer moralisch verbesserten Welt sind Palästinenserïnnen weiter Palästinenserïnnen, aber Jüdïnnen nicht länger Jüdïnnen. Genau dieser Gedanke liegt auch Butlers Postulat, das Pogrom des 7. Oktober sei nicht antisemitisch gewesen, zugrunde, schließlich ist eine Tat kaum antisemitisch zu nennen, wenn ihre Opfer keine Jüdïnnen waren.
Diese Haltung zur Negativität geht bei Butler über Judentum und Zionismus hinaus. Während Butler ähnliche Gedanken an anderer Stelle dekonstruiert, verfällt Butlers eigenes Denken gelegentlich in Muster von Sein und Auslöschung. Das Gegenteil von Pazifismus ist für Butler etwa nicht die Überzeugung, dass manche Formen von Gewalt nicht ohne Gewalt überkommen werden können, sondern eine Welt ohne Pazifistïnnen. Jüdische Werte können für Butler nur dann jüdische Werte bleiben, „wenn sie nicht ausschließlich jüdische Werte sind“.
Diese Art zu denken imaginiert allenthalben existenzielle Bedrohungen, was zwangsläufig die tatsächlichen existenziellen Bedrohungen verschleiert. Heike C. Schotten, neben Butler eine weitere Denkerïn, deren Texte sich häufig auf Queers-for-Palestine-Leselisten finden, verortet diese Haltung, die sie „extinction phobia“ nennt, allerdings unter Zionistïnnen. Nebenbei sei hier angemerkt, dass Schotten angibt, den Begriff von Lynne Stahl zu übernehmen, allerdings findet sich der Ausdruck im zitierten Artikel, der sich mit der Bigotterie von trans-feindlichen Feministinnen auseinandersetzt, nicht. Im selben Artikel, in dem Schotten also den Begriff „extinction phobia“ prägt, setzt sie diesem Begriff mit fiebrigen Wahnvorstellungen der Auslöschung von cis Frauen und insbesondere Lesben durch trans Frauen in eins mit den Ängsten von Zionistïnnen, ausgelöst durch die sehr realen militärischen Angriffe gegen Israel durch Ägypten, (Trans-)Jordanien, Syrien, den Libanon, den Irak, Saudi Arabien, den Yemen, Algerien, Lybien, Kuwait, Tunesien, Marokko, die Sowjet-Union, Kuba, Nord Korea, Pakistan und den Iran, neben denen von nicht-staatlichen Streitkräften, darunter jenen der Amal, der Hizb-Allah und der Hamas.
Queer-Theory, in seiner zeitgenössischen identitätspolitischen Ausprägung, ist ein Denken, dem eine Teilung in eine In- und eine Out-Group inhärent ist. Gerechtfertigt wird das mit der Identifikation der Out-Group mit einer repressiven Norm und der Erklärung der eigenen In-Group zu dessen progressivem Gegenspieler. Queer-Theory wird damit zu einem Paradebeispiel Nietzscheanischer „Sklavenmoral“, also einer Invertierung der Begriffe, um sich selbst als gut, das Gegenüber aber als böse zu deklarieren. Zugleich nimmt sie aber in der Hegelianischen Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft die Herren-Position ein, definiert sie sich doch allein in Abgrenzung zu ihrem Gegenüber. So lässt sich verstehen, warum in der Übertragung der Queer-Theory und der Identifikation von Queerness mit Palästina und repressiver Norm mit Israel, Butler spiegelbildlich die eigene Position zur moralisch überlegenen erhebt und die Abschaffung der israelischen Identität fordern kann, ohne gleiches für die palästinensische zu tun. Die Möglichkeit, diesen Widerspruch zu überwinden, liegt darin, das Gegenüber im Sinne Emmanuel Levinas’ als Antlitz, und also weder als Spiegel, noch als Teil einer Gruppe, zu sehen und dem Anderen keine Gewalt durch seine Degradierung zum Vehikel zur Selbsterkenntnis anzutun.
Ursprünglich erschienen in: Zwischenwelt, Jahrgang 41, Nr. 3. Themenheft zum 7. Oktober 2023.


